Der 1. Mai in Istanbul (mit vielen Fotos)

Der heutige 1. Mai in Istanbul war wie erwartet von schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei geprägt. Jetzt, wo ich dies hier schreibe, gehen die beiden Seiten noch immer in den Vierteln Okmeydani und Gazi aufeinander los, weitab vom Taksim-Platz, um den heute eigentlich gekämpft werden sollte. Aber der Staat hatte so absurd viel Polizei aufgeboten, dass es für die Gewerkschafter, linken Gruppen und Gezi-Leute völlig aussichtslos war, bis zu der Freifläche vorzudringen. Deshalb konzentrierten sich die Kämpfe auf die angrenzenden Bezirke Şişli, Beşiktas, Tarlabaşı und Okmeydanı.

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Taksim-Platz am 1. Mai, morgens gegen neun Uhr.
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Als ich am Morgen aufwachte, war es unnatürlich still in Cihangir. Die Polizei hatte unser Viertel und eigentlich ganz Beyoğlu komplett abgeriegelt, und weil keine Autos fuhren, herrschte diese völlig ungewohnte Ruhe, wie in einer Geisterstadt. Auch die Straßenbahn fuhr nicht, was große Probleme für die vielen Touristen in den Hotels rund um den Taksim-Platz mit sich brachte. Sie suchten, ihre Rollkoffer hinter sich herschleifend, verzweifelt nach Taxis. Für die Taxifahrer dürfte sich manch hübsches Geschäft ergeben haben.

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Gewerkschafter und linke Gruppen sammeln sich vor dem Hauptquartier der Gewerkschaft DISK im Bezirk Şişli.
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Demonstrationszug in der Halaskargazi-Straße in Şişli

Da ich schnell nach Şişli wollte, wo sich Gewerkschafter sammelten und es zum Laufen zu weit war, nahm ich ein Taxi, dessen Fahrer den Preis auf mehr als das Doppelte hochschraubte, weil es angeblich so gefährlich war, dorthin zu fahren. Da Beyoğlu abgesperrt war, musste er einen ziemlichen Umweg über Eyüp und das Goldene Horn nehmen. Als wir Okmeydanı erreichten, war die Straße plötzlich voller Tränengas, und es knallte von allen Seiten. Der Taxifahrer bekam Panik und weigerte sich weiterzufahren.

Also stieg ich aus, was journalistisch gesehen ein Glücksfall war, weil ich dadurch vor dem Memorial Hospital einen jungen Arzt kennenlernte, der gerade von der Nachtschicht kam und auch zum Taksim-Platz wollte. Er wurde dann die Hauptperson in meiner kleinen Reportage, die ich später schrieb und die Sie hier und hier nachlesen können. Wir erwischten ein Taxi, dessen Fahrer mehr Mut hatte und gelangten damit bis zum Hauptquartier der Gewerkschaft DISK in Şişli, wo sich gegen 10:00 Uhr etwa 2000 Demonstranten angesammelt hatten. Kurz vor elf Uhr formierte sich ein Demo-Zug, der recht bald in der breiten Halaskargazi-Straße auf eine massive Polizeisperre traf.

Nach einer Vorwarnung, auf die niemand reagierte, wurde der Wasserwerfer aktiviert, und dann begann die Straßenschlacht. Als alle rannten, rannte ich mit und wurde total durchnässt. Zum Glück wurde ich von keiner Tränengasgranate getroffen, und meine Gasmaske funktionierte auch tadellos. Später geriet ich noch mehrfach in schwere Auseinandersetzungen und musste auch befürchten, von den recht professionell wirkenden Zwillen-Schützen auf Demonstrantenseite getroffen zu werden. Wie immer waren die errichteten Barrikaden nicht der Rede wert, aber diesmal wurde doch recht massiv mit Steinen geworfen, mit Feuerwerkskörpern, mit Murmeln und sogar Stahlkugeln geschossen. Die Polizei ließ sich nicht lumpen und ballerte ebenfalls mit allem herum, was an Gummmigeschossen, Gas- und Krachgranaten verfügbar war. Das war kein Spaß. In Beşiktas war irgendwann so viel Tränengas in der Luft, dass Menschen aus ihren Wohnungen evakuiert werden mussten.

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Tränengasangriff der Polizei in der Halaskargazi-Straße in Şişli.
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Demonstranten (oder Provokateure) schießen mit Zwillen auf die Polizei.
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Straßenkampf in den Seitenstraßen, Bezirk Şişli.
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Angeblich wurden auch neue Hightechwaffen eingesetzt: mobile Straßensperren, die automatisch Tränengas verschießen, wenn man an ihnen klopft oder rüttelt, und die dabei sogar noch filmen. Drei solche blau bemalten Metallwände sollen in Istanbul und eine in Ankara zum Einsatz gekommen sein. Ich konnte davon nichts bemerken, musste aber feststellen, dass die Polizisten heute nicht sehr gut aufgelegt waren und mich dauernd nach meinem Presseausweis fragten, wenn ich Fotos machte, und einmal sogar mitnehmen wollten, weil es ihnen nicht paste, dass ich meiner Arbeit nachging.

