Flucht in die Türkei

Obwohl es mit Istanbul nichts zu tun hat, ist es doch schön, auch mal positive Nachrichten vermelden zu können – und eine solche war heute, dass nun auch der dritte in Syrien gekidnappte Mitarbeiter von Rupert Neudecks Grünhelmen sich aus der Geiselhaft in Syrien befreien konnte. Am gestrigen Dienstagabend und heute vormittag habe ich mehrmals mit Rupert Neudeck in Deutschland telefoniert, und er hat mir die abenteuerlichen Umstände der Flucht seiner drei Freunde in die Türkei geschildert. Sie wurden von Dschihadisten festgehalten, die offenbar aus Tschetschenien, Bosnien und sogar aus Deutschland stammten; zumindest einer der Entführer sprach Deutsch mit ihnen. Ich habe die Umstände der Entführung und Flucht, über die bisher nicht viel bekannt war, hier zusammengefasst.

Rupert Neudeck nennt die Entführer zu Recht Kriminelle – denn was anderes sind diese Leute, die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Syrien entführen? Wie können sie von sich behaupten, dass sie sich für ihre muslimischen Brüder in Syrien einsetzen? Ich war mit Neudeck und einem der später Entführten, dem jungen Mechaniker Bernd Blechschmidt, im vergangenen Herbst nach Syrien ins Rebellengebiet gefahren. Ich habe beobachtet, wie sie in einer zerbombten Region, in die sich keine anderen Hilfsorganisationen hineintrauten, einfach anpackten und begannen, zerstörte Gebäude wieder aufzubauen. In der Berliner Zeitung und in meinem Blog (mit vielen Fotos) können Sie nachlesen, was ich später darüber geschrieben habe.

Die Leute in Syrien liebten sie dafür – es war ein kleines, aber enorm wichtiges Zeichen menschlicher Solidarität in einem Land, wo sich die Menschen vom Westen verlassen und verraten fühlen. Tatsächlich erreichen die Hilfsgüter der großen Hilfswerke wie des Roten Halbmonds oder des UNHCR fast ausschließlich die vom Assad-Regime gehaltenen Gebiete. In den Rebellengebieten leben aber auch Menschen, denen es ziemlich dreckig geht – sie werden vergessen, oder man überlässt sie völlig der „Obhut“ von Dschihadisten mit ihrem Geld aus Saudi-Arabien. Was die von humanitärer Hilfe halten, haben sie im Fall von Neudecks Mitarbeitern hinreichend bewiesen. Jetzt sind Bernd Blechschmidt, Simon Sauer und Ziad Nouri wieder frei, aber die zermürbende Geiselhaft und Erniedrigung in einem üblen Verlies werden sie nie vergessen.

Auch Rupert Neudeck kritisiert, dass die humanitäre Hilfe der Weltgemeinschaft fast ausschließlich den Menschen in den von Assad kontrollierten Gebieten zugute kommt. Diese Kritik hat er – ebenso deutlich wie seinen Zorn auf die Freie Syrische Armee, die weder die Bevölkerung noch ausländische Helfer zu schützen imstande ist – auch in einem „Syrischen Tagebuch“ formuliert, das bisher nicht im Buchhandel ist, weil Ziad Nouri nicht gefährdet werden sollte. Ich habe es vorab lesen können und möchte es jedem empfehlen, der sich informieren will, wie es den Menschen in Syrien wirklich geht, geschrieben von einem erfahrenen humanitären Helfer, der mit seinen 74 Jahren immer noch für seine selbstgewählte Aufgabe brennt.

Kaum bekannt ist die Tatsache, dass etwa hundert weitere Ausländer in Syrien in Geiselhaft gehalten werden, nicht nur von Dschihadisten, auch von anderen Verbrechern und von Schergen des Assad-Regimes. Unter ihnen ist der deutsche Journalist Armin Wertz, der Mitte Mai in Aleppo von Regierungssoldaten gefangen genommen wurde und seither inhaftiert ist. Sein Verbrechen? Er hatte kein ordentliches syrisches Visum. Er wollte über den Bürgerkrieg in Syrien berichten und war über die Türkei illegal in das Rebellengebiet eingereist. Die offizielle Einreise als kritischer Journalist ist aber von Damaskus nicht erwünscht. Armin Wertz hatte mich vor seiner Reise angerufen, um nach meinen Erfahrungen in Syrien zu fragen. Ich hatte übrigens selbst vergeblich probiert, ein Visum für Syrien zu bekommen, bevor ich mit Rupert Neudeck „illegal“ einreiste.

Die entführten Ausländer bekommen immerhin noch etwas internationale Aufmerksamkeit, nach den gekidnappten Syrern kräht kein Hahn. Dabei sind es Hunderte, vielleicht Tausende, die meist wegen Lösegeldforderungen in irgendwelchen Verliesen verkümmern, darunter auch mehrere hundert Kurden, die von Dschihadisten und Mitgliedern der Freien Syrischen Armee gefangen gehalten werden. Es ist wichtig, sie nicht zu vergessen.