Istanbul nach den Sommerferien

Liebe Blogleser/innen, Sie haben es gemerkt, ich habe mir eine Sommerpause erlaubt. Nicht, dass es nicht genug zu tun oder zu kommentieren gegeben hätte. Die Türkei ist momentan politisch wie gesellschaftlich eines der interessantesten Länder auf der Erde überhaupt. Inzwischen gibt es einen neuen Präsidenten, einen neuen Ministerpräsidenten, neue Gesetze und neue Probleme – zum Beispiel mit der Rolle der Türkei in Obamas Koalition der Willigen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien.

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Schon deswegen hatte ich journalistisch viel zu tun. Außerdem machte die Türkei nach dem Ramadan ab Ende Juli kollektiv Urlaub, und das färbte wohl auch auf mich ab. Nächste Woche aber beginnt die Schule wieder und damit das normale Leben. Nur die Politiker warten noch etwas ab, bevor der Betrieb wieder richtig losglegt.

Zum anderen habe ich mich in den vergangenen zwei Monaten online ganz auf Twitter konzentriert. Leider ist in Deutschland noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen, dass Twitter inzwischen das wohl wichtigste Medium für aktuelle Nachrichten geworden ist. Die Türken haben das schon lange verstanden. In Deutschland gilt es als großartig, wenn man 2000 Follower interessiert – in der Türkei wird man unter 20.000 Followern überhaupt nicht beachtet.

Obwohl ich nun auch schon zehn Monate dabei bin, brauchte ich doch eine gewisse Zeit, um mich in die Feinheiten des Mediums einzufinden. Mir bringt es deutlich mehr als Facebook. Inzwischen fühle ich mich fit genug, um wieder aus dem Twitter-Tunnel aufzutauchen und mein Blog zu pflegen, das mir jetzt vergleichsweise behäbig und altmodisch vorkommt. Aber das hat ja auch seinen Reiz.

Natürlich lade ich Sie ein, mir auf Twitter zu folgen, unter @NordhausenFrank. Meine Tweets und Retweets drehen sich um Istanbul, die Türkei, den Nahen Osten, die Ukraine, um Journalismus und Gott und die Welt. Wenn ich die Chance habe, aktuelle Geschehnisse direkt zu beobachten, versuche ich auch, live zu twittern.

Außerdem möchte ich Sie an dieser Stelle einladen, mir an die türkische Schwarzmeerküste zu folgen. Dort verbrachte ich kürzlich einige Tage zusammen mit einer Gruppe außerordentlich geschätzter Kolleginnen und Kollegen aus Spanien, USA, Holland, Ukraine und der Türkei. Unsere Aufmerksamkeit galt den politischen Verhältnissen, aber die ökonomischen Verhältnisse stießen uns auf das Naheliegende: die Krise der Haselnusswirtschaft. Diese Krise spielte ja auch in deutschen Medien eine gewisse Rolle – als Nutella-Krise.

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Haselnusslandschaft bei Giresun.

Von der türkischer Haselnusswirtschaft kann man lernen, wie der Neoliberalismus der AKP mit seinem Klientelsystem die Abhängigkeiten auf dem Land verstärkt. Hier zum Nachlesen mein Text, der bereits in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau erschienen ist. Nur hier aber finden Sie die dazugehörigen Fotos.

Knapp wird die türkische Haselnuss
Eine harte März-Frostnacht führt zu erheblichen Ernteeinbußen an der Schwarzmeerküste. Das trifft die Bauern schwerer als die großen Süßwarenkonzerne.

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Sehinaz Karslı hat Glück gehabt. Ihre Haselnusssträucher sehen prächtig aus, die reifen Nüsse ebenfalls. Die 29-jährige Bäuerin steht an einem steilen Berghang nahe der türkischen Schwarzmeerstadt Giresun, rüttelt mit einer langen Harke an den Büschen und sammelt Nüsse, die auf den Boden fallen, in eine große Plastiktasche. Die übrigen Früchte müssen mühsam von den Ästen geklaubt werden. Von ihrer neunköpfigen Familie stehen eine jüngere Schwester, ein großer und ein kleiner Bruder ebenfalls im Berg und pflücken.

