Die polizeiliche Räumung des Taksim-Platzes

Liebe Blogleser/innen, Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, dass es für einen Journalisten in Istanbul derzeit mehr als normal zu tun gibt. Gerade komme ich vom Taksim-Platz, es ist die Nacht zum Donnerstag, 1:20 Uhr, und auf dem Platz verharren noch etwa 2000 Aktivisten, im angrenzenden Gezi-Park sind es noch deutlich mehr, dazu rund 500 Polizisten. Es war eine bezaubernde Nacht, denn ein Klavierspieler aus Deutschland mit sizilianischen Wurzeln namens Davide Martello hat für zwei Stunden mit seinem elektronischen Piano dafür gesorgt, dass alle sich entspannten, die Demonstranten und die Polizei. Er schaffte es, mit seinem Freiluftkonzert den meisten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, mit ein bisschen Keith Jarett, ein bisschen Elton John und dem linken Klassiker „Bella Ciao“, der so etwas wie die Hymne dieser Taksim-Bewegung geworden ist.

Heute wurde kein Tränengas verschossen, es war ein wolkiger Tag, gleichwohl sommerlich warm, und manchmal fielen ein paar Tropfen Regen. Tayyip Erdoğan hat sich mit einer Gruppe von Künstlern und Honoratioren getroffen, man weiß nicht recht warum, denn an dem Meeting in Ankara, dass die regierungsnahen Blätter ihren Lesern als Meinungsaustausch mit den „guten“ Umweltschützern vom Gezi-Park verkauften, nahm überhaupt nur eine Frau aus der Taksim-Solidaritätsgruppe teil, die das ausdrücklich als „privat“ bezeichnete.

Offiziell ist die Gruppe, die die Parkschützer vertritt, jedenfalls nicht eingeladen worden. „Durchsichtige Tricks“, nannte dies ein Mitglied der Solidaritätsgruppe, as ich zufällig bei einem Spaziergang über den Taksim-Platz traf. „Erdoğan erweckt den Eindruck, dass er sich väterlich kümmert, aber in Wahrheit tut er nichts.“ Genauer: In Wahrheit wurde heute der einzige türkische Fernsehsender, der sich darum bemüht, journalistisch und nicht manipulativ zu arbeiten, von der berüchtigten Rundfunkaufsicht RTÜK mit einer Strafe belegt, weil er die Jugend moralisch verderbe: Halk TV („Volks-TV“), ein bislang unbeachteter, der Oppositionspartei CHP nahestehender Sender, der zurzeit wahrscheinlich gewaltige Einschaltquoten verzeichnet.

Hier einige Bilder vom Taksim-Platz vom Dienstag, den 11. Juni 2013, polizeiliche Räumung gegen acht Uhr morgens

Nun ja, die türkischen Mainstream-Medien wirken in diesen Tagen regelrecht gleichgeschaltet, das war man von Mubarak und Gaddafi gewöhnt, aber ich hätte eine so krasse Manipulation durch Regierungspropaganda in der Türkei nicht erwartet. Die Sprachregelung lautet: Bei den Demonstranten handele es sich um einige ehrliche Baumschützer, deren Protest aber von „marginalen Gruppen“ und Provokateuren vereinnahmt worden sei. Es seien nicht mehr als ein paar tausend Aktivisten, sie seien Randalierer und Leute, die in Moscheen Bier trinken und die Schuhe nicht ausziehen. Außerdem seien die Proteste von ausländischen Medien maßlos übertrieben dargestellt worden, um der Türkei zu schaden usw. usf. – Verschwörungstheorien, die dem Publikum immer und immer wieder eingehämmert werden.

Leider haben sie in der Türkei den Effekt, dass sie bei jener Hälfte der Bevölkerung, die Erdogan gewählt hat, die in Anatolien lebt und die nur Fernsehen guckt, aber nicht bei Twitter und Facebook mitmacht, wie eine Gehirnwäsche wirken. Einige von Ihnen wissen wahrscheinlich, dass ich mich mit Sekten auskenne. Derzeit begegnet mir in der Türkei ein Phänomen, das ich nur zu gut von solchen Kultgruppen kenne: Die AKP-Anhänger argumentieren mit exakt identischen Worten, wenn sie über die Taksim-Demonstranten reden. Sie wissen schon: marginale Gruppen … Provokateure … Zinslobby. Die Regierungspropaganda wirkt.

