„Ein einziges großes Freiheitsfest“

In meinem Blog aus Istanbul habe ich schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Menschen in dieser gewaltigen Metropole derzeit noch mehr als sonst in völlig verschiedenen, voneinander getrennten Welten leben. Gestern morgen (Freitag) war ich kurz in Kasımpaşa, dem ehemaligen Hafenviertel am Goldenen Horn, in dem jener Recep Tayyip Erdoğan aufwuchs, den die aufgeklärten, modernen Kids heute „Diktator“ nennen, auf Postern als Adolf Hitler darstellen und an tausenden Häuserwänden „son of a b…“ nennen. Das türkische Fernsehen zensiert immer noch – jetzt werden bei Aufnahmen vom Taksim-Platz und aus dem Gezi-Park solche Majestätsbeleidigungen schlicht verpixelt.

Deshalb wissen die Leute in Kasımpaşa vieles gar nicht, was nur ein paar Kilometer weiter in der Stadtmitte geschieht. Sie leben in einer Parallelwelt, in der es keine Proteste, keine mit Graffiti bedeckten Hauswände und keine „Çapulcular“ gibt – keine Marodeure oder Lumpen, wie Erdogan die protestierende, westlich gestimmte Jugend nannte. „Çapulcular“ ist inzwischen zur stolzen Eigenbezeichnung der Protestler geworden. „Wir sind alle Çapulcular“, steht auf selbst gemalten Plakaten, es gibt im Gezi-Park „Çapulcular-Bars“, eine „Çapulcular-Wandzeitung“ und anderes mehr.

Aber im konservativen Kasımpaşa ist es so ruhig wie immer. „Was wollen die Demonstranten denn bloß?“, fragte mich ein älterer Herr mit Schnurrbart, „uns geht es doch gut mit Tayyip“. Ein anderer sagte: „Bevor Tayyip kam, herrschte das Chaos. Inflation, Demonstrationen, Terroristen. Unser Geld war nichts mehr wert, wir hatten keine Autos, keine neuen Fernseher und nicht so schöne Straßen. Diese Krawallmacher sollen bloß still sein, und das sind sowieso nur ein paar hundert.“ Er nahm ein Stück Papier, malte darauf die Zahl „75 %“ und sagte: „75 Prozent der Türken sind für Tayyip.“ Die Leute sehen im Fernsehen Bilder von Barrikaden, zerstörten Autos und Geschäften und Straßenschlachten, und das gefällt ihnen nicht. Unordnung geht den meisten Türken gegen den Strich.

Das große Freiheitsfest

Es wäre daher eine Illusion zu glauben, dass der Aufruhr die politischen Kräfteverhältnisse entscheidend verändert hat. Auch die meisten politischen Analysten sind der Auffassung, dass Erdoğan eine Parlamentswahl derzeit sicher gewinnen würde. Aber was jeder spürt, der sich zum Taksim begibt und dort mit den Kids redet, das ist die politische Bewusstwerdung einer ganzen Generation. Mich erinnert es an die Siebzigerjahre im Westen Deutschlands, als wir gegen Atomkraftwerke, die Zerstörung der Umwelt und unserer Städte zu Felde zogen. Das war auch für viele völlig unpolitische junge Leute der Anstoß, ihre Denkweise und ihr Leben grundlegend zu ändern.

Aus diesen sozialen Bewegungen entstand so vieles, was ich hier gar nicht weiter aufzuzählen brauche: die Grünen, die vielen Graswurzelbewegungen und Gruppen der Zivilgesellschaft, die zumindest den Westen unseres Landes so tiefgreifend verändert haben, dass heute selbst die konservative CDU nicht anders kann, als eine damalige Forderung nach der anderen wie selbstverständlich zu erfüllen. Der Atomausstieg ist besiegelt, die Energiewende eingeleitet, die Homo-Ehe abgesegnet.

Einen ähnlichen Anfang kann man derzeit in Istanbul, Ankara, Izmir, Gaziantep, Diyarbakır und wahrscheinlich inzwischen in allen 81 türkischen Provinzen beobachten. Gestern (Freitag) war ich von 22 Uhr bis 2 Uhr nachts auf dem Taksim-Platz, im Gezi-Park und in der Istiklal Caddesi unterwegs. Ich beobachtete ein einziges großes Freiheitsfest. Ähnliches durfte ich 2011 in Kairo auf dem Tahir-Platz, 2005 in Kiew auf dem Meidan, 1989 in Berlin, Prag und Budapest miterleben. Man möchte jeden einzelnen dort umarmen und sie oder ihn beglückwünschen, sich getraut zu haben mitzumachen.

