Frühlingsfest

Seit vier Tagen haben wir richtigen Frühling in Istanbul, und da es mein erster Frühling hier ist, bin ich noch ganz verblüfft, wie schnell und selbstverständlich er sich auf Straßen und Plätzen breit macht. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt – und plötzlich ist es warm. Es war gerade einen Tag Frühling, als schon die Büsche und Bäume erblühten. Von bitter kalt hat sich das Wetter auf sommerlich warm eingepegelt – und mit einem Mal ist die Stadt wie verwandelt. Diese besondere Istanbuler Melancholie, die Orhan Pamuk als „hüzün“ bezeichnet und die uns nun vier Monate begleitet hat, sie scheint wie weggeblasen. In den Straßencafés ist kein freier Platz mehr zu finden, sogar die Touristen drängen schon wieder durch Sultanahmet und Beyoglu. Jetzt tuten und hupen die Schiffe nicht nur mit ihren Nebel- und sonstigen Hörnern, jetzt werden auch die Lautsprecher der Ausflugsdampfer aktiviert, und ab morgens um neun können wir englische, französische oder deutsche Sprachfetzen vernehmen, die ihren Fahrgästen von altem osmanischen Glanz und neuer Szeneherrlichkeit im jungen Istanbul künden.

Als ich heute mit meiner Lebensgefährtin selbst einen Dampfer bestieg, um auf die asiatische Bosporusseite überzusetzen, bemerkten wir die vielen jungen Verliebten, die sich nun nicht mehr wie im nasskalten Winter in den engen Straßenbahnen anhimmeln müssen, sondern genug Platz an den Kais und auf den Plätzen unter freiem Himmel finden. Ein weiteres, wie ich mir habe sagen lassen, untrügliches Zeichen für den Abschied vom Winter ist der Wechsel der fliegenden Straßenverkäufer. Noch sieht man sie hier und dort heiße Kastanien auf ihren Herdplatten wenden, aber schon werden diese allerorten von Mais ersetzt. So wird der lieb gewonnene Wintergeruch der Esskastanien vom Sommerduft fetter, goldgelber, saftiger Maiskolben verdrängt. Und die Leute stehen an dafür! Wir hatten das Gefühl, als ob ganz Istanbul das erste richtig warme Wochenende im Freien verbringen wollte. Da wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis auch die Grillsaison beginnt.

Politisch gesehen, wurde der Frühlingsbeginn von Krawallen in den Kurdengebieten begleitet, die Verletzte und sogar Tote forderten und von den sturen Ankaraner Behörden provoziert wurden. Newroz, das kurdische Neujahr, ist ein Fest, das zum Frühlingsbeginn in vielen Ländern der Region begangen wird, etwa im Iran. In der Türkei hat es durch die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte eine starke politische Färbung angenommen – als Manifestation und Selbstvergewisserung der kurdischen Identität -, aber diese Identität wird man gewiss nicht wieder durch Verbote und Tränengas „retürkisieren“. Bis zu einer politischen Lösung in Kurdistan ist es noch ein weiter Weg. Hier ein nachrichtlicher Artikel über die Newroz-Auseinandersetzungen, den ich für die Berliner Zeitung geschrieben habe (wo er leicht gekürzt vergangenen Donnerstag erschien):

Randale beim Neujahrsfest

Die kurdischen Neujahrsfeiern in der Türkei sind von gewalttätigen Unruhen zwischen Demonstranten und der Polizei überschattet worden. Ein Polizist, der bei Protesten im südostanatolischen Cizre angeschossen wurde, erlag am Mittwochmorgen in einem Krankenhaus seinen Verletzungen; vier seiner Kollegen wurden in Hakkari schwer verletzt. Bereits am Sonntag war ein kurdischer Lokalpolitiker in Istanbul gestorben, nachdem ihn ein Tränengasgeschoss der Polizei getroffen hatte. Ein prominenter Kurdenpolitiker erlitt einen Zusammenbruch, als er in Batman zwischen die Fronten von Polizei und Steinewerfern geriet und eine Tränengasgranate in dem Bus landete, in dem er zusammen mit anderen Lokalpolitikern saß. Bei den eskalierenden Auseinandersetzungen wurden in den vergangenen Tagen Dutzende Menschen besonders in den Kurdenhochburgen Diyarbakir, Batman, Van und Mersin verletzt. In der Provinz Diyarbakir wurden die Feiern am Mittwoch vorzeitig abgebrochen.

