Fluchtort Thessaloniki

Länger als einen Monat ist es jetzt her, seit ich in Thessaloniki mit Flüchtlingen aus der Türkei gesprochen habe, die dort ein neues Leben beginnen. Die meisten der etwa zehn Gesprächspartner/innen waren Gülenisten, darunter ein führendes Mitglied der Sekte. Den Kontakt hatte ich über den früheren Chefredakteur des Gülen-nahen Nachrichtenmagazins Nokta, Cevheri Güven, hergestellt. Ich hatte ihn 2016 ein halbes Jahr vor dem Putschversuch in Istanbul interviewt. Er flüchtete mit seiner Familie kurz nach dem gescheiterten Umsturzversuch, da er damit rechnen musste, für unbestimmte Zeit im Gefängnis zu landen. Staatspräsident Erdoğan persönlich hatte ihn im Fernsehen wegen eines kritischen Titelbildes bedroht.

In Thessaloniki wollte ich nicht nur Gülenisten, sondern unbedingt auch andere türkische Flüchtlinge sprechen, musste aber feststellen, dass es kaum welche gibt, denn die meisten anderen nehmen entweder die Balkanroute nach Westeuropa oder gehen nach Athen, wo viele dann auch die Möglichkeit nutzen, mit dem Flugzeug über Italien oder Spanien nach Deutschland oder Schweden zu reisen. Die Gülenisten in Thessaloniki überraschten mich, weil sie zum einen dort bleiben wollten. Zum anderen bemerkte ich bei ihnen interessante psychologische Veränderungen, die mit dem Exil zu tun haben.

In der Türkei hatte ich immer wieder mit ihnen zu tun, weil ich sie beruflich interessant fand – immerhin habe ich mich 20 Jahre lang mit Sekten befasst. Die normalen mitglieder kamen mir immer sehr streng und puritanisch vor, ein bisschen wie Mitglieder der Neuapostolischen Kirche. In Thessaloniki öffnen sie sich. Immer wieder hörte ich, dass sie zwar traurig seien, weil sie ihre Heimat verlassen mussten, aber andererseits auch froh, etwas von der Welt zu sehen. In Griechenland geraten viele Vorurteile ins Wanken, zum Beispiel, dass Griechen grundsätzlich Türken gegenüber feindlich eingestellt seien. Alle Gülenisten ohne Ausnahme sagten, dass sie sich in Thessaloniki willkommen fühlten. Eine erstaunliche Erfahrung.

Ich habe dann eine Reportage geschrieben, die in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht wurde, zum Beispiel in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau. Hier stelle ich eine leicht erweiterte Fassung ein.

Die Geräuschlosen

Seit der türkische Präsident Erdoğan die Anhänger des Islampredigers Gülen für den Putschversuch im Sommer 2016 verantwortlich macht, müssen sie fliehen. Viele von ihnen haben in der griechischen Hafenstadt Thessaloniki eine neue Heimat gefunden.


Vedat Erdoğan entschied sich zur Flucht nach Thessaloniki, weil seiner Frau mit Haft gedroht wurde.

Der kleine Laden mit blickdichten Schaufenstern nahe dem berühmten Weißen Turm in Thessaloniki hat nicht einmal ein Geschäftsschild. In den zwei vollgestopften, ungeheizten Räumen stapeln sich Honiggläser, Nudeltüten, Bohnenkonserven, an Kleiderstangen hängen Second-Hand-Klamotten, in Regalen liegt Kinderspielzeug.

Doch so unscheinbar das kleine Lager in der nordgriechischen Hafenstadt wirkt, es birgt die Keimzelle von etwas Großem: die Rückkehr der Türken in die einstmals zweitgrößte Stadt des Osmanischen Reiches.

Die vier Männer, die an diesem nasskalten Dezembertag hier nach Kleidern schauen, hat kein freier Entschluss nach Thessaloniki geführt. Sie sind aus der Türkei geflohen. „Das Warenlager ist extrem wichtig für uns“, sagt der 34-jährige Vedat Erdoğan, der die Räume verwaltet. „Unsere Ersparnisse reichen zum Leben nicht aus, wir sind auf die Hilfe der Cemaat angewiesen.“ Das türkische Wort bedeutet „Gemeinde“ und bezeichnet im Alltagsjargon die Sekte des in den USA lebenden Islampredigers Fethullah Gülen, die der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan für den versuchten Militärputsch vom Juli 2016 verantwortlich macht – was der Geistliche bestreitet.

