Ferienzeit

Istanbul stöhnt – über die ungewöhnliche Hitze aus Nordafrika (bis zu 40 Grad), die das Bosporus-Wasser zum Verdunsten bringt und uns hier tropisches Klima beschert. Unsere Wohnung heizt sich enorm auf, und deshalb habe ich mir einen Ventilator gekauft, extra leise und stromsparend. Trotzdem gab es in unserer Straße schon den ersten sommerlichen Stromausfall, vermutlich wegen des Massiveinsatzes von Klimaanlagen – bei uns ist die Butter im Kühlschrank geschmolzen.

Da Ferienzeit ist, sind viele Istanbuler zwar schon aus der Stadt in ihre Sommerhäuser geflohen, aber man merkt es nicht wirklich, weil die Abwanderung durch die Touristenmassen aufgewogen wird. Ich frage mich immer wieder, wer so verrückt ist, im Juli nach Istanbul zu kommen – aber wir haben auch gerade Besuch, und den Leuten gefällt’s. Man muss das mögen.

Istanbul stöhnt – über das Verkehrschaos, weil die Brücken ausgebessert werden und es jeden Tag zu endlosen, kräfte- und nervenzehrenden Staus kommt. Der Bürgermeister Kadir Topbaş hat sich rechtzeitig in die Ferien geflüchtet, wird deshalb zu Recht von der Boulevardpresse beschimpft – und da kann der Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan seine Sultansqualitäten beweisen. Er hat versprochen, dass der Verkehr bald wieder frei fließt. Inşallah.

Letzte Woche hatte ich das Glück, Istanbul Richtung Ägäisküste verlassen zu dürfen, um eine Sommerreportage für unsere diesjährige Sommerserie zu verfassen. Auf Rat von Freunden landete ich in Altinoluk am Golf von Edremit und schaffte es sogar, einmal im Meer zu baden. Kühl und erfrischend war es! Viele Istanbuler fahren nach Altinoluk, weil man den Ort und seine Nachbardörfer in knapp sechs Stunden mit dem Auto erreichen kann.


Am Hafen von Altinoluk

Und hier ist mein Text, der in der Berliner Zeitung am Donnerstag, den 12. Juli erschienen ist:

Ausruhen in der alten Heimat

„Papa, kommst du mit ins Wasser?“, bettelt die kleine Ipek. Aber Papa hat eigentlich gar keine Lust dazu. Es ist elf Uhr vormittags, Selçuk Yüksel sitzt mit seiner Frau Gülten und seinem Freund Ibrahim auf der Terrasse des Hotels Akcam im türkischen Ferienort Altinoluk an der westlichen Ägäisküste, trinkt Tee und tauscht Anekdoten aus. Fürs Baden ist ja noch so viel Zeit. „Herrlich“, sagt der 42-jährige Mann in Shorts und Polohemd, der als Chirurg in einem Krankenhaus in der westtürkischen Großstadt Denizli arbeitet. „Es geht doch nichts über Ferien in der Heimat.“ Seine zierliche, stille Frau Gülten, auch Ärztin, nickt zustimmend.

Die Familie Yüksel, zu der noch der 15-jährige Sohn Cari gehört, kommt jedes Jahr für zehn Tage nach Altinoluk. Um auszuspannen, alte Freunde zu treffen, die klare Luft und das kühle Wasser zu genießen. Sie stehen spät auf, trinken Tee, gehen zum Strand. Sie gehen Eis essen, Tee trinken und wieder zum Strand. Sie schwimmen, treffen Freunde auf der Hotelterrasse und trinken Tee. Mehr nicht. „Wozu auch?“, sagt Selçuk Yülksel. Selbst das Kulturprogramm der Stadt mit Konzerten im neuen Amphitheater lässt die Eheleute kalt – viel zu anstrengend.


Gülten und Selçuk Yüksel mit ihrer neunjährigen Tochter Ipek. Der 15-jährige Sohn Cari hatte keine Lust, fotografiert zu werden

Wenn sie den Blick über die Küste schweifen lassen, sehen sie grünweiß gestreifte, blaue und gelbe Sonnenschirme. Sie sehen andere Familien, die zum Strand wandern, Schwimmreifen unterm Arm und Strohhüte auf dem Kopf. Sie sehen Tretboote auf dem Meer, aber keine Bananenboote oder Jetskis. Die lautesten Geräusche sind das Juchzen der Kinder im Wasser und das Radio von der Eisbude. Szenen wie aus Rimini in den Fünfzigern.

Feriensiedlungen wuchern die Berge hinauf

Selçuk Yüksel deutet auf die tiefgrünen Küstenberge, die sich zweihundert Meter in den blauen Himmel erheben. „Dort oben bin ich geboren“, sagt er, „im alten Altinoluk. Als ich klein war, gab es hier unten nur Sümpfe und Olivenhaine.“ Und den kleinen Hafen, um den das neue Altinoluk wuchs, damals in den Neunzigern, als die Mittelschichten der Türkei wohlhabend genug wurden, um sich einen Urlaub am Meer leisten zu können. Jetzt ziehen sich Feriensiedlungen fast die gesamte Küste entlang und wuchern teils schon die Berge hinauf.


