Istanbuler Tempo

Es wird wohl nichts in diesem Jahr mit einem geruhsamen Ramadan. Der islamische Fastenmonat beginnt in fünf Tagen am 28. Juni, doch im Nahen Osten und auch in der Türkei sind die tektonischen Platten der Politik in Bewegung geraten. So wie neulich hier in Istanbul die Erde bebte, hat der Blitzkrieg der Isis-Rebellen im Irak die gesamte Region in Alarmstimmung versetzt. Und es sieht nicht so aus, als wollten die Krieger im Ramadan eine Pause einlegen.

Ausgerechnet während des Dschihadisten-Sturms auf Mosul und an den darauf folgenden Tagen war ich in den Ferien, die ich diesmal in Berlin und auf der wunderschönen (und größten) deutschen Ostseeinsel Rügen verbrachte. Ein größerer Gegensatz zu der nervösen Stimmung in der Levante und dem Tempo Istanbuls ist wohl kaum denkbar. Schon Berlin kam mir wieder wie eine Zeitlupenstadt vor, weil die Menschen sich dort so gemächlich bewegen und selbst die Geschwindigkeit der Rolltreppen dem demographischen Wandel angepasst zu sein scheint.

In der Rentner-Republik

Aber Rügen wirkte sogar wie eine surreale Anderswelt. Warum? Wegen der völlig verrückten Altersstruktur. Die Insel war, warum auch immer, fest in der Hand der Generation Rente. Wenn mal Kinder auftauchten, wirkten sie fast wie Aliens. Wir einigten uns deshalb auf die Bezeichnung „Triple A“ – „Rentner Republik Rügen“.

Da meine greise Mutter mitgekommen war, mussten wir uns ohnehin an die gemächliche Geschwindigkeit der Senioren anpassen, was ganz okay war, weil ich ja Urlaub hatte. Nervig war nur, dass die Älteren – meine Mutter zieht es vor, von „Mittelalterrunden“ zu sprechen – durch die Bank Frühaufsteher sind, weshalb das Ferienhotel in einem früheren Adeligenpalast schon um 10:30 Uhr das Frühstück abräumen ließ, und zwar zack-zack! Immerhin war das Essen vergleichbar gut wie die Büffets in Antalya, eigentlich sogar besser, denn es gab stets eine riesige Platte mit vorzüglichem Räucherfisch und Matjesvariationen (die man leider auch in Istanbul nicht findet).

Des Weiteren schaukelten wir mit dem alten Daimler meines Bruders durch traumschöne Alleen von Ausflugscafé zu Ausflugscafé und von Hofladen zu Hofladen und stellten dabei fest, dass es in der Rentnerrepublik an nichts mangelt. Die Senioren sitzen an reich gedeckten Tafeln, speisen fein abgeschmeckte Suppen, herrlichste Wild- und Fischgerichte, erlesenste Kuchen und bestes italienisches Eis. Auf den Weinkarten finden sie eine Auswahl wie am Oberrhein. In den „staatlich anerkannten Badeorten“ reihen sich Boss, Lacoste und Hermès, Juweliere und Edelsouvenirläden, und alles sieht legomäßig bunt und frisch aus wie in dem Film „Truman Show“.

Das Glitzern des Bosporus

Nicht, dass in diesem Paradies geprasst, gefressen und ausgeschweift würde, es geht sehr kultiviert, gedämpft, eben deutsch zu (auch wenn sich ein paar Nieder- und Engländer zwischen unsere Landsleute mischten). Es wird eher geflüstert als gesprochen, und man trägt Schöffel, Jack Wolfskin und North Face. Diese künstliche Welt hat mich davon überzeugt, dass es den Deutschen so gut geht wie wahrscheinlich noch nie zuvor in ihrer Geschichte.

Aber halt – das ist der Blick in eine Wohlfahrts-Vergangenheit, deren Segnungen genau diese Generation vermutlich als letzte voll auskostet. Die Rentnerrepublik hat mit den kommenden Krisen und mit der Welt da draußen so absolut gar nichts zu tun, dass es fast schmerzt – während der fünf Tage auf Rügen sahen wir maximal fünf Bürger mit Migrationshintergrund. Ich war doch erleichtert, als wir wieder nach Berlin und in eine normale Umgebung zurückkehrten. (Außerdem war das Wasser der Ostsee extrem kalt und algenverseucht, wenn auch fast plastikfrei.)

Während unseres kleinen Ausflugs ins Paradies kümmerte ich mich nicht um Twitter und E-Mails, eine Erholungsübung, die ich den Internet-Junkies unter uns nur anempfehlen kann. Dafür gab es dann einiges aufzuarbeiten, seit ich wieder in Istanbul bin. Viele hiesige Kollegen sind nach Erbil ins irakische Kurdenland aufgebrochen und kommen mit spannenden Geschichten über desertierte Soldaten der irakischen Armee, Flüchtlinge und den kurdischen Aufbruch zurück. Ich habe dazu inzwischen auch eine erste Analyse verfasst, die Sie hier und hier finden können.

In Istanbul bringt der Sommer den Bosporus zum Glitzern und die Menschen zum Glänzen, die Istiklal Caddesi ist ein wildes Auf und Ab Tausender, die wie an keinem anderen Ort dieser herrlichen Stadt die ganze verwirrende Vielfalt der Menschen zwischen Europa und dem Nahen Osten repräsentieren. Gestern habe ich zwei Stunden lang nur auf den wogenden Strom der sommerlich Leichtbekleideten und islamisch Komplettverhüllten, der lachenden und ernsten, der posierenden und flirtenden, der streitenden und liebenden, der glücklichen und auch weniger glücklichen Menschen in der Jugendrepublik Istiklal Caddesi geblickt. Tempo und Leichtigkeit – es lebe Istanbul!

Ein Gedanke zu „Istanbuler Tempo

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