„Damals wurde unser Leben komplett auf den Kopf gestellt“, klagt Vedat Erdoğan, der aus der ostanatolischen Stadt Gaziantep stammt und als Pädagoge für die „Cemaat“ tätig war. Wie er wurden hunderttausende Anhänger der Bewegung, die einst mit ihren Anwälten, Richtern, Lehrern, Polizisten und Ärzten Erdoğans autoritäres System stützte, über Nacht zu „Terroristen“ erklärt und gesellschaftlich geächtet. 150.000 Menschen wurden ihrer Arbeit beraubt, mehr als 50.000 verhaftet. Inzwischen ziehe der Staat sogar die Autos von Geflüchteten ein, sagen die Migranten im Warenlager, das Gülenisten mit Spenden aus ganz Europa aufgebaut haben.

Menschen werden als „Terroristen“ verhaftet

Noch nie in der jüngeren Geschichte flohen so viele Türken und Kurden nach Griechenland wie seit dem gescheiterten Putschversuch. Ihre Anzahl hat sich offiziellen Angaben aus Athen zufolge 2018 gegenüber dem Vorjahr erneut mehr als verdoppelt, denn die „Säuberungen“ in der Türkei nehmen kein Ende. Viele Flüchtlinge wählen inzwischen die gefährliche Route über die Landgrenze am reißenden Evros-Fluss (türkisch: Meriç) statt über die ägäischen Inseln mit ihren berüchtigten Hotspot-Lagern.

Jeder Gang ins Exil ist ein privates Drama, aber er kann auch Überraschungen bereithalten. In der Schule habe er gelernt, dass die Griechen Feinde seien, doch die Wirklichkeit sei völlig anders, sagt Vedat Erdoğan. „Die Griechen haben uns gerettet.“ Umgekehrt staunten Griechen, die sich an elend wirkende Migranten aus Afghanistan, Pakistan und Syrien gewöhnt hatten, über die gülenistischen Flüchtlinge: gut gekleidet, Euro in der Brieftasche, seriöses Auftreten.

Auch die vier Männer im Warenlager sind Angehörige dieser neuen, religiös geprägten und gut ausgebildeten türkischen Mittelschicht. Sie waren Lehrer an Gülen-Schulen, von denen es früher Hunderte im ganzen Land gab. Sich zur „Cemaat“ zu bekennen, war im Erdoğan-Staat einst ein Grund für Anerkennung, nicht für Verfolgung.

Dass sie bei ihrer ersten Fahrt ins Ausland ausgerechnet in Griechenland landeten, ist aber gar nicht so abwegig. „Meine Großeltern stammen aus Salonika, wie wir es nennen. Sie sind nach dem ersten Weltkrieg in die Türkei gegangen, ich kehre jetzt zurück“, sagt einer der Männer, ein Nachhilfeschullehrer mit gestutztem Vollbart. Ähnlich äußert sich sein Freund, ein Psychologielehrer aus Istanbul, das schüttere Haar zu einem kleinen Zopf gebunden. „Mein Großvater stammt aus Drama nahe der Grenze. Hier fühle ich mich als freier Mensch.“

Wie man es häufig bei Sekten findet, eint die Männer eine verblüffende Ähnlichkeit im Auftreten. Sie sind alle Ende dreißig, in ihrer Art ähnlich sachlich und sanft. Und sie verbindet der gemeinsame Wille, in Thessaloniki, wo sie auf ihren Asylbescheid warten, ein neues Leben zu beginnen.

Ungebrochenes Gemeinschaftsgefühl

Vedat Erdoğans Geschichte ist exemplarisch. In den Tagen nach dem Putschversuch wurden seine Kollegen und Freunde verhaftet. Seine Frau wurde zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Ihr angebliches Verbrechen bestand darin, dass sie ein Studentenwohnheim der Gülenisten leitete. Da sie zunächst nur unter Hausarrest stand, entschieden sich die Eheleute zur Flucht. An einem kalten Tag im Februar stiegen sie mit ihren beiden Kleinkindern in der türkischen Grenzstadt Edirne aus dem Bus und übergaben einem Schlepper 5500 Euro für die Passage. Am Evros mussten sie ein Schlauchboot besteigen und ans griechische Flussufer paddeln. „Wir hatten riesige Angst, aber alles ging glatt“, erzählt der kleine, freundliche Mann.