Das ist eine Besorgnis erregende Entwicklung, denn sie führt dazu, dass jene andere Hälfte der türkischen Bevölkerung, die Erdoğan nicht gewählt hat, den Mainstream-Medien keinen Glauben mehr schenkt und wahrscheinlich auf lange Zeit nicht mehr schenken wird. Die verrückte Politik der AKP vertieft die Spaltung der Bevölkerung jeden Tag ein Stück mehr. Gar nicht so wenige Liberale hätten wohl darauf gewettet, dass Staatspräsident Abdullah Gül das absurde Anti-Alkohol-Gesetz nicht unterschreiben würde. Aber natürlich hat er es getan. Für die Gezi-Park-Demonstranten nur ein weiteres Zeichen, dass sie auf eventuelle Spaltungstendenzen in der AKP nicht zu hoffen brauchen. Zwei Artikel, die ich gestern und heute über die Protestbewegung geschrieben habe, möchte ich Ihnen im Folgenden anbieten, allerdings in ausführlicherer Form, als sie in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau erschienen sind.

Taksim-Platz, Dienstag, den 11. Juni 2013, gegen 8.30 Uhr morgens: Demonstranten stellen sich friedlich der Polizei entgegen – diese antwortet mit Tränengas; Demonstranten werfen das Gas zurück

Artikel vom 11. Juni 2013:

Tränengas statt Dialog
Die türkische Polizei geht mit aller Härte gegen die Protestbewegung auf dem Taksim-Platz vor

So sieht also das Gesprächsangebot des Ministerpräsidenten aus“, sagt Melek, eine junge Frau, kurz vor acht Uhr am Dienstagmorgen auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Tränengas nimmt ihr den Atem, fassungslos beobachtet sie einen Wasserwerfer, der einzelne Demonstranten vor sich her jagt. „Was soll das? Will Erdoğan uns umbringen? Was ist das für ein Staat, der seine Jugend mit Tränengas und Wasserwerfern angreift?“

Die Studentin der Musikwissenschaft hat mit 2000 bis 3000 anderen Leuten im angrenzenden Gezi-Park gezeltet. „Wir wollen doch nur unser Leben selbstbestimmt leben“, sagt Melek. Noch in der Nacht zu Dienstag hatte sie mit ihren Freunden diskutiert, ob der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan vielleicht doch eine friedliche Lösung des Konflikts wolle. Denn dessen Vize Bülent Arınç hatte ein Gespräch mit der Taksim-Solidaritätsgruppe für Mittwoch angekündigt. Stattdessen kam gegen sieben Uhr die Aufstandspolizei. „Ohne Vorwarnung fingen sie an, Tränengas zu schießen“, sagt Melek.

Die seit zwölf Tagen andauernden Proteste hatten sich an der Räumung eines Protestlagers im Gezi-Park entzündet. Bei den folgenden Demonstrationen im ganzen Land gab es Zusammenstöße mit der Polizei, bei denen drei Menschen getötet und etwa 5000 verletzt wurden. Inzwischen richten sich die Proteste vor allem gegen die als autoritär kritisierte Politik Erdoğans und seiner islamisch-konservativen Partei AKP. Diese will am kommenden Wochenende zwei Kundgebungen von Anhängern in Ankara und Istanbul organisieren.

„Liebe Gezi-Freunde! Wir wollen Sie nicht verletzen. Wir sind nur hier, um die Transparente und Hindernisse vom Taksim-Platz zu entfernen“, hallt eine Lautsprecheransage der Polizei über die Fläche. Im Süden, Osten und Westen des Taksim formieren sich Gruppen martialisch aussehender Bereitschaftspolizisten. Vom Gezi-Park und den Barrikaden im Norden des Platzes antworten die Protestler: „Gezi ist unser! Istanbul ist unser!“ Zwischen den verfeindeten Lagern liegen gut hundert bis zweihundert Meter. Vereinzelt fliegen Steine, später auch Brandsätze. Die Polizei reagiert massiv, lässt den Platz teilweise räumen. Währenddessen räumen Müllmänner mit Baggern, Hochdruckreinigern und Besen Bauschutt und Barrikaden von den Straßen.

