Katastrophe mit Ansage

Der Jahrestag der Gezi-Proteste naht, und schon jetzt ist die Stimmung im Istanbuler Zentrum wieder angespannt. Seit heute Mittag gab es Proteste, Die-Ins, Plakataktionen nicht nur am Taksim-Platz, auch in anderen Stadtvierteln und anderen Städten. Anlass war das schwerste Bergbauunglück der Türkei, das sich am Dienstag im westanatolischen Soma

ereignete und bei dem bis jetzt – in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag – fast 300 Tote gezählt wurden. Und anscheinend weiß niemand genau, wie viele Menschen noch in der Todesmine eingeschlossen sind.

Ich schreibe diese Zeilen in einem Hotel in der Touristenmetropole Antalya, in dem morgen ein deutsch-türkische Journalistenseminar beginnt. Es wird interessant sein, sich mit den Kollegen auszutauschen, denn die neue Krise hat uns heute einen Erdoğan gezeigt, der als Politiker schwächelte. Statt den Menschen in Soma sein Mitgefühl auszusprechen, ihnen Mut zu machen und ihnen alle Hilfe zuzusagen, die nur möglich ist, hat Erdoğan nur kurze, kalte Worte gefunden und die Katastrophe bei seiner Pressekonferenz in der Grubenstadt allen Ernstes als „normales Ereignis“ bezeichnet – á la „Shit happens“.

Dazu zog er unpassende, aber in einer zynischen Lesart auch wieder passende Vergleiche mit Bergbaukatastrophen in England und Amerika, die mehr als hundert Jahre zurückliegen, so als ob die Zustände in den türkischen Gruben mit jenen im Frühkapitalismus vergleichbar wären – was sie offensichtlich sind. Offenbar waren die Arbeiter in Soma so wütend auf den Premier und seine Regierung, dass sie gegen seine Staatslimousine traten, ihn auspfiffen und „Mörder“ riefen. Das hat Erdoğan in einer AKP-Stadt wie Soma wohl noch nicht erlebt.

Das PR-Desaster war komplett, als sein elegant gekleideter Berater Yusuf Yerkel einem protestierenden Arbeiter, der am Boden liegend von Polizisten malträtiert wurde, mit voller Kraft Fußtritte verpasste. Die Bilder dieser unfassbaren Demonstration der Arroganz der Macht werden seit Stunden bei Twitter auf und ab gepostet. Sie werden morgen in allen Zeitungen sein, wette ich. Es sind keine Bilder, die Erdoğans Wunsch, Staatspräsident zu werden, befördern können. Von einem rationale Standpunkt aus ist es kaum noch zu begreifen, wie sich die türkische Regierung in jeder Bewährungsprobe ein Stück mehr demontiert. Die Frage ist, wie lange es dauert, bis auch dem „einfachen Volk“ die Augen aufgehen.

Hier der Text, den ich heute für die von mir belieferten Zeitungen verfasst habe:

„Ein ganz normales Ereignis“

Sechs Männer gerettet! Am Mittwochvormittag können türkische Medien zum letzten Mal eine gute Meldung aus der Bergbaustadt Soma in Westanatolien verbreiten. Dort sind zu diesem Zeitpunkt noch immer Hunderte Bergleute in einer großen Braunkohlenmine gefangen, nachdem sich 18 Stunden zuvor am Dienstagnachmittag eine gewaltige Explosion im Stollen ereignete. Von mindestens 274 Toten spricht der türkische Energieminister Taner Yildiz später am Abend: „Wir bewegen uns auf schlimmste Grubenkatastrophe zu, die die Türkei je erlebte.“ Noch rund 120 Bergleute sollen eingeschlossen sein, die genaue Zahl scheint niemand zu kennen.

In den Liveberichten des türkischen Fernsehens vom Unglücksort sieht man Hunderte weinende, verzweifelte Menschen, die auf Lebenszeichen ihrer eingeschlossenen Angehörigen warten. Menschen brechen schreiend zusammen, Rettungswagen mit Blaulicht bahnen sich ihren Weg durch die Menge. Ein Mann berichtete laut der Tageszeitung Türkiye nach der Identifizierung seines Bruders: „Sein Leichnam lag auf einem Förderband. Wir mussten mindestens 60 Tote anschauen, bis wir ihn fanden.“

Andere Angehörige sahen sich im mobilen Einsatzzentrum an der Mine auf Bildschirmen Bilder von Leichen an, um sie zu identifizieren. Immer wieder hieß es, dass das Feuer in der Mine noch immer nicht unter Kontrolle sei – was bedeutet, dass der verbliebene Sauerstoff unter Tage noch schneller aufgebraucht wird. Das Nachrichtenchaos ist symptomatisch für die Zustände in den türkischen Bergwerken, die schon lange Anlass zur Kritik bieten.

War es Schicksal?

