Geiseln befreit, Flüchtlinge in Not

Der heutige Sonnabend ist ein guter Tag für die Türkei, denn die 49 Geiseln aus dem türkischen Konsulat in Mossul wurden gegen ein Uhr nachts am türkisch-syrischen Grenzübergang Akçakale von der IS-Miliz freigelassen. Noch ist über die Hintergründe nicht viel bekannt, Präsident Erdoğan und Ministerpräsident Davutoğlu haben sich in ihrer Schilderung des Hergangs widersprochen. Klar scheint, dass der Geheimdienst MIT die Verhandlungen mit den Terroristen geführt und dabei „alle Tricks“ angewendet hat, wie es hieß. Was zunächst bekannt wurde, können Sie hier und hier nachlesen.

Offenbar wurden die Geiseln acht Mal verlegt und waren bis vor Kurzem noch in der Nähe von Mossul gefangen, bis sie kurzfristig nach Syrien gebracht und dann zur Grenze transportiert wurden. Nach Angaben Davutoğlus gab es in letzter Sekunde Probleme wegen der Flüchtlingsströme aus der syrischen Kurdenenklave Kobani, gegen die der IS seit Freitag eine massive Offensive an mindestens fünf Fronten führt. Der Premier deutete an, dass die Türkei ihre Grenzen für die Flüchtlinge auch öffnete, um die Geiselübergabe nicht zu gefährden.

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Vor IS-Terrormiliz geflohene Jesiden im Nordirak.

Laut Davutoğlu überquerten bis Sonnabendnachmittag rund 60.000 syrische Kurden aus Kobani die Grenze zur Türkei. Dort greifen die Dschihadisten an, weil sie sich einen größeren Grenzstreifen zur Türkei sichern wollen, denn inzwischen scheinen die türkischen Abschottungsmaßnahmen im Rahmen von Obamas Anti-IS-Koalition zu greifen. Es ist für die Bärtigen deutlich schwerer geworden, die Grenze nach Syrien zu überqueren und Nachschub zu organisieren.

Doch allen Beteuerungen des Obamas zum Trotz schützt niemand die Kurden in Kobani außer ihnen selbst. Ein dramatischer Hilfsappell des nordirakischen Kurden-Premiers Massud Barsani blieb ohne Echo. Es gibt keine Luftschläge, keine Waffenhilfe, nichts. Beschämend.

Während sich in Kobani, wo die Terrormiliz seit Freitag mehr als 20 Dörfer überrannte, ein neuer Genozid abzeichnet, leiden die Opfer der letzten IS-Massaker unter mangelnder Versorgung und fehlenden Hilfsgütern. Im Nordirak, den ich kürzlich besuchte, muss man einer humanitären Katastrophe sprechen, denn die kurdische Autonomie-Regierung, das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und westliche NGOs schaffen es bei weitem nicht, die rund 1,2 Millionen Flüchtlinge in der Region angemessen zu versorgen: Jesiden, Turkmenen, Christen, andere Minderheiten. Und jetzt steht der Winter vor der Tür! Dieses humanitäre Desaster findet in Europa und in Deutschland viel zu wenig Beachtung, es gibt viel zu wenig Spenden.

Von meiner Reise in den Nordirak habe ich eine Reportage mitgebracht, die ich Ihnen hier vorstellen will. Wie mir Flüchtlinge berichteten, die ich gestern in den Lagern im Nordirak angerufen habe, hat sich an den katastrophalen Zuständen in den vergangenen drei Wochen nur graduell etwas geändert. Wenn Sie durch Spenden helfen wollen, kann ich das Diakonische Werk empfehlen, dessen effektive Hilfe für jesidische und christliche Flüchtlinge ich vor Ort in Erbil beobachten konnte.

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Nur das nackte Leben

DOHUK. Zehn riesige Kessel sind es, in denen die Mitarbeiter von Barakat Yzdin herumrühren. Acht Kessel voll Reis, zwei voll roter Soße mit Tomaten und Rindfleischstücken. Noch wird es dauern bis zur Ausgabe der Mahlzeiten, aber schon haben sich Hunderte Flüchtlinge vor den Tischen auf der Straße angestellt. Eine Stunde stehen sie jetzt in der sengenden Sonne, getrennt nach Männern und Frauen. Die meisten sind jung, Jesiden haben viele Kinder.