Taksim-Platz, Dienstag, den 11. Juni 2013, gegen 9.00 Uhr morgens: Polizist zeigt eine Stahlkugel, mit der die Beamten beschossen worden seien

Die Lage ist extrem unübersichtlich. Gruppen von Demonstranten stellen sich zwischen Polizei und Straßenkämpfer, es kommt zu einer Rangelei, als sie einen glattrasierten Mann Mitte 30 daran zu hindern versuchen, einen Stein zu werfen. „Keine Gewalt!“ rufen sie, wie weiland bei der friedlichen DDR-Revolution. „Ein Polizeiprovokateur!“, vermutet einer der Pazifisten. Tatsächlich kursieren im Internet zahlreiche Bilder von seltsam „unjugendlich“ aussehenden „Demonstranten“, die gezielt Steine oder Molotow-Cocktails auf die Polizisten werfen. Dann fliegt eine Brandflasche, und die Polizei hüllt den Platz in Tränengas, rückt vor, zieht sich wieder zurück.

Taksim-Platz, Dienstag, den 11. Juni 2013, gegen 11.00 Uhr


Erschöpfte Polizisten in einer Seitenstraße des Taksim-Platzes und am Atatürk-Denkmal (unten)


Atemschutzmasken-Verkäufer. Er kauft die Masken für zwei Lira, verkauft sie für fünf Lira. Ein gutes Geschäft.

Prompt behängen Aktivisten das Atatürk-Denkmal wieder mit ihren roten, gelben und schwarz-roten Fahnen. „Wir leisten Widerstand“, hallt es über den Platz. Bis zum frühen Nachmittag räumen die Beamten das Areal nie völlig, sondern lassen Demonstranten passieren und die vielen Journalisten ihre Arbeit tun – noch ist die Weltpresse in Istanbul. Eine klare Strategie ist nicht erkennbar. Weil die Demonstranten über Twitter und Facebook Alarm schlagen, setzt schon bald ein nicht mehr abreißender Zustrom weiterer Aktivisten ein.

Taksim-Platz, Dienstag, den 11. Juni 2013, Kampfpause gegen Mittag


Dieser Mann kommt mit seiner Tochter (links, mit Fenerbahce-Trikot) aus einem Ort vier Autostunden von Istanbul entfernt, er wollte sich die Proteste ansehen. Nun ist er direkt in die Räumung hineingeraten. „Meine Tochter wollte unbedingt mitkommen, ich konnte nicht ‚Nein‘ sagen“, sagt er.


Der Taksim-Platz hat sich wieder mit „marginalen Gruppen“ gefüllt. Zusammengenommen sind es ziemlich viele.


Ein Pärchen im Gezi-Park vor einem Porträt Erdoğans als Baggerführer.

Gegen zehn Uhr vormittags tritt der Istanbuler Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu vor die Fernsehkameras und erklärt, dass sich der Polizeieinsatz nicht gegen die Besetzer des Gezi-Parks richte. Wie ein Mantra wiederholt er aber, bei den Demonstranten auf dem Taksim-Platz handele es sich um „marginale Gruppen“ und „Provokateure“.

„Provokateure und Terroristen“

Dieselben Worte benutzt auch Ministerpräsident Erdoğan, als er die Demonstranten wenig später auffordert, „nach Hause zu gehen“. Doch er sagt auch, dass die Unruhen „von der internationalen Zinslobby und Mediengruppen angezettelt und geschürt“ würden, benutzt also ein Codewort für „Juden“, das seine Anhänger genau verstehen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Populist auf Kritik an seinem Regierungsstil mit antisemitischen Stereotypen antwortet. „Wir werden nicht nur die Proteste beenden. Wir werden Provokateure und Terroristen verfolgen. Niemand wird davonkommen“, sagt Erdoğan. Er kündigt an, dass das „Ende der Toleranz“ erreicht sei. „Die Sache ist zu Ende, ab jetzt gibt es kein Nachsehen mehr.“

Auch weit weg vom Taksim-Platz eskalieren die Spannungen. Im Istanbuler Justizpalast nimmt die Polizei rund 50 Anwälte fest, die eine Aktion zur Unterstützung der Protestbewegung starten wollten. Nebeneffekt: Es entstehen ganze Bilderserien aus dem Inneren des Palastes, in dem man normalerweise nicht fotografieren darf.

