Die Rolle der Medien bei den Protesten in der Türkei

Ministerpräsident Erdoğan bleibt also hart, wie er im Fernsehen live verkündete, als er spät in der Nacht aus Nordafrika zurückkehrte. Er wurde von 10000 Anhängern am Atatürk-Flughafen empfangen, er wirkte selbstsicher wie immer und entschlossen, die Krise auszusitzen. Wie immer. Es spricht inzwischen einiges dafür, dass er Recht behält. Viele Beobachter sehen deutliche Zeichen, dass die Protestbewegung dabei ist, ihr Momentum einzubüßen. In Ankara stehen Tausende Demonstranten im Tränengas und wundern sich, warum die Istanbuler am Taksim-Platz fröhlich feiern.


Menschenmassen auf dem Taksim-Platz

Keine Frage, es sind noch immer Hunderttausende auf der Straße in Istanbul – aber bald könnten sich die Protestler in Ankara, Izmir und Antakya fragen, wofür sie eigentlich auf die Straße gehen. Und dann die extremen Linken: die Fahnen und Gesänge der zahllosen Splittergruppen, die in den letzten 50 Jahren nie wirklich etwas zustande gekriegt haben – sie schrecken die Bevölkerung zunehmend ab. Das Chaos sehen sie auch nicht gerade mit Freude. Insofern müssen Erdoğan und die AKP eigentlich nur abwarten, wie sich die Protestbewegung selbst zersetzt. Genau das scheint gerade zu geschehen. Wenn jemand das orientalische politische Machtspiel perfekt beherrscht, dann Recep Tayyip Erdoğan. Alles hängt für die Revoltierenden jetzt davon ab, ob sie in der Lage sind, eine politische Agenda zu entwickeln und sich starke Verbündete zu suchen.

Ähnlich sagte es auch der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, als er gestern am späten Nachmittag einen Rundgang über den Taksim-Platz und durch den Gezi-Park machte. Ich fragte ihn nach den 3000 Verhafteten, und er erklärte, er teile die Sorge vieler Beobachter, dass nicht wenige von ihnen für Jahre in der Untersuchungshaft verschwinden könnten. „Wir werden uns für sie einsetzen“, sagte er. Er hoffe auf die Vernunft der AKP und Erdoğans. Der Ministerpräsident müsse sich vor allem den Kommandoton abgewöhnen.


Der Co-Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir auf dem Taksim-Platz, links neben ihm der geschätzte ZDF-Kollege Luc Walpot.

Özdemir, der lange mit einer Vertreterin der türkischen „Frauen gegen häusliche Gewalt“ im Gezi-Park sprach, sagte, die Bewegung erinnere ihn an die Entstehung der Grünen in Deutschland. Auch sie sei aus Protestbewegungen hervorgegangen. Er kritisierte vor allem das Vorhaben, zwei Atomkraftwerke in der Türkei zu errichten, wo praktisch überall Erdbebengefahr herrscht. „Man muss sich doch nur umschauen“, sagte er. „Hier gibt es genug Sonne und Wind für eine neue Energiepolitik.“ Natürlich gehörte der Auftritt schon zum deutschen Wahlkampf, aber viele Aktivisten freuten sich über den Gast aus Deutschland und wollten sich mit ihm fotografieren lassen.


Cem Özdemir bei den türkischen Feministinnen …

… mit einer Kemalistin …

… und auf dem Taksim-Platz vor dem mit Transparenten behängten Atatürk-Kulturzentrum, das Erdoğan abreißen will.

Gestern habe ich mich der Rolle der Medien in der Türkei-Krise gewidmet und einen Artikel für unsere Medienseite verfasst, den ich Ihnen hier in ganzer Länge präsentiere:

Schweigen und lügen

Wer sich in der Türkei über die Proteste gegen Erdoğan in Istanbul informieren will, muss auf Twitter gehen. Die türkischen Fernsehsender informieren nur zögerlich und wenn, dann sehr einseitig. Die Demonstranten sind in ihren Augen Krawallmacher, die Gewalt der Polizei wird meistens ganz verschwiegen.

„Medien lügen“ hat jemand auf einen zerstörten gelben Kleinbus gesprüht, der zum Symbol geworden ist für das Versagen des türkischen Fernsehens in der Taksim-Krise. Der über und über besprühte Minibus gehört dem TV-Nachrichtensender NTV, einem der vier großen türkischen News-Kanäle. Er wurde am Sonnabend bei den Protesten auf dem Taksim-Platz angegriffen und demoliert und dient jetzt als Barrikade an der Mündung der Inönü-Straße in den Platz – dort, wo die Protestler jederzeit die entscheidende Attacke der Tränengas-Polizei erwarten auf ihre „freie Republik Taksim“, wie sie ein Kommentator nannte.


