Istanbuls neuer Flughafen: Baustelle des Todes

Die Staatsmedien der Türkei meldeten den Todesfall nicht, der die Feier beschmutzt hätte, obwohl er zur gegenwärtigen Türkei gehört wie jenes Paradox, wonach sich der türkische Staatspräsident Erdoğan angesichts des Mordes an dem saudischen Journalisten Jamal Kashoggi als Vorkämpfer der Pressefreiheit geriert. Nur wenige Stunden vor der pompösenoffiziellen Eröffnung des neuen Istanbuler Megaflughafens am heutigen Montag stürzte erneut ein Arbeiter vom Dach und verletzte sich tödlich. Ein weiterer namenloser Toter in der endlosen Reihe jener, die dem „verrückten Projekt“ Erdoğans bereits geopfert wurden.


So berichtet die Hürriyet Daily News über die Flughafen-Eröffnung

Es spricht Bände, dass kein einziger wichtiger Politiker aus dem Westen oder aus Europa, sondern lediglich die „üblichen verdächtigen“ Regierungschefs aus Bulgarien, Albanien und Serbien (und ironischerweise des Kosovo) an der Zeremonie teilnahmen. Unter den übrigen „50 hochgestellten Persönlichkeiten“, die Erdoğans Staatspresseagentur Anadolu aufführt, finden sich nur Drittweltpolitiker wie der vom Internationalen Gerichtshof gesuchte sudanesische Präsident Ahmad al-Bashir, Katars Emir Hamad al-Thani oder der iranische Außenminister Mohammad Javad Sarif. Gewiss keine Namen, die funkeln.

Trotzdem hatte Erdoğan solche Furcht vor einem Anschlag, dass er ein elfstündiges Flugverbot über große Teilen Istanbuls verhängte. Mit Bedacht hatte er den Eröffnungstermin auf den 29. Oktober gelegt, den 95. Republikfeiertag, den er damit praktisch zum Megaprojektfeiertag machte und in den Augen vieler republikanisch gesinnter Türken entwertete. „Das ist nicht nur ein Airport, das ist ein Monument des Sieges“, verkündete ein Plakat am Flughafenportal.

Doch halt – welche Eröffnung eigentlich? Auch nach der feierlichen Einweihung mit hunderten Stewardessen in den neuen Kostümen von Turkish Airlines wird das als „größter Airport der Welt“ projektierte zukünftige Luftdrehkreuz seinen Betrieb keinesfalls am morgigen Dienstag aufnehmen. Nur fünf Flüge am Tag werden ab sofort abgewickelt, drei nationale (nach Ankara, Antalya und Izmir) und zwei „internationale“ – in den Vasallenstaat Aserbaidschan und in die nur von Ankara anerkannte „Türkische Republik Nordzypern“. Eine glanzvolle Premiere sieht anders aus.

Noch keine Metro-Anbindung

Tatsächlich heißt es nun, dass der Flugbetrieb erst ab dem 1. Januar komplett vom alten Atatürk-Flughafen auf den neuen verlagert werde. Doch Experten halten auch dieses Datum für unrealistisch und glauben, dass der dritte Istanbuler Flughafen frühestens im Mai nächsten Jahres seinen Vollbetrieb aufnehmen kann – Chaos auf den Zufahrtsstraßen programmiert. Denn eine Metro-Verbindung wird frühestens 2020 in Betrieb gehen. Neue Autobahnen in die Stadt wurden nicht gebaut. Vor den erwartbaren Staus graut es allen, die auf den Flughafen angewiesen sein werden.

Große Teile der Anlage sind außerdem noch immer im Bau. Im Innenraum wird noch geschraubt und gehämmert, ein Großteil des Gebäudes ist gesperrt. Leitungen sind noch nicht angeschlossen und auch an den Fassaden wird noch gewerkelt.

Hatte Erdoğan bisher erklärt, dass der alte Airport zukünftig als Messegelände, Volkspark und Abraumhalde für den Aushub des geplanten „Kanal Istanbul“ genutzt werde, so gab er nun bekannt, dass er dort auch weiterhin Passagierflugzeuge landen und starten sollen, wenn auch „in geringerem Umfang“. Luftfahrtexperten halten den Betrieb zweier Flughäfen in unmittelbarer Nähe jedoch für ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Viele Starts und Landungen auf Atatürk gehen über das Gelände des neuen Airports.

