In Berlin gibt es die O2-Halle …

… und in Istanbul die von den mächtigen türkischen Banken errichteten Konzertsäle. Gestern abend fuhren wir in den Finanzbezirk Levent, wo Istanbul aussieht wie Frankfurt am Main. Wir wollten die algerische Sängerin Souad Massi in der Konzerthalle der IS-Bank erleben. Ich muss an dieser Stelle lobend erwähnen, wie gut das öffentliche Nahverkehrssystem von Istanbul ausgebaut ist. Die Metro brachte uns vom Taksim-Platz in vier Stationen zum Ziel. Schlecht ist nur, dass es kein Kurzstreckenticket gibt (oder wir haben das noch nicht entdeckt). Mit dem sogenannten Akbil, einer Chipkarte bzw. einem schlüsselgroßen Anhänger, die man an den Metro-Eingangssperren über ein Terminal streicht, wird das Geld für eine Fahrt elektronisch abgebucht; den Akbil kann man an speziellen Automaten aufladen. Ohne Akbil kostet eine Fahrt – egal wie viele Stationen – immer 2,00 Lira (0,85 Euro), und bei jedem Umsteigen muss neu bezahlt werden. Längere Fahrten in der Stadt können deshalb teurer sein als mit der BVG in Berlin. Mit Akbil wird es billiger, nämlich voller Preis bei der ersten Fahrt und beim Umsteigen nur noch die Hälfte.

Wir mussten aber nicht umsteigen, und das Ziel war dann auch verhältnismäßig leicht zu finden, da die Banktürme in Levent ihr jeweiliges Logo weithin sichtbar in die Nacht strahlen. Wie erwartet, waren die Ticketpreise verglichen mit Berliner Verhältnissen moderat. Das war nun das vierte Konzert, das ich in Istanbul an jeweils verschiedenen Aufführungsorten besuchte, und die Eintrittspreise liegen eigentlich immer umgerechnet zwischen 20 und 50 Euro. Also etwa halb so hoch wie in Berlin. Gestern zahlten wir pro Person 50 Lira, rund 22 Euro, für wirklich sehr gute Plätze in der zehnten Reihe.

Und damit bin ich schon bei einer typischen Erfahrung, auf die ich als altgedienter Rockmusikliebhaber ganz gern verzichten könnte. Denn so schön es auch ist, in einem edlen, holzverkleideten und komplett bestuhlten Saal der wohlausgesteuerten Darbietung zu lauschen, es stellt sich doch sofort eine Atmosphäre wie in der Philharmonie oder dem Schauspielhaus ein. Alles sehr gediegen, sehr bürgerlich, auch das Publikum, das wie immer aus allen Altersschichten zwischen 16 und 60 kam, kurzum: Man hat nach fünf Minuten Dunkelheit im weichen Polsterstuhl schon arg mit zufallenden Augen zu kämpfen. Dann wird brav geklatscht, man schreckt kurz hoch, und sinkt gleich wieder in den wohligen Dämmerzustand.

Ähnlich war's auch neulich bei Elvis Costello, der ganz allein und unplugged auftrat und eine hinreißende Show bot, vor einem ebenso schläfrigen Publikum, bis er schließlich nur mit seiner Gitarre und seiner Stimme durch die Reihen turnte und den Gästen auf diese Weise einen kleinen Adrenalinschub verpasste. Leute, so geht das aber nicht bei einem Rockkonzert! Man muss stehen und tanzen und trinken und meinetwegen auch rauchen können. Ein Rockkonzert ist doch keine Oper! In Istanbul leider doch.

Die allgemeine Trägheit fiel auch Souad Massi nach zwei Dritteln des Konzertes auf, als sie das Publikum (auf Englisch) fragte, ob sie denn gar so langweilig sei? Sie fügte hinzu: „Wollen Sie, dass ich aufhöre?“ Damit weckte sie die Zuhörer auf und brachte den Saal etwas in Schwung, so dass sich die Istanbuler am Schluss sogar dazu aufrafften, eine Zugabe einzufordern, EINE Zugabe, dann war der Abend zu Ende und alle strömten brav und nüchtern nach Hause. Das Konzert selbst? Es war sehr hübsch, Frau Massi war wunderbar anzuschauen, die äußere Erscheinung zwischen Joan Baez und Emmylou Harris (schwarzhaarig, versteht sich), die Musik zwischen Joan Baez und Tracy Chapman (arabischsprachig). Alles ganz wunderbar, wenn man diese Musik mag, und sehr stilsicher, ganz unprätentiös, mit einer tollen Begleitband vorgetragen. Empfehlenswert! Elvis Costello hat neulich übrigens die Leute mit seiner Turneinlage so auf Trab gebracht, dass sie – ungelogen – zehn Zugaben erklatschten. Und das will etwas heißen in Istanbul.