„Kann schon sein, dass jemand die Türkei zerstören will“, sagt der 45-jährige Sami Özan, ein kleiner Herr mit weißem Oberhemd, der als Koch in einem Restaurant am Taksim-Platz arbeitet und bei der letzten Wahl für Erdoğan gestimmt hat. „Aber wie der Premier das Problem löst, ist es auch nicht richtig.“ Özan glaubt, dass Erdoğan zeigen wolle, wie stark er sei, aber er gieße nur Öl ins Feuer. „Unser Restaurant ist wegen der Krawalle seit 12 Tagen geschlossen. Ich verdiene kein Geld, ich kann meine Familie nicht ernähren. Jetzt wird es nur noch schlimmer werden.“ Özan meint, Erdoğan solle den Gezi-Park aufgeben und wieder ordentliche Politik machen. Der Koch hat begonnen, am Premier zu zweifeln. „Ich werde ihn nicht noch einmal wählen“, sagt er.

Taksim-Platz, Dienstag, den 11. Juni 2013, gegen 13.00 Uhr; Tränengasattacke der Polizei ohne ersichtlichen Grund. Das Gas zieht auch hinüber in den Gezi-Park.

Allen Beteuerungen zum Trotz nimmt die Polizei am frühen Nachmittag den Gezi-Park von zwei Seiten in die Zange, schießt mit Tränen- und Pfeffergas, dringt in das Gelände vor – und geht wieder. Im Dunst des beißendes Gases steht die 30-jährige Kauffrau Nuran Dağ in dem kleinen provisorischen Lazarett, das die Protestler im Park eingerichtet haben. „Hier sollten wir eigentlich sicher sein“, sagt sie, „aber Sie sehen ja, dass die Regierung lügt und das Gas auch hierher schießt.“ Im Abstand von wenigen Minuten werden Aktivisten, meist Männer, aber auch junge Frauen, zum Lazarettplatz getragen, die von der Wirkung des Gases ohnmächtig wurden, unkontrolliert zucken oder sich übergeben müssen.

Gezi-Park, Dienstag, den 11. Juni 2013, gegen 13:30 Uhr

Die freiwillige Sanitäterin Nuran Dağ


Ein Tränengasopfer wird verarztet


Dieser Mann wurde von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen.


Abtransport eines Schwerverletzten zum Krankenhaus

Dann ein vielstimmiger Ruf „Doktor, Doktor“, als sechs Leute einen korpulenten Mann bringen, der aus einer klaffenden Kopfwunde blutet. „Sofort ins Krankenhaus“, entscheidet ein anwesender junger Arzt. Die freiwillige Arzthelferin Nuran Dağ sagt, sie habe sich nie vorstellen können, dass Erdogan einmal so gegen die eigene Jugend vorgehen würde. „Er will ein islamistisches Regime aus unserer Republik machen – dagegen wenden wir uns“ sagt sie.

Unter den Tausenden im Gezi-Park ist zu dieser Zeit auch Cem Hüzün, einer der Gründer der Gezi-Solidaritätsgruppe. „Die Regierung erzählt nur Lügen“, sagt er. „Bisher wurde niemand von uns zu einem Treffen mit Erdoğan eingeladen. Sie sagt, sie wolle den Gezi-Park nicht angreifen und stürmt ihn. Die Regierung hat offensichtlich gar nicht vor, sich zivilisiert zu benehmen und mit uns zu reden. Sie schickt uns lieber Tränengas.“

Taksim-Platz, Dienstag, den 11. Juni 2013, gegen 14.00 Uhr: Tränengaseinsatz der Polizei. Ich konnte nichts mehr sehen, bekam Atemnot und konnte mich zum Glück in ein Treppenhaus flüchten, wo etwa hundert weitere Menschen Zuflucht suchten.