Zwischen den Töpfen und den Menschen versucht Barakat Yzdin, den Überblick zu behalten. „Wir brauchen mehr Wasserflaschen!“, ruft er. Barakat Yzdin ist der Mann, der den jesidischen Flüchtlingen in Chanke, eine halbe Autostunde entfernt von der nordirakischen Großstadt Dohuk, so etwas wie eine Überlebensperspektive und den Glauben an das Gute im Menschen wiedergibt. „Er ist der einzige, der etwas für uns tut“, sagt ein junger Mann vorn in der Schlange.

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Wartende Flüchtlinge in Chanke.

Fragt man die Menschen, warum sie hier sind, so erzählen sie verstörende Geschichten, die von geköpften Brüdern und Vätern, von verschleppten und vergewaltigten Schwestern und Müttern handeln. Oder vom Gefängnis in Badusch nahe Mosul, in dem die Dschihadisten-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) 1200 Jesiden unter unmenschlichen Bedingungen weggeschlossen haben soll.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind seit dem Blitzkrieg der IS-Extremisten vom Juni rund 1,2 Millionen Menschen in den Nordirak geflohen – zusätzlich zu den ohnehin schon hier lebenden rund 300.000 Flüchtlingen aus Syrien. Die Flüchtlingshilfe UNHCR hat deshalb die höchste Alarmstufe ausgerufen, zum vierten Mal überhaupt in ihrer Geschichte.

„Sehen Sie sich um“, sagt Barakat Yzdin. „Die Leute sind hungrig. Sie haben nichts zu essen. Ich dachte, ich muss etwas unternehmen.“ Der 40-jährige Vater von vier Kindern, Geschäftsmann und Besitzer mehrerer gut gehender Restaurants, ist ein Beispiel für jene Hilfsbereitschaft, ohne die die gewaltige Flüchtlingswelle längst unbeherrschbar geworden wäre.

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Barakat Yzdin vor der Essenausgabe in Chanke.

Flüchtlinge lagern auf Baustellen

Wenn man die Dorfstraße in der hügeligen, steppenartigen Gegend entlangblickt, sieht man Dutzende Frauen Wasser in Eimern in das gegenüberliegende Lager tragen. Dort stehen 500 vom UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, hastig errichtete Zelte, die Platz für rund 4000 Jesiden bieten.

Chanke ist für diese Menschen der vorerst letzte Ort ihrer Odyssee auf der Flucht, die sie aus dem Schengal-Tal auf den Sindschar-Berg und über Syrien wieder in den Irak führte, wo ihnen die Autonome Region Kurdistan Schutz bietet. Die Vereinten Nationen brachten den Menschen zwar Zelte, sonst aber nichts. Und überall in dem langgestreckten Dorf lagern weitere Flüchtlinge auf Baustellen oder unter Plastikplanen, aus denen sie sich Schattenspender gegen die mörderische Sonne gebastelt haben.

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Flüchtlingslager in Chanke.
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„Ich bin selbst Jeside“, sagt Barakat Yzdin, der die Gesamtzahl der Flüchtlinge in Chanke auf mehr als 10.000 schätzt. „Sie haben nichts, ich habe viel.“ Der Geschäftsmann wohnt in einer luxuriösen Villa gleich neben seiner improvisierten Freiluftkantine, er räumt augenzwinkernd ein, dass er sein Geld mit Alkoholschmuggel gemacht und dann auf die Gastronomie umgesattelt habe. „Deshalb weiß ich, wie man Essen organisiert, und die Köche habe ich auch dazu.“ Fünf Tonnen Reis, 400 Kilo Fleisch und 12000 Flaschen Wasser organisiere er pro Tag, sagt er. „Doch jeden Tag drei Mahlzeiten, das kann ich finanziell nicht auf Dauer schaffen.“ Noch zwei Wochen werde er wohl durchhalten. „Dann muss endlich Hilfe kommen. Ich bin müde. So müde.“

Inzwischen hat sich um den Samariter und den Reporter eine dichte Traube von Menschen gebildet, die wild durcheinander reden. „Wir brauchen Wasser, kaltes Wasser!“, ruft ein älterer Mann mit Turban. „Meine Kinder haben Durchfall, und ich habe keine Medizin“, fleht ein anderer. Der 18-jährige Maschinenbaustudent Massud Ahmed Mahmud bietet schließlich an, den Besucher durch das Lager zu führen, zusammen mit seinem älteren Bruder.

