Die Türken nennen es Drückeberger-Gesetz

Seit heute können sich türkische Männer nachträglich vom Militärdienst freikaufen. Wochenlang war der Erlass eines entsprechenden Gesetzes eines der wichtigsten Themen in der türkischen Öffentlichkeit. Vor zwei Wochen hatte das Parlament ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, am heutigen Mittwoch hat Staatspräsident Abdullah Gül es nun unterzeichnet. Das Gesetz dürfte Milliarden in die Staatskassen spülen, die in den Etat des türkischen Sozialministeriums fließen sollen.

Da das Gesetz auch die im Ausland lebenden Türken betrifft, befasste ich mich vor rund zwei Wochen intensiv damit. Und weil ich einen möglichst lebendigen Artikel schreiben wollte, bat ich meine türkische Mitarbeiterin Birgül,
in ihrem Bekanntenkreis zu fragen, wer mir etwas über seinen Militärdienst erzählen könne. Das frappierende Ergebnis: Sie fand zunächst niemanden. Sie sagte: „Das Thema ist zu heikel, keiner will darüber sprechen.“ Schließlich gelang es ihr, in der eigenen Großfamilie zwei Cousins aufzutreiben, die sich nach langem Hin und Her zu einem Gespräch bereit fanden. Aber einfach war das nicht. Wir trafen uns abends in einer Kneipe nahe der belebten Einkaufsstraße Istiklal caddesi, und beide lamentierten erst: „Wir wissen nichts, wir können gar nichts dazu sagen, wollen wir auch nicht, und wenn, dann nur unter Pseudonym.“ Das Gespräch lief dann eigentlich ganz gut, zumal der Jüngere der beiden sich erfolgreich vor dem Kriegsdienst gedrückt hatte und damit genau zur Zielgruppe des Gesetzes zählte. Vielleicht machte sie auch das spendierte Bier dann gesprächiger. Draußen war es schon dunkel, und die Leuchtreklamen flimmerten.

Ich erzählte den beiden Anfang-30ern, dass ich in meiner Jugend nicht zum Bund musste, weil ich in West-Berlin lebte, was sie ziemlich erstaunlich fanden. Immerhin schienen sie zu wissen, was West-Berlin war (im Gegensatz zu vielen Amerikanern, wie ich neulich bei einer USA-Reise feststellte). Und wir entdeckten viele Gemeinsamkeiten: So wie sich damals viele Schwaben vor dem Militärdienst in die Mauerstadt verdrückten (was den Schwabenanteil in Kreuzberg und Schöneberg gefühlt auf 90 Prozent trieb), so verstehen es in der Türkei viele Akademiker und die Kinder der Reichen, sich mit allerlei Tricks und dem geübten Einsatz von Bakshish oder „Vitamin C“ der lebensgefährlichen Truppe zu entziehen. Allein in diesem Jahr starben mehr als 40 Soldaten im Kampf gegen die Kurdenguerilla PKK, und oft trifft es Rekruten.

Meine Gesprächspartner meinten, dass das Gesetz die Ungleichheit in der türkischen Gesellschaft wiederspiegele, weil es die Reichen bevorteile: sie könnten Geld geben, die Armen müssten einrücken und bezahlten den „patriotischen Dienst“ schlimmstenfalls mit dem Leben. Sie fanden es auch ungerecht, dass sich nur Männer freikaufen können, die älter als 30 sind – und dann regten sie sich über die „Bevorzugung der Auslandstürken“ auf. Denn diese können sich tatsächlich komplett befreien, auch als 20-Jährige – und zu allem Überfluss kommen sie auch noch günstiger weg, nämlich mit nur 10000 statt 12500 Euro wie ihre Kollegen in der Türkei. Wenn sie eine 21 Tage dauernde Grundausbildung in der Türkei ableisten, werden sie abhängig vom Alter 5000 bis 7500 Euro los. Es gibt für die Deutschtürken sogar einen Weg, der Geldzahlung ganz zu entgehen. „Jetzt werden bestimmt viele die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen“, mutmaßten meine Gäste.

Vom türkischen Generalkonsulat in Berlin erfuhr ich, dass die Berliner Türken ihnen geradezu die Türen einrannten, weil sie noch die alte Militärdienst-Ablösesumme von gut 5000 Euro bezahlen wollen. Bis zum Stichtag, dem 31. Dezember, an dem das neue Gesetz in Kraft tritt, ist das noch möglich. „Hier herrscht das totale Chaos“, sagte der Konsulatsmitarbeiter zu mir am Telefon. Das Durcheinander dürfte jetzt noch zwei Wochen andauern.

Und hier geht’s zum Artikel:
http://www.berliner-zeitung.de/politik/tuerkei-tuerken-koennen-sich-vom-wehrdienst-freikaufen,10808018,11281114.html

2 Gedanken zu „Die Türken nennen es Drückeberger-Gesetz

  1. Bleibt nur noch zu hoffen, dass sobald als möglich in der Türkei mal ein Wehrersatzdienst eingeführt wird. Denn die Reaktion so vieler junger Männer zeigt doch wohl eines ganz deutlich, die Türkei hat etwa 80 Mio Einwohner aber bestimmt nicht alle 80 Mio wollen Soldaten sein, so wie es ein User letztens bei you tube als Reaktion auf die Verstimmungen mit Israel behauptete. Patriotische Pazifisten(so geht’s auch) verschafft euch eine Stimme und zeigt den Herren Politikern was ihr wollt.

  2. Glückwunsch zum „Grand opening“ – ein Blog, der Interessantes verspricht. Ich bleib mal dran … ! 🙂

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