Es ist wie immer in solchen Tagen. Die gelebte Utopie wird wieder vergehen, aber es ist die schönste Zeit der menschlichen Existenz, und jeder wird sie in seinem Herzen bewahren. Vielleicht entsteht daraus einmal eine politische Agenda, eine politische Bewegung und eine politische Partei. Denn die existierenden Oppositionsparteien der Türkei verdienen – mit Ausnahme der kurdischen BDP – diesen Namen nicht.

Gestern waren im Lauf des Abends möglicherweise eine Million Menschen im Zentrum Istanbuls unterwegs, jedenfalls eine unabsehbare Zahl von glücklich Feiernden, die sangen und tanzten und staunend sagten: „Wir sind so viele! Das hätten wir nie gedacht!“ Natürlich sind sie auch deshalb so viele, weil Istanbul so groß ist. Aber es wäre falsch, den vom Taksim-Platz in die Gesellschaft ausgehenden Impuls zu unterschätzen.

Unter den Protestlern sind einige wenige Frauen, die das Kopftuch tragen. Aber für sie wie für die anderen jungen Leute stellt sich die Frage gar nicht, wohin sie lebensweltlich gehören – natürlich zu Europa. Sie sind weit überwiegend weder Linksradikale noch Kemalisten – sie sind einfach: Çapulcular. Das ist wichtig: Die Leute feiern nicht nur, um zu feiern. Sie wissen genau, warum sie das tun und worum es geht: um ihre Zukunft, um ihr Land, um ihre Natur und ihre Städte. Man sieht Anti-AKW-Fahnen, die Regenbogenfarben der Schwulen und Lesben, die Feministinnen. Wenn die tausendfachen Sprechchöre „Tayyip verschwinde“ und „Wir werden den Sultan bezwingen“ aufbranden, dann erzeugt das eine Gänsehaut wie damals in Leipzig die Rufe: „Wir sind das Volk!“.

Unter dem Pflaster ist der Strand

In der bundesrepublikanischen Linken hieß es einst: „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ – das kann man in Istanbul jetzt sehen. Im Stadtzentrum sind die Pflastersteine flächendeckend entfernt und zum Barrikadenbau verwendet worden. Und die Menschenmassen schieben sich über den Strand. Und hinter ihnen kommen die Kids mit den blauen Plastiktüten und räumen jeden Müll sofort wieder weg.

Auch wenn die Demonstranten sich vielleicht geschlagen geben müssen, wird die Saat dieser Freiheitstage aufgehen, daran zweifele ich nicht. Der Taksim-Gezi-Protest wird die Türkei in einem Maß verändern, das man sich heute noch gar nicht vorstellen kann. Er wird auch seine Sorgwirkung auf die Jugend in den ländlichen und weiter entfernten Provinzen ausüben. Ein älterer Herr, Veteran der türkischen linken Massenproteste der Siebzigerjahre, sagte gestern zu mir: „Das ist die größte Massenbewegung der türkischen Geschichte. Und sie ist friedlich.“ Ganz sicher ist es die eigentliche Geburtsstunde der türkischen Zivilgesellschaft. Die Stunde Null. Die Initialzündung.

Die Protestler wissen, dass sie ihre freie Republik Taksim nicht ewig werden halten können. Gestern kursierten auf dem Taksim-Platz Gerüchte, wonach die Polizei das Fest am Montagmorgen gewaltsam beenden will. Es werden schon Gegenmaßnahmen diskutiert.