Der gelbe NTV-Wagen, als er noch nicht als Barrikade verwendet wurde

Seit vergangenem Sonnabend ist das Stadtzentrum Istanbuls, sieht man von den sicher zahlreich anwesenden Geheimdienstlern und Zivilpolizisten ab, eine staatsfreie Zone. „Ist doch gut, dass der Wagen jetzt einen Zweck erfüllt“, sagt ein junger Mann, der sich vor dem Corpus Delicti mit zum V-Zeichen gespreizten Fingern von seiner Freundin fotografieren lässt.

„The revolution will not be televised, it will be twittered“, steht in Anlehnung an eine Gedichtzeile des Musikers Gil Scott-Heron an einer Hauswand in der Fußgängerzone Istiklal Caddesi, „die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen, sie wird getwittert“. Als die Revolte am vergangenen Freitag und Sonnabend ihren ersten Siedepunkt erreichte, fand sie im türkischen Fernsehen praktisch nicht statt. Wer sich informieren wollte, war auf den kleinen Oppositionssender Halk TV angewiesen, der zeitweise live sendet. Oder auf die Tageszeitungen, die sehr ausführlich berichten. Die Türken aber sind fernsehverrückt, es ist für sie das wichtigste Medium.

Die Smartphone-Revolte

Nun starren die Protestler überall auf die Mattscheiben ihrer Smartphones, um die aktuellen Twitter- und Facebook-Nachrichten, die vielen Kurzvideos zu studieren. Nicht das Fernsehen, sondern die sozialen Netzwerke machten den Hashtag „#womaninred“ mit Bildern des türkischen Fotografen Osman Orsal zu einem Symbolbild der Proteste. Sie zeigen, wie ein Polizist im Gezi-Park eine junge Frau im roten Sommerkleid mit Einkaufstasche gezielt mit Tränengas attackiert.

Aus dem Fernseh-Blackout zogen die Protestierenden den naheliegenden Schluss, dass der Staat sie nicht nur mit Tränengas und Wasserwerfern angreife, sondern ihnen nicht einmal zugestehe, eine abweichende Meinung öffentlich zu vertreten. „Es war, als ob wir gar nicht existieren“, sagt der Student Yanki Bicakci. Für den 23-Jährigen aus dem bürgerlichen Istanbuler Viertel Kadiköy war das ein Schlüsselerlebnis. „Sonst wird bei uns alles und jedes live übertragen und dann in den Talkshows noch stundenlang hin- und hergewendet“, sagt er. „Aber hier gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße – und was machen die Medien? Sie schweigen.“


Die Straßenhändler und -Kebabverkäufer machen das Geschäft ihres Lebens

Guy-Fawkes-Masken der Anonymous-Bewegung sind äußerst begehrt.

Als die großen Nachrichtensender am Sonntag erstmals vereinzelte Bilder von den Massenprotesten brachten, zeigten sie zerstörte Autos und gewalttätige Randalierer, die es auch gibt, die aber nur eine kleine Minderheit der Protestler stellen. „Lügen, alles Lügen“, sagt die Architekturstudentin Nihal. „Das hätte ich nie für möglich gehalten.“ Besonders absurd: CNN Türk zeigte noch Arktisvögel, als seine amerikanische Mutter CNN längst seriöse Berichte vom Taksim-Platz sendete. „Schämt euch, Medien“, steht nun an vielen Istanbuler Hauswänden.

Die Zivilgesellschaft wird aktiv

Es folgte eine Premiere: Tausende demonstrierten am Montag in Istanbul vor der Zentrale des NTV-Betreibers Doğus, eines riesigen türkischen Mischkonzerns mit guten Verbindungen zzur Regierung. Sie forderten Live-Übertragungen von den Protesten. Abgesehen von der staatlichen TRT gehören auch die Nachrichtensender großen Wirtschaftsholdings, die eng mit der Regierung Erdoğan verflochten sind. Deshalb griffen die Taksim-Aktivisten Doğus an seiner verwundbarsten Stelle an. Sie riefen dazu auf, Bankguthaben der zum Konzern gehörenden Garanti-Bank abzuziehen und Konten aufzulösen. Ergebnis: Der Garanti-Kurs brach an der Istanbuler Börse ein.

Inzwischen haben die Fernsehanstalten ihre Lektion gelernt – äußerlich. Der Chefredakteur von NTV entschuldigte sich öffentlich im Fernsehen. Ein Reporter des Boulevardsenders Star TV, der wie NTV zur Doğus-Gruppe gehört, erzählt auf dem Taksim-Platz, dass die Arbeit „viel leichter geworden“ sei. „Wir kriegen wegen der Beschwerden viel mehr Sendezeit, weil die Leute sich massiv über die Zensur beschwert haben. Man redet uns momentan kaum noch rein.“ Doch im türkischen Fernsehen sind Zensur und Selbstzensur der Medien so selbstverständliche Praxis wie Propagandasendungen für die Regierung. Der Glaubwürdigkeitsverlust ist kaum reparabel.

