Ein Tag im Gedenken an Hrant Dink

Der gestrige Tag stand in Istanbul ganz im Gedenken an Hrant Dink, den bedeutenden armenischen Journalisten und Intellektuellen, der am 19. Januar vor fünf Jahren hier in der Innenstadt ermordet wurde. Erschossen von einem 17-jährigen nationalistisch aufgehetzten jungen Mann aus der Schwarzmeerstadt Trabzon, der von dunklen Kräften des „tiefen Staates“ als Vollstrecker benutzt worden war. Mich hat an dem Fall, abgesehen von der politischen Dimension, immer auch die kriminalistische Seite interessiert. Denn die Geschichte hinter dem Mord, über die inzwischen trotz aller Vertuschungsversuche einiges bekannt ist, erinnert frappierend an die Thriller von Stieg Larson, mit dem kleinen Unterschied, dass sie real ist. Ein aufrechter Journalist, der für eine kleine, aber bedeutende und unbequeme Zeitung arbeitet (Agos wirkt wie Millenium), im Fadenkreuz undurchschaubarer politischer Verschwörungen, die nie wirklich aufgedeckt werden. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht zu Verschwörungstheorien neige, aber hier in der Türkei übertrifft die Wirklichkeit zuweilen die Fantasie der begabtesten Thriller-Autoren.

Der Mord an Hrant Dink, einem Mann, der für die Versöhnung von Armeniern und Türken eintrat, hat tiefe Spuren in der türkischen Gesellschaft hinterlassen. Deshalb ging das Entsetzen über das vor drei Tagen ergangene Gerichtsurteil gegen die mutmaßlichen Anstifter der Tat auch durch die gesamte Bürgerschaft. Mal wieder waren die eigentlichen Täter davongekommen, während die Handlanger verurteilt wurden. Es ist ein Zufall, dass Dinks Todestag mit dieser Justizentscheidung zusammenfiel, aber die Koinzidenz brachte die Menschen massenhaft auf die Straße. Der Hrant-Dink-Freundeskreis hatte zu einem Schweigemarsch aufgerufen, der vom Taksim-Platz bis zum Redaktionsgebäude von Agos führte, eine Strecke, für die man normalerweise eine halbe Stunde zu Fuß braucht. Tatsächlich kamen so viele Leute , dass der Zug sich nur sehr langsam bewegen konnte und anderthalb Stunden dafür benötigte. Das Fernsehen übertrug live.

Befreundete Türken erzählten mir, dass es sich um die größte Demonstration in Istanbul seit dem 1. Mai letzten Jahres handelte. Auf der Straße waren die Liberalen, die Linken, die Studenten, Künstler, Intellektuellen, die Kurden, Armenier, Georgier, Kurden – wenn man so will, die üblichen Verdächtigen. Die liberale Türkei, bis zu 40000 Menschen, an der Spitze Dinks Familie. Wenn sie nicht schwiegen, riefen sie: „Wir sind alle Hrant – wir sind alle Armenier!“ Ich befragte zahlreiche Teilnehmer, darunter politische Kolumnisten, Politiker und Anwälte, warum sie gekommen waren, wie sie sich fühlten und was sie über den Ausgang des Prozesses dächten, und die Antworten ähnelten sich: das Entsetzen war groß, das Vertrauen in die Justiz auf Null, die Sorge über die zukünftige politische Entwicklung des Landes spürbar. Jeder in der Türkei weiß, wer für den Mord verantwortlich ist, nur die Justiz ist unfähig, das festzustellen. Über die Demo habe ich gestern einen Artikel für die Online-Ausgabe der Berliner Zeitung geschrieben:

„http://www.berliner-zeitung.de/politik/mord-an-journalisten-schweigemarsch-fuer-hrant-dink,10808018,11479284.html“

Hier ein Bild vom Schweigemarsch:

Auf der Demo traf ich auch einen Deutsch-Türken georgisch-türkischer Herkunft aus Nürnberg, der mir davon erzählte, dass es in Nürnberg einen Freundeskreis gibt, der regelmäßig Gedenkveranstaltungen für Hrant Dink organisiert. Der 50-jährige Mann, der in Nürnberg als Suchttherapeut arbeitet, war gerade zu Besuch in der Türkei und empfand es als selbstverständliche Pflicht, auf die Demo zu gehen. Er trug ein selbstgemaltes Transparent mit der Aufschrift: „Hrant Dink – die Nürnberger Freunde umarmen dich“. Mich hat es gerührt. Er sagte: „Bis zum letzten Moment habe ich daran geglaubt, dass die wahren Täter benannt und verurteilt werden. Ich habe auch geglaubt, dass die AKP an echter Aufklärung interessiert ist. Aber jetzt denke ich, dass sie sich auch scheut, die dunkle Seite des Staates zu durchleuchten.“ Die AKP ist die konservativ-neoliberale Regierungspartei der Türkei.

Heute berichtet die der AKP nahestehende Zeitung Zaman, dass einer der Hauptverdächtigen im Dink-Prozess, der am Mittwoch jedoch freigelassen wurde, in einem schriftlichen Interview mit dem Blatt behauptet, dass der Mord tatsächlich vom Verschwörungsnetzwerk Ergenekon in Auftrag gegeben wurde. Der Mann namens Erhan Tuncel, ehemaliger Polizeiinformant in Trabzon und 2004 zu zehn Jahren Haft wegen eines Bombenanschlags auf einen McDonald's-Imbiss verurteilt, sagte dem Blatt, das Urteil des Gerichts, wonach es kein geheimes Mordkomplott des „tiefen Staates“ gegeben habe, sei falsch; der Mord an Hrant Dink sei Teil eines Plans für einen Staatsstreich gewesen.

Gestern Abend lud das Istanbuler Goethe-Institut zum Neujahrskonzert in die klassizistischen Räume des deutschen Generalkonsulats, und auch diese Veranstaltung stand im Schatten des politischen Attentats vor fünf Jahren. Die Musiker des Streichquartetts des Hezarfen Ensembles aus Istanbul widmeten den Abend Hrant Dink, auch die patente Generalkonsulin Brita Wagener nahm in ihrer Begrüßung darauf Bezug. Sogar die Musik passte – sie war wild, dramatisch, bewegend, das virtuose Quartett unter der Leitung seines jungen deutschen Chefs Ulrich Mertin spielte u.a. zwei Stücke der argentinischen Tango-Legende Astor Piazzolla.