Ein türkischer Held

Je näher die Kommunalwahlen rücken, desto nervöser und gereizter wird die Stimmung in der Türkei. Nicht nur, dass Vorfälle zunehmen, bei denen Wahlkämpfer verprügelt und verletzt werden, auch die Rhetorik des Ministerpräsidenten gibt zunehmend Anlass zur Sorge. Er spricht ständig von Verrätern, Terroristen, Mördern, als wolle er Ereignisse heraufbeschwören, die sich wirklich niemand wünschen kann.

Immer neue Tonbandmitschnitte tauchen im Internet auf, die neuesten betreffen den ehemaligen Europaminister Egemen Bağış, der Witze über den Koran gemacht haben soll („Ich schüttele einen Vers jeden Freitag“) – was so gar nicht zur angeblich islamischen Grundausrichtung der AKP passen würde und schon erste indignierte Reaktionen in der AKP hervorgerufen hat. Und sie betreffen Erdoğan selbst, der den Chefredakteur einer regierungsnahen Zeitung mutmaßlich drängte, eine unliebsame Kolumnistin zu feuern – eine Kolumnistin, die ein Kopftuch trägt. Die Sorge um die Kopftuchfrauen war bisher immer Erdoğans stärkstes (und oft einziges) Argument auf seiner „religiösen“ Agenda.

Zugleich werden von der AKP in Auftrag gegebene Umfragen bekannt, die die Partei bei nur noch 30 Prozent und auf dem zweiten Platz hinter der kemalistischen CHP sehen. Damit einher gehen Absetzbewegungen innerhalb der Regierungspartei, die noch nicht offen vollzogen werden, die Erdoğan aber offenbar bereits so bedrohlich findet, dass er seine Genossen öffentlich kritisiert. Es gehe nicht an, die Gülenisten mit Samthandschuhen anzufassen, schimpfte er – was viele AKP-Wahlkämpfer tun, um diesen Teil des konservativen Wählerspektrums nicht zu verprellen -, sie seien das „Neo-Ergenekon“, der Parallelstaat, der tödliche interne Feind.

Nun wachsen die Befürchtungen, dass es zu Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen kommen könnte. Die CHP hat deshalb angeblich Tausende ihrer Mitglieder und Anhänger als Wahlbeobachter geschult. Auch kommen Befürchtungen auf, dass ein inszeniertes Attentat, ein Einmarsch in Syrien (zum Schutz des Süleyman-Schah-Grabes bei Aleppo) oder irgendein anderer gefährlicher Überraschungscoup drohen könnten, um die angeschlagene Popularität des Premiers wieder zu stabilisieren.

In all dem Durcheinander, den Korruptionsaffären und düsteren Prophezeiungen gab es in den vergangenen Tagen immerhin einen Lichtblick. Davon soll nun die Rede sein, eine kleine Geschichte aus der „anderen“, der rechtschaffenen, der „normalen“ Türkei. Ich habe sie bei Twitter und in türkischen Zeitungen gefunden und für die Berliner Zeitung, die Frankfurter Rundschau und den Kölner Stadt-Anzeiger zusammengefasst (nicht online):

Der unbestechliche Zöllner

In schwerer Stunde, mitten im größten Korruptionsskandal der nationalen Geschichte, ist der Türkei ein Held erschienen: Teoman. Auf Twitter und Facebook ist er der Mann der Stunde, hunderttausendfach wird er gelobt und empfohlen als der Recke, der heroisch allen Verlockungen widerstand. „Ich habe Teoman so viele Dinge angeboten. So viele Versprechen gemacht. Aber nein, er hat absolut nichts angenommen“, hört man eine Stimme in einem neuen Telefonmitschnitt, der im Internet aufgetaucht ist. Zugeordnet wird sie dem iranisch-aserbaidschanischen Geschäftsmann Reza Zarrab. Einem wahren Bestechungsspezialisten.

Zarrab, ein guter Freund von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan, steht im Verdacht, mehrere Minister mit gewaltigen Summen geschmiert zu haben. Aktenkundig ist ein Fall, in dem er offenbar dem damaligen Wirtschaftsminister Zafer Çağlayan die Zustimmung abhandelte, über den Flughafen Istanbul anderthalb Tonnen Gold aus Ghana ins Land zu holen, für die er keine regulären Papiere hatte. Doch Zarrab hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht: ohne diesen sturen Zollbeamten Teoman nämlich, der sich einfach nicht bestechen lassen wollte, wie Zarrab in dem Telefonat beklagt.

Schon kurz nach der Veröffentlichung des Mitschnitts wurde der Hashtag „#MemurTeoman“ (Beamter Teoman) eine der populärsten Twitter-Adressen in der Türkei. Der Twitter-User „Pro-Democracy“ erstellte eine Bestenliste der Superhelden und platzierte „Teo-Man“ auf Platz eins noch vor Spider Man, Iron Man und Batman. Die Zeitung Habertürk kommentierte, Männer wie dieser Zöllner seien in diesen Zeiten so selten geworden, dass man sie eigentlich im Museum ausstellen müsste.

Oppositionszeitungen machten sich an die Recherche, fanden die Identität des braven Mannes heraus, stöberten ihn auf und druckten Homestories mit Fotos aus seinem Familienalltag. Seither wissen wir, dass der Held bürgerlich Teoman Coşkun Dudak heißt, 64 Jahre alt ist und Vater einer erwachsenen Tochter und dass er in seiner Freizeit mit Begeisterung grillt. Und dass er mittlerweile gar nicht mehr Vizedirektor des Istanbuler Zollamtes ist. Zum Jahresbeginn ist er nämlich nach Südostanatolien versetzt worden. Womöglich gerade weil er sich geweigert hatte, mit Zarrab zu kooperieren.