Deshalb wundert es im Grunde keinen Erdogan-Kritiker, dass NTV mittendrin war und ausführlich berichtete, als am Mittwoch in Erdogans Geburtsstadt Rize am Schwarzen Meer angebliche aufgebrachte Bürger einen kleinen Protestumzug mit Gewalt aufmischten – eine Aktion, der offenbar zeigen sollte, wie sich „gesunde Türken“ zur Wehr setzen gegen die „Marodeure“, wie Premier Erdogan die jungen Demonstranten kürzlich titulierte.


„boyun eğme“ – „unterwirf dich nicht“

Solidarisierung der Kurden

Wo aber waren NTV, CNN Türk, Habertürk und die anderen, als am Mittwoch auf dem Taksim-Platz etwas schier Unfassbares geschah? Dort kamen am frühen Abend die Kurden. Zehntausende, die nicht nur Banner der legalen Kurdenpartei BDP mitführten, sondern auch ein Dutzend großer Fahnen mit dem Porträt Öcalans, des Chefs der verbotenen Kurdenguerilla PKK. Es ist eine Straftat, das Porträt des „Terroristenchefs“ öffentlich zu zeigen, auf die Gefängnis steht.

Die eigentliche Überraschung war, dass kaum jemand etwas dagegen hatte und Jubel aufbrandete, als Sprecher der Kurdenpartei sagten, man schließe sich voll und ganz den Protesten für mehr Demokratie in der Türkei an. Das muss die Regierung in Ankara, die gerade Friedensgespräche mit der PKK führt, als Provokation verstehen. Es könnte den Friedensprozess unrettbar beschädigen. Doch die türkischen Fernsehzuschauer erfahren von dieser dramatischen Entwicklung bisher nichts. Und auf Facebook wird seither eine Frage so heiß diskutiert wie kaum eine andere: „Sind wir all die Jahre auch über die Kurdenfrage belogen worden?“

(Wenn ich es irgendwie schaffe, stelle ich später noch ein paar Fotos ein.)

4 Gedanken zu „Die Rolle der Medien bei den Protesten in der Türkei

  1. „Und auf Facebook wird seither eine Frage so heiß diskutiert wie kaum eine andere: „Sind wir all die Jahre auch über die Kurdenfrage belogen worden?““

    … und noch viel länger sind die Türken über den Völkermord an den Armeniern belogen worden. Auch das sollte spätestens jetzt vielen Türken klar sein.

    • Völlig richtig – aber soweit denken die meisten wohl jetzt noch nicht. Doch es scheint so, dass ein echtes Nachdenken in Gang kommt. FN

  2. Der Taxifahrer hat sich sicher geirrt. Es waren sicher weit mehr als 1.500 EUR für jeden, der Erdogan empfangen ging. Vielleicht sogar viel, viel mehr!
    Und die letzten drei Wahlen wurden auch gefälscht. Die >40% für die AKP ist eine Lüge.
    Und die radikalen „Linken“, Kurden und andere Anarcho-Gruppen, die natürlich auch in der Türkei die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben, sind stets sehr, sehr friedlich und demokratisch zu Werke gegangen und wurden von der sehr bösen Polizei zu unrecht mit den brutalen Wasserwerfern und Pfeffersprays völlig unschuldig völkermörderisch angegriffen. Schade, dass sie sich nur mit Moltowcocktails, Steinen und anderen Wurfgeschossen wehren mussten, die sie zufällig am Wegesrand gefunden hatten.
    Die Bilder in den türkischen Medien sind natürlich nur von den „gleichgeschalteten Medien“ gestellte Bilder. Sie können nicht sein, weil sie nicht sein dürfen. Und im übrigen lügen die türkischen Medien, wie immer. In Twitter und anderen Internetmedien wird objektiv absolut nur die Wahrheit erzählt. Niemals könnte dort etwas ungeprüftes gar unwahres stehen. Niemals.
    So etwas kommt natürlich nur in der inhumanen, niemals in die EU-gehörenden, rückständigen, antidemokratischen, von allen edlen-westlichen Werten weit entfernten Türkei vor. Niemals würde so etwas im ach so am Zenit der Demokratie und Entwicklung gelangten Westen passieren.
    Niemals zu irgendwelchen 1. Mai Demos in Berlin!
    Niemals zu den sehr berechtigten, demokratisch friedvollen Demos im Hamburger Schanzenviertel.
    Niemals in Berlin Boxhagener-Platz!
    Niemals…

    Nur weiter so!
    Leid tut es mir lediglich um die jungen Leute, die ursprünglich wegen der Fällung von Bäumen in Gezi Park mit den Protesten begannen. Ihr berechtigtes Anliegen ist nunmehr durch andere Gruppen, deren Ziele und Ansichten von der Mehrheit der Bevölkerung nicht geteilt, ganz im Gegenteil sogar abgelehnt wird, übernommen worden. Ein Teil von ihnen wird sich von diesen radikalen Gruppen überrollen lassen und ungewollt in radikale Ecken getrieben werden, ein Teil wird resigniert nach Hause kehren.

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