Istanbul und Aleppo II

Es ist wunderbar, in Istanbul, in einer friedlichen Stadt zu sein. Was für ein Geschenk es ist, im Frieden leben zu dürfen, wissen die meisten Leute bei uns in Deutschland wohl gar nicht mehr. Wenn ich aus einem Krisengebiet zurück komme, möchte ich am liebsten allen zurufen: Freut euch des Lebens und seht zu, dass euch der Friede erhalten bleibt! Es dauert erfahrungsgemäß immer eine Weile, bis man den Krieg wieder aus dem Kopf bekommt. Noch erschreckt mich jeder Hubschrauber über Istanbul und die Knallerei der Feuerwerke am Abend.

In Aleppo fiel es mir sehr schwer einzuschlafen, weil die Kampfhubschrauber des Regimes unablässig durch die Häuserschluchten pflügten und das Bum-Bum-Bum ihrer Maschinengewehre sich anhörte, als würde es nur eine Querstraße entfernt abgefeuert. Dabei wurde in den kurdischen Stadtvierteln nicht gekämpft, sondern drei bis vier Kilometer entfernt nahe der Altstadt. Aber die Häuser der Metropole warfen das Echo in das Zimmer, in dem ich schlief. Wenn ich dann völlig übermüdet wegdämmerte, folgten garantiert Abschüsse von Mörsergranaten, und ich stand wieder senkrecht im Bett.


Nächtliche Straße im Kurdenviertel Sheikh Maksoud von Aleppo

Für mich waren es nur vier Tage, aber die Menschen in Aleppo leben damit seit fast drei Monaten. Ein Krankenhausarzt im Kurdenviertel al-Ashrafiya sagte zu mir, dass die Vorräte an Beruhigungs- und Schlafmitteln zur Neige gingen; viele Einwohner Aleppos, gerade auch die Kinder, zeigten Traumatisierungssymptome. Mir selbst berichteten viele Menschen, dass sie wegen des Gefechtslärms nachts gar nicht mehr schlafen könnten, dass ihre Kinder große Angst hätten und oft weinten.

Aus den beiden kurdischen Stadtvierteln Aleppos sind inzwischen rund die Hälfte der Einwohner, etwa 250000 Menschen, vor dem Krieg aufs Land oder in die Türkei geflüchtet. Zurück bleiben diejenigen, die keine Verwandten in der Provinz haben und zu arm sind, irgendwohin fliehen zu können. Es bleiben auch einige, die die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufgegeben haben. Einer von ihnen ist der kurdische Taschenfabrikant Hussein Hasan, der trotz des kriegsbedingten Stillstands von Industrie und Handel in Syriens Wirtschaftsmetropole seine Firma nicht aufgeben will. In einem langen Gespräch in Aleppo hat er mir seine Geschichte erzählt. Gestern ist sie in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau erschienen.

Stillstand in Aleppo

Wegen des Kriegs in Syrien wird in Aleppo kaum mehr produziert. Dabei ist die Stadt ein wichtiger Handelsknoten und stellt etwa ein Drittel aller Exporte Syriens her. Doch der Bürgerkrieg und die Sanktionen des Auslands lassen die Maschinen still stehen.


Kriegswirtschaft: Weil Gas unerschwinglich geworden ist, der elektrische Strom aber kostenlos fließt, sind Elektro-Kochplatten der Renner in Aleppo

Vor einer Woche war der kurdische Fabrikant Hussein Hasan zum letzten Mal im Industriegebiet Sheikh Najjar, um nach seinem Betrieb zu schauen. „Die Freie Armee hat das Gelände vor zwei Monaten eingenommen, daraufhin hat das Regime Bomben geworfen und sogar die Elektrotransformatoren zerstört“, berichtet der 37-jährige ledige Syrer. „Niemand arbeitet dort mehr, viele Fabriken sind kaputt. Mein Betrieb ist zwar noch intakt, aber drinnen leben jetzt Flüchtlinge.“

Die einige Kilometer nordöstlich von Syriens Wirtschaftsmetropole Aleppo gelegene, moderne „Industrial City“ in Sheikh Najjar ist das größte Industriegebiet der Region, wenn nicht ganz Syriens, und für das Assad-Regime wegen seiner petrochemischen und pharmazeutischen Fabriken eigentlich überlebenswichtig. Die insgesamt 538 Fabriken stellen dort außerdem Gebrauchselektronik, Industriemaschinen, Textilien, Teppiche und Lebensmittel her. „Aber jetzt ist der Standort mausetot“, sagt Hussein Hasan, der im kurdischen Teil Aleppos wohnt, dessen Bewohner sich in dem Konflikt bisher neutral verhalten. Hussein Hasan ist Produzent von Ledertaschen und Staubschutzhüllen für Kleidung.

Er hat sich nicht nur wegen seiner Herkunft in Aleppo niedergelassen, sondern auch wegen der einzigartigen Kontakte. Die Stadt ist ein wichtiger Handelsknoten und produziert etwa ein Drittel aller Exporte Syriens – genauer, sie hat produziert, denn nachdem die ausländischen Sanktionen ihre Wirtschaft schwer getroffen hatten, stehen wegen des Kriegs seit mehr als einem Monat fast alle Maschinen still. Ausfuhren finden praktisch nicht mehr statt. „Heute habe ich sämtliche Zwischenhändler Aleppos angerufen, ob sie einen Transport für mich nach Kuwait bringen können“, sagt Hasan. „Alle ohne Ausnahme haben mir geantwortet, dass es derzeit nicht geht. Es ist einfach zu gefährlich.“

Hussein Hasan ist erst 2010 aus dem Libanon nach Syrien zurückgekehrt. Im Nachbarland, wo der Lebensstandard höher ist und man gute Geschäfte mit Europa machen konnte, hatte er 15 Jahre lang Kleiderhüllen für renommierte Abnehmer wie Hugo Boss, GS und Massimo Dutti produziert. „Mir kam zugute, dass ich aus dem kurdischen Viertel Sheikh Maksoud in Aleppo stamme, in dem jeder zweite Laden eine Näherei ist. Wir wissen, wie man näht“, sagt er. Es war die Zeit des Wirtschaftsbooms nach dem Bürgerkrieg im Libanon. Hasan wurde wohlhabend in Beirut. Im Jahr 2000 beschäftigte er bereits 15 Mitarbeiter.