3 Gedanken zu „In Berlin gibt es die O2-Halle …

  1. Herr Nordhausen, mein Akbil hab’ ich leider in Istanbul liegen lassen – ich muss mir bei nächster Gelegenheit unbedingt wieder eines besorgen, schon allein als Istanbul-Erinnerung und kosmopolitisches Accessoire am Schlüsselbund. Wie es mit Akbil „beim Umsteigen noch etwas günstiger“ wird, bitte ich Sie aber mal zu erklären – ich hab’ mich immer gefragt, wie die ärmeren Istanbuler sich gar nicht mal so lange, aber umsteigeintensive Fahrten leisten können, trotz noch so billiger Einzelfahrten. Übrigens können Sie sich auch bei so einer Behörde, deren Büro am Südufer des Goldenen Horns unterhalb des Sirkeci-Bahnhofs ist, als Journalist registrieren lassen und mit staatlichem Gast-Presseausweis gleich ganz gratis fahren. Das Netzwerk Recherche wäre sicher gegen diese Form von Korruption durch den türkischen StaatJournalistenrabatt, aber ich will die Information mal nicht unterschlagen.

    Als allgemeine Kritik beziehungsweise Anregung – vielleicht taugt sie ja als Themenvorschlag für Ihr Blog oder gar die Medienseite: Schreibweisen türkischer Wörter in deutschen bzw. deutschsprachigen Medien, sollten wir die nicht eigentlich im Regelfall so schreiben wie in der türkischen Sprache? Konkret bin ich eben gleich im zweiten Satz über die „IS Bank“ gestolpert, die ja eigentlich „Iş Bank“ heißt, was zudem wie „Isch“ gesprochen wird. Fast täglich wundere ich mich beim Lesen türkischer Wörter in deutschen Medien, warum sie die Schreibweisen der türkischen Sprache gegenüber jenen der französischen Sprache, diverser slawischer oder skandinavischer Sprachen weniger respektieren.

    Die Verwendung dieser weniger Extra-Zeichen in Ergänzung zur „deutschen Version“ des lateinischen Alphabets, das ja beiden Sprachen gemein ist, ist heute technisch ja kaum noch problematisch, und kein guter Schlussredakteur würde es durchgehen lassen, wenn wir etwa bei französischen (Fremd-)Wörtern die vom deutschen Alphabet abweichenden Zeichen unterschlagen würden und „Francois“, „garcon“, „a la carte“, „pret-a-porter“, „Creme fraiche“, „Dekollete“, „Frotte“, „La Reunion“ oder „Variete“ schrieben. Selbst „Ålesund“ aus dem Norwegischen, „Lech Wałęsa“ oder „Solidarność“, „Václav Havel“ oder den Namen des serbischen Ex-Diktators „Milošević“ setzen viele deutsche Medien ja so wie in der jeweiligen Sprache. (Gut, zugestanden, im Blog haben Sie natürlich keinen Schlussredakteur – da machen die Sonderzeichen vielleicht auch zusätzlich Arbeit.)

    Man kann das natürlich übertriebene Sprach-politische Korrektheit nennen, denn auch die Wanne über dem „g“ oder das Häkchen am „s“ wird kaum jemandem alleine helfen, die Namen „Erdoğan“ oder „Beşiktaş“ halbwegs richtig aussprechen zu können, wenn er’s nicht schon mal zuvor gelernt hat. Und gerade manch einem, der auf Malle und in Antalya erwartet, auf Deutsch bedient zu werden, wird Schreibung und Aussprache fremdsprachiger Wörter eh ziemlich wurscht sein, so lange beim Frühstück die Halbmonde französischen „Krorsongs“ (die ja eigentlich osmanische Halbmonde sind) frisch auf den Tisch kommen.

