Die Vögel des Frühlings

Den beginnenden Frühling erkennt man in Istanbul an untrüglichen Zeichen. Mücken tauchen auf (allerdings glaube ich, dass sie in diesem warmen Winter nie wirklich weg waren), Touristen vermehren sich in der Istiklal Caddesi, und die Tauben suchen Nistplätze. Das größte Problem sind die Tauben. Sie wackeln zu zweit auf der Brüstung des Balkons entlang und versuchen herauszufinden, ob sich ein Ausflug in die dunkle Höhle hinter dem Glas lohnen könnte, um es sich dort gemeinsam gemütlich zu machen. Hat man beim Lüften nur einen winzigen Moment nicht aufgepasst, schwupps!, sind Taube oder Täuberich schon im Zimmer. Und dann versuchen Sie mal, die verhuschten Tiere wieder nach draußen zu schaffen!

Ein anderes Problem stellen die Möwen dar. Tiere, die aus der Ferne weiß und stolz und elegant wirken, und von den Touristen gern fotografiert werden, die aus der Nähe aber nicht selten eine Furcht einflößende Größe aufweisen. Manchmal frage ich mich, ob die Möwen auch bei uns in Deutschland so monstermäßig wachsen oder ob es sich dabei um eine spezielle Istanbuler Mutation handelt. Vielleicht sind sie deshalb so dick, weil sie in Istanbul immer etwas zu fressen finden. Sie lieben unseren Balkon wegen der tollen Aussicht auf Futter in der Umgebung – und weil sie ihn als eine Art wohlfeiles Gemeinschaftsklo betrachten. (Das Saubermachen ist wirklich eine Sch…-Arbeit).

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Die Möwe klopft ans Fenster. Diese hier ist noch nicht ausgewachsen.

Vor einigen Tagen wachten wir morgens von seltsamen Klopfgeräuschen auf. Nein, es waren nicht die Tauben, sondern eine dieser Monstermöwen, die hartnäckig ans Fenster pickte. Sie hatte unser Stoff-Marsupilami entdeckt, das eigentlich immer unbeweglich hinter der Scheibe sitzt, und hielt es wohl für einen Frühstückshappen. Man glaubt es kaum, aber die Istanbuler Möwen haben so harte Schnäbel, dass das Glas davon tatsächlich Kratzer bekam. Wir verjagten das Biest mit einem Besenstiel.

Merkwürdig nur – die Möwe muss ihren Kumpels von dem interessanten Etwas hinter der Scheibe erzählt haben, denn seither segelten immer wieder Kollegen von ihr herbei, um sich an das Marsupilami heranzumachen. Erstaunlich ist, dass sie auch noch kommen, nachdem wir das gelbschwarze Stofftier von seinem Stammplatz entfernten. Entweder sind die Möwen strohdoof oder besonders intelligent, weil sie fest daran glauben, dass ihr vermeintliches Jagdwild wieder auftauchen wird.

Heute dann sah ich einen Raben auf dem Balkon, pechschwarz und ebenfalls riesig groß. Er stolzierte den Balkon auf und ab und blickte interessiert zu mir ins Zimmer. Als hätten wir nicht schon genug Vögel!