Seine Freunde sind mit ihren drei- bis fünfköpfigen Familien erst vor Kurzem nach Thessaloniki gekommen, alle drei wurden wegen angeblicher „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ zu sieben bis neun Jahren Haft verurteilt, wurden teilweise gefoltert, versteckten sich monatelang vor der Polizei. Die konkreten „Beweise“ gegen sie lauteten: Konto bei der Gülen-nahen Bank Asya, Abonnement der Gülen-Zeitung Zaman oder Besitz der bei Gülenisten beliebten Messenger-App Bylock. „Mörder erhalten in der Türkei geringere Strafen“, sagt Vedat Erdoğan.

Die Frage nach der möglichen Beteiligung von Gülenisten am Putschversuch entlockt den Männern nur ein müdes Lächeln. „Das glauben wir nicht“, sagen sie. „Falls es eine Verbindung gibt, wissen wir nichts davon.“

Die vier Glaubensbrüder haben mit voller Absicht in Griechenland Asyl beantragt. Sie gehören zu einer wachsenden Gruppe von Flüchtlingen aus der Türkei, die nicht nach Nordeuropa weiterziehen, sondern in der Nähe der Heimat bleiben will – für den Fall, dass sich die Zustände dort doch noch ändern sollten. „Sich hier niederzulassen, ist leider extrem schwierig“, sagt Vedat Erdoğan. Die Arbeitslosenquote in Thessaloniki beträgt mehr als 25 Prozent, die mitgebrachten Ersparnisse gehen zur Neige. Geld von der Bewegung bekämen sie nicht. „Aber wir helfen uns gegenseitig.“. Sie organisieren Griechisch-Kurse, ihre Ärzte und Psychologen versorgen Landsleute kostenlos, und sie wollen gemeinsam Firmen gründen.

Thessaloniki setzt auf Integration

Nach Erkenntnissen der griechischen Polizei stammen von den rund 14.000 Menschen, die von Januar bis September illegal über den Evros ins Land kamen, etwa die Hälfte aus der Türkei. Der Anteil der Gülenisten werde nicht gesondert erfasst, aber er sei erheblich, sagt Sofia Aslanidou, Pädagogik-Professorin und Vorsitzende des städtischen Flüchtlingsrats von Thessaloniki in ihrem schlichten Büro nahe dem Weißen Turm. Die resolute Mittfünzigerin bestätigt insgesamt eine deutliche Zunahme von Flüchtlingen, die aus der Türkei über den Evros kommen. „Wer aber zum Beispiel nach Deutschland will, beantragt hier kein Asyl, weil er sonst dort gemäß den Dublin-Regeln der EU nicht anerkannt würde.“


Sofia Aslanidou sieht den Zuzug der Türken mit Sympathie.

6000 registrierte Asylsuchende leben derzeit in der Millionenstadt, davon rund ein Drittel aus der Türkei. „Fast alle sind Gülenisten“, sagt Sofia Aslanidou. Wer Asyl beantragt, hat Anspruch auf die Hilfe des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, die für eine vierköpfige Familie rund 400 Euro monatlich beträgt, was gerade die Miete deckt. „Wir helfen bei der Wohnungssuche, bei Sprachkursen oder der Einschulung der Kinder.“ Fühlte sich die Kommune zunächst vom Flüchtlingsansturm überwältigt, so habe man sich inzwischen angepasst, „von der Nothilfe zur Integration“.

Thessaloniki hat zwar Probleme mit einigen Migranten, die in Parks schlafen und kriminell werden, weil sie sich illegal im Land aufhalten. „Generell kann ich aber sagen, dass uns die Türken am wenigsten Probleme bereiten“, erläutert Sofia Aslanidou. Sie sieht den Zuzug mit Sympathie, denn die Neubürger würden sich schnell und praktisch geräuschlos integrieren. „Es hängt damit zusammen, dass sie eine relativ homogene Gruppe sind und zur Mittelschicht gehören. Sie lernen schnell Griechisch und haben fast alle ihre Kinder in unseren Schulen untergebracht.“

Der Exodus der Gülenisten nach Griechenland hat aber auch die historischen Spannungen zwischen den Nachbarländern verstärkt. Die Türkei beschuldigt die Athener Regierung, „Terroristen“ eine Heimstatt zu bieten und fordert deren Auslieferung. Doch der Abbau des türkischen Rechtsstaats und zunehmende Berichte über Folter führen dazu, dass Asylgesuche von Gülenisten praktisch nicht abgelehnt werden. Dass ausgerechnet Thessaloniki, die alte osmanische Metropole und Heimat des türkischen Staatsgründers Atatürk, jetzt zum Zentrum von Auswanderern aus der Türkei werde, findet Frau Aslanidou gut. „Das bringt eine neue multiethnische Note in unsere Gesellschaft. Außerdem existieren in Thessaloniki keine Vorurteile gegen Türken. Hier gibt es viele Griechen, die Türkisch sprechen, weil sie früher in der Türkei gelebt haben.“