Näherei in Sheikh Maksoud

Europäer glauben, Syrer könnten keine Qualität liefern

Nach dem Attentat auf den libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri im Jahr 2005 kam es jedoch zu Unruhen, die sich ungünstig auf die Geschäftsbeziehungen auswirkten. „Die Umsätze brachen dramatisch ein“, sagt Hussein Hasan. 2006 folgte der Krieg Israels gegen die radikalislamische Hisbollah, Israel verhängte ein Handelsembargo. „Ein Jahr lang war es unmöglich zu exportieren. Deshalb bin ich zurück nach Syrien gegangen.“ Da der Staat gerade das neue Industriegebiet Sheikh Najjar nordöstlich von Aleppo ausgewiesen hatte, sicherte sich Hussein Hasan dort ein Areal von 500 Quadratmetern, auf das er im Frühjahr 2010 seine kleine zweistöckige Fabrik setzte. „Leider glauben die Europäer, Syrer könnten keine Qualität liefern. Aber das wurde mehr als ausgeglichen durch meine neuen Partner in Libyen, Saudi-Arabien, Jordanien, Irak, Katar und den Emiraten“, sagt der Fabrikant.

Gerade als das Geschäft sich richtig gut anließ, begann der Aufstand gegen das Assad-Regime. Anderthalb Jahre später erreichte der Krieg Aleppo. Seither wird auf den Landstraßen geschossen, bewaffnete Banden überfallen Warentransporte, an den zahllosen Checkpoints müssen zuweilen „Steuern“ entrichtet werden. Als Folge ist der Handel weitgehend zusammengebrochen – und mit ihm die Wirtschaft. „90 Prozent aller Waren, die in Aleppo produziert werden, gehen normalerweise nach draußen“, sagt Hussein Hasan. „Das funktioniert jetzt nicht mehr.“

Das Regime in Damaskus hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass sich die Freie Syrische Armee auf Dauer in Aleppo würde festsetzen können. Doch mittlerweile kontrollieren die Rebellen rund 60 Prozent der Stadt, es herrscht ein militärisches Patt, das für die Wirtschaft einer Katastrophe gleichkommt. „Als Reaktion darauf zerstört das Regime seine eigenen Ressourcen“, sagt Hussein Hasan. „Es hinterlässt verbrannte Erde.“ Bis vor zwei Wochen habe das Regime noch einen Straßen-Checkpoint in der „Industrial City“ gehalten – doch inzwischen räumen müssen. „Das ganze Gebiet ist jetzt in den Händen der Freien Armee.“ Ebenso dramatisch sei die Lage im zweiten großen Industriegebiet der Stadt, dem nordwestlich gelegenen Laramon. „Auch dort wurde bombardiert. Auch dort arbeitet niemand mehr.“

Lebensmittelpreise haben sich verdreifacht

Als echter Levantiner hatte Hussein Hasan indessen vorgesorgt. Bereits vor vier Monaten ließ er die Hälfte seiner Maschinen und sein komplettes Warenlager von Sheikh Najjar in einen angemieteten Keller im Kurdenviertel von Aleppo bringen. „Ich bin davon ausgegangen, dass es außerhalb der Stadt Kämpfe geben würde, nicht aber bei uns Kurden.“ Damit lag er zwar richtig. Nur hatte er nicht mit dem Transportproblem gerechnet. Hussein Hasan hat keine Stoff- und Lederreserven mehr. Seine Arbeiter hat er vor einem Monat nach Hause geschickt.

„Nach unseren Informationen arbeiten höchstens noch fünf Prozent der Fabriken und Manufakturen in Aleppo“, sagt Ghareb Heso vom kurdischen Volksrat, der die Kurdenviertel Aleppos derzeit regiert. „Die Ökonomie ist nur noch auf den Binnenmarkt in der Stadt gerichtet.“ Ohnehin seien rund eine Million Menschen bereits aus Aleppo geflüchtet. Nur frische Lebensmittel würden noch – oft unter Lebensgefahr – in die belagerte Stadt gebracht; ihre Preise haben sich in der Regel verdreifacht.

Hussein Hasan bekam vergangene Woche den Anruf eines guten Kunden aus Kuwait. Der Mann wollte für eine Hochzeit 5000 Kleiderhüllen im Wert von 15000 Dollar ordern. „Die Sachen habe ich im Lager, also habe ich zugesagt“, sagt Hasan. Der Libanon habe ihn gelehrt, dass jeder Krieg einmal ein Ende habe. Nur wann, das wisse man leider nicht. „Wie soll ich jetzt nur die Taschen nach Kuwait bringen?“ fragt er.


Herren-Friseursalon in Sheikh Maksoud


Backgammon-Spieler nutzen die Kühle der Nacht


Warten auf Kunden


Imbissbuden-Besitzer in Sheikh Maksoud


Trotz des Krieges wollen die Mitarbeiter dieser Werkstatt nicht auf ihre Wasserpfeife verzichten.