Taksim-Platz, Dienstag, den 11. Juni 2013, gegen 19.00 Uhr


Marginale Gruppen


Radikale haben ein bereits früher demoliertes Auto mitten auf dem Platz angezündet.


Noch mehr Splittergruppen


Ultranationalisten …


Anarchisten …


Kommunisten …


… und die übrigen Randgruppen.

Am Abend strömen nach einem Aufruf der Protestbewegung erneut Zehntausende Menschen auf den Taksim-Platz und in die umliegenden Straßen. Die Polizei zieht sich zunächst an den Rand des Platzes zurück, dann aber setzt sie erneut Tränengas und Wasserwerfer ein und lässt den Platz räumen. Die Straßenschlachten gehen dann bis spät in die Nacht hinein weiter.

Taksim-Platz, Dienstag, den 11. Juni 2013, gegen 20.00 Uhr: Plötzlicher Tränengaseinsatz der Polizei gegen die riesige Menschenmenge auf dem Platz.


Ich hatte mich in ein Café am Eingang der istiklal-Straße geflüchtet, wo die Kellner wegen des durch die Fenster dringenden Gases schließlich mit Gasmasken bedienten.

Taksim-Platz, Dienstag, den 11. Juni 2013, 22.00 – 24.00 Uhr: Nächtliche gewalttätige Auseinandersetzungen. Inzwischen besitze ich eine professionelle ABC-Maske und kann auch im Gasnebel noch fotografieren.


„Tayyip tritt zurück!“


Wasserwerfereinsatz

Artikel vom 12. Juni 2013:

Durch die Türkei geht ein tiefer Riss
Angesichts der Proteste kündigt der türkische Ministerpräsident Erdoğan ein Referendum der Istanbuler über den Abriss des Gezi-Parks an. Doch längst hat sich im Land ein viel tieferer Graben aufgetan: Er verläuft zwischen dem konservativen, anatolischen Osten und dem liberalen, nach Europa blickenden Westen.

Nach internationaler Kritik am massiven Tränengaseinsatz der Polizei gegen zehntausende Demonstranten in Istanbul hat Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ein Referendum ins Gespräch gebracht. Er habe vorgeschlagen, die Istanbuler über das umstrittene Bauprojekt im Gezi-Park abstimmen zu lassen, sagte der Sprecher der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, Hüseyin Celik, am Mittwochabend vor Fernsehkameras. Die Idee eines Referendums sei das „konkrete Ergebnis“ eines Treffens Erdogans mit Künstlern, Wissenschaftler und Publizisten in Ankara. Die Bevölkerung von Istanbul oder aber des Stadtteils Beyoglu könne dann entscheiden, ob der Park bestehen bleiben solle oder der geplante Nachbau einer osmanischen Kaserne errichtet werde, sagte der Parteisprecher. Die Räumung eines Camps im Gezi-Park hatte die Protestwelle ausgelöst, die sich danach schnell gegen den autoritären Regierungsstil Erdogans richtete.

„Das ist ein leicht durchschaubarer Trick“, sagt Cem Hüzün von der Taksim-Solidaritätsgruppe, der Vertretung der Gezi-Parkschützer. „Erdogan will, dass die Leute den Park verlassen. Ob es dann wirklich zu einem Referendum kommt, ist mehr als fraglich. Aber seinen Anhängern kann er damit zeigen, dass er auf die Demonstranten zugeht, obwohl er sie für Marodeure hält. Und falls es wirklich ein Referendum geben sollte, vertraut er darauf, dass die AKP bei den letzten Wahlen in Istanbul immer gewonnen hat.“

Am Mittwochmorgen nach der nächtlichen Schlacht lecken alle ihre Wunden, die Polizisten auf dem Taksim-Platz und die Demonstranten im angrenzenden Gezi-Park. Am Morgen hat es geregnet, gegen zehn Uhr bricht die Sonne durch die Wolken, und einige Protestler hängen ihre durchnässten Decken zum Trocknen auf. Etwa tausend Aktivisten haben trotz der Tränengaswolken ausgeharrt, jetzt frühstücken sie gemeinsam, einige diskutieren, andere schlafen im Sitzen auf den Parkbänken, andere sitzen nur da und starren erschöpft ins Leere. Wieder andere bauen Barrikaden wieder auf, die in der Nacht von der Polizei abgeräumt wurden. Zwei Wochen protestieren sie nun schon gegen die Politik des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, die sie als Angriff auf ihren Lebensstil und ihre Bürgerrechte betrachten.

