Gespannte Ruhe auf Zypern

Seit ich Istanbul verlassen musste, pendele ich zwischen verschiedenen Orten, zu denen auch die geteilte Insel Zypern gehört. Am heutigen Sonntag finden im griechischen Süden Präsidentschaftswahlen statt, deren Ergebnis auch beeinflussen wird, wie und ob es mit den Verhandlungen über eine Wiedervereinigung der Inselhälften weitergeht.


Altstadt von Nikosia, griechischer Teil.

Der zyprische Winter ist launisch wie unser April in Deutschland, das Wetter wechselt zwischen strahlend blauem Himmel, Wolken und Regenschauern, die für den Wasserhaushalt der Insel unverzichtbar sind. Denn es gibt zu wenig Wasser für die heißen, trockenen Sommer. Selbst jetzt sind Touristen da, die sich im kurzem Hemd auf die Straßé wagen, während sich die Zyprioten mit Pullover und Anorak gegen die 18 Grad Außentemperatur wappnen, die sie als extrem kalt empfinden. Doch tagsüber sitzen sie auch gern in der wärmenden Sonne.

Politisch gesehen, liegt Zypern wie das stille Auge eines Orkans in der Levante, vor der Küste einer Region, die gerade von Krieg, Drama, Leid erschüttert wird. Auch der Wahlkampf hat im Süden wenig Emotionen geweckt. Dagegen brodelt es türkischen Norden. Die Ereignisse in der Türkei und in Syrien werfen ihre Schatten. Auch davon handelt meine folgende Reportage, die Sie auch in der Frankfurter Rundschau nachlesen können.


Am Grenzübergang Ledra-Straße in Nikosia.

Gespannte Ruhe auf Zypern

Auf der geteilten Insel spielen vor der Präsidentenwahl erstmals Wirtschaftsthemen eine größere Rolle als die Wiedervereinigung.

Am vergangenen Montag wurden die Bewohner der östlichen Mittelmeerinsel Zypern plötzlich daran erinnert, dass die dramatischen Ereignisse auf dem nahen Festland in Syrien und der Türkei auch sie betreffen könnten. Da kam es zu einem unerhörten Gewaltausbruch im türkischen Norden der Insel. Nachdem die kleine Zeitung Afrika es gewagt hatte, den militärischen Überfall der Türkei auf die syrische Kurdenenklave Afrin als „Invasion wie in Zypern 1974“ zu bezeichnen, zog sie sich den Zorn des türkischen Präsidenten Erdoğan zu, der seine „Brüder in Nordzypern“ aufrief, „die notwendige Antwort zu geben“.

Am Abend verwüstete ein Mob von 500 fanatisierten Männern die Büros, prügelte sich mit herbeigeeilten Erdoğan-Gegnern und hätte einen Redakteur des Blattes nach Angaben von Zeugen fast gelyncht. Daraufhin folgten am Freitag im Norden der geteilten Hauptstadt Nikosia mehr als 5000 Menschen einem Gewerkschaftsaufruf und demonstrierten gegen die Gewalt, für die sie Erdoğan verantwortlich machten. Es wurde einer der größten Proteste, die es in Nordzypern je gab.

„Diese Vorgänge machen mir Angst“, sagt die Zyperngriechin Anna Elia Nicolaou auf der anderen, der südlichen Seite Nikosias. „Sie zeigen, wie wichtig es ist, dass wir einen Präsidenten bekommen, der endlich eine Lösung für das Zypernproblem aushandelt.“ Sie sitzt im „Home Café“, einem Begegnungszentrum zwischen den Kontrollpunkten der griechischen und der türkischen Seite, mitten in der „Green Line“ genannten Pufferzone, die das EU-Mitglied Republik Zypern im griechischen Süden von der selbsterklärten, nur von Ankara anerkannten „Türkischen Republik Nordzypern“ (KKTC) trennt.


Demonstration von Zyperngriechen und Zyperntürken für die Wiedervereinigung der Insel am gestrigen Sonnabend.