Gefahr durch Entführungen

Linke und kurdische Flüchtlinge aus der Türkei ziehen meist sofort weiter nach Athen, um von dort die Weiterreise nach Nordeuropa zu organisieren, bestätigt Ragıp Duran, ein erfahrener türkischer Journalist aus Istanbul, der seit drei Jahren in Thessaloniki für die oppositionelle Internet-Nachrichtenplattform Artı Gerçek arbeitet. Die Türkei, sagt der 64-Jährige, sei „zu einer Hölle“ nicht nur für Gülenisten, Linke und Kurden geworden, „sondern auch für ganz normale Leute, die ihre Kinder unter normalen Bedingungen großziehen wollen“.


Die Türkei, sagt Ragip Duran, ist „zu einer Hölle“ geworden, nicht nur für Gülenisten, Linke oder Kurden, „sondern auch für ganz normale Leute“.

Die Gülenisten vergleicht Duran mit dem Opus Dei, der geheimnisumwitterten Elitetruppe des Vatikans. „Sie sind gut ausgebildet und anpassungsfähig.“ Ohnehin sei Thessaloniki ein idealer Ort für Türken, weil die „menschliche Landschaft“ der Heimat sehr ähnlich sei. „Das Essen, die Gewohnheiten, selbst die Musik – alles ist fast wie bei uns zu Hause. Außerdem haben 65 Prozent der Menschen hier anatolische Wurzeln.“ Auch politisch sei Griechenland für türkische Flüchtlinge eine gute Wahl. Denn die Regierung in Athen müsse sich stets dem Vorwurf begegnen, Ankara zu sehr entgegenzukommen – und schütze deshalb Dissidenten.

Auf den Beistand der griechischen Regierung setzt auch Musa Yücel, ein 36-jähriger, früher sehr erfolgreicher Unternehmer aus der türkischen Schwarzmeerstadt Sinop. Er lebt seit vier Monaten mit seiner Frau und drei Kindern in einer kleinen, spärlich möblierten Altbauwohnung in Thessaloniki. Allerdings hat Yücel durchaus Bedenken wegen der Nähe Thessalonikis zur Türkei. „Der Geheimdienst MIT hat schon in vielen Ländern Gülenisten entführt“, sagt er. „Die Gefahr ist real.“

Vor Kurzem war Yücel in Athen, um sich mit einem Freund aus Sinop zu treffen. Zum Abendessen sei überraschend ein Cousin von Fethullah Gülen gekommen, der gerade die Türkei verlassen habe, erzählt er. „Kaum saßen wir zusammen, klingelte es an der Tür, und sechs Mitarbeiter des griechischen Geheimdienstes baten um Einlass. Sie wollten den Gülen-Cousin und uns vor dem MIT warnen. Aber sie sagten auch, sie fühlten sich für uns verantwortlich und würden alles tun, um uns zu schützen.“
Dort werden keine Kinder mehr erzogen, sondern junge Militante trainiert.

Berichte über Folter

Musa Yücel gehörte in der Türkei zur Führungsschicht der Gülenisten. In der 60.000-Einwohner-Stadt Sinop leitete er eine Gülen-nahe Bildungsfirma, die zehn Privatschulen und etliche Wohnheime für rund 3000 Schüler betrieb. Er flog oft nach Europa und Afrika, um internationale Messen und andere Gülen-Schulen zu besuchen. „Der Staatsanwalt fragte mich, warum ich dauernd ins Ausland reise. Er beschuldigte mich der Geldwäsche und Finanzierung der Gülen-Bewegung. Aber sie konnten trotz mehrerer Razzien keinen einzigen Gesetzesverstoß finden – weil es da nichts gibt.“

Zehn Tage nach dem Putschversuch wurde Musa Yücel verhaftet und acht Monate lang unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung in einer überfüllten Zelle eingesperrt, zusammen mit Lehrern, Ärzten, Professoren. In Verhören habe man ihm mit der Vergewaltigung seiner Frau gedroht, sagt er. Inzwischen, sagt Yücel seien alle seine Institute geschlossen oder in Koranschulen umgewandelt worden. „Dort werden keine Kinder mehr erzogen, sondern junge Militante trainiert“. Er holt tief Luft.