Das befleckte Prestigeprojekt

Im Vergleich mit den Verzögerungen auf der Berliner BER-Flughafenbaustelle sind die zeitlichen Rückstände in Istanbul ein „Fliegenschiss“ und wären nicht weiter der Rede wert. „Dieses Projekt ist einzigartig“, sagte er bei der Einweihungsfeier. „Der Flughafen ist ein Dienst an der Welt.“.

Doch den erträumten Triumph als größter Baumeister der türkischen Moderne haben Erdoğan paradoxerweise jene Menschen zerstört, als deren Vertreter er sich gern darstellt und deren Rechte er gleichwohl oft mit Füßen tritt: die kleinen Leute, die „schwarzen Türken“ Anatoliens, die auf der riesigen Baustelle zu Tausenden beschäftigt und wie Sklaven ausgebeutet wurden.

Ihre Proteste gegen die Arbeitsbedingungen und „Arbeitsmorde“ auf dem Baugelände vor einem Monat haben das Image des neuen Flughafens für immer befleckt – und sind vielleicht der Grund dafür, dass Erdoğan seinem größten Prestigeprojekt nicht, wie von vielen erwartet, den eigenen Namen verlieh. Er soll jetzt ganz prosaisch „Istanbul Airport“ heißen, wie der Präsident bei der Inaugurationsfeier verkündete, denn „Istanbul ist nicht nur unsere größte Stadt, sondern auch die wertvollste Marke unseres Landes.“

Der folgende Text ist eine aktualisierte und erweiterte Version meines Artikels über den Arbeiteraufstand am dritten Flughafen, der in mehreren deutschen Zeitungen, unter anderem der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau, erschienen ist.

Baustelle des Todes

Die größte Baustelle, die es in der Türkei je gab, gleicht seit Anfang Oktober einem Arbeitslager in einem totalitären Staat. Auf dem gesamten Baugelände und in den Arbeiterquartieren waren Soldaten der Gendarmerie und Aufstandspolizisten mit Panzerfahrzeugen aufgezogen. Sie kontrollieren seitdem das Heer Tausender Beschäftigter auf dem neuen Istanbuler Flughafens nördlich der Metropole am Schwarzen Meer. Das ist die Reaktion des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf eine beispiellose Arbeiterrebellion bei seinem ambitioniertesten Prestigeprojekt.

Am Nachmittag des 14. September, eines Freitags, haben sich fast 3000 Arbeiter in gelben Regenmänteln vor der stählernen Umzäunung um die Flughafenbaustelle versammelt. Sie rufen „Bauarbeiter sind keine Sklaven“ und „Mörder IGA“. Ohne Vorwarnung feuern die Gendarmen Tränengas und Gummigeschosse in die Menge, während Wachmänner der Flughafenbaugesellschaft IGA versuchen, die Demonstranten am Filmen mit ihren Handys zu hindern.

Am Samstagmorgen um halb drei umstellen Hunderte Gendarmen das fünf Kilometer entfernte Camp der Bauarbeiter beim Dorf Akpinar, in dem 15.000 der insgesamt 36.000 Beschäftigten untergebracht sind. Sie brechen die Unterkünfte auf und nehmen 561 Männer fest. Dazu gehört auch der Generalsekretär der kleinen linken Bauarbeitergewerkschaft Inşaat-Iş, Yunus Özgür, der die Mega-Baustelle gegenüber regierungskritischen Medien als „Sklaven- und Todeslager“ mit lebensgefährlichen Zuständen bezeichnet hatte.

„Jeden Tag eine B>eerdigung“

Der wilde Streik hatte begonnen, nachdem ein Servicebus, der Arbeiter vom Camp zur Baustelle transportierte, im strömenden Regen verunglückt war. 17 Beschäftigte wurden teils schwer verletzt. Bei einem ähnlichen Unglück starben zwei Wochen zuvor acht Arbeiter. Am Sonnabend fielen wieder zwei Männer von einem Baugerüst. Einer der beiden kam auf die Intensivstation. Am Sonntag forderte ein umkippender Kran ein weiteres Todesopfer. Die regierungskritische Zeitung Evrensel zitierte einen Arbeiter mit den Worten: „Es gibt jeden Tag eine Beerdigung. Das wissen wir.“

Zu diesem Zeitpunkt schlossen sich Immer mehr Arbeiter dem Streik an, während die Regierung in Ankara versuchte, die Berichterstattung darüber weitgehend zu unterbinden. Der mit diktatorischen Vollmachten regierende Staatschef Erdoğan konnte diese Streiks überhaupt nicht gebrauchen. Denn der reguläre Flugbetrieb sollte unbedingt zum 95. Geburtstag der Republik am 29. Oktober aufgenommen werden, als Erdoğan den ersten Teil des Airports nach einer Rekordbauzeit von nur viereinhalb Jahren eröffnen wollte. Dann soll er den weiter südlich gelegenen Atatürk-Flughafen ersetzen, der zu klein geworden ist.