Der Brand war offenbar ausgebrochen, als ein elektrischer Trafo in 400 Metern Tiefe explodierte. Arbeiter in der Nähe der Ausgänge schafften es noch, sich zu retten, aber viele sollen der Tiefe eingeschlossen sein – ob in 400 oder 2000 Meter Tiefe, darüber gab es unterschiedliche Angaben. Türkische Internetmedien zeigten ein schwarzweißes Überwachungsvideo, auf dem eine Explosion zu sehen ist und Bergmänner, die einen Gang entlangeilen. Dann bricht die Übertragung ab.

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül verhängte eine dreitägige Staatstrauer und rief die Behörden auf, alle staatlichen Ressourcen zur Rettung der Bergleute zu mobilisieren. Der konservativ-islamische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan sagte eine Reise nach Albanien ab und flog am Mittwochnachmittag zum Unfallort etwa 250 Kilometer südwestlich von Istanbul, wo er sagte: „Mit Gottes Hilfe können die Eingeschlossenen gerettet werden.“

Bei früheren Unglücken hatte Erdoğan den Tod von Bergleuten als „Schicksal“ bezeichnet und auf die Allmacht Gottes verwiesen. Als 2010 bei einer Bergwerksexplosion in der Schwarzmeerprovinz Provinz Zonguldak 28 Bergleute ums Leben kamen, hatte der damalige Arbeitsminister Ömer Dincer gesagt, die Männer seien „schön gestorben“, weil ihre Leichen so friedlich aussahen.

„Sie sind nicht schön gestorben. Das ist Mord, kein Schicksal“, stand auf einem Plakat, das Demonstranten vor der Zentrale der Minengesellschaft Soma-Holding im Istanbuler Stadtteil Şişli hielten. Viele Menschen in der Türkei wollen angesichts der häufigen Minenunglücke offenbar nicht mehr an die Schuld der Vorsehung glauben.

Proteste gegen „Kohlenminenmassaker“

Bereits am Mittwochmittag kam es zu ersten Protestaktionen auf dem zentralen Istanbuler Taksim-Platz. Später versammelten sich Protestierende in Bergmannskleidung in der zentralen Fußgängerzone Istiklal Caddesi. Sie sprachen von einem „Kohlenminenmassaker“. In Ankara setzte die Polizei Wasserwerfer und Tränengas gegen Studenten ein, die zum Energieministerium marschieren wollten. Am Abend ging die Polizei in Ankara gegen tausende Demonstranten vor, die den Rücktritt Erdoğans forderten; spontane Kundgebungen gab es auch andernorts.

Die Kritiker sind davon überzeugt, dass es sich bei dem Unglück um eine Katastrophe mit Ansage handelte. Erst vor zwei Wochen hatte die regierende islamisch-konservative AKP mit ihrer Parlamentsmehrheit einen Antrag der größten Oppositionspartei CHP abgelehnt, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, um über die zahlreichen tödlichen Unfälle in den Soma-Minen zu beraten. „Wir sind es leid, immer wieder zu Beerdigungen von Bergleuten zu gehen“, sagte der CHP-Abgeordnete Özgür Özel zur Begründung.

Tatsächlich soll im Unfallstollen von Soma sogar ein 15-Jähriger zu Tode gekommen sein, wie Angehörige laut einer Meldung im Internetmedium Twitter erklärten. Der Energieminister Yildiz reagierte sofort nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Die Beschäftigung Minderjähriger im Bergwerk sei „unmöglich“.

Profit statt Sicherheit

Die Opposition macht neben laxen Arbeitsschutzgesetzen und fehlenden Kontrollen vor allem die ungehemmte Privatisierungspolitik der Regierung für die Minenkatastrophen verantwortlich. Doch der AKP-Abgeordnete Muzaffer Yurttas, Vertreter des Wahlkreises Soma, antwortete auf den Oppositionsantrag im Parlament Ende April, dass die türkischen Minen sicherer seien als in den meisten anderen Staaten. „Wenn Gott will“ werde nichts passieren, „nicht einmal Nasenbluten“, zitierte ihn die Hürriyet. Jetzt erklärte die Regierung, die Soma-Mine sei zuletzt im März auf Mängel überprüft und für sicher befunden worden.

Das verheerende Unglück in Soma ereignete sich zum Schichtwechsel, als sich mehr Arbeiter als üblich in dem Bergwerk aufhielten. Energieminister Yildiz sprach von 363 geretteten Arbeitern. Bergleute berichteten, die vermissten Kumpel steckten in 3,5- Kilometer langen Stollen fest; von 274 Toten und mindestens 120 Vermissten war am Mittwochabend die Rede.

Weil der Strom ausfiel, fuhren die Aufzüge nicht mehr. Die Feuerwehr versuchte, Sauerstoff in dien Tiefe zu pumpen, musste dabei wegen der Feuer aber extrem vorsichtig vorgehen. „Da sind viele Tote“, berichtete ein geretteter Arbeiter der Zeitung Hürriyet Daily News. „Überall liegen sie, ich musste über sie hinwegsteigen.“ Viele Männer starben offenbar an Kohlenmonoxidvergiftung. In der Nacht versuchten Helfer, zu den Eingeschlossenen vorzudringen – sie kehrten nicht wieder zurück.