Es ist Erntezeit an der sogenannten Haselnussküste der Türkei, die sich dreihundert Kilometer entlang des Schwarzen Meeres zwischen den Städten Samsun und Trabzon erstreckt. Das Küstengebirge, das bis zu 1500 Metern emporsteigt, ist dank Regen und ganzjährig milder Temperaturen immergrün. Nirgends auf der Welt gedeihen Haselnüsse so gut, weshalb bis zu 76 Prozent der Welternte von hier kommen. Normalerweise.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Ende März haben Frost und ein Hagelsturm in einer einzigen Nacht mehr als die Hälfte der reifenden Früchte vernichtet. Die Kaltfront aus Russland hat nicht nur Haselnüsse verdorben, sondern auch Tee bei Rize, Pistazien in Gaziantep und die berühmten Aprikosen von Malatya in Zentralanatolien. „Über 500 Metern hat der Frost alle Blüten vernichtet“, sagt Sehinaz Karslı. „Unsere Bäume haben alles gut überstanden. Aber für andere Bauern und die Wanderarbeiter ist es eine Katastrophe. Sie kämpfen ums Überleben.“ Acht kurdische Pflücker aus Ostanatolien hat die Bäuerin diesmal angeheuert. Für die ist der Verdienst von täglich 38 türkischen Lira, umgerechnet rund 13 Euro, lebenswichtig.

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Haselnussbäuerin Sehinaz Karslı im Haselnussberg bei Giresun.

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Jedes Jahr im August kommen Tausende Saisonarbeiter an die Haselnussküste, um die Nüsse zu ernten.
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Rund zwei Millionen Menschen leben von den Nüssen

Als Folge der Missernte ist der Weltmarktpreis für Haselnüsse bereits um 60 Prozent gestiegen, was die Bild-Zeitung zu der Schlagzeile bewegte: „Schlechte Haselnuss-Ernte in der Türkei – wird jetzt unser Nutella knapp?“ Tatsächlich sind in jedem 400-Gramm-Glas Nutella etwa 60 Haselnüsse enthalten, die überwiegend aus der Türkei kommen.

Auf Anfrage äußert sich der Süßwarengigant Ferrero allerdings gelassen: Erntebedingte Schwankungen seien nichts Neues, man sei in der Lage, angemessen darauf zu reagieren. Die Firma erwarte dank ihrer „vorausschauenden Einkaufs- und Beschaffungspolitik keine Produktionsausfälle für Nutella“ und werde die Preisstrategie festlegen, wenn im Oktober „Umfang und Preis der Ernte feststehen“. Mit der Missernte hat die europäische Süßwarenindustrie offenbar weit weniger Probleme als die türkischen Bauern.

Die beste Haselnussqualität kommt aus der kleinsten Schwarzmeerprovinz Giresun. Anders als sonst an der Küste herrscht in Giresun nicht die in Ankara regierende islamisch-konservative AKP, sondern die oppositionelle sozialdemokratische CHP, und deren Experte für das Haselnusswesen ist der Vizebürgermeister Hayati Tökez, ein kleiner weißhaariger Mann. „Unsere größten Abnehmer sind Ferrero, Nestlé und Milka, die Weltmarktführer für Schokoprodukte. Aber wir werden in der Türkei dieses Jahr nur 540.000 Tonnen erzeugen statt der geplanten 800.000“, sagt Tökez.

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Frisch gepflückte Haselnüsse.
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Haselnussbauernhaus bei Giresun.