Auch die Polizisten sind erschöpft. Sie haben den Platz im Zentrum Istanbuls nach der Räumung am Dienstagmorgen mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen bis spät in die Nacht gegen Zehntausende Demonstranten verteidigt. Deren Vorhut bildete eine noch nie gesehene Koalition rabiater Straßenkämpfer linksextremer, nationalistischer und kurdischer Gruppen sowie der Ultras der großen Istanbuler Fußballvereine, die mit Steinen und Molotowcocktails angriffen. Viele Polizisten sagen, sie hätten überhaupt nicht geschlafen.

„Das alles muss sofort aufhören“, murrt einer aus der Hundertschaft, die vorm Atatürk-Kulturzentrum an der Ostseite des Taksim-Platzes lagert. Er hat rote Augen, ist unrasiert, seine Bewegungen wirken fahrig. Inzwischen kennen fast alle seine Kollegen den Namen der neuen Polizeigewerkschaft Emniyet-Sen, die ihrer Führung vorwirft, die Beamten in den Einsätzen regelrecht zu verheizen – doch der Staat hört nicht hin, er erkennt die Gewerkschaft nicht an, hat ihre siebenköpfige Gründermannschaft vom Dienst suspendiert und schüchtert die Kollegen ein, der Gewerkschaft nicht beizutreten (hier und hier finden Sie meinen Artikel über die neue Gewerkschaft).

Applaus für Atatürk

Als städtische Angestellte wenig später zwei riesige türkische Fahnen und ein Atatürk-Porträt vom Dach des Kulturzentrums herunterlassen, halten viele auf dem Platz den Atem an. Denn plötzlich beginnen irgendwo Menschen Beifall zu klatschen – erst die Parkbesetzer, dann die Müllwerker, die noch immer Bauschutt und Barrikaden beseitigen, schließlich die Polizisten. Sie alle klatschen minutenlang für den Republikgründer, der auch 75 Jahre nach seinem Tod für eine moderne, säkulare Türkei steht. Es ist ein berührender Moment der Gemeinsamkeit in einem eskalierenden Konflikt.

„Wie lange soll das jetzt so weitergehen?“, fragt Can Tanyeli, ein 27-jähriger Dokumentarfilmer in Jeans und schwarzem T-Shirt, der bis vier Uhr morgens auf der Straße war und gegen zwölf in seiner Mittagspause mit fünf Freunden in den Park gekommen ist, um sich zu vergewissern, dass der Widerstand gegen dessen Umgestaltung in ein Einkaufszentrum fortgesetzt wird. „Tayyip Erdogan ist offenbar nicht bereit, sich zu bewegen. Aber wir werden unsere Bäume nicht aufgeben.“ Die sechs wohnen wie viele junge Türken noch bei ihren Eltern und diskutieren derzeit viel mit ihnen.

Tanyelis Eltern und die der 28-jährigen Jurastudentin Elif Aksayan sind Liberale, die sich noch an die Straßenkämpfe erinnern können, denen der Militärputsch von 1980 folgte. „Sie haben Angst, dass es wieder so wird. Aber sie stehen voll hinter uns“, sagt Elif Aksayan. Ihre Freunde Alican und Cancer Serbest, zwei Brüder, versuchen jeden Tag, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass ihr Protest berechtigt sei. „Unsere Eltern haben die AKP gewählt. Sie können nicht verstehen, was wir hier tun. Sie glauben den Mainstream-Medien, die ihnen vormachen, wir wären winzige marginale Gruppen und Chaoten“, sagt Cancer Serbest. Aber etwas habe sich doch geändert. „Unsere Eltern denken, dass Erdogan nachgeben sollte.“