Mit einer Fläche von fast acht Quadratkilometern wird der neue, noch namenlose Airport drei Mal so groß sein wie der Frankfurter und achtmal so groß wie der Atatürk-Flughafen. Mit anfangs 90 Millionen und später bis zu 200 Millionen Passagieren im Jahr soll er einmal das größte Luftdrehkreuz der Welt werden. Nicht zufällig bekam der Tower des neuen Flughafen die Form einer Tulpe – ein beliebtes Symbol aus dem Osmanischen Reich. Nachts leuchtet der Turm in Weiß und Rot, den Farben der türkischen Flagge.

Inmitten der eskalierenden türkischen Wirtschaftskrise soll die Eröffnung des Elf-Milliarden-Dollar-Projektes internationalen Investoren wieder Vertrauen einflößen. Deshalb wollte die Regierung den Termin einhalten, koste es, was es wolle. „Der Ort, an dem Träume wahr werden“, warb das Betreiberkonsortium in einem bombastischen Trailer.

Alptraum für Umweltschützer und Arbeiter

Für diesen Traum sind viele Bauern und andere Landeigentümer in der bewaldeten ehemaligen Bergbauregion mit oft brutalen Methoden zwangsenteignet worden. Mehr als eine Million Bäume wurden gefällt, Tausende Tonnen von Erde und Beton herangekarrt. Ökologisch ist der Bau ein Desaster: Er wird nicht nur die Zufuhr frischer Luft nach Istanbul, sondern auch eine der wichtigsten Vogelzugrouten zwischen Europa und Asien versperren. Umweltschützer befürchten eine Gefährdung der Grundwasserversorgung Istanbuls, da auf dem Gelände etliche Speicherseen liegen.

Auch für die meisten Arbeiter fühlt sich das Flughafenprojekt wie ein Alptraum an. Bereits im Februar berichtete die oppositionelle Zeitung Cumhuriyet in einer schockierenden Reportage, dass mindestens 400 Arbeiter seit Baubeginn gestorben seien. Beschäftigte würden im Schlamm begraben, unter Geröll verschüttet, fielen von Dächern und stürben in überfüllten Bussen. Die meisten Unfälle aber würden durch den unablässigen Strom von 1500 Lastwagen auf dem riesigen Gelände verursacht, die Bauschutt und Abraum transportieren, schrieb die Zeitung.

Denn je mehr Touren ein Fahrer absolviert, desto mehr verdient er. Das Grundgehalt liegt bei 2500 Lira im Monat, umgerechnet rund 340 Euro, dazu kommen Prämien. In der staubigen Luft buchstäblich unter die Räder kommen immer wieder ungelernte, oft aus Afghanistan stammende Arbeiter, die die Trucks mit Signalfahnen einweisen.

Ein 59-jähriger LKW-Fahrer gab an, den Angehörigen toter einheimischer Arbeiter werde ein Schweigegeld von 400.000 Lira, etwa 55.000 Euro, gezahlt, damit sie nicht an die Öffentlichkeit gingen – viel Geld in der Türkei. Die Todesfälle der Ausländer würden vertuscht. Der Mann berichtete auch, dass er drei tödliche Unfälle mit eigenen Augen beobachtet habe. „Nichts davon stand in der Zeitung.“

Hunderte Tote bestätigt

Tatsächlich durften Journalisten das Baugelände ebenso wenig betreten wie Gewerkschaftler oder Parlamentarier. „Dieser Flughafen ist abgeschottet wie eine Festung“, sagt Gewerkschaftsadministrator Kadir Kurt, ein schlanker junger Mann mit langen schwarzen Haaren, im kleinen Büro der Bauarbeitervertretung Inşaat-Iş im Istanbuler Bezirk Maltepe auf der asiatischen Stadtseite. Viele Beschäftigte kämen vom Land, würden nur kurz angelernt und seien in keiner Weise für die schwere Arbeit qualifiziert. Hinzu komme das berüchtigte Subunternehmersystem. „Es bedeutet, dass die Bosse die Arbeiter dazu pressen, immer schneller zu arbeiten, denn je früher sie fertig werden, desto höher sind die Profite. Sicherheitsvorschriften zählen nicht.“

