„Geht und lebt im Wald“

Das neue Semester an den türkischen Universitäten hat begonnen, und schon flammen auch die Proteste von Umweltschützern wieder auf. Am heutigen Donnerstagabend versammelten sich in Ankara einige hundert Demonstranten, um gegen die fortgesetzten Bauarbeiten auf dem Gelände der Technischen Universität des Nahen Ostens (ODTÜ) zu demonstrieren, wo eine Straße mitten durch den grünen Campus gebaut wird, für die insgesamt 3000 Baume gefällt werden sollen, wie die Umweltschützer sagen. Die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Studenten vor.

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Graffito in Istanbul.

In Ankara haben die Verantwortlichen offenbar Angst vor einem „heißen Herbst“, denn anders als in Istanbul beim Gezi-Protest lenkt der Staat wenigstens teilweise ein. Der Umweltschutz- und Stadtentwicklungsminister Erdoğan Bayraktar erklärte vorgestern laut der regierungsnahen Zeitung Star, dass die größere der beiden geplanten Straßen durch den Campus jetzt in einen Tunnel verlegt werde. “Das ist sehr teuer und kostet rund 100 Millionen Lira. Aber die Stadt Ankara bringt dieses Opfer, um den ODTÜ-Campus zu beschützen.“ Den Tunnel-Vorschlag hatte ursprünglich der Universitätsrektor gemacht, wohl aus Angst, dass seine Lehranstalt mit immerhin 25000 als besonders rebellisch geltenden Studenten in ein Aufruhrsemester abgleitet.

Für mich verblüffend ist immer wieder das unglaubliche Tempo, mit dem solche Verwaltungsentscheidungen in der Türkei getroffen werden, als ob es keine Planungsgremien und demokratischen Hürden gäbe. Und es gibt sie ja auch tatsächlich nur auf dem Papier. Die Straße wird von den Bürgern abgelehnt? Passt nicht? Okay, dann verlegen wir sie unter die Erde und brummen die Kosten dem Steuerzahler auf. Beschlossen und verkündet. Ob es dann auch so kommt, steht auf einem anderen Blatt.

Diese für einen Berliner wie mich irritierende Schnelligkeit der Baubürokratie sorgt auch dafür, dass in unserem Viertel Cihangir gerade wieder zwei alte Häuser abgerissen wurden, ohne dass die Öffentlichkeit vorher davon erfuhr. Die Gebäude sind dann wirklich innerhalb einer Woche verschwunden, und man fragt sich beim Vorbeigehen an den Baulücken, ob da überhaupt mal was stand. Und dann wird in Windeseile das neue Renditeobjekt hochgezogen. Sehr erdbebensicher sehen die meisten Neubauten in unserer Gegend übrigens nicht aus. Kein Wunder bei dem Tempo!

Vermintes Gelände

Gestern traf ich mich mal wieder mit dem jungen Chef der nicht anerkannten türkischen Polizeigewerkschaft, der mir erzählte, dass die ODTÜ für die Polizei als etwas Besonderes gelte. Als vermintes Terrain sozusagen. „Wir haben bei Einsätzen an der ODTÜ immer den Befehl, alle mit Samthandschuhen anzufassen und angemessenen Abstand zu wahren“, sagte er. Ich fragte ihn, wieso das? Er antwortete mit bestechend türkischer Logik: „Weil das die Eliteuniversität der Türkei ist. An der ODTÜ haben einige unserer Minister studiert und es studieren dort sicher zukünftige Politiker. Die Polizeiführung will auf keinen Fall, dass wir Studenten hart anfassen, die mal Minister sein könnten.“

Solche an sich erfreulichen Deeskalationseffekte macht der Ministerpräsident Tayyip Erdoğan mit seiner ruppigen Art allerdings sofort wieder zunichte. Erdoğan ist ein autoritärer Haudegen, der mich an Politiker in der Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre erinnert, die gegen „Schmeißfliegen“ vorgehen und Umweltschützer „mit der Dachlatte“ verbleuen wollten. Vorgestern sagte er bei der Grundsteinlegung eines Universitätskrankenhauses in Ankara einen Satz, wie ich ihn früher hunderte Male in Deutschland gehört habe – einen jener Politikersätze, die viel dazu beigetragen haben, dass die Partei der Grünen entstand.

Erdoğan erzählte, auf dem Weg zu der Veranstaltung habe er ein Plakat mit der Aufschrift „Wir wollen Wälder, nicht Straßen“ gesehen. Er fuhr fort: „Straßen sind ein Teil der Zivilisation. Geht und lebt im Wald, oder hört wenigstens auf, die Leute in den Städten zu belästigen.“