Lebst du schon oder malochst du noch?

Es hat in Istanbul ein Unglück gegeben, dass die Menschen immer noch sehr bewegt – in der Nacht von Sonntag zu Montag brannten innerhalb von drei Minuten in einem westlichen Vorort Zelte ab, in denen Bauarbeiter untergebracht waren. Sie hatten, da es kalt war und schneite, Elektroheizer angestellt, einer geriet wohl in Brand, und in Windeseile standen die Zelte in Flammen. Elf Bauarbeiter starben. Sie erstickten und verbrannten. Nach und nach kommen jetzt die Schlampereien der verantwortlichen Firmen ans Licht – und dazu gehört auch der Hamburger Projektentwickler ECE, der auf der Großbaustelle ein neues Einkaufszentrum errichtet. Derzeit läuft das beliebte Schwarze-Peter-Spiel: Jeder schiebt einem anderen die Schuld zu. Aber der eigentliche Skandal ist doch, dass Bauarbeiter überhaupt in Zelten untergebracht sind. Das ist kein Einzelfall. 300 Meter von unserer Wohnung entfernt liegt die Großbaustelle eines neuen Luxushotels, deren Arbeiter ich auch schon in Zelten und unter Planen gesehen habe.

Die Arbeitsbedingungen türkischer Arbeiter/innen haben mich letzte Woche intensiv beschäftigt. Von türkischen Gewerkschaftern hatte ich eine Einladung bekommen zu einer Weltpremiere: der Gründung einer internationalen Allianz der Ikea-Mitarbeiter. Auf der Veranstaltung, die in einem Hotel nahe dem Taksim-Platz stattfand, trafen sich rund 100 Gewerkschafter aus dem weltweiten Ikea-Konzern und tauschten sich erstmals auf dieser internationalen Ebene aus. Während der drei Tage des Kongresses hatte ich Gelegenheit, mit zahlreichen türkischen Mitarbeitern, aber auch mit Beschäftigten aus Westeuropa, Skandinavien und Australien zu sprechen. Dabei wurde mir wieder einmal sehr klar vor Augen geführt, wie sehr solche Weltkonzerne – und ausgerechnet Ikea, wo man so viel Wert auf ein „nachhaltiges“ Image legt – eigentlich immer nur an der Gewinnmaximierung interessiert sind.

Es würde nicht viel kosten, den türkischen Arbeitern die gleichen Rechte wie denen in Skandinavien einzuräumen. Von den Löhnen ganz zu schweigen – die Ikea-Mitarbeiter in der Türkei verdienen nur etwa ein Drittel bis Viertel dessen, was ihre Kollegen in „Europa“ bekommen. Doch Ikea nutzt wie alle global tätigen Konzerne die niedrigen arbeitsrechtlichen Standards in der „Dritten Welt“ und den „Schwellenländern“ aus. Immerhin, der Globalisierungseffekt kann auch den Arbeitnehmern zugute kommen, wenn sie sich trauen, ihre neue Macht auch zu nutzen. Da das gute Image für einen Weltkonzern wie Ikea eine Säule des Erfolgs ist, fürchtet man dort nichts so sehr wie eine schlechte Presse. Und genau hier setzen nun die Ikea-Gewerkschafter an – eine postmoderne Variante des alten Slogans „Wenn Dein starker Arm es will…“

Über die Gründung der weltweiten Ikea-Arbeiter-Allianz habe ich in unseren Zeitungen berichtet, aber wie so häufig musste in den Printausgaben etwas gekürzt werden. Doch es ist ja nun das Schöne an diesem Blog, dass ich Ihnen hier die ungekürzte Version anbieten kann.

