Ein Abend mit Morrissey

Gestern feierte das jährliche Istanbuler Jazz Festival seinen popmusikalischen Höhepunkt. Neben ausgezeichnetem Jazz (Keith Jarret!) wurde wie im vergangenen Jahr, als Paul Simon auftrat, auch diesmal ein Weltstar des Pop aufgeboten. Und wieder war es einer, der zwar schon etwas angegraut, aber noch ziemlich gut beieinander ist. Morrissey, inzwischen 53 Jahre alt, war in der Stadt. Und viele, viele Istanbuler kamen in die Freiluftarena „Harbiye Cemil Topuzlu Açıkhava Tiyatrosu“, um ihn zu hören. Waren es bei Paul Simon im vergangenen Jahr vor allem ältere Semester, so diesmal überwiegend junge Leute, die sogar – gefühlt – die meisten seiner Lieder auswendig konnten. Faszinierend.


Ab und an erschien auf der Leinwand hinter der Band ein Bild von Oscar Wilde mit der ironischen Zeile: „Who is Morrissey?“

Istanbul ist mit diesem Amphitheater mitten in der City, in Besiktas, wirklich gesegnet. Was gibt es Schöneres als einen warmen Sommerabend, einen bis auf den letzten Platz gefüllten Veranstaltungsort, den man fast mit der Straßenbahn erreichen kann, eine hervorragende Anlage und gute Tontechniker – und darüber den blauen Nachthimmel? Wie immer war das Publikum außerordentlich lieb, kein Alkohol im Spiel, sondern nur Wasserverkäufer, eine superfreundliche Atmosphäre. Mich wundert nur jedesmal, wie viele junge Leute die Eintrittspreise solcher Groß-Events bezahlen können – immerhin von umgerechnet rund 40 bis hinauf zu etwa 150 Euro. Wir hatten versäumt, Karten im Vorverkauf zu besorgen und waren auf den Schwarzmarkt vor dem Theater angewiesen. Immerhin gab es dort Tickets, mit denen man auch hineinkam.


Der Veranstaltungsort mit jubelnden Massen – im Hintergrund das Hilton-Hotel

Morrissey ließ sich fast eine Stunde Zeit und machte seinem Ruf als politischer Künstler alle Ehre. Drei seiner fünf Musiker trugen rote T-Shirts mit der Aufschrift „Assad is Shit“, und Morrissey selbst entfaltete eine türkische Fahne, die er mit den Worten „The people have the power“ ins Publikum warf. Gegen Ende des Konzerts spielte er den Titel „Meat is murder“ vom gleichnamigen Smiths-Album, wozu auf der riesigen Leinwand hinter der Bühne furchterregende Schwarzweißbilder aus Hühnerfabriken, Schweine- und Rinderschlachthöfen gezeigt wurden – für die Kebab-versessenen Türken ein ungewohntes Sujet. Aber sie spendeten tapfer Beifall.


Der Künstler ließ auch die Bassdrums mit türkischen Fahnen verzieren

Überhaupt hatte Morrissey das Publikum gut im Griff. Er war hervorragend in Form, seine Stimme klang grandios und kein bisschen abgenutzt, das gesamte Konzert hatte eine Spannnung und Variation, die seine Platten manchmal vermissen lassen. Er spielte alte Smiths-Titel wie „How soon is now?“, einige Hits seiner Soloalben wie „Everyday is like Sunday“ von Viva Hate und neue Lieder wie „People are the same everywhere“, die sehr Smiths-like klangen. Er ließ junge Frauen die Bühne erklettern und „I love you“ ins Mikro hauchen, er warf sich singend auf den Boden und zog am Schluss sogar sein ohnehin weit geöffnetes Oberhemd aus (was ältere Herren meiner Meinung nach besser unterlassen sollten). Trotzdem, für mich ist er der letzte große Crooner des Pop.


Morrissey beim Händeschütteln

Ein wunderbares Konzert. Die Taxifahrer warteten zu Dutzenden mit ihren gelben Autos und freuten sich auf lange Touren über die Brücken nach Kadıköy oder Bostancı (asiatischer Teil, modernes Istanbul).