Musa Yücel (li.) saß acht Monate im Gefängnis und tauchte danach unter. Schließlich floh er mit seiner Familie.

Der kräftige Mann ließ sich nicht einschüchtern, selbst als er nach der vorläufigen Haftentlassung von Zivilpolizisten beschattet wurde und Freunde und Geschäftspartner unter Druck gesetzt wurden, ihn anzuschwärzen. Yücel tauchte unter und versteckte sich neun Monate lang bei Freunden. „Wegen der schweren Vorwürfe bestand die Gefahr massiver Folter im Gefängnis. Deshalb beschloss ich schließlich im April, nach Griechenland zu fliehen und Asyl zu beantragen.“

Für ihn geht es jetzt vor allem darum, beruflich wieder Fuß zu fassen und seinen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Tatsächlich ist Yücel der erste Migrant aus der Türkei, der in der Stadt einen Imbiss mit türkischen Spezialitäten wie Döner, Börek und Baklava eröffnen wird. „Ich werde mir jetzt hier ein Leben aufbauen.“ Doch wenn er über die erzwungene Trennung von seinen Eltern in Sinop spricht, dann schießen ihm die Tränen in die Augen. Einen Grund, auf die Gülen-Bewegung wütend zu sein, sieht Yücel trotz allem nicht. „Es kann sein, dass einzelne kriminell sind und sich auch an dem Putsch beteiligt haben“, sagt er. „Aber ich bin 20 Jahre bei der Bewegung und habe kein einziges Mal Gewalt oder Korruption wahrgenommen.“ Seine Bindung an die „Cemaat“ sei durch die Verfolgung sogar noch enger geworden. „Denn trotz massivem Druck und Folter hat kein einziger meiner Freunde Gewalt angewendet!“

Griechenland bedeutet für sie Freiheit

Ähnlich argumentiert die 34-jährige türkische Journalistin Tuba Güven, aber sie lässt Zweifel zu. Die sportlich gekleidete Journalistin und zweifache Mutter aus Istanbul, die ihr blondes Haar offen trägt, ist an diesem Tag ins Warenlager der Gülen-Bewegung gekommen, um ein Kopftuch für eine Freundin auszusuchen. „Es gibt in der Cemaat jetzt eine interne Diskussion über begangene Fehler“, sagt sie. „Es ist klar, dass Politik und Religion strikt getrennt sein müssen. Unsere Bewegung öffnet sich, sie wird säkularer und weniger patriarchalisch.“


Die Journalistin Tuba Güven sagt über ihr Leben in Thessaloniki: „Hier habe ich erfahren, was Freiheit bedeutet.“

Weil Staatschef Erdoğan ihren Ehemann Cevheri im Fernsehen persönlich mit Haft bedrohte, nachdem dieser in einem Gülen-nahen Nachrichtenmagazin ein Erdoğan-kritisches Titelbild gedruckt hatte, entschieden sich die Güvens bereits unmittelbar nach dem Putschversuch zu fliehen. „Wir mussten insgesamt 15 000 Euro für den Schleuser bezahlen“, erzählt die lebhafte Frau. Damals waren sie die ersten gülenistischen Flüchtlinge, die Thessaloniki erreichten. Ihr Mann schlug sich weiter nach Deutschland durch, wo er bei einer Exilzeitung arbeitet und das Geld für die Familie verdient. Er hat in Frankfurt erneut Asyl beantragt, was ihm aber gerade mit Verweis auf die Dublin-Regeln abgeschlagen wurde.

„Das ist furchtbar. Eigentlich wollte ich auch nach Deutschland. Nun kann es sein, dass Cevheri zurückkommen muss und wir hier bleiben“, sagt Tuba Güven. Wenn sie etwas aus der Heimat vermisse, dann seien es ihre Eltern in Istanbul und ihre Spaziergänge am Bosporus. Aber die Türkei sei im Innern vergiftet. „Es gibt keinen Rechtsstaat und keine Demokratie mehr, das Leben ist wie ein ziviler Tod. Ich gehe nie wieder zurück.“ In Thessaloniki habe sie einen regelrechten Heilungsprozess durchlebt, sagt sie dann. „Hier habe ich erfahren, was Freiheit bedeutet.“

Fotos: Frank Nordhausen

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