Die Zivilgesellschaft lebt

Der neue EU-Fortschrittsbericht zur Türkei, der am gestrigen Mittwoch veröffentlicht wurde, wird umso interessanter, je mehr man sich damit beschäftigt. Die Europäische Kommission hat die Türkei für ein paar Fortschritte gelobt – insbesondere für den Friedensprozess mit den Kurden -, aber vor allem Stillstand und sogar Rückschritte beklagt. Durch den gesamten Bericht zieht sich die Kritik an fehlender Partizipation der Bürger an der Demokratie. Aus meiner Sicht ist der Report eine freundlich verpackte Schelte der Regierung Erdoğan, die dieser noch einiges Kopfzerbrechen bereiten könnte. Sehr erfreulich ist, dass die Kommission daraus nicht den Schluss zieht, die Türkei abzumahnen und zu bestrafen, sondern dass sie den Gezi-Aufruhr als Zeichen versteht, den Beitrittsprozess voranzutreiben und der Zivilgesellschaft beizustehen.

Ein solches Beispiel politischen, zivilgesellschaftlichen Engagements habe ich in einem Text beschrieben, der leicht gekürzt jüngst in der Berliner Zeitung erschien. Hier die Komplettversion:

Von London lernen

Baumschützer begannen die Proteste gegen den türkischen Premier Tayyip Erdoğan. Gruppen wie die antikapitalistischen Muslime haben viel dafür getan, dass die Bewegung während des Sommers nicht in Vergessenheit geriet.

In der Nacht zum vergangenen Freitag wurde in der türkischen Hauptstadt Ankara wieder um ein Waldstück gekämpft, das einer Schnellstraße weichen soll. Zweihundert Studenten bauten Barrikaden und warfen mit Steinen, die Polizei schoss mit Tränengas. Zur gleichen Zeit rückten in Istanbul Polizisten und Wasserwerfer am Gezi-Park in der Innenstadt an, um Solidaritätsbekundungen für einen getöteten 21-jährigen Demonstranten im Keim zu ersticken. Fast jedes Wochenende wird der Park von Sicherheitskräften abgeriegelt, weil der Staat eine Wiederbesetzung des symbolischen Grünstreifens fürchtet.

Die türkische Protestbewegung hat zwar an Schwung verloren, aber es gibt sie noch. Und vor allem eine Gruppe hat viel dafür getan hat, dass die Bewegung während des langen türkischen Sommers nicht in Vergessenheit geriet: die „antikapitalistischen Muslime“.

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Protestaktion der „antikapitalistischen Muslime“ gegen eine Nato-Intervention in Syrien in der Istiklal Caddesi. Sie haben die ganze Nacht über ausgeharrt. Zu ihnen gehören auch junge Frauen, die das Kopftuch tragen.
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Soziale Gerechtigkeit im Islam

Das Buch Mose, sagt Abdurrahim Özer, ein junger Mann mit gestutztem Vollbart, berichte von Propheten, die dem ägyptischen Pharao einst weissagten, dass ein neugeborenes Kind seine Macht zerschmettern werde. Daraufhin habe der Herrscher bekanntlich befohlen, alle männlichen Neugeborenen Ägyptens zu töten. „Genauso kommt mir Ministerpräsident Tayyip Erdoğan vor“, sagt Özer. „Er sieht, dass auf den Straßen etwas geschieht, was seine Autorität bedroht – deshalb hat er entschieden, jeden Protest schon im Ansatz zu zerschlagen. 5000 Verletzte und sechs Tote sprechen eine klare Sprache.“

Der 29-Jährige steht vor dem Portal des Istanbuler Galatasaray-Gymnasiums in der Einkaufsmeile Istiklal Caddesi und diskutiert mit Freunden gerade über eine „antiimperialistische Antikriegsaktion“. Auf dem Boden hinter ihm sitzen zwei Dutzend junge Leute, darunter auch einige Frauen, die das Kopftuch tragen. Auf Transparente haben sie „Kein Nato-Krieg in Syrien“ geschrieben, aber auch Auszüge aus dem Koran, deren Botschaften als „antikapitalistisch“ interpretiert werden können. „Überall will das System seine neoliberale Agenda auf Kosten unserer Umwelt durchsetzen“, sagt Abdurrahim Özer. Doch viele Leute hätten es einfach satt, dass jeder Fleck Natur bebaut, sämtliche Flüsse durch Staudämme zerstört und das Wasser sowie andere Ressourcen monopolisiert würden.

