Istanbuler Sommer

Der Sommer in Istanbul ist meistens unerträglich heiß und schwül – in diesem Jahr ist alles anders. Die Istanbuler und die Touristen erfreuen sich an einem Sommer mit sehr gemäßigten Temperaturen, dafür umso heißeren politischen Emotionen. Wir sind seit einigen Tagen aus unserem herrlichen Urlaub im Süden zurück und haben eine Stadt vorgefunden, die noch immer vom Gezi-Fieber angesteckt ist. Es ist nur nicht mehr so sichtbar.

In den vergangenen Tagen habe ich mehrere Park-Foren der Gezi-Leute besucht und dabei festgestellt, wie lebendig und verwurzelt die Bewegung ist. Es wird diskutiert wie bei unser Ökologie- und Friedensbewegung in den 1970ern und 1980ern, es werden Arbeitsgruppen gebildet, zu Themen wie Justiz, Stadtentwicklung, Ökologie und ja, auch: zur Gründung einer neuen Partei, weil die etablierten Parteien sich als unfähig erwiesen haben, die Gezi-Forderungen aufzugreifen. Aber so weit ist es noch nicht.

Zugleich wird praktisch gehandelt. So wie in Deutschland damals Häuser instandbesetzt wurden, um sie vor dem Abriss zu retten, bilden sich jetzt Komitees zur Rettung der Osmanischen Gärten im Bezirk Fatih oder Gruppen, die Brachflächen in unserem Viertel Cihangir aufräumen und begrünen.

Erwachte Zivilgesellschaft

Die regierende AKP und ihr Frontmann Erdogan finden bisher kein Rezept, um mit dem Aufruhr und Fantasiereichtum der neuen Zivilgesellschaft umzugehen. Vorgestern forderte der Ministerpräsident die „normalen“ Mitbürger sogar dazu auf, die topfklopfenden Hausfrauen als „Ruhestörer“ bei der Polizei zu denunzieren. Wie unsouverän! Bei uns wurde damals auch immer an das gesunde Volksempfinden appelliert, und genützt hat es nichts. Die massive Repression – Massenverhaftungen und erste Anklagen – verfehlt bisher auch den gewünschten Effekt, die Menschen einzuschüchtern. Jedes Wochenende sind in Istanbul viele tausend Menschen auf der Straße, um dagegen zu protestieren. Auch im übrigen Land hören sie nicht mit dem Demonstrieren auf.

Es zeichnet sich ab, dass die AKP mit dem erwachten Bürgersinn nicht fertig werden wird. Darauf deuten neue Umfragen, nach denen die AKP deutlich Stimmen verliert. Diese Umfragen zeigen, dass die Türkei klar gespalten ist in eine liberale, säkulare Mehrheit von rund 60 Prozent, denen die religiösen Konservativen mit rund 40 Prozent gegenüberstehen. Doch auch die Konservativen folgen Erdogan nicht blind. Eine Mehrheit von rund 70 Prozent der Bürger ist mit der Art, wie er die Gezi-Krise managte, nicht einverstanden. Mit großer Spannung sieht die Türkei daher den Kommunal- und Präsidentenwahlen im nächsten Jahr entgegen.

Kommt nach Istanbul!

Wer einen Türkei-Urlaub plant und jetzt unsicher geworden ist, ob er wirklich hierher reisen soll, dem sei versichert, dass es sich lohnt. Die Feriengebiete an den Küsten sind ohnehin vollkommen ruhig, aber auch Istanbul kann man unbesorgt besuchen. Wer am Abend und am Wochenende die Gegend um die Istiklal Caddesi und den Taksim-Platz meidet, wird zu 99,9 Prozent keine Bekanntschaft mit der Aufstandspolizei und ihrem Tränengas machen.

Jeder und jedem, die/der sich für aktuelle Geschichte interessiert und Zeitzeuge historischer Entwicklungen werden will, empfiehlt das Wirtschaftsmagazin Forbes sogar ausdrücklich, nach Istanbul zu kommen, denn die Atmosphäre sei „optimistisch und energiegeladen“. „Die Chance, hier dabei zu sein, einfach um das zu erleben und wahrzunehmen, was passiert, hat bleibenden Wert. Geh’, wenn du kannst“, rät die Illustrierte, und ich schließe mich dem Ratschlag an. In den vergangenen Wochen waren immer wieder Freunde und Verwandte aus Berlin zu Gast, und keinen von ihnen haben die aufregenden Entwicklungen kalt gelassen. Es ist die Chance, eine ganz andere Türkei zu erleben als die, die man aus Berlin-Kreuzberg zu kennen meint.

Der Sicherheit halber sei hinzugefügt, dass das Auswärtige Amt in Berlin zur Vorsicht rät: „Die seit Ende Mai stattfindenden Demonstrationen halten vor allem in Istanbul an“, heißt es in den neuesten Reisehinweisen. „Reisende werden weiter gebeten, sich von Demonstrationen und Menschenansammlungen fernzuhalten und Vorsicht walten zu lassen. Es wird zu besonders umsichtigem Verhalten aufgerufen.“