Zwar wurde der Cumhuriyet-Bericht sofort durch einen Gerichtsbeschluss im Internet blockiert, doch ihm ist es zu verdanken, dass die Behörden die Todesfälle nicht mehr abstreiten können. Zwei Tage nach der Publizierung räumte das Arbeitsministerium die Unfälle erstmals ein, sprach aber von „nur“ 27 tödlich verunglückten Arbeitern. „Die ganze Türkei weiß, dass diese Zahl viel zu niedrig ist“, sagt Kadir Kurt. Doch viele dieser „Arbeitsplatzmorde“ würden nirgends registriert. „Das betrifft vor allem ausländische Arbeiter aus Vietnam, Kambodscha, Georgien oder Aserbaidschan.”. Die Migranten würden sich auch davor hüten, den Mund aufzumachen. „Wer Kritik übt, dem wird mit Entlassung gedroht.“

Inşaat-Iş und zwei weitere Bauarbeitergewerkschaften haben die Cumhuriyet-Schätzung von 400 getöteten Arbeitern inzwischen bestätigt. „Und inzwischen sind viele hinzu gekommen“, sagt Kadir Kurt. Die unabhängige türkische Nachrichtenwebseite T-24 zitierte kürzlich einen Ingenieur, der zwei Jahre auf der Baustelle gearbeitet hat. „Die Zahl von 1000 Toten seit Baubeginn im Juni 2014 wäre eine optimistische Schätzung“, sagte er. „Aber fast alle Fälle hätten durch vernünftigen Arbeitsschutz vermieden werden können.“

Mangelnder Arbeitsschutz

Zustände wie auf der Istanbuler Flughafenbaustelle seien wegen des strengen Arbeitsschutzes in Deutschland unvorstellbar, sagt dazu Dietmar Schäfers, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt in Frankfurt. „So viele Tote auf einer Großbaustelle sind bei uns völlig ausgeschlossen.“ Er könne die Zahl von 500 toten Arbeitern in Istanbul zwar nicht bestätigen, aber 27 Tote als „geringe Zahl“ zu bezeichnen, sei „einfach nur zynisch“. Er fügt hinzu: „Der internationale Verband der Bau- und Holzgewerkschaften erklärt, dass es dort weit mehr Tote gibt, als die türkische Regierung zugibt.“

Ohne eine gründliche Untersuchung bleiben alle Zahlen jedoch Schätzungen vom Hörensagen. Das passt ins Kalkül der Regierung, aber es schürt auch das Misstrauen. Der Zeitdruck zur Einhaltung des Eröffnungstermins führte offenbar dazu, dass das Flughafenkonsortium noch mehr bei der Sicherheit und Unterbringung sparte. Doch es gelang nicht mehr, die Schweigeglocke über dem Geschehen aufrecht zu halten. Immer mehr Arbeiter haben es gewagt, mit der oppositionellen Presse zu sprechen, und ihre Angaben stimmen überein. Sie sagen, dass ein Mix aus Schlamperei. Arbeitshetze und Korruption die Ursache der zahllosen Unglücke sei.

So würden viel zu wenige völlig überladene, schrottreife Busse in viel zu hohem Tempo fahren, um Tausende Arbeiter zu transportieren. Niemand überwache das Gewicht der Bauschuttlaster oder die Sicherheit der Maschinen. Weil die Baufirmen vom Staat geschützt würden, drückten Polizisten beide Augen zu, selbst wenn die Bremsen nicht funktionieren, die Achsen gebrochen seien oder die Fahrer keinen Führerschein hätten. Da viele Fahrer länger als die erlaubten acht Stunden arbeiteten, schliefen sie oft vor Erschöpfung am Steuer ein. Die Zeitung Evrensel nannte die Straßen um den Flughafen deshalb „Todespisten“.