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Maschinenbaustudent Massud Ahmed Mahmud, unten mit Vater (links) und Bruder.
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Wenn am Nachmittag Wind aufkommt, kommt auch der Staub aus der Steppe. Trotzdem sitzen die Flüchtlinge vor ihren Zelten und freuen sich über die Brise. Ihnen allen ist so gut wie nichts geblieben außer dem nackten Leben. In den meisten Zelten liegen nicht einmal Decken, um nachts darauf zu schlafen, das wertvollste Inventar sind die zu Haufen gestapelten Wasserflaschen aus Plastik. Für die 4000 Menschen gibt es nicht mehr als zwei Toiletten im Kulturhaus des Dorfes am Rand des Lagers, wo Frauen in einer schier endlosen Schlange anstehen, um Wasser abzufüllen.

Als Teufelsanbeter verketzert

Im Kulturhaus selbst herrscht Schatten, aber in der Luft hängt ein scharfer Geruch von den mehr als 200 Menschen, die hier lagern. Die meisten Kinder hätten Durchfall, sagt Hamar Rasho, eine 56-jährige Frau mit weißem Kopftuch, die auf einem Sofa sitzt, den Kopf ihres 13-jährigen Enkels Maher Marwan in den Händen hält und auf eine tiefe Narbe unter seinem Haar deutet. Der Knabe ist dort vor sieben Jahren von einem Granatsplitter getroffen worden. „Er braucht dringend seine Medizin gegen die epileptischen Anfälle“, sagt die Großmutter, „aber hier gibt es keine Medizin.“

Die Geschichte ihres Enkels spiegelt die traurige Geschichte der kurdischen Jesiden wieder, einer monotheistischen Religionsgemeinschaft, die seit Jahrhunderten im Irak verfolgt wurde, weil muslimische Hetzer sie wegen ihrer Geheimlehren zu Teufelsanbetern erklärten. Im irakischen Bürgerkrieg zündeten Al-Kaida-Terroristen 2007 in den jesidischen Ortschaften Til Ezer und Siba zwei mit Bomben beladene Lastwagen. Mehr als 500 Menschen starben. Einer von Hunderten Verletzter war Maher Marwan. „Jetzt hat es uns wieder getroffen, wir haben alles verloren“, klagt die alte Frau, „wir sehen in diesem Land keine Zukunft mehr“.

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Hamar Rasho mit ihrem Enkel Maher Marwan.
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Jesidische Flüchtlinge im Kulturhaus von Chanke.
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„Uns blieb keine Zeit, etwas mitzunehmen, als die Da’isch kamen“, sagt Massud Ahmed Mahmud. Da’isch ist die arabische Abkürzung für die islamistischen IS-Milizen. Der Flüchtling erzählt vom Horror, als die Terroristen gegen halb acht Uhr morgens sein Dorf Til Banat überfielen. „Sie kamen zusammen mit den Arabern aus der Umgebung und begannen sofort zu schießen. Wir waren völlig überrascht, schlossen uns in den Häusern ein und riefen die kurdische Peschmerga an, bitte kommt, schützt uns! Sie antworteten, sie kämen sofort, wir sollten zu Hause bleiben und warten – aber niemand kam, sondern sie rannten davon wie die Hasen.“

