Fastenzeit

Heute hat der Ringer Rıza Kayaalp die erste Medaille für die Türkei bei den Olympischen Spielen in London gewonnen – zwar nur Bronze, aber immerhin. Glückwunsch! Er gewann am Nachmittag, aber solch ein Ereignis dürfen fromme Türken dann trotzdem nicht angemessen begießen. Es ist ja Ramadan, Fastenmonat. In unserem Viertel Cihangir merken wir davon allerdings nicht viel. Die Cafés und Restaurants sind auch tagsüber wohl gefüllt, und man trinkt Cappuccino oder lässt es sich schmecken. An den Ramadan erinnert in Beyoğlu, dem hedonistischen Stadtbezirk, allerdings aufdringlich ein zweiter Wagen, der an die rote Bimmelbahn in der Istiklal-Straße angehängt wird und auf dem dann eine Band unerträglich laut zum Fastenbrechen aufspielt. Als wenn es in der Istiklal Caddesi nicht ohnehin schon laut genug wäre!

Da auch meine türkischen Bekannten nicht fasten, erreichen mich Nachrichten aus der Ramadan-Welt nur en passant. Da gibt es zum Beispiel diese riesigen Zelte, die für die Ärmeren zum Fastenbrechen aufgestellt werden und mit denen die Stadt- und Bezirksoberen beweisen, dass sie wirklich etwas tun fürs Volk – wobei das Geld dafür oftmals aus den berühmt-berüchtigten Wohltätigkeitskassen der Regierungspartei AKP fließt. Außerdem habe ich den Eindruck, rein subjektiv, dass die Muezzine lauter und inbrünstiger rufen als sonst. Immerhin nicht so inbrünstig wie in Kairo.

In den Zeitungen ist der Ramadan an den zunehmenden Berichten über Schlägereien, aggressive Autofahrer (Taxifahrer!) und Hauskräche abzulesen, und das ist nicht, wie man mir versichert hat, dem Sommerloch geschuldet. Wenn ich bei der Bullenhitze den ganzen Tag nichts trinken dürfte, würde ich wahrscheinlich auch in die Luft gehen.

Bewundert habe ich neulich im Flugzeug eine superfreundliche Stewardess, die auf einem abendlichen Flug von Berlin nach Istanbul mit den diversen Sonderwünschen der fastenden Passagiere konfrontiert wurde. Manche nahmen die berühmten „Chicken or Stew“-Menüs von Turkish Airlines zwar an, warteten aber nervös ab, bis die Sonne weg war und die Zeit zum Fastenbrechen anbrach. Andere bestanden darauf, das Essen zum richtigen Zeitpunkt warm serviert zu bekommen. So zum Beispiel ein korpulenter junger deutscher Salafist mit mächtigem Bart, der in der Reihe vor mir saß. Die Stewardess blieb stets lieb, auch wenn ihr der Islamist sichtlich auf die Nerven ging, sie behandelte ihn einfach wie ein großes, verzogenes Kind. Als sie ihm sein dampfendes Essen dann fünf Minuten zu früh brachte, wurde er wütend, sie nahm den Teller und kam später tatsächlich noch einmal zurück. Bewundernswert!

Ich unterhielt mich mit der Stewardess kurz über den Ramadan im Flugzeug, und sie sagte, das Problem seien die verschiedenen Zeiten. Da es keine Instanz gibt, die genau festlegt, wann über den Wolken der rechte Zeitpunkt zum Fastenbrechen kommt, richten sich die meisten frommen Passagiere nach der jeweiligen Zeitzone am Boden. Andere wiederum bestehen auf der Einhaltung ihrer heimatlichen Essens-Zeit. „Es ist wirklich nicht leicht, es allen recht zu machen“, seufzte die Ramadan-erfahrene Frau. Der Salafist trank dann erstmal fast einen Liter Wasser, bevor er sich dem Huhn widmete. Auf seine Figur schien der Fastenmonat keine besonderen Auswirkungen zu haben.

Da war der Captain schon fast im Landeanflug. Ich aber nahm mir vor, wenigstens symbolisch mit meinen türkischen Mitmenschen Solidarität zu üben, mit ihnen zu fasten und ab jetzt tagsüber nur die Hälfte zu essen (das ist die katholische Lösung). Es hilft – ein Kilo habe ich schon runter!

Ein Gedanke zu „Fastenzeit

  1. Ihren Bericht las ich sehr gern. Das sind auch meine Beobachtungen und Wahrnehmungen. Ich hoffe, dass Sie Ihre Beobachtungen Ihrer deutschen Leserschaft glaubhaft genauso herüberbringen können.
    Die Türkei wird immer mehr als ein islam(ist)iches Land wahrgenommen. Eine Differenzierung ist in den Köpfen der 08/15 Nachrichten-Konsumenenten ist kaum möglich.

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