Kaum Wahlplakate in Nikosia

Es ist Wahlkampf in Zypern, aber kaum jemand geht hin. 550.000 griechische Zyprioten sind aufgerufen, am Sonntag in erster Runde einen neuen Präsidenten zu wählen. Doch von der anstehenden Entscheidung ist in der Hauptstadt Nikosia praktisch nichts zu spüren: kaum Wahlplakate, keine Straßenpropaganda, Versammlungen nur im Saal. „Alle glauben, dass es mit demselben Präsidenten genauso weitergeht wie bisher“, sagt Anna Elia Nicolaou, „entsprechend gering ist das Interesse.“

Die schlanke Mittvierzigerin blickt auf die andere Straßenseite, wo sich das alte Luxushotel „Ledra Palace“ erhebt, in dem die Beobachter der Vereinten Nationen ihr Hauptquartier haben. Sie beaufsichtigen den Waffenstillstand, der 1974 auf einen griechischen Putsch, die anschließende türkische Militärinvasion und Teilung der Insel folgte. An der von Stacheldraht gesäumten, mit Betonblöcken gesicherten Straße stehen noch ein paar zertrümmerte Villen, an den Wänden Einschusslöcher. Relikte der damaligen Kämpfe.

Die zierliche Frau will ins Ledra Palace zur Chorprobe. Seit neun Jahren singt sie in der Gruppe von Zyperngriechen und Zyperntürken – eines von mehreren zivilgesellschaftlichen Friedensprojekten in Nikosia, die versuchen, Gemeinsamkeiten zu betonen, was zunehmend schwerer fällt. „Alle haben sich irgendwie mit der Teilung arrangiert“, sagt Nicolaou. „Ja, wir haben ein gutes Leben. Nur denkt kaum jemand daran, dass sich das jederzeit ändern kann.“

In Rekordzeit aus der Krise

Zypern ist eine Präsidialrepublik, der Präsident ist zugleich Regierungschef. Zur Wahl stehen fünf Kandidaten, von denen drei die Chance haben, in die Stichwahl am 4. Februar zu kommen, die vermutlich nötig wird. In Führung liegt laut Umfragen mit rund 30 Prozent der 71-jährige Amtsinhaber Nikos Anastasiadis von der konservativen Partei Disy, ein Jurist, der zwar ebenso farblos ist wie die anderen, der aber für sich verbuchen kann, das Land in Rekordzeit aus der schweren Finanz- und Bankenkrise 2013 herausgeführt zu haben.

Um den zweiten Platz kämpfen mit je 20 bis 22 Prozent der Stimmen der 50-jährige moderate Linke Stavros Malas für die exkommunistische Akel, und der schwerreiche Nikolas Papadopoulos von der Mitte-Rechts-Partei Diko. Der 44 Jahre alte Papadopoulos versucht sich als Populist mit unrealistischen Versprechungen. Er will allen Verlierern des Schuldenschnitts der Finanzkrise von 2013 ihre Verluste ersetzen. „Das kann er niemals einhalten“, sagt Anna Elia Nicolaou. Die gelernte Buchhalterin verlor wie viele Zyperngriechen mitten in der Krise 2012 ihren gut bezahlten Job.

Inzwischen hat sich die Wirtschaft wieder gefangen. Unter Anastasiadis konnte Zypern die Banken sanieren, den Haushalt konsolidieren und die Konjunktur ankurbeln. Die Arbeitslosigkeit fiel von 17 auf elf Prozent, dieses Jahr werden drei Prozent Wirtschaftswachstum erwartet. Der Tourismus erlebte einen beispiellosen Boom. Auch Anna Elia Nicolaou geht es wieder besser, sie fand eine neue Anstellung, bei der sie allerdings nur die Hälfte so viel verdient wie zuvor. Rezessions, Rettungs- und Sparprogramme forderten ihren Preis. Insgesamt haben die Zyprioten heute ein durchschnittlich 15 Prozent niedrigeres Einkommen als vor der Krise.


Demonstration von Zyperngriechen und Zyperntürken für die Wiedervereinigung der Insel am gestrigen Sonnabend.

„Frieden“ auf Griechisch und Türkisch.