Soma ist das Ruhrgebiet der Türkei. Die 75.000-Einwohner-Stadt und ihr Umland leben von der Kohle, ein riesiges Kohlekraftwerk überragt den Ort. Viele Bergleute stammen aus umliegenden Dörfern und haben keine besondere Ausbildung für die gefährliche Arbeit erhalten. „Es gibt keine Arbeit mehr in der Landwirtschaft, deswegen schuften wir in den Minen“, sagte ein Bergmann im Fernsehen. Ein anderer kritisierte die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen: „Die Gewerkschaften sind Marionetten und die Geschäftsführung kümmert sich nur ums Geld.“

Der Eigentümer der Mine, Kohle- und Immobilienmagnat Alp Gürkan, rühmte sich vor zwei Jahren in einem Interview, die Peoduktionskosten für eine Tonne Kohle auf ein Fünftel gedrückt zu haben. Türkische Gewerkschafter werfen ihm vor, dies nur mit der Vergabe von Aufträgen an Subunternehmer zu schaffen, die den Arbeitern gerade den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet rund 350 Euro zahlen. Die Firma erklärte, das Unglück sei „trotz schärfster Sicherheitsmaßnahmen und ständiger Kontrollen“ passiert und kündigte eine Untersuchung an. Ihre Webseite war seit Mittwochmittag nicht mehr erreichbar.

Wie im 19. Jahrhundert

Für den Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan birgt das Grubenunglück politischen Sprengstoff. Mit Kohle verknüpft sich ein positives Image seiner Regierungspartei AKP. Sie ist dafür bekannt, dass sie im Winter Kohle zum Heizen an Bedürftige verteilt, und diese Kohle stammt zum großen Teil aus den Minen in Soma. Auch haben die konservativen Bürger von Soma die AKP bei den Kommunalwahlen Ende März wieder mit einer komfortablen Mehrheit ausgestattet. Doch bei der Live-Übertragung der Dogan-Nachrichtenagentur aus Soma waren deutlich „Mörder“-Rufe und Pfiffe aufgebrachter Bergleute zu hören. Ein starker Polizeikordon schützte die Grubenleitung und den Premier.

Am späten Mittwochnachmittag wurden Massengräber für die gestorbenen Bergleute in Soma ausgehoben. Es war wie ein Zeichen für die sterbende Hoffnung, noch Überlebende zu finden. Es war der Zeitpunkt, als Erdoğan in Soma vor die Kameras trat und ein Minenunglück in England im Jahr 1838 zitierte, um zu belegen, dass solche Katastrophen unvermeidbar seien. „Oder nehmen Sie Amerika mit seiner ganzen Technik“, sagte Erdoğan. „1907 starben dort 361 Bergleute. Das sind ganz normale Ereignisse.“

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Das Ereignis habe ich auch in einem Kurzkommentar für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau besprochen:

Erdoğans Unglück

Das Grubenunglück im westtürkischen Soma war eine Katastrophe mit Ansage. Seit vielen Jahren sind die Zustände in türkischen Minen bekannt, immer wieder haben Bergleute ihr Leben lassen müssen. Erst zwei Wochen vor dem Unfall forderte die Opposition einen Untersuchungsausschuss über die Zustände in den Kohleminen von Soma, doch die islamisch-konservative AKP lehnte den Antrag ab.

Die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan hat auf Kritik der Opposition und der Gewerkschaften wegen mangelnder Arbeitssicherheit im Land mit dem Hinweis auf die Arbeitsschutzgesetze und das schicksalhafte Walten Gottes reagiert – und mit einer immer rabiateren Privatisierungspolitik öffentlicher Güter. Ohnehin ist es um die Arbeitssicherheit beim EU-Beitrittskandidaten Türkei schlecht bestellt. In keinem Land Europas sterben mehr Beschäftigte bei Arbeitsunfällen.

Sollten sich die Vorwürfe gegen den Minenbesitzer von Soma erhärten, dann könnte das Unglück Erdogan mehr in Bedrängnis bringen als alle Korruptionsanklagen. Da in der Türkei niemand eine Ausschreibung ohne Plazet von oben gewinnt, fällt jeder Regelverstoß auf den Chef selbst zurück. Die Korruption hat Erdoğans Wähler kaltgelassen, der Tod von Arbeitern wird das nicht tun. Da der Premier im August zum Staatspräsidenten gewählt werden möchte, könnte es sein, dass ihm das Schicksal gerade einen kräftigen Strich durch die Rechnung macht.

2 Gedanken zu „Katastrophe mit Ansage

  1. Hallo Frank,

    danke für den interessanten, erschreckenden und gleichzeitig aufklärenden Artikel (mit kleinen Rechtschreibfehlern!!hi,hi). Kann man nur hoffen, dass nicht noch mehr passiert und die Leute aufwachen und dieses Ereignis Erdogan das Genick bricht.
    Gruß
    Katrin

    • Danke für die Rückmeldung! Aber Rechtschreibfehler? Kann nur an der Eile liegen…

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