Es gibt eine andere Geschichte hinter dem Ernteausfall, und sie handelt von der Liberalisierung und dem Strukturwandel der Wirtschaft im Schwellenland Türkei. Das Haselnussgeschäft macht etwa siebzig Prozent der regionalen Ökonomie aus. Rund zwei Millionen Menschen leben nach Angaben der lokalen Handelskammern direkt, weitere sechs Millionen Türken indirekt davon. Am Schwarzen Meer ist es wie überall auf der Welt, wo eine Monokultur die Wirtschaft beherrscht. Eine Krise lässt das Leben stillstehen. Die Dörfer im Haselnussgürtel sind verwaist, weil die Farmer jetzt nach Istanbul ziehen, um dort auf dem Bau zu arbeiten. Die Basarhändler klagen über vierzig Prozent weniger Umsatz, weil die Kunden fehlen.

System der Abhängigkeiten

Obwohl die Schwarzmeerbauern fast ein Haselnussmonopol besitzen und damit über einen Rohstoff gebieten, der ihnen auf ihrem Markt ein ähnliches Gewicht verleiht, wie ihn die OPEC beim Erdöl hat, sind die meisten Akteure in der Zwei-Milliarden-Dollar-Industrie arm geblieben. Die Arbeitslosigkeit in der Region ist überdurchschnittlich hoch, zahllose Menschen sind weggezogen nach Istanbul, Deutschland oder Österreich.

Giresun etwa, rechnet Tökez vor, hat gegenwärtig 430 000 Einwohner, aber allein in Istanbul wohnten etwa eine Million Menschen mit Wurzeln in der Provinz. Durch Erbteilung seien die meisten Bauerngüter inzwischen kaum noch größer als fünf Hektar. „Das reicht ohne staatliche Subventionen nicht mehr aus zum Überleben. Und weil es hier praktisch keine Alternative gibt zum Haselnussanbau, ziehen die Leute weg.“

Das System der Abhängigkeiten hat sich seit hundert Jahren praktisch nicht geändert. Schokolade produziert am Schwarzen Meer nur eine kleine Fabrik in Ordu. Überhaupt hat sich zwischen Trabzon und Samsun trotz der für den Handel günstigen Lage am Meer kaum Industrie entwickelt. Der vielgerühmte Wirtschaftsboom der Türkei ist nur an der Oberfläche angekommen. Zwar hat die Regierung einiges für die Infrastruktur getan, hat eine Küstenautobahn gebaut und errichtet derzeit einen neuen Flughafen bei Ordu. Aber die vierspurige Küstenstraße hat zugleich das touristische Potenzial entwertet, weil sie verhindert, dass die Strände für den Fremdenverkehr entwickelt werden können.

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Zentrum von Ordu mit Moschee und Seilbahn. Die Provinz ist politisch fest in der Hand der AKP.
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„Es gibt keinen Tourismus, keine Industrie, keine modernen Häfen. Keine Industrieförderpolitik wie in Zentralanatolien. Die Mittelklasse wächst nicht“, sagt in der Großstadt Ordu der Lokaljournalist Erdogan Eriş, der zurzeit täglich über die Haselnusskrise berichten muss. Die Bauern seien einerseits zu unflexibel, verließen sich auf das leicht verdiente Haselnussgeld, seien andererseits finanziell oft gar nicht in der Lage, ihre Produkte zu diversifizieren und neben Haselnüssen etwa Erdbeeren oder Kiwis anzubauen. „Alle leben von der Hand in den Mund“, sagt der Redakteur.

Den größten Profit machen die Süßwarenkonzerne

Geld haben fast nur die Kaufleute in den Städten, die Zwischenhändler und ein knappes Dutzend Großproduzenten – Türken, die gut davon leben, dass sie mit Ferrero und Nestlé Handel treiben. „Den größten Profit aber machen die Süßwarenfirmen im Ausland“, sagt Vizebürgermeister Tökez. „Wir liefern das Rohmaterial Haselnuss, und dann importieren wir Nutella oder Kinderschokolade zum 25-fachen Preis.“ Größter Abnehmer der Früchte ist Deutschland, dann kommen Italien und Frankreich. Bedeutendster Einzelkäufer ist die italienische Firma Ferrero, die 25 Prozent der gesamten Welt-Haselnussproduktion erwirbt und in Marken wie Hanuta, Kinderschokolade und Nutella verarbeitet.