Steg am Strand von Altinoluk


Der Stand am Hotel Akcam: entspannt


Der Strand am Hafen: voll belegt

In Selçuk Yüksels Kindheit lebten in Altinoluk etwa 3000 Menschen; Urlaub machte damals niemand hier. „Hier war ja nichts“, sagt er. Als er fünf Jahre alt war, entschloss sich sein Vater, der in Altinoluk als Lehrer arbeitete, das Dorf zu verlassen und nach Istanbul zu gehen, um den Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. In Istanbul waren die Sommer heiß und lang, türkische Schulkinder haben drei Monate Ferien. „Wir freuten uns immer auf die zwei Wochen in Altinoluk.“ Seither ist er fast jeden Sommer in die alte Heimat gekommen. Mehr als die Luft, das Wasser und die alten Freunde brauche er auch nicht, sagt Selçuk Yüksel.

Die Familie war zwar schon einmal im Ausland, in London, doch für sie gilt wie für den Großteil der türkischen Mittelschicht: Der bescheidene Wohlstand lässt kaum etwas anderes zu als Urlaub im eigenen Land, und der soll dann an der Ägäisküste sein. Die Yüksels teilen ihre zwanzig Urlaubstage auf zwischen Altinoluk und Antalya. Das südlicher gelegene Antalya ist vergleichsweise teuer, mit Tauchkursen, Gleitschirmfliegen, Diskotheken und internationalem Tourismus. Das alles gibt es in Altinoluk nicht. Noch nicht.

Wenn es nach Altinoluks Bürgermeister Hasan Özpolat geht, dann ist das aber die Zukunft der Region. „Wir wollen hier auch Ausländer haben und natürlich Fünf-Sterne-Hotels“, sagt der 46-jährige. Er verspricht sich davon mehr Steuereinnahmen, um die Infrastruktur zu verbessern. „Altinoluk ist zu schnell gewachsen“, sagt Özpolat, der selbst Architekt ist. Immerhin habe der Stadtrat darauf geachtet, dass nicht höher als vier Stockwerke gebaut wurde und bestimmte Berghänge nicht zubetoniert werden dürfen.


Bürgermeister Hasan Özpolat. Man beachte das interessante Atatürk-Stickbild.


Der Bürgermeister und der Journalist aus Berlin-Spandau

An der Wand in Özpolats Büro hängt ein Foto von Altinoluk, wie es vor 50 Jahren war. Ein kleines Dorf, Olivenhaine, die Küste naturbelassen. „Es ist türkische Tradition, ein Sommerhaus zu haben, vor allem für Rentner, und je mehr die Bevölkerung wuchs, desto mehr Sommerhäuser wurden benötigt“, erläutert der Bürgermeister. Seit den Achtzigerjahren hat die Regierung den Bau von Feriendomizilen massiv mit Krediten gefördert. Allein in Altinoluk entstanden 62.000 Häuser und Eigentumswohnungen, die meisten in den letzten fünfzehn Jahren. „Im Winter haben wir 20.000 Einwohner, aber im Sommer steigt die Zahl auf 250.000.“ Das stellt die Gemeinde vor Probleme mit Versorgung, Müllabfuhr, Verkehr. Zum Glück kommt genug Trinkwasser von den Bergen, es gibt eine neue Kläranlage.


Der kleine Hafen von Altinoluk

Geisterstadt im Winter

Im Winter aber ist Altinoluk eine Geisterstadt, was der Bürgermeister mit einem Achselzucken quittiert. Es kommt ja wieder ein Sommer. Er würde nur gern den Kulturtourismus entwickeln. „Ganz in der Nähe liegen hochrangige Ausgrabungsstätten wie Troja und Assos“, sagt er. Bisher wird Altinoluk vor allem von Gästen aus Istanbul und Ankara angesteuert, die preiswert Ferien machen wollen und sich ein Haus mieten. Viele der alten Ferienhäuser gehören zudem türkischen Rentnern, die sich über mehr Trubel in ihrem „Rimini“ nicht unbedingt freuen würden.

Eine Runde solch rüstiger Ruheständler aus Istanbul trifft sich täglich in der kleinen Sportanlage von Altinoluk. Zu ihnen gehören Gülden Sayman und ihr Mann Yildirim. Die beiden haben die ganze Welt gesehen, denn er war Manager der Fluglinie Turkish Airlines. Aber nirgends fühlen sie sich so wohl wie in Altinoluk, wo sie seit 32 Jahren ein Ferienhaus besitzen und fünf Monate des Jahres leben. „Es ist nur schade, dass es immer voller wird“, sagt Gülden Sayman. Andererseits wünscht sie sich internationales Publikum. „Jetzt kommen immer mehr Konservative aus Istanbul und Ankara. Ihre Frauen tragen Kopftücher und Ganzkörperbadeanzüge, das passt hier nicht hin.“


Die rüstigen Rentner von Altinoluk


Andere Rentner beim Brettspiel

Auf der Terrasse und am Strand des zweistöckigen Hotels Akçam tragen die Männer Bermudas und die Frauen Bikini. Selçuk und Gülten Yüksel betrachten sich als moderne Türken. Ein Ferienhaus haben sie nicht gekauft, um unabhängiger zu sein. Sie buchen stets Zimmer im Hotel Akçam, das die Gemeinde Ende der Sechzigerjahre errichten ließ. „Wir haben Meerblick, Vollpension und einen eigenen Strand“, sagt die Ärztin. Nein, es würde ihr gar nicht passen, auch in den Ferien kochen und putzen zu müssen. Dann bezahlen die Yüksels ihren Tee, nehmen die Badetücher und lassen sich von Ipek zum Strand lotsen.