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Abdurrahim Özer vor dem Portal des Galatasaray Lisesi in der Istiklal Caddesi.

Der gläubige Muslim hat sich dem Kampf gegen „das System“ verschrieben, gegen den Kapitalismus in seiner türkischen Form einer islamisch-konservativen Regierung. Der verheiratete Historiker, der an der London School of Economics studierte und jetzt in Istanbul als Dolmetscher arbeitet, ist einer der Köpfe der „antikapitalistischen Muslime“. Bekannt wurden die Gruppe durch ihre Teilnahme an den Massenprotesten gegen den islamisch-konservativen Premier Erdoğan und seine Regierungspartei AKP in diesem Sommer, die sich an der geplanten Abholzung einiger Bäume im Istanbuler Gezi-Park für ein geplantes Einkaufszentrum entzündeten.

Keine Angriffe auf Kopftuchfrauen

„Unseretwegen ist die Strategie von Premier Erdoğan, die Gezi-Bewegung als Feinde der Religion darzustellen, in sich zusammengebrochen“, meint Özer. „Weil jeder sehen konnte, dass das einfach nicht stimmt.“ Erdoğan verhöhnte die Aktivisten als „Marodeure“ und beschuldigte sie mehrfach öffentlich, kopftuchtragende Frauen angegriffen zu haben. „Zu uns gehören viele Frauen, die das Kopftuch tragen, und ihnen ist im Gezi-Park und auf dem Taksim-Platz absolut nichts passiert“, sagt Özer. Als die antikapitalistischen Muslime sich im Juni zum Freitagsgebet im besetzten Park hinknieten, bildeten die säkularen Aktivisten eine Menschenkette, um sie zu schützen. „An diesem Tag haben wir einen entscheidenden moralischen Sieg errungen.“

Nach der polizeilichen Räumung des Gezi-Parks hat die Gruppe viel dafür getan, dass die Bewegung in der Öffentlichkeit sichtbar blieb. Sie organisierten in Istanbul und Ankara mehr als 50 „alternative Iftars“, Fastenbrechen auf Plätzen und in der Fußgängerzone Istiklal Caddesi – als eine Art „Iftar von unten“ gegen die werbewirksamen Volksspeisungen der AKP mit öffentlichen Mitteln. Tausende kamen, die Polizei wagte nicht einzugreifen. Damit zeigten sie den Türken zum ersten Mal, dass gläubige Muslime nicht nur der konservativen AKP oder den fundamentalistischen Salafisten anhängen können, sondern auch ganz anderen politischen Richtungen. Abdurrahim Özer interpretiert den Islam als Aufforderung zur klassenlosen Gesellschaft mit gemeinsamem Eigentum und ohne Hierarchien. In der klassischen türkischen Politik, auch in der AKP, liefen alle Entscheidungsprozesse von oben nach unten, meint Özer. „Wir wollen aber ein politisches System, das die Leute in den politischen Prozess einbezieht – so wie die Gezi-Bewegung.“

Die Gruppe bildete sich vor anderthalb Jahren als lose Vereinigung frommer linker Aktivisten, die Erdogan und die neue islamische Bourgeoisie der AKP als korrupt, prunksüchtig und arrogant empfanden. Inzwischen gehören ihnen etwa tausend Menschen an. Viele dieser Jünger von Mohammed und Marx haben wie Erdogan religiöse sogenannte Imam-Hatip-Schulen besucht – doch sie haben andere Schlüsse daraus gezogen. Die wichtigste Forderung des Korans sei es, die Kluft zwischen Arm und Reich zu überwinden, erklärt Özer. Dem Islam gehe es um soziale Gerechtigkeit, nicht darum, ob man fünfmal am Tag bete, Alkohol trinke oder als Frau ein Kopftuch trage.