Die deutsche Industrie habe auf die Arbeitsbedingungen der Bauern und Pflücker in der Türkei nur sehr begrenzt Einfluss, erklärt dazu Karsten Daum vom Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie in Bonn, der sich gerade in der Region informiert hat. Man könne ihr auch nicht vorwerfen, dass sie keine Schokoladenfabriken am Schwarzen Meer errichte. „Ferrero und Nestlé bauen schließlich Betriebe in der Türkei. Aber sie gehen natürlich in die großen Ballungsräume, um näher am Konsumenten zu sein.“ Nestlé ist mit fünf Standorten in der Westtürkei vertreten, Ferrero hat im vergangenen Jahr eine Nutella-Fabrik mit 200 Mitarbeitern in Manisa bei Izmir errichtet.

Die Zerstörung der Haselnussbauern-Kooperative

Fragt man Politiker in Giresun und Ordu, die nicht der AKP angehören, so lautet ihre Analyse: Früher sei es den Bauern besser gegangen, weil sie einer Kooperative angehörten, die ihnen gute Preise garantierte, aber der Strukturwandel der Landwirtschaft habe diese Sicherheit zerstört. Seit 1938 waren praktisch alle türkischen Haselnussfarmer in der Kooperative Fiskobirlik organisiert, deren Zweck es war, die Nüsse zu vermarkten und für ihre 230 000 Mitglieder die bestmöglichen Bedingungen herauszuholen. Fiskobirlik erwies sich als starke Interessenvertretung, denn der Verband handelte die Haselnusspreise mit dem Staat aus und erwirkte Subventionen für Dünger und Samen, günstige Kredite und direkte Finanzhilfen für die Mitglieder, die sich zuletzt auf rund 100 Millionen Dollar jährlich summierten.

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Im Zeichen der kleinen schwarzbraunen Frucht: Haselnussdenkmal in Ordu (oben) und in Giresun (unten).
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Als Recep Tayyip Erdoğans AKP 2002 auch mit den Stimmen der konservativen Kleinbauern an die Macht kam, setzte er den wirtschaftlichen Liberalisierungskurs aller türkischen Regierungen seit dem Militärputsch von 1980 fort. In der Landwirtschaft hieß das: massives Zurückfahren der Stützmaßnahmen des kemalistischen Staates. Die Regierung strich bis 2002 rund 4,3 Milliarden Dollar jährlicher Agrarsubventionen. In Folge der radikalen Liberalisierungspolitik mussten viele kleine und mittlere Bauern in der Türkei aufgeben.

Unter der Aufsicht des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank wurde die veraltete türkische Landwirtschaft modernisiert. Erdoğan setzte auf die Privatisierung von Staatsbetrieben und Agrarkooperativen. Der mächtige Verband Fiskobirlik wurde letztlich durch die Aufdeckung eines Korruptionsskandals entmachtet. Ankara strich die Subventionen, die Fiskobirlik an seine Mitglieder weiterreichte und trieb die Kooperative damit 2006 de facto in den Bankrott (de jure existiert sie weiter). Die Folgen des Zusammenbruchs waren dramatisch. Die Preise für Haselnüsse fielen auf ein Drittel.

Viele Bauern warfen daraufhin der AKP vor, sie den Interessen der Süßwarenkonzerne zu opfern. Mehr als Hunderttausend Menschen gingen im August 2006 in Ordu auf die Straße und blockierten mitten in der Erntezeit neun Stunden lang die Küstenautobahn. Sie riefen Parolen gegen Erdoğan und lieferten sich eine blutige Straßenschlacht mit der Polizei. Ihr Zorn richtete sich vor allem gegen den Erdoğan-Berater Cüneyd Zapsu, dessen Plan die Zerschlagung der Kooperative war, der aber zugleich einer der größten türkischen Exporteure war und bis heute als Vorstandsmitglied des globalen Industrieverbandes „Internationaler Nuss- und Trockenfrüchte-Rat“ und als Lobbyist der Süßwarenkonzerne agiert.