Gescheiterte Vereinigungsgespräche

„Mir und meinem Lebensgefährten geht es noch relativ gut“, sagt Nicolaou. Doch eine Freundin habe beim Schuldenschnitt, der auch private Bankkunden betraf, viel Geld verloren. „Sie brauchte das Geld, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Sie ist verzweifelt.“ Es wundert wenig, dass Wirtschaftsthemen für viele Zyprioten bei dieser Wahl erstmals mehr zählen als die Wiedervereinigung der Insel mit ihren insgesamt 1,2 Millionen Einwohnern. Nicht jedoch für Anna Elia Nicolaou.

„Was nützt uns die Lösung der Wirtschaftsprobleme, wenn wir dafür Erdoğan auf der anderen Seite der Grenze haben?“, fragt sie. Sie will deshalb für den „Friedenskandidaten“ Stavros Malas stimmen, der habe sich am klarsten für eine Wiedervereinigung ausgesprochen. Nur er könne ihr noch ermöglichen, ihren Traum zu erfüllen, glaubt sie: die Rückkehr in ihr altes Dorf im Norden, aus dem ihre Familie 1974 vertrieben wurde.

Am Montagabend hat die Buchhalterin die TV-Befragung der fünf Kandidaten verfolgt. „Malas wirkte kompetent“, sagt sie. Er wolle schnell wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. „Er hat gesagt, dass uns im Norden die Zeit davonläuft. Immer mehr Nord-Zyprioten verlassen die Insel, dafür kommen Türken vom Festland, die kein Interesse an der Wiedervereinigung haben.“

Nicolaou hat im vergangenen Sommer mehrfach an den Demonstrationen der griechisch-türkischen Gruppe „Unite Cyprus Now“ auf beiden Seiten der Demarkationslinie teilgenommen. Es war die Zeit, als die Friedensgespräche zwischen Anastasiades und seinem türkisch-zypriotischen Amtskollegen Mustafa Akıncı im Schweizer Kurort Crans Montana so kurz wie noch nie vor einer Einigung standen – und dann im Juli doch wieder scheiterten.

Die jüngeren Zyperngriechen haben die Vereinigung abgeschrieben

Beide Seiten geben sich die Schuld dafür. Hauptstreitpunkt war die Frage der Garantiemächte und der türkischen Truppen nach der Wiedervereinigung. Die griechischen Zyprer verlangen, dass Ankara seine Soldaten von der Insel abzieht und auch nicht mehr das Recht haben soll, in Zypern zu intervenieren. Die türkischen Zyprioten wollen beides beibehalten, boten aber an, die Zahl der türkischen Soldaten von heute 40.000 auf zunächst 650 zu reduzieren. Selbst das war den griechischen Zyprioten noch zu viel. Anna Elia Nicolaou glaubt, dass ihren Präsidenten Anastasiadis am Ende der Mut verließ. „Hätte er unterschrieben, würde ich ihn wählen, aber so ist das unmöglich.“

Der griechisch-zyprische Präsident habe aus gutem Grund gezaudert, meint Hubert Faustmann, deutscher Professor für zyprische Geschichte und Vertreter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Nikosia. Bei einem Referendum 2004 stimmten die Zyperntürken mit großer Mehrheit für die Vereinigung, die Griechen dagegen. Wahrscheinlich würde eine Abstimmung wieder ähnlich ausgehen, da die meisten griechischen Zyprioten überhaupt keine Mitsprache der Türkei wünschen. Laut Umfragen wollen nur die über 40-jährigen griechischen Zyprioten mehrheitlich die Wiedervereinigung, die Jüngeren halten sie für einen Fehler, weil sie die Sicherheit gefährde.

„Es ist besser, den Prozess als noch lebendig darzustellen, als ein neues Referendum zu verlieren, weil dann niemand mehr an eine Lösung glauben würde“, sagt Faustmann. „Andererseits wird die Vereinigung immer unwahrscheinlicher, je länger das alles dauert.“

Neues Zeitfenster für Verhandlungen

Im Wahlkampf hat Anastasiadis nun erklärt, auch er wolle wieder verhandeln. Faustmann rechnet im zweiten Wahlgang mit einem Duell zwischen dem Amtsinhaber und Malas, die beide zumindest verbal in der Zypernfrage für Fortschritte eintreten, während Papadopoulos für einen strikten Konfrontationskurs steht und die Türkei zu Kompromissen zwingen will. Allerdings habe die Mehrheit der Zyprioten den Glauben an ihre Politiker wegen deren uninspirierter Klientelpolitik ohnehin weitgehend verloren; man werde es am Anstieg ungültiger und rechtsradikaler Stimmen ablesen können. Doch die Mehrheit, glaubt Faustmann, werde für das kleinere Übel stimmen – also für Anastasiadis.