    Aber der Aufklärung verpflichteter Medien, finde ich, würde es gut stehen, wenigstens jenen Lesern die korrekte Schreibweise zu präsentieren, die sich schon mal gefragt haben, warum der Tagesschau-Sprecher (dank Aussprachedatenbank) „Erdouan“ und „Beschiktasch-Stadion“ sagt. Und jenen, die weiterrecherchieren oder hier und da im Online-Wörterbuch nach Bedeutungen nachschlagen, hilft es ganz praktisch. Wenn am Ende gar Frau Müller oder Herr Schröder den Nachbarn Kazım Sönmez oder die Arbeitskollegin Ayşe Aktaş fragen, wie eigentlich ihr Name ordentlich ausgesprochen wird (oder was sie von diesem Grünen „Ösdemir“ halten), ist es bestimmt eines nicht: ein Hemmnis für die Integration.

    Jetzt bin ich natürlich gespannt, ob Ihr Blog mit UTF-8-kodiertem Text umgehen kann (das verwendete Content-Management-System WordPress hat mit der globalen Zeichenkodierung erfahrungsgemäß keine Probleme) …

    • Hallo Jmi,

      zu Ihrer Frage bezüglich des Akbils: Ich habe heute – am Montag genau darauf geachtet: erste Fahrt kostet den vollen Preis, die zweite die Hälfte. Bei der dritten Fahrt (dem zweiten Umsteigen) musste ich heute wieder den vollen Preis bezahlen.

      Was die Schreibweisen der türkischen Wörter und Eigennamen angeht, tippen Sie ein wichtiges Thema an. Es gibt natürlich in der Berliner Zeitung Richtlinien, wie wir zu verfahren haben. Sie folgen den allgemeinen vom Duden vorgegebenen Regeln. Fürs Türkische bedeutet das z. B., dass wir nicht „Inşallah“ schreiben, sondern „Inschallah“. Für das Russische gelten ähnliche Regeln, und doch drängt sich manchmal – und immer öfter – die englische Transkription durch, die statt „sch“ nur „sh“ oder „zh“ kennt: Zhukov statt (wie es richtig ist) Schukow. Laien machen diesen Fehler sehr häufig: Antonov statt (wie es richtig ist) Antonow, Prokofieff statt Prokofjew usw. Sie merken, es ist ein altbekanntes Problem.

      Ob ich im Blog die türkische Schreibweise benutzen kann, muss ich abklären. Ich neige dazu, aber würde dann trotzdem Kompromisse eingehen, denn das I-Tüpfelchen auf dem großen I von Istanbul beispielsweise sieht für deutsche Augen doch etwas albern aus.

  2. Ja, bei Wörtern und Eigennamen wie Istanbul, Izmir oder Inschallah würde ich auch bei der deutschen Schreibung bleiben – İstanbul sieht irgendwie albern aus in einem deutschsprachigen Text. Schade ist es halt meiner Meinung nach dann, wenn nicht ganz irrelevante Information unterschlagen wird, nämlich jene, dass da vermutlich etwas ganz anders ausgesprochen wird.

    Mir ist übrigens beim Vergleich neulich aufgefallen, dass die Handhabung zwischen verschiedenen Zeitungen und Autoren bzw. Redakteuren ganz unterschiedlich ist. So tauchen bei Zeit Online auch nur hier und da türkisch-korrekte Schreibweisen auf, z. B. Erdoğan, in den meisten Online-Angeboten fand ich durchweg nur deutsche Schreibweisen, die auf türkische Zeichen verzichten; Sie nennen jetzt auch noch die Regeln des Dudens, welche es aber offensichtlich ja auch nur für jene paar Wörter gibt, die längst Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben (wie Inschallah, Derwisch fällt mir noch ein).

    Nun ja, mein Kommentar ist ja eigentlich „off-topic“ und aus kurzem Feedback wurde ein kleines Essay. Ich hoffe, er stört hier nicht. Falls ich mit der technischen Umsetzung im Blog helfen kann, lassen Sie es mich per Email wissen.

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