Während Manager und westliche Ingenieure mit Hubschraubern einfliegen und in eigens errichteten Villen wohnen, werden die einfachen Arbeiter zu sechst in Vierbettzimmer oder Container gepfercht. Ihre Berichte über die Unterkünfte gleichen sich: Die Zimmer und Toiletten seien verdreckt, das Essen ungenießbar, die Matratzen voller Wanzen und Flöhe. „Wir leben wie Sklaven“, sagen sie. Viele Arbeiter müssten wochenlang auf die Auszahlung der Löhne durch Subunternehmer warten. „Aber wenn sie sich beschweren, heißt es, andere würden auf den Job nur warten“, sagt Kadir Kurt.

Gewerkschaftler geißeln Vetternwirtschaft

Trotzdem gab es in den vergangenen Jahren mehrfach Protestaktionen. Im Februar sperrten 1500 Beschäftigte eine Zufahrtsstraße, weil ihre Löhne zwei Monate lang nicht ausgezahlt wurden. Die Flughafenbetreiber riefen die Gendarmerie, versprachen dann aber, die Forderungen der Arbeiter zu erfüllen. „Passiert ist nichts“, sagt Kadir Kurt. Im Gegenteil, je näher der Eröffnungstermin rückte, desto mörderischer seien das Arbeitstempo und der Zeitdruck geworden. „Tag und Nacht wird gearbeitet, in Schichten, die zwölf, manchmal 16 Stunden dauern.“ Allerdings sei die Missachtung der Sicherheit und des Lebens von Arbeitern keine Besonderheit der Flughafenbaustelle. „Das gilt für alle Baustellen in der Türkei. Arbeitssicherheit wird als reine Formalie verstanden.” Rund 1400 Menschen sterben pro Jahr in der Türkei während der Arbeit, mehr als in jedem anderen Land Europas.

Wie so oft in der Türkei stehen auch auf dem Flughafengelände schwache Gewerkschaften einem Bündnis aus Regierung und Konzernen gegenüber. Das IGA-Konsortium aus fünf der islamischen Regierungspartei AKP nahestehenden Großunternehmen bezahlt dem Staat 22 Milliarden Euro für das Recht, den Flughafen bauen und 25 Jahre lang betreiben zu dürfen. „Vetternwirtschafts-Kapitalismus“ nennen die Gewerkschaftler dieses Modell.

Kurz nach dem Bieterverfahren enthüllten Abgeordnete der größten Oppositionspartei CHP, dass die IGA-Gruppe bei der Ausschreibung massiv bevorteilt wurde. Allein 2,5 Milliarden Euro sparte sie, weil die Höhe des Flughafens über dem Meeresspiegel, die auf dem ursprünglich tiefer gelegenen Gelände zu gewährleisten sei, nach dem Bieterverfahren plötzlich statt auf 105 Meter auf 75 Meter festgelegt wurde. Das siegreiche Konsortium profitierte außerdem von einem regierungsgestützten Kreditarrangement, das die türkischen Steuerzahler noch teuer zu stehen kommen wird. Die Bauarbeiten werden noch bis weit ins nächste Jahrzehnt andauern, aber vielen Firmen geht jetzt bereits das Geld aus, weil sie ihre Dollarkredite nicht mehr bedienen können.

Anhaltende Unruhe

Die Finanzkrise der Türkei ist so gravierend, dass Erdoğan Ende September zähneknirschend erklärte, dass alle neugeplanten öffentlichen Großbau-Investitionen vorerst eingefroren würden. Den Aufstand auf seiner Prestigebaustelle hielt der Staatspräsident für eine Verschwörung des Auslands. Rund 400 Extremisten hätten die Arbeiter auf Befehl von EU-Staaten aufgehetzt, um den Erfolg des Flughafens zu sabotieren, schrieb sein Berater Ilnur Cevik in der Zeitung Yeni Birlik. Andere regierungsnahe Medien bezeichneten die Streikenden als „Terroristen“, die von „deutschen Agenten“ aufgestachelt würden.

Doch die Unruhe hielt an. Inşaat-Iş erklärte, dass die festgenommenen Kollegen mit Drohungen und Schlägen gezwungen worden seien, die „Streikanstifter“ aus den Gewerkschaften zu benennen. Zwar wurden die meisten Arbeiter kurz darauf freigelassen, doch 27 Männer von einem Richter inhaftiert, darunter der Inşaat-Iş-Chef Yunus Özgür und Özgür Karabulut, der Chef einer anderen Bauarbeitergewerkschaft namens Dev Yapı-Iş. Die Vorwürfe lauten unter anderem „Beschädigung öffentlichen Eigentums“ und „Aufstachelung zu Hass und Feindseligkeit“. Nach erneuten Protestaktionen wurden im Oktober weitere Arbeiter verhaftet.