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„Alternatives Iftar“ im Istanbuler Bezirk Aksaray im Juli.
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Der Aktivist stimmte 2002 selbst noch für die AKP, da die Partei damals einen fundamentalen Wandel in der Türkei versprach. Doch schnell wandte er sich enttäuscht von ihr ab. „Wir haben geglaubt, dass ein gläubiger Muslim wie Erdoğan die Chance nutzen würden, eine islamisch-sozial geprägte Politik zu machen. Aber Erdoğan und die AKP umarmten den Neoliberalismus und kooperierten mit den Kapitalisten. Sie redden immer davon, dass die Türkei boomt, aber in Wahrheit wurde die Schere zwischen arm und reich immer größer.“ Jene „Zinslobby“, die der türkische Ministerpräsident jetzt für die Gezi-Proteste verantwortlich mache, sei in Wahrheit von ihm und seiner Partei nicht zu trennen, spottet Özer. „Macht korrumpiert, und je länger die AKP regiert, desto korrupter wird sie. Fromme Sprüche, ohne danach zu handeln, haben keinen Wert.“

Als der Staat im Juni mit exzessiver Gewalt gegen die Baumschützer vorging, schlossen sich die antikapitalistischen Muslime der neuen Bewegung sofort an. Ihr Zelt im besetzten Gezi-Park war stets von Neugierigen umlagert. „Der Park war für uns eine Möglichkeit, mit konservativeren Muslimen in Kontakt zu kommen – für sie eine verwirrende Erfahrung, denn wenn sie unsere Argumente erreichen, müssten sie ihren ganzen Lebensstil ändern“, sagt Özer. Neben den Gruppen in Istanbul und Ankara bilden sich gerade neue Ableger in einem Dutzend weiterer Städte, vornehmlich im frommen Ostanatolien. Das Interesse sei riesig, sagt Özer, und man heiße jeden Muslim willkommen, der ein sozialrevolutionäres Verständnis des Korans aufbringe, auch Aleviten und Schiiten.

Anhänger von Marx und Mohammed

Ihr Ideengebäude verdankt die Bewegung wesentlich dem türkischen Islamtheologen İhsan Eliaçık. Dieser korpulenten Mann, Jahrgang 1961, wirkt mit seinem zerzausten Vollbart, Plastiksandalen und Gebetskette wie der Archetyp eines konservativen türkischen Muslims. Bekannt wurde der Theologe, als er Erdoğan im Fernsehen attackierte, weil dieser versprochen hatte, in der Türkei „eine religiöse Generation heranzuziehen“. Eliaçık entgegnete, das sei totalitär. „Für die Erziehung der Kinder sind die Eltern zuständig.“ Der Gelehrte deutete den Koran in seiner hochgelobten türkischen Übersetzung sozialrevolutionär und libertär. „Niemand darf gezwungen werden, eine bestimmte Weltsicht oder Lebensweise anzunehmen“, sagte er in einem Interview.

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Abdurrahim Özer

Eliaçık sei ein Lehrer und ein Gleicher unter Gleichen, wehrt Abdurrahim Özer die Frage ab, ob der Theologe etwa sein Guru sei. Obwohl Eliaçık dem Koran die Verpflichtung entnimmt, das politische System abzuschaffen, das die Menschen arm mache, ist Abdurrahim Özers Vorbild für eine gerechte Ordnung, „in der jedes Individuum mit der Politik interagieren kann und einbezogen wird“, überraschenderweise das kapitalistische London. „Während der vier Jahre, die ich dort lebte, bekam ich alle zwei Wochen Post von der Stadt, die mich über geplante Maßnahmen informierte und um meine Meinung dazu bat. Je mehr man die Leute einbezieht, desto demokratischer ist es“, sagt er.

Wie man aus Istanbul nun London machen könne, darüber denken die antikapitalistischen Muslime derzeit ebenso intensiv nach wie viele andere Aktivisten der Protestbewegung. Sie wollen sich aber keinesfalls als Partei organisieren, aus Angst, dann „vom System vereinnahmt zu werden“. Sie wollen unbedingt in der außerparlamentarischen Opposition bleiben, aus Angst, sonst „vom System vereinnahmt“ zu werden. „Der Prophet hatte in den ersten sechs Jahren auch nur 40 Anhänger“, sagt Özer. „Nach weiteren sechs Jahren warfen sie ihn aus Mekka, und er hat trotzdem gesiegt.“

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„Alternatives Iftar“ im Istanbuler Bezirk Aksaray im Juli.
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