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Auseinandersetzungen im Bezirk Şişli.
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Polizist zeigt Stahlkugel, die auf die Beamten geschossen wurde.

Jedenfalls hatte ich nach zwei Stunden genug vom Straßenkampf gesehen und lief zu Fuß zum Taksim-Platz (als Journalist kam ich durch die Sperren), der ebenso wie die Istiklal Caddesi fast gespenstisch leer war. In einem Café am Taksim sprach ich mit mehreren Polizisten, die dort Mittag machten. Sie waren sich uneinig, ob sie das Demonstrationsverbot gut oder schlecht finden sollten. Offenbar sind auch die türkischen Polizeibeamten polarisiert – wie die gesamte Gesellschaft.

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Der leere Taksim-Platz gehörte am frühen Nachmittag den Tauben.
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Die türkischen Fernsehteams auf dem Platz warteten vergeblich auf eine Aktion.
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Viele Polizisten und ein einsamer Simit-Verkäufer.

Am Abend gegen 19.00 Uhr diente mir der Presseausweis noch einmal als Sesam-öffne-dich für die diversen Polizeisperren auf dem Weg zum Taksim-Platz. Überall sah ich Polizisten in den Teestuben und Schnellimbissbuden sitzen, viel zu tun gab es für sie nicht. Da Beyoğlu noch immer autofrei war, nutzten das die jungen Leute, um auf den Straßen Volleyball zu spielen und zwischendurch ab und an ein Revolutionslied wie „Bella Ciao“ anzustimmen oder rhythmisch zu klatschen und damit die Beamten zu ärgern. Die wiederum schlenderten in Gruppen durch die seltsam leere Istiklal Caddesi und nahmen in Gruppen Selfies auf. Die meisten waren wohl aus der Provinz herbeitransportiert worden.

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Volleyballspiel vor Wasserwerfer am Cihangir-Platz.
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Niemand lässt sich beim Essen durch einen TOMA stören.
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Eine von zahlreichen Polizeisperren in Cihangir.

Das alles war einigermaßen absurd, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Millionen Lira dieser völlig überflüssige Polizeieinsatz verschlungen haben mag. Ganz abgesehen von den 90 Verletzten und 150 Verhafteten des Tages. Und zwischendurch versuchten die armen Touristen mit ihren Rollkoffern noch immer, Taxis zu finden. Natürlich vergeblich. Was für eine schlechte Komödie! Dabei war doch angeblich der Taksim-Platz unter anderem deshalb gesperrt worden, damit die Touristen nicht gestört würden.

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Taksim-Platz: Gewerkschaften durften am Morgen ein paar Kränze abwerfen.
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Touristen auf der Suche nach einem Taxi.
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Viel zu tun gab es am Abend nicht mehr …
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… also konnten die uniformierten Polizisten und ihre nicht uniformierten Kollegen Tee trinken.
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Oder sie schlenderten durch die, gemessen am Normalzustand, menschenleere Istiklal Caddesi.
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Da die Polizei überall die Müllcontainer entfernt hatte (beliebtes Barrikadenmaterial), lag der Müll auf der Straße – und entzündete sich leicht.

Wem dient der Irrsinn? Erdoğan hat gewonnen und den Taksim-Platz halbwegs demonstrantenfrei gehalten (zwei Aktivisten schafften es irgendwie doch durch die Sperren und entfalteten ein Transparent, bevor die Polizei sie einkassierte). Aber die moralischen Sieger sind die Gewerkschafter. Sie haben sich ihr Demonstrationsrecht nicht nehmen lassen und Erdoğans „Angebot“, sich auf der neu im Marmarameer aufgeschütteten Demo-Fläche in Yenikapı weit abseits der Innenstadt zu versammeln, glatt ausgeschlagen. Dort war gegen Mittag, wie das Foto eines türkischen Reporters bewies, kein einziger Demonstrant zu sehen.

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Straßenhändler mit Demonstrationszubehör.

2 Gedanken zu „Der 1. Mai in Istanbul (mit vielen Fotos)

  1. Hallo liebes Team!

    Mein Name ist Valerie und ich studiere Kommunikationsdesign an der Würzburger Fachhochschule. Zur Zeit befinde ich mich in Istanbul, um meiner Bachelorarbeit nachzugehen, deren Thema „Muslime – zwischen Tradition und Moderne“ ist. Ich habe Ihren Bericht soeben gelesen, ich bin selbst gestern morgen gegen 9 Uhr in den Straßen gelaufen, um vergebens zum Taksim zur Ubahn oder irgendeinem Bus zu kommen..dass alles gesperrt wurde ist wirklich übertrieben und schadend. Diese Geister Stimmung war erschütternd. Da ich als Frau nicht eben Lust habe, mich mit meiner geliehenen Kamera ins Gedränge zu stürzen, verzichtete ich auf Fotos. Allerdings wäre es schön, wenn ich 2,3 Fotos von Ihrer Seite benutzen könnte und sie in meinem Buch abbilde. Natürlich unter Quellenangabe.

    Ich wollte nur nach Ihrer Erlaubnis fragen;)

    Beste Grüße,

    Valerie

    • Hallo Valerie, kein Problem, Sie können die Bilder gern benutzen, wenn Sie die Quelle angeben. FN.

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