Von der Schlacht um den Taksim-Park erfuhren die Türken in den großen Nachrichtensendern NTV, CNN-Türk und Habertürk wieder nur sehr selektiv, dass es sich um „marginale Gruppen“ handele, die mit Molotowcocktails auf Polizisten würfen und Autos anzündeten. „Wer hierher kommt, sieht aber, dass wir keine Chaoten sind. Doch die Realität zeigen nur die internationalen Sender wie CNN oder BBC, und die gucken die AKP-Anhänger nicht“, sagt der Filmemacher Can Tanyeli. „Erdogan greift unsere Demokratie an, er benimmt sich wie ein Diktator. Deshalb machen wir weiter.“

Ein tiefer Riss geht durch die Türkei, er verläuft nicht zwischen Alt und Jung, sondern zwischen dem konservativen, anatolischen Osten und dem liberalen, nach Europa blickenden Westen. Es ist ein kultureller Konflikt zwischen völlig entgegengesetzten Lebensstilen. Erdogan wünscht sich eine „religiöse Jugend“, die brav und fromm ist und die Obrigkeit nicht infrage stellt. Im Gezi-Park aber artikuliert sich der Aufbruch einer gut ausgebildeten Babyboomer-Generation, die Mitsprache verlangt, individuelle Freiheit, die Rettung der gefährdeten Umwelt und lebenswerte Städte – ähnlich wie in der Bundesrepublik der Siebziger- und Achtzigerjahre. Eine Massenbewegung zur Verteidigung der Demokratie, wie sie die Türkei noch nie gesehen hat.

Karikaturen aus einer Ausstellung im besetzten Gezi-Park

Eine Generation ist plötzlich auf der Straße, die bislang als unpolitisch galt – und angeblich nur daran interessiert sei, im Internet zu surfen, Computerspiele zu spielen und Shoppen zu gehen. Doch jetzt ist das gerade gestartete „Shoppingfest Istanbul“, eine Art vorgezogener Sommerschlussverkauf in den riesigen Einkaufszentren, ein großer geschäftlicher Reinfall. Denn die kaufkräftige junge Mittelschicht zieht es vor, auf dem Taksim-Platz zu demonstrieren und im Gezi-Park zu zelten.

„Bäume retten ist wichtiger als Jeans kaufen“, sagen die jungen Leute. Die Regierung reagiert nicht viel anders als damals in der Bundesrepublik, nennt die Demonstranten Chaoten und Extremisten, sogar Terroristen. Landestypisch wird diese Suada noch mit verschwörungstheoretischen Ressentiments aufgeladen, die nicht selten einen erkennbar antisemitischen Unterton tragen. Der türkische Wirtschaftsminister Zafer Caglayan bezeichnete die Proteste gegen die Regierung als einen Versuch aus dem Ausland, den wirtschaftlichen Fortschritt der Türkei zu untergraben. Einige seien unzufrieden mit den Entwicklungen, die das Land in den vergangenen zehn Jahren gemacht habe, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu den Minister. „Dies ist der Versuch, eine ausländische Vorherrschaft über die Türkei zu errichten, aber wir sind keine Narren. Wir haben ihnen den Wind aus den Segeln genommen.“

Anders als vor dreißig Jahren in Deutschland aber werden die Protestierer in der Türkei von einem großen Teil ihrer Eltern unterstützt. In den liberalen Vierteln Istanbuls erhebt sich jeden Abend um neun Uhr eine gewaltige Sinfonie von Kochtopfklopfern, um ihre Kinder zu unterstützen. Die haben zwar noch keine Agenda, aber sie entwickeln erste Ansätze einer alternativen Politik: eigene Medien im Internet und neue Formen der Kommunikation. „Wir sind die Zukunft“, sagt Can Tanyeli, „wir hoffen nur, dass Erdogan nicht durchdreht und uns in einen Bürgerkrieg führt.“

9 Gedanken zu „Die polizeiliche Räumung des Taksim-Platzes

  1. diesem Schakal darf man keinen Glauben schenken.
    Er wird weiter dieses Zentrum bauen.
    Seine Söhne sind an dem Projekt beteiligt wie so viele Andere und diese wollen natürlich weiter Geld scheffeln.