Hoffentlich lässt es Erdoğan nicht zum großen Showdown kommen. Zum Glück sind aus Ankara jetzt zunehmend mäßigende Töne zu hören. Besonders erfreulich: Weder Erdoğan noch sonst ein verantwortlicher Politiker bezeichnet die unruhige Jugend mit dem bösen Wort „Terroristen“. Um der Bevölkerung in Kasımpaşa und anderswo zu erklären, was am Istanbuler Taksim- und Ankaraner Kızılay-Platz vor sich geht, haben sich die maßgeblichen Politiker offenbar darauf geeinigt, die Proteste nicht mit dem arabischen Frühling, sondern mit der „Occupy Wall-Street“-Bewegung zu vergleichen. Das ist beruhigend und könnte darauf hinweisen, dass die regierende Elite versucht, eine friedliche Lösung zu erreichen. Die Çapulcular werden sich aber nicht einfach mit dem Versprechen von Straffreiheit abspeisen lassen. Wie eine Einigung aussehen könnte, weiß daher wahrscheinlich derzeit noch niemand.

9 Gedanken zu „„Ein einziges großes Freiheitsfest“

  1. Solidaritaet mit der Protestbewgung gegen eine islamisierte und erzkonservative Regierung. “ Die Saat braucht Nahrung und Reife „.

  2. Vergleichbar mit Occupy Wall-Street, gottseidank! Na, lieber Kasimir, für diese Protestler gab es auch in Frankfurt noch vor ein paar Tagen Schlagstock und Tränengas satt. Interessant, wie die Medien die Proteste in Instanbul und in Frankfurt darstellen.
    Ich zitiere sinngemäß

    ZDF heute: „Tausende Istanbuler Bürger gehen auf die Straße, um gegen die Politik des Ministerpräsidenten Erdogan zu protestieren. Sie werden von der Polizei mit massiver Gewalt und Tränengas vom Taximplatz vertrieben.“

    ZDF gestern: „Eine kleine Gruppe der Occupy-Demonstanten in Frankfurt baute Barrikaden und bewarfen die Sicherheitskräfte mit Steinen. Deshalb musste die Polizei die Demonstration auflösen. Es gab mehrere Verletzte und einige Festnahmen auf seiten der Demonstranten.“

    Mit dem „Zweiten“ sieht man anders, aber nicht besser, stimmt’s?

  3. Meldungen aus istanbul und anderswo

    Das deutsche Konsulat und die Deutsche Schule nahe Taksim bieten Zuflucht.
    Polizei attackiert Verletzte im Lobby der Hotels Hilton und Divan mit Tränengas und verschießt Plastikmunition auf Verletzte.
    Die Leitung des krankenhauses Okmeydani verbietet ihren Mitarbeitern, Verletzten zu helfen.
    Polizisten stellen sich verletzt und führen dann Hilfsbereite ab, die hinzueilen.
    Wasserwerfer schießen neuerdings mit ätzendem Wasser. Die Kleidungsstücke werden von Demonstranten in Labors geschickt.
    Wer das neu eingesetzte Gas eingeatmet hat, darf eine halbe Stunde lang kein Wasser trinken, anderenfalls kommt es zu Blutungen im Hals. Empfohlen werden Milch und alkalisch versetztes Wasser.
    Angehörige der Fangemeinde CARSI stoppten zwei Wasserwerfer und ließen den Tankinhalt auslaufen.
    Die Gewerkschaftsbunde DISK und KESK rufen den Generalstreik aus.
    Der Gesundheitsminister leitet Ermittlungen gegen Ärzte und anderes Gesundheitspersonal ein, die Demonstranten Hilfe leisten.
    Zwei Rettungswagen mit Blaulicht wurden von Demonstranten gestoppt, die den Wageninhalt prüfen wollten. Die Fahrer lehnten es ab, machten kehrt und fuhren davon.
    Eine schwangere Frau verlor nach einer Gasattacke ihr Baby.
    Aus mehreren Stadteilen Istanbuls setzten sich Zehntausende in Bewegung, um sich am Widerstand zu beteiligen.

    Die ultranationalistische Partei beteiligt sich nicht am Widerstand; wohl aber mehrere Anhänger.

    Eine Gebetsecke auf dem Taksim-Platz, die gläubige Demonstranten eingerichtet hatten, wurde durch Wasserwerfer zerstört.

    Aus mehreren Provinzen werden Austritte aus der AKP gemeldet, darunter auch Delegierte und Ortsvorstände.