Zugleich hat die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK das Frühlingsfest offenbar zum Anlass für eine Offensive gegen die Sicherheitskräfte genommen. Vier Polizisten einer Spezialeinheit seien in den Cudi-Bergen bei Gefechten mit der Kurdenguerilla getötet worden, berichteten die türkische Medien am Mittwoch. Nahe dem Zentrum der Stadt Van wurde eine Bombe mit Plastiksprengstoff und Nägeln entschärft. Die PKK kämpft seit Anfang der 1980er Jahre für Unabhängigkeit oder größere Autonomie der Kurdengebiete in der Türkei. In dem Konflikt haben rund 45000 Menschen ihr Leben verloren.

Bis zur Mitte der 1990er Jahre waren die Newroz-Feiern verboten, denn der türkische Staat betrachtete sie als Ausdruck einer verbotenen ethnischen Identität, die es offiziell gar nicht gab. So wurde der kurdische Südosten der Türkei am Frühlingsbeginn regelmäßig zur Bühne randalierender Jugendlicher, die sich damit ihren Mut bewiesen. 1995 dann habe die „Regierung ihre Dummheit eingesehen“ und das Fest sogar zum offiziellen Feiertag erhoben, „an dem Gouverneure und Offiziere übers Feuer hüpften“, wie der türkische Kolumnist Mustafa Akyol in der Hürriyet schrieb. Dennoch nutzen viele Kurden die Newroz-Feiern traditionell, um für eine Autonomie der von ihnen bewohnten Gebiete der Türkei zu werben. Bei den Festlichkeiten mit Feuern, Tanz und Musik strömen Zehntausende Menschen zusammen und bekunden dabei nicht selten ihre Sympathien für die PKK und andere verbotene Kurdenorganisationen wie die Kurdische Gemeindeunion (KCK). Kurdische Organisationen beklagen noch immer eine systematische Diskriminierung ihrer Volksgruppe.

Vorwurf der Provokation

In den vergangenen Jahren verliefen die Feierlichkeiten trotzdem fast störungsfrei und durften sogar auf mehrere Tage ausgedehnt werden. Doch diese Ausweitung wollten die Behörden jetzt nicht mehr dulden. So entzündeten sich die Unruhen am Vorschlag der kurdischen Partei für Frieden und Demokratie (BDP), das Newroz-Fest auf das vergangene Wochenende vorzuziehen, um möglichst vielen Menschen die Teilnahme zu ermöglichen. Doch der als Hardliner bekannte Innenminister Idris Naim Sahin hatte öffentliche Versammlungen zu den Neujahrsfeiern nur für den 21. März, das althergebrachte Newroz-Datum, erlaubt. Als die BDP auf ihrem Vorschlag beharrte und zu Demonstrationen gegen die staatlichen Einschränkungen aufrief, kam es am Sonntag in Istanbul und Diyarbakir zu den ersten heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei, die in den Folgetagen eskalierten.

Der bekannte türkische Kolumnist Mehmet Ali Birand warf der Regierung am Mittwoch in der Hürriyet vor, entgegen den positiven Erfahrungen mit der Deeskalationsstrategie der Vorjahre die Unruhen bewusst provoziert zu haben. Führende Politiker versuchten, beruhigend auf die Kurden einzuwirken. Staatspräsident Abdullah Gül rief die Bevölkerung dazu auf, Versuche, die Atmosphäre von Frieden und Brüderlichkeit zu stören, nicht zuzulassen und sagte: „Jeder Mensch ist ein untrennbarer und gleichwertiger Teil dieser Nation, unabhängig von ethnischen Wurzeln, Sprache, Glaube oder politischer Überzeugung“. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der mit seiner liberaleren Wirtschafts- und Kulturpolitik unter den Kurden viele Wähler für die religiös-konservative AKP gewonnen hat, erklärte beschwörend: „Wir begehen diesen bedeutenden Tag Hand in Hand und halten stärker zusammen als je zuvor.“