Die drei Gewerkschaften stellten damals eine gemeinsame Forderungsliste auf. Sie verlangten eine regelmäßige Reinigung der Unterkünfte, einen Austausch der wanzenverseuchten Matratzen, bessere ärztliche Versorgung. Vor allem aber forderten sie Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitssicherheit, die Auszahlung geschuldeter Arbeits- und Überstundenlöhne. Die größte Oppositionspartei CHP verlangt inzwischen einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, um die „ungesetzliche Praktiken“ und „die wahre Zahl der Todesfälle“ auf der Großbaustelle zu ermitteln.

Baukonsortium räumt 30 Todesfälle ein

Zwar traf sich die Leitung des Flughafenbetreibers IGA mit Gewerkschaftsvertretern, um deren Beschwerden anzuhören. Dabei habe es mündliche Versprechen gegeben, die Zustände zu verbessern, sagt Gewerkschaftler Kurt, aber keine schriftlichen Zusagen. Doch wenig später schwenkte das IGA-Konsortium auf eine harte Linie um. Die streikenden Arbeiter seien „Provokateure, Verräter und Terroristen“, erklärten ihre Subunternehmer und brachten Hunderte neu angeworbene Arbeiter aus fernen Landesteilen auf die Baustelle. Auch Verkehrsminister Ahmet Arslan wies die Vorwürfe bei einem Baustellenbesuch zurück. Alle Arbeiter erhielten ein ausreichendes Sicherheitstraining, zudem seien Hunderte Kontrolleure im Einsatz, behauptete er.

30 Todesfälle habe es gegeben, gab der IGA-Chef Kadir Samsunlu gegenüber der Deutschen Pressagentur vergangene Woche zu. Vorwürfe der Arbeiter, dass die Unfälle unter anderem wegen Sicherheitsmängeln passierten, wies er jedoch zurück. „Sie müssen eben aufpassen, was sie tun“, sagte er. Die Mängel in den Unterkünften, beim Transport und der Verpflegung seien abgestellt worden – was die Gewerkschaften bestreiten.

Trotz der Arbeitshetze bewahrheitete sich die Prognose der Gewerkschaftler, dass der dritte Istanbuler Flughafen seinen Betrieb Ende Oktober noch nicht aufnehmen könne. Schon die erste Landung eines Flugzeugs mit dem Präsidenten an Bord hatte vom Februar auf den Juni verschoben werden müssen. Die Gewerkschaft Inşaat-Iş publizierte auf ihrer Webseite die Meinung eines Flughafenarbeiters über das Megabauprojekt: „Es ist, als ob wir eine Pyramide für den Pharaoh bauen. Niemanden interessiert, wer sein Leben beim Bau dieser Pyramide verliert.“

Noch immer sitzen laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch 31 Bauarbeiter in Untersuchungshaft, darunter der Gewerkschaftschef Özgür Karabulut. „Abseits von dem Glas und Stahl von Präsident Erdoğans neuestem Megaprojekt sitzen 30 Bauarbeiter und ein Gewerkschaftschef im Gefängnis, aus dem einzigen Grund, dass sie gegen die erbärmlichen Arbeitsbedingungen protestierten“, sagte Emma Sinclair-Webb, die Türkei-Direktorin von Human Rights Watch, am Montag. Sie forderte ihre sofortige Freilassung, die Einstellung der Strafverfahren und die Rückkehr der Verhafteten zu ihrer Arbeit.

Nachtrag: Während die Staatspresse am Dienstag die Flughafeneröffnung hymnisch pries als „Geschenk für die Welt“ (Türkiye), „Zentrum der Welt“ (Yeni Şafak), „Perle der Welt“ (Posta) oder „Siegesdenkmal der Türkei“ (Star und Güneş) und Sabah davon schwadronierte, dass nun Erdoğans „größter Traum in Erfüllung ging“ und „die Welt die Türkei um den großartigen Airport beneiden“ werde, schrieb die regierungskritische Webseite Duvar: „Der dritte Flughafen ist kein Monument des Sieges, sondern der Schande.“

Mitarbeit: Hakan Eser