Das E-rendevu

Nach Tagen depressiv machenden „Hüzün“-Wetters ist es heute in Istanbul wenigstens hell, wenn auch wolkig. Das Wetter macht die Leute mieslaunig, aber sie versuchen, abends dagegen anzufeiern. Die Freunde in Berlin wollen ja immer gar nicht glauben, dass wir hier tage- und manchmal wochenlang unter einer Glocke grauen, feuchten Wetters ächzen, das an den Berliner November erinnert. Hätte ich früher so auch nicht gedacht. Es liegt an diesen Tiefdruckwirbeln, die über Europa kreiseln und deren äußerster Rand leider immer den Bosporus streift.


Sobald es etwas kälter wird, fangen die Nachbarn an, mit allem zu heizen, was greifbar ist – oftmals benutzen sie schwefelhaltige Braunkohle. Dann riecht es wie früher in Berlin.

Der neueste Wirbel hat uns hier leider die ersten zaghaften Versuche des Frühlings, sich der Stadt zu widmen, wieder genommen. Ich habe diese warmen Tage genutzt, um mich um die Verlängerung meiner Aufenthaltsgenehmigung zu kümmern – ein zeitraubendes Verfahren, das man leider jedes Jahr neu durchlaufen muss.

Zuerst gilt es, den Presseausweis zu verlängern. Dafür muss man zum „Pressebüro des Ministerpräsidenten“, das sich früher in einem wunderschönen osmanischen Palast in Eminönü nahe der Altstadt befand. Als ich mich dieses Jahr dorthin aufmachte, regnete es, und dann musste ich feststellen, dass das Büro umgezogen war, nach Tophane auf der anderen Seite des Goldenen Horns, ganz in die Nähe meiner Wohnung. Als ich das neue Büro im sechsten Stock eines achtgeschossigen Neubaus nach langer Suche schließlich fand, nutzte ich die Chance, mich nach der Zahl der in der Türkei akkreditierten Auslandskorrespondenten zu erkundigen.

Es sind 180, und die Deutschen stellen mit 15 Kollegen die größte Gruppe. „Es liegt an den zahlreichen und engene Verbindungen unserer Länder“, mutmaßte die Sachbearbeiterin. Später ärgerte ich mich, nicht nach der Zahl der Berliner gefragt zu haben. Aber sie sind auch nicht wenige, zumindest diejenigen, die für Berliner Medien arbeiten. Leider werden wir einen sehr geschätzten Kollegen demnächst verlieren, denn Michael Thumann von der ZEIT wird nach Deutschland zurückkehren. Einen direkten Nachfolger gibt es nicht, sondern die ZEIT wird den nahen Osten in Zukunft von Kairo oder Beirut aus beobachten. Das finde ich schade.

Aber die ZEIT sitzt auch in Hamburg wie der Spiegel, der ebenfalls keinen Korrespondenten in der Türkei mehr hat. Für Berliner Medien ist Istanbul unverzichtbar, man könnte auch sagen, es handelt sich um einen ganz speziellen Außenbezirk. So wie Berlin in gewissem Sinne ein ganz besonderer Außenbezirk von Istanbul ist. Nur ärgerlich, dass uns Grenzen trennen, und ich deswegen jedes Jahr zur Ausländerpolizei in unserem Stadtbezirk Beyoğlu muss. Folgende Notiz von mir hat die Berliner Zeitung am Sonnabend veröffentlicht (nicht online):

Und die Fahne schön rot, bitte

Gestern hatte ich ein Rendezvous. Ein „e-rendevu“. So heißt der Termin, bei dem man bei der Ausländerpolizei in der modernen Türkei vorstellig wird, um seine Aufenthaltsgenehmigung zu erneuern. Man muss vorab ein vierseitiges Formular im Internet aufrufen, mehr private Informationen preisgeben als bei Facebook, und beim Ausdrucken ist darauf zu achten, dass die türkische Fahne auch schön rot ist. Dazu vier Passfotos und die Arbeitsbescheinigung – und auf zum Polizeirevier um die Ecke.

Bei uns im Stadtbezirk Beyoglu steht ein Schützenpanzer vor dem Gebäude, zum Schutz vor Terroristen. Früher mussten die Besucher eher vor der Polizei selbst geschützt werden. Das Revier war berüchtigt für seine robusten Fragemethoden. Jetzt hängen hier Plakate, die im Stil von „CSI“ für den coolen Job bei der „Istanbul Polisi“ werben.


Das Polizeirevier in Beyoglu, geschützt von einem Panzerfahrzeug

Der Raum ist klein, 20 Quadratmeter sind es vielleicht. Hinter dem Schalter sitzen sieben Beamte unter Atatürk-Bildern und widmen sich gut gelaunt den Antragstellern. Im Szenebezirk Beyoglu treffen sie alle aufeinander: die hippen Sprachstudenten und Künstler aus Westeuropa, die Hausmädchen aus Osteuropa, die Billigarbeiter aus Schwarzafrika. Mehr oder weniger kommen alle simultan dran, denn das „e-rendevu“ funktioniert mit Terminvergabe online. Modern eben.

Die Ausländerpolizisten sind jung. Meiner macht mich verlegen, als ich ihm die Papiere reiche. „Ich liebe Deutschland“, sagt er auf Deutsch, und dass er es gut findet, dass wir so viele Wörter mit „sch“ haben. Auch dass die Deutschen ihre Papiere stets mustergültig vollständig vorlegten, findet er lobenswert. „Ihr seid die Besten. Wenn wir Türken doch auch so wären!“ Er beginnt, die Formulare mit meinen Passbildern zu bekleben.

Da taucht ein klappriges altes Männlein mit schlohweißem Haar, Schnurrbart, Zehntagestoppeln auf. Er hat eine junge Ukrainerin dabei, die ihn beim Gehen stützt. „Ich komme wegen der Aufenthaltsgenehmigung für meine Frau, Bruder. Sie ist Ukrainerin“, sagt er mit Fistelstimme. „Also für diese Frau hier?“, fragt der Beamte. „Nein, das ist doch mein Hausmädchen“, erwidert der Greis. – „Ja, und wo ist dann Ihre Frau?“ – „Zu Hause, Bruder.“ – „Sie können doch hier nicht mit einer Ersatzfrau kommen!“ Grummelnd geht der Alte ab, und die Staatsdiener halten sich den Bauch vor Lachen. Meine Bescheinigung kann ich nächste Woche abholen.


Istanbuler Polizei: „Für die öffentliche Sicherheit – im Dienst des