Die Da’isch hatten das Dorf zunächst nur mit drei Pick-Up-Trucks erreicht, auf denen sie schwere Maschinengewehre montiert hatten und auf alles schossen, was sich bewegte. Trotz ihrer Übermacht flohen Hunderte Mitglieder der Peschmerga-Miliz, der Selbstverteidigungsarmee des kurdischen Nordiraks, aus dem Schengal-Tal und überließen die Jesiden ihrem Schicksal. „Zum Glück hatten 200 Männer ihre Gewehre behalten. Jeder, der eine Waffe hatte, verteidigte uns“, berichtet Massud Ahmed Mahmud. „Nur deshalb konnten wir unsere Leute noch evakuieren.“

Sieben Tage fast ohne Wasser

Sein älterer Bruder Omar Ahmet, der bis vor zum IS-Überfall selbst bei den Peschmerga („Die dem Tod ins Augen sehen“) diente, bezeugt, dass „von oben“ die Anweisung kam, alles stehen zu lassen und sich zurückzuziehen. „Meine Peschmerga-Kameraden sind Feiglinge! Ich habe dann meine Kalaschnikow genommen und gegen die Da’isch gekämpft. Aber wir hatten nicht viel Munition und mussten bald selbst fliehen.“ Immerhin konnten sie fast alle Familienmitglieder retten. „Bis auf unseren 17-jährigen Cousin Noel Kasim. Er ist in Badusch eingesperrt. Wir haben Angst, dass sie ihn umbringen.“

Während die jungen Männer die Dschihadisten aufhielten, rasten ihre Familien mit den Autos zum Sindschar-Gebirge, das wie ein Monument aus der flachen Landschaft emporragt, und marschierten dann zu Fuß weiter. Vom Berg aus konnten sie sehen, wie die Islamisten schließlich das Dorf einnahmen und später begannen, den Berg zu umzingeln. „Und die arabischen Nachbarn plünderten unsere Häuser und transportierten die Beute mit Kleinlastern Richtung Mosul. Unser Geld, das Gold der Frauen, den Fernseher, einfach alles“, sagt Massud Ahmed Mahmud.

Sieben Tage verbrachte seine Familie auf dem Berg – „ohne Nahrung, fast ohne Wasser. Einmal tranken wir aus einer Pfütze am Boden.“ Massud Ahmed Mahmud hat einen alten Mann und zwei Kleinkinder sterben sehen und sagt, wer überlebt habe, sei krank, am Körper und auch an der Seele. Selbst auf dem Berg wurden sie noch einmal von den Da’isch attackiert. „Da kam ein Hubschrauber und hat zwei ihrer Autos zerstört, woraufhin sie sich zurückzogen.“ Mehrmals warfen Helikopter auch Wasser ab. „Einige von uns konnten trinken.“

Rettung durch die PKK

Doch gerettet wurden sie nicht von den Hubschraubern der Peschmerga, sondern von den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG) aus Syrien und den mit diesen verbündeten Guerillakämpfern der PKK aus der Türkei. „Sie kämpften einen Korridor frei, durch den sie uns nach Syrien eskortierten. Ich habe meine Mutter sechs Stunden lang auf den Schultern getragen, weil sie so entkräftet war.“

In Syrien wurden die Flüchtlinge von der YPG mit Lastern und Jeeps dann bis zum Grenzübergang zum Nordirak in Faysh Kabur transportiert – und von dort kamen sie nach Chanke. Massud Ahmed Mahmud sagt, kein Jeside wolle zurück nach Schengal. „Ich habe unseren arabischen Nachbarn, der arbeitslos ist, angerufen“, sagt er, „ich habe ihn gefragt, ob er unsere Sachen hat. Er sagte, er habe alles an sich genommen. Ich fragte ihn, ob er es uns zurückgibt. Da hat er aufgelegt.“ Massud Ahmed Mahmud und die anderen Flüchtlinge sagen, sie wollten nach Europa oder nach Amerika. Weit, weit weg von hier und den bösen Nachbarn. „Sicherheit und Freiheit, das ist alles, was wir wollen.“

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Flüchtlinge in der sengenden Sonne im Lager von Chanke.
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Die Gefahr ist selbst im sicher wirkenden Chanke sehr gegenwärtig. „Dort drüben stehen die Da’isch mit ihren Scharfschützen. Es ist nicht gut, zu nah an den Fluss zu gehen“, sagt Massud Ahmed Mahmud und deutet auf das gegenüberliegende Ufer des Tigris, der 500 Meter entfernt breit durch die verdorrten Hügel mäandert.