    Das Bauprojekt im Gezi-Park ist kein beliebiges Vorhaben, und es geht nicht nur um Bäume. Dort stand früher eine Kaserne der Artillerie. Am 31. März 1909 nahm der reaktionäre Aufstand dort ihren Anfang. Mit Losungen wie „Wir wollen die Scharia“ stürzten die Aufständischen die Regierung (damals war das Land eine konstitutionelle Monarchie) und töteten mehrere Politiker und Journalisten. Die Regierung floh nach Thessaloniki (damals im Osmanischen Reich), kehrte mit der 3. Armee zurück und schlug den Aufstand nieder.

    Nach der Republikgründung wurde die Kaserne abgerissen und das Areal in ein Park verwandelt.

    Was die Erdogan-Regierung vorhat, ist der Wiederaufbau genau dieser Kaserne. Das Gebäude soll als Museum dienen. Aber es steht ohne Zweifel, dass es ein Denkmal für antirepublikanische Tendenzen sein wird. Das Einkaufszentrum „drumherum“ ist Beiwerk.
    Die Kommunalverwaltung von Istanbul ist Eigentümerin des Areals. Aber sie ist nicht befugt, darauf nichtöffentliche Gebäude zu errichten. Gegen das Bauvorhaben liegt eine gerichtliche einstweilige Verfügung vor. So gesehen, sind es die Demonstranten, die das recht schützen und die Regierung am Rechtsbruch hindern. In diesem Licht ist das „Versprechen“ von Erdogan zu sehen, das endgültige Gerichtsurteil abzuwarten und zu akzeptieren. (Womit nicht gesagt ist, das er das Versprechen einhalten wird.)

    • Weitere Meldungen

      Auf Fotos sieht man Zivilpersonen, die mit Steinen und Molotow-Cocktails werfen. Die Personen tragen Gasmasken mit nach links abgewinkeltem Atemschutz.

      Ein Blogger teilt mit, dass diese Art von Gasmasken nicht am Markt erwroben werden, sondern nur Spezialteams der Polizei zur Verfügung stehen. Nicht einmal „normale“ Poliisten erhalten diese Art von Gasmasken.

      Auf den Polizeihelmen ist eine Dienstnummer aufgedruckt. Vor einer Attacke werden jedoch dies Nummern oft überklebt.

      Der Polizist, der den tödlichen Schuss auf einen Demonstranten abgegeben hat, wurde anhand seines fotografierten Helms (mit Nummer) identifiziert. Er wurde in eine andere Region versetzt. Er soll seinen Vorgesetzten gedroht haben, sie mitsamt der illegalen Anweisungen auffliegen zu lassen, wenn sie ihn nicht decken.

      Mein Kommentar: Der Mann lebt gefährlich. (…) (Rest habe ich gestrichen, weil indirekte Aufforderung zu Gewalt. FN)

  4. Istanbul: Das Deutsche Krankenhaus wurde mit Wasserwerfern angegriffen.

  5. Erklärung von Ahmet Tezcan, ehemaliger Pressereferent von Erdoğan:
    „Meine Botschaft an meinen Sohn und meine Tochter im Gezi-Park:
    Bewahre die Ruhe. Werfe keinen Stein, verletze niemanden. Wenn nötig, lass dich verletzen, oder töten – aber verletze oder töte niemanden.
    Sie sind 22 und 28 Jahre alt. Ich bin ihr Vater, aber nicht ihr Eigentümer. Sie gehören einzig und allein Allah. Ich lege sie in Allahs Hand.“
    So sieht es bei manchen der vielzitierten 50 % aus.

  6. Videoaufnahmen zeigen Zivilpersonen, die unter Polizeischutz mit Zwillen Demonstranten beschießen.

    Nach der heutigen Räumung des Taksim-Platzes erklärt die Polizei, in den Zelten Zwillen und mit Steinen sichergestellt zu haben.

  7. Silberlinge

    Die Regierungspartei AKP hat jedem Teilnehmer der heutigen Pro-Erdogan-Demonstration im Istanbuler Stadteil Kazlicesme 30 (!!) türkische Lira versprochen. (Ankündigung auf der offiziellen Seite der AKP).

    Der Transport für die AKP-Anhänger ist kostenlos. Zu diesem Zweck hat die Regierungspartei Hunderte von städtischen Bussen und anderen Fahrzeugen requiriert. Ebenfalls kostenfrei.

    Ärzte, die verletzten Oppositionellen Hilfe leiste(te), wurden festgenommen; ihr Anwalt mit Schlägen und Tritten davongejagt.

Kommentare sind geschlossen.