Erdoğan gab den Reichen und den Armen

Da entscheidende Parlamentswahlen bevorstanden, lenkte Erdoğan ein. Jeder Bauer erhielt pro Hektar Land ab sofort eine jährliche Entschädigung, außerdem Beihilfen für Pestizide und Dünger, die zusammen durchschnittlich etwa ein Drittel des Jahreseinkommens ergeben. Was der Staat früher über Fiskobirlik verteilte, reicht er nun über die AKP aus. „Das System Erdoğan gab den Reichen und den Armen und hat sie so an sich gebunden“, sagt Mehmet Atalay, Chef der oppositionellen CHP in der Schwarzmeermetropole Samsun.

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Mehmet Atalay (zweiter von links) und seine CHP-Führungsmannschaft in Samsun.
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Hüseyin Akyol, AKP-Vorsitzender von Ordu (im weißen Hemd).

Der AKP-Chef von Ordu, Hüseyin Akyol, der Gäste in der örtlichen Parteizentrale vor einem überlebensgroßen Poster Erdogans empfängt, verteidigt die damaligen Maßnahmen dagegen auch heute noch: „Fiskobirlik wurde schlecht gemanagt. Die AKP hat deshalb erfolgreich den freien Markt eingeführt und unterstützt die Bauern mit Subventionen nach der Größe des bewirtschafteten Landes. Auf die Haselnusspreise haben wir leider keinen Einfluss, denn die bestimmt der Weltmarkt.“

Die Anzahl der Marktteilnehmer ist dabei recht überschaubar. Im vergangenen Jahr kaufte Ferrero die größte türkische Haselnussexportfirma Oltan, die rund fünfzig Prozent der Schwarzmeer-Haselnüsse exportiert. Der zweitgrößte Exporteur Progida wurde 2011 an eine asiatische Firma veräußert. Damit ist auch der Zwischenhandel weitgehend nicht mehr in türkischer Hand.

So wächst die Abhängigkeit der Haselnussbauern weiter, statt sich zu verringern. In der Krise hängen sie desto mehr am Tropf der AKP – und sind umso treuere Wähler, weil die Regierungspartei ihnen immer wieder darlegt, dass die Opposition ihnen die Subventionen wegnehmen wolle. „Das ist kompletter Unsinn, denn die Zuschüsse stehen den Bauern rechtmäßig zu. Aber die Leute haben Angst. Wenn eine Missernte wie dieses Jahr kommt, haben sie nichts als die Subventionen“, entgegnet Mehmet Atalay, der CHP-Vorsitzende von Samsun.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe wird sich wohl erst am Jahresende zeigen, wenn die Kreditkartenschulden der Bauern fällig werden, mit denen sie jetzt die fehlenden Einkünfte überbrücken. Trotz oder wegen der massiven Zukunftsängste bekam Tayyip Erdoğan bei der Präsidentschaftswahl am 10. August in den Haselnusshochburgen am Schwarzen Meer 60 bis 70 Prozent der Stimmen.

„Ohne Erdoğan würden wir die Krise nicht überleben“, sagt der 33-jährige Bauer Ali Arslan, dem ein fünf Hektar großer Haselnussgarten in einem Bergdorf bei Samsun gehört. „Für jeden Hektar Land und für den Dünger bekommen wir einen Zuschuss. Außerdem gibt es Geld für die vier Kinder, eine Pension für den Vater. Mit diesem Geld und unseren Kühen und Hühnern können wir es über den Winter schaffen“, sagt Arslan, dessen gesamte Ernte durch jene eine Nacht im März vernichtet wurde, in der der Frost kam.

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Am Cap Jason bei Ordu, einem der wenigen Küstenabschnitte, der nicht durch die Autobahn zerstört wurde.
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Die alte griechische Jasonkirche hat ein Umweltschützer in Privatinitiative restauriert.
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Der Autor am Cap Jason. Es war windig.