Schuften bei Ikea

In der Türkei steht das „sympathische Möbelhaus“ Ikea wegen seiner Arbeitsbedingungen schwer in der Kritik. 100 Ikea-Mitarbeiter aus aller Welt schließen sich zusammen, um überall gleiche Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Vier Jahre lang hatte sich der junge Mann aus Istanbul absolut anerkannt gefühlt bei seinem Arbeitgeber, dem Weltkonzern Ikea. Das „unglaubliche Möbelhaus aus Schweden“ hatte nach der Eröffnung am Bosporus alle Umsatzerwartungen übertroffen. „Aber mein Gehalt wurde nicht erhöht. Deshalb bin ich der Gewerkschaft beigetreten, und das ist mir schlecht bekommen“, sagt der 27-Jährige. Im Februar sei er viermal abgemahnt und dann entlassen worden. Er ist überzeugt: „Ich bin wegen meiner Gewerkschaftsmitgliedschaft gemobbt worden.“

Gemobbt? Bei Ikea, dem sympathischen Möbelhaus? „Oh ja“, sagt Mesut Yildirim von der türkischen Dienstleistungsgewerkschaft Koop-Iş, der mit dem jungen Kollegen im Veranstaltungssaal eines Hotels in Istanbul zusammensitzt. „Das ist ja auch der Grund, warum wir uns hier treffen.“ Sein Blick schweift über den Saal. Da sitzen rund hundert Ikea-Mitarbeiter aus aller Welt, Mitglieder von 20 Dienstleistungsgewerkschaften aus 14 Ländern. Sie haben sich gerade zu einer „IKEA Global Union Alliance“ zusammengeschlossen, um für alle 130000 Beschäftigten des Möbelkonzerns gleiche Arbeitsbedingungen durchzusetzen – weltweit.

Dass ein solcher Schritt nötig sein könnte, haben viele Delegierte aus europäischen Ikea-Betrieben bisher nicht für möglich gehalten. Doch auf der Istanbuler Veranstaltung in der vergangenen Woche klagten türkische Ikea-Mitarbeiter, Überstunden seien nicht bezahlt worden, im Lager müsse auch bei Minustemperaturen gearbeitet werden und vor allem: Gewerkschaftsorganisation sei absolut verpönt. „Das Köttbullar-Rezept des Möbelkonzerns gilt weltweit, die Standards im Arbeitsrecht nicht“, sagt Mesut Yildirim.

Tarifverträge verhindert

Während Geschäftsführungen und Arbeitnehmervertretungen in den westeuropäischen Ikea-Häusern in aller Regel gut zusammenarbeiten, sieht das in anderen Teilen der Welt ganz anders aus. Nichts aber ist für einen weltweit agierenden Konzern so wichtig wie sein Image – und „genau da setzen wir an“, sagt die Deutsche Alke Bössiger vom internationalen Dachverband der Dienstleistungsgewerkschaften UNI, dem Organisator des Istanbuler Treffens. Gewerkschaften hatten dem schwedischen Möbelriesen 1998 einen Verhaltenskodex abgerungen, in dem ausdrücklich ein Verbot der Behinderung gewerkschaftlicher Arbeit formuliert ist. „Aber das gilt schon nicht bei uns in Irland“, sagt der irische Gewerkschafter Brian Forbes. „In Dublin werden Tarifverträge verhindert, 80 Kilometer weiter in Belfast in Nordirland werden sie abgeschlossen – weil das Gesetz es dort verlangt.“

Doppelte Standards würden auch in Australien, den USA und Kanada gelten, hieß es auf der Tagung; dort werde mit Anwaltsfirmen zusammengearbeitet, die sich auf „union busting“ spezialisiert hätten – die Unterbindung von Gewerkschaftsaktivitäten. Aus Frankreich berichtete der Gewerkschafter Dominique Nicolas, dass ein großer Skandal dort derzeit die Öffentlichkeit bewege: „Missliebige Gewerkschaftsmitglieder sind bei Ikea per Video und von Privatdetektiven überwacht worden. Sogar Kunden, denen man eine Nähe zu Ikea-Gewerkschaftern unterstellte, wurden ausspioniert.“ Nicolas sagte, es gebe bei Ikea leider nicht die eine, verbindende Kultur, sondern mehrere Standards, je nach dem gerade national geltenden Mindestniveau.