Auch der junge Gouverneur von Dohuk, Farhad Amin Atruschi, zu dessen Provinz Chanke zählt, hält die Gefahr für dramatisch nahe. Noch stünden die IS-Milizen gerade 40 Kilometer entfernt von der Provinzhauptstadt, sagt der Politiker bei einem Treffen in seinem Amtssitz. „Die Provinz hat 500.000 Einwohner. Jetzt müssen wir 300.000 Menschen zusätzlich versorgen, die jeden Tag essen wollen. Wie sollen unsere Bäcker so viel mehr Brot produzieren? Akut haben wir Angst, dass Seuchen ausbrechen.“ Die lokalen Behörden seien hoffnungslos überfordert. „Deshalb brauchen wir dringend die Hilfe der internationalen Gemeinschaft. Wenn wir die Krise nicht in den Griff bekommen, besteht die Gefahr, dass unsere Region destabilisiert wird, mit unabsehbaren Folgen für den gesamten Nahen Osten. Und noch immer kommen Flüchtlinge.“

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Chanke: Zwei Wasserhähne für 4000 Menschen.

Riesige Zeltstadt am Grenzübergang

Wenn man sich Faysh Kabur nähert, dem einzigen Grenzübergang des Nordiraks zu Syrien, wo die autonome irakische Kurdenregion an die autonome syrische Kurdenregion grenzt, kann man schon von Weitem eine riesige Zeltstadt sehen. Mehr als 32.000 irakische Flüchtlinge, zumeist Jesiden, wurden in dem ehemaligen Auffanglager für Syrer seit Anfang August untergebracht. Auch in Faysh Kabur fehlen Decken und Zelte, aber es geht geregelter zu als in Chanke. Es gibt Toiletten und Waschgelegenheiten, und eine Krankenstation, die allerdings nur funktioniert, weil sich Ärzte aus Europa gefunden haben, um die Patienten freiwillig zu versorgen.

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Flüchtlingslager Faysh Kabur
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Eine von ihnen ist Jihan Saheed, Hausärztin in Berlin-Neukölln, selbst Jesidin, die ursprünglich auch aus Schengal stammt. Sie praktiziert gemeinsam mit drei weiteren jesidischen Ärzten in einem weißgestrichenen Container, in dem jeder nutzbare Platz mit Medikamentenkisten vollgestapelt ist. Vor dem Container warten etwa dreißig Menschen, drinnen ist es laut, Kleinkinder schreien.

„Wir sind am Rand unserer Kapazitäten, und es kommen immer neue Leute“, sagt Jihan Saheed, die inmitten des Durcheinanders erstaunlich ruhig wirkt. „Die Leute haben keine Milch, keine Windeln, keine Kleidung, kaum Matratzen, und nur einmal Essen am Tag.“ Die meisten Medikamente hätten sie aus Deutschland mitgebracht. „Als wir von der Katastrophe erfuhren, sind wir sofort losgefahren. Denn es zählte jede Minute.“

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In der Krankenstation.

Vor ihr auf dem Tisch liegt gerade ein sieben Tage altes Mädchen, dessen Mutter sich Sorgen macht, weil es Durchfall hat. „Wir werden ihr Infusionen geben“, sagt Jihan Saheed. Fast alle Kinder und viele Erwachsene hätten Magen-Darm-Probleme, hervorgerufen durch die Strapazen der Flucht, die Dehydrierung und Infektionen. Selbst in diesem UN-Lager gebe es bislang nur einmal täglich Essen – Linsensuppe und Reis. „Bitte helfen Sie meinem Kind“, fleht die Mutter der Kleinen, die noch keinen Namen hat. „Nennen wir sie doch einfach Schengal“, schlägt Jihan Saheed vor. Und so bekommt das Baby den Namen, der es für immer an die Katastrophe seines Volkes erinnern wird. Wenn es überlebt.

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