Ein toter Junge in Istanbul

Kaum bin ich nach einer Woche Ferien im Frühlings-Berlin wieder im „Hüzün“-Istanbul (grauer Himmel, Regen), schon wird auch wieder mit Tränengas geschossen. Der Anlass war traurig, die Reaktion absehbar: Am heutigen Dienstag starb der 15-jährige Berkin Elvan in einem Istanbuler Krankenhaus, nachdem er neun Monate im Koma gelegen hatte. Eine Tränengasgranate der Polizei hatte ihn während der Gezi-Proteste im vergangenen Juni am Kopf getroffen und schwer verletzt. Er hatte aber mit der Protestbewegung überhaupt nichts zu tun, sondern wollte an jenem Tag nur Brot einkaufen gehen.

Der Junge verschied heute um sieben Uhr morgens, und danach kam es im ganzen Land zu Protestmärschen, Gedenk-Sit-Ins, Schweigeminuten und Auseinandersetzungen mit der Polizei, die derzeit – es ist jetzt 22.30 Uhr – immer noch anhalten. Nachdem die Frauen bei uns im Viertel gegen 20.00 Uhr wie im Gezi-Sommer mit ihren Löffeln auf die Töpfe schlugen, machte ich mir selbst ein Bild am Taksim-Platz und in der Istiklal Caddesi, um festzustellen, dass ich das hiesige Tränengas noch immer nicht besser vertrage und dass ich die Polizisten, die gezielt mit Plastikpatronen auf Menschen schießen, immer weniger verstehe. Ich hatte Glück, um ein Haar hätten sie mich getroffen.

SONY DSC
Aufstandspolizisten am Dienstagabend am Taksim-Platz.

Aber wie sollen Polizisten sich anders benehmen in einem Land, in dem der Ministerpräsident an einem solchen Tag eine Rede hält, um bei einem Unfall verstorbenen Polizeibeamten seinen ausdrücklichen Respekt zu erweisen, und dabei mit keinem Wort des toten Jungen gedenkt? In der Türkei sind unter der so moralischen Regierung Erdoğan viele menschliche Maßstäbe ins Rutschen geraten. Jetzt haben die Menschen es bei den Kommunalwahlen in der Hand, diese wieder gerade zu rücken.

Immerhin rief am Montag Staatspräsident Abdullah Gül beim Vater von Berkin Elvan an, als der Junge im Sterben lag. „Es tut mir leid, was passiert ist. Ich fühle mit Ihnen. Bitte lassen Sie mich wissen, wenn ich etwas für Sie tun kann“, sagte Gül laut der Hürriyet Daily News.

SONY DSC
Schweigende Demonstrantin in der Istiklal Caddesi. Auf dem großen Plakat steht: „Berkin Elvan ist unsterblich“.

Aber noch scheinen viele Türken im Osten des Landes an ihrem Idol blind festzuhalten, nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Als ich vor anderthalb Wochen einen Artikel über die neuesten Tonmitschnitte Erdoğans im Internet schrieb, bat ich einen Bekannten in Malatya, auf einer Baustelle ein Stimmungsbild von den Arbeitern und Ingenieuren einzuholen. Er berichtete mir, dass alle, ohne Ausnahme, Erdogan für „sauber“ und die Korruptionsenthüllungen für eine bösartige Kampagne des Auslands hielten. „Er kann nicht korrupt sein, das widerspricht seiner Natur“, sagten die Leute.

Unterdessen gehen die Enthüllungen weiter, die kritischen Mitglieder der türkischen Gesellschaft warten jeden Abend gespannt auf die neuesten Tonmitschnitte und wundern sich, wie schnell Tayyip Erdoğan denen zu gleichen beginnt, die er einst bis aufs Messer bekämpfte. Immerhin kommt jetzt vieles ans Licht, von dem man sonst möglicherweise nie erfahren hätte. Das wiederum dürfte vor allem den Gülenisten zu verdanken sein, mit denen der Premier vor Kurzem noch gut befreundet war. Ich habe mit einem von Gülens Istanbuler Vertretern ein Interview geführt, das jetzt auch hier in der Berliner Zeitung erschienen ist.

2 Gedanken zu „Ein toter Junge in Istanbul

  1. Mal ne Frage zu der „Generation Gezi“, die immerzu auf die Straßen geht, um gegen den Pascha Ministerpräsidenten und das „Pascha-System“ der Türkei zu protestieren. Hat diese Generation Ambitionen sich Parteimäßig zu organisieren, oder verteilt sie sich auf schon bestehende Parteien?
    Grüße MF

    • Hier die Antwort: Die „Generation Gezi“ organisiert sich bereits parteimäßig, ist aber zu den Kommunalwahlen noch nicht einsatzbereit. FN

Kommentare sind geschlossen.