Immerhin scheint sich für eine Lösung der Zypernfrage gerade im Norden ein neues Zeitfenster zu öffnen. Noch regiert dort mit dem 70-jährigen Präsidenten Mustafa Akıncı ein erklärter Befürworter der Wiedervereinigung. Erstmals in der Geschichte Nordzyperns besteht die Chance, dass auch der Ministerpräsident dafür eintritt. Zwar hat bei den dortigen Parlamentswahlen im Januar die rechtskonservative Nationale Einheitspartei (UBP), die für eine stärkere Bindung an die Türkei eintritt, die meisten Stimmen gewonnen, aber nicht genug für die Regierungsbildung.

Derzeit deutet alles auf eine Vier-Parteien-Koalition unter Führung der sozialdemokratischen CTP, die ein vereinigtes Zypern anstrebt. Auch deshalb ist die Stimmung im türkischen Norden angespannt. Bei der Prügelei um die Zeitung Afrika hat sich erstmals der schwelende Konflikt zwischen türkischen Zyprioten und Neusiedlern aus der Türkei, die inzwischen fast die Hälfte der rund 320.000 Einwohner des Nordens stellen, gewaltsam entladen.

Jede Stimme zählt

Es ist Abend geworden. Gleich beginnt die Chorprobe. Anna Elia Nicolaou geht über die Straße und klopft an das schwere Stahltor vor dem Ledra-Palace-Komplex. Grelles Flutlicht blendet auf, als ein freundlicher britischer UN-Soldat öffnet und sie durch das alte Foyer in den großen ehemaligen Kaminsaal geleitet. Dort sitzen schon 50 Zyprioten aus beiden Inselteilen, von denen die meisten die Lebensmitte überschritten haben. Die Mitglieder des Chors sprechen miteinander Englisch, das alle älteren Zyprioten wegen der britischen Kolonialherrschaft und ihrer Nachwirkungen noch beherrschen.


Chorprobe im Ledra Palace.

Am Flügel nimmt der türkisch-zyprische Maestro Platz. Die griechisch-zyprische Dirigentin schlägt eine Seite in ihrem Liederbuch auf und stimmt ein altes slowakisches Volkslied an, das von der Liebe, von Freundschaft und Frieden handelt. Anderthalb Stunden lang klingt der Chorgesang wie eine nostalgische Verheißung durch das alte Hotel.

„Wir sind wie eine Familie“, sagt Nicolaou nach der Probe. Neben ihr sitzt Yucem Rasimoğlu, ein 50-jähriger türkisch-zyprischer Banker aus Nord-Nikosia mit gestutztem grauen Vollbart. Der bedächtige Mann, der im südzyprischen Limassol geboren wurde, musste 1974 mit seiner Familie in den Norden flüchten.

Die älteren Zyperntürken hätten immer noch Angst und wollten auf keinen Fall auf die Garantiemacht Türkei verzichten, sagt er, die Zyperngriechen seien nicht dazu bereit, eine Föderation zu akzeptieren, und die Jungen auf beiden Seiten hätten kein Interesse an der Vereinigung, weil sie keine Erinnerung mehr an das Zusammenleben haben. „Es sieht nicht gut aus. Aber unser Chor sendet die Botschaft aus, dass wir trotz allem gut zusammen leben können.“. Genauso sieht es Ana Elia Nicolaou. „Wir haben nicht mehr viel Zeit, und die müssen wir nutzen. Jede Stimme zählt“, sagt sie.


Nikosia, Green Line: UN-Soldaten mit griechischem und türkischem Zypriotzen, Blickrichtung nach Norden.