  2. Aus seinem Podest, hat er genug sein Finger auf andere gerichtet. Jetzt kommt der Zeigefinger vom türkischen Volk. Seine aufgesetzte Demokratie kursiert durch die gesamte Welt als heiße Luft. One Minute Tayyip, hier kommt ein Tritt vom feinsten von den TÜRKEN.

  3. würde es nach SPD-Schröder gehen, wäre Erdogan als „lupenreiner Demokrat“ der nächste EU-Kanditat. Zum Glück gehts nicht nach ihm. Und hoffentlich hat sich bis auf weiteres die Frage nach dem EU-Beitritt der Türkei erledigt.

    • Liebe Frau Lehmann, ich kann Ihnen zustimmen, was die Einschätzung der demokratischen Qualitäten Erdoğans angeht. Aber die Chancen des EU-Beitritts der Türkei werden durch die Protestbewegung hoffentlich einen neuen Schub erhalten. Jetzt wissen wir doch, dass es eine junge, große, moderne Mittelschicht gibt, die sich für Umwelt, Zivilgesellschaft und Demokratie einsetzt und obendrein noch gut Englisch spricht. Aus meiner Sicht gute Argumente dafür, den Beitritt erheblich zu beschleunigen. FN

  4. Die Fällung der Bäume entpuppte sich als Umsetzung der Bäume. Wovon natürlich ein ordentlicher auf Objektivität gerichteter Journalist sicher irgendwann berichten wird, oder nicht, oder wie es ihm passt.
    Aus den Berichten vonm Bau eines großen Einkaufszentrums wird die Wiedererrichtung der ursprünglichen Kaserne (Fassade) mit Ladengeschäften, Stadtmuseum und anderen Kultureinrichtungen, sowie einer Parkanlage. … Das Berliner Stadtschloss lässt grüßen!!!!!!!!!
    Solange solche objektiven Fakten von Berichterstattern verdreht werden und die Leser unkritisch dem folgen, könnnen sich alle über den späten vermeintlichen Frühling freuen.
    In Berlin erzählen sich die Solidaritätsdemonstranten, dass die AKP = Erdogan das ATM (Atatürk Kultur Zentrum) abreissen und dort eine Mosche bauen wolle.
    Nur weiter so.
    Und Frau Gülhan Saydam wünsche ich einen Urlaub in Israel. Ich war dort. Ein sehr schönes Land. Sehr nette Menschen. Wenn Sie dort mit offenen Augen schlendern, werden Sie sich wünschen, dass mehr Menschen „one minute“ sagen.
    Auch Israel und allen Menschen dort wünsche ich, dass sie Frieden bekommen.

    • Werter Herr Berkay, drei Bäume im Gezi-Park sind definitiv bereits gefällt und nicht etwa umgesetzt worden. Die Baufirma hat das getan, obwohl es keinen Bebauungsplan gibt, der dies vorsieht und obwohl ein Istanbuler Gericht es verboten hat. Die ganze Aktion ist ziemlich durchschaubar, und man kann wirklich froh sein, dass Ministerpräsident Erdoğan nun eingelenkt hat. In Istanbul gibt es viel zu wenig Bäume, das kann Ihnen jeder Innenstadtbewohner bestätigen. FN

      (Diese Antwort hat sich später überholt – von Einlenken kann bei Herrn Erdoğan leider keine Rede sein. Im Gegenteil.)

  5. Werter Frank Nordhausen,
    ich hoffe die Türkei kommt niemals in die EU.
    10-20% der Bürger sind die bestimmte Schicht die sie beschreiben.
    Diese würde ich auch begrüßen, den Rest ??
    Zum Bau der Anlage:
    mehrere Architekten haben dem nicht zugestimmt weil der Untergrund nicht dafür geeignet ist.

    • Ganz einfach – es gab zu viel zu tun im normalen journalistischen Geschäft, manchmal drei verschiedene Artikel am Tag. Außerdem musste ich ja Material für die Berichte sammeln, geschlafen habe ich oft nur vier oder fünf Stunden. Aber es sieht so aus, als beruhige sich die Lage, und dann kann ich auch wieder bloggen. FN

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