Überstunden nicht bezahlt

Besonders gravierend sind die Missstände offenbar in der Türkei, die als Brückenkopf für den Nahen Osten dienen soll, und zwar wie auch in Griechenland mit einem Franchise-Geschäftsmodell. So werden die bisher fünf türkischen Ikea-Einkaufszentren vom anatolischen Mischkonzern Mapa A.S. geführt, der die hauseigenen Regeln nicht besonders ernst zu nehmen scheint. Um einen Tarifvertrag abzuschließen, müssen laut türkischem Gesetz 50 Prozent einer Belegschaft plus eine Person einer Gewerkschaft angehören. Als die Geschäftsleitung erfuhr, dass Koop-Is sich dem Quorum näherte, habe sie erklärt, dass Gewerkschaften im Betrieb nicht erwünscht seien, sagt Metin Güney, Vorsitzender von Koop-Iş. „Und dann haben sie im Februar sogar ein Rundschreiben verteilt, in dem sie vor Gewerkschaftern warnen.“ In dem Dokument schreibt ein Mapa-Manager unter dem Ikea-Logo über die Gewerkschaftswerbung: „Derartige Propagandaaktivitäten wirken negativ auf den Betriebsfrieden. (…) Solche schädlichen Propagandaaktivitäten sind gesetzeswidrig.“ Was das in der Praxis bedeuten kann, erläutert Güney: „Wir kennen mehrere Fälle, in denen Mitarbeiter, die der Gewerkschaft beigetreten sind, gemobbt und entlassen wurden.“

Von diesen Vorwürfen wisse sie nichts, sagt dazu Petra Hesser, die aus Süddeutschland stammende globale Ikea-Personalmanagerin. Sie ist nach Istanbul gereist, um sich der Debatte mit den Gewerkschaftern zu stellen. „Wir wollen Probleme im gemeinsamen Dialog lösen und erwarten das auch von unseren Geschäftspartnern. Wir ermuntern sie, mit den Gewerkschaften zu kooperieren. Das ist der Ikea-Weg“, erklärte sie in einer Grundsatzrede vor den Gewerkschaftern. Der Berliner Zeitung sagte sie: „Auch der Franchisenehmer ist gehalten, sich an diese Werte zu halten.“ Bisher habe sich noch keiner der 1650 türkischen Arbeitnehmer beim internationalen Management beschwert. Man werde aber mit den Verantwortlichen von Mapa A.S. über alle Probleme reden.

Ob das reicht? Vor drei Jahren geriet der Möbelriese schon einmal in die Kritik wegen eines türkischen Geschäftspartners. Damals ging es um die Firma Menderes Tekstil aus der Westtürkei, einen der größten Lieferanten für Ikea-Textilien. Gewerkschafter berichteten von vielen Arbeitsunfällen und der Kündigung aktiver Gewerkschafter. Gewerkschafter Metin Güney sagt, die Zustände hätten sich trotz der Proteste dort bisher nicht geändert. Seine Gewerkschaft werde aber alles tun, damit es beim Ikea-Franchisenehmer Mapa jetzt anders läuft. „Wir werden auch vor Arbeitskämpfen nicht zurückschrecken.“

Nachtrag

In einem früheren Blogeintrag habe ich über einen Einkaufsbesuch bei Ikea im Istanbuler Stadtteil Bayrampaşa berichtet. Dort war mir aufgefallen, dass man zwar die berühmten Pölser-Würstchen bekommt, nicht aber die beliebten Zutaten wie Röstzwiebeln, Gurken und Dreifach-Soßen. Ich fragte Frau Hesser danach, und sie erwiderte: „Das gibt es doch nur in Deutschland! Nur die Deutschen sind so versessen auf Röstzwiebeln, Ketschup, Mayo und Senf!“ Ist das nicht seltsam? Ich war fest davon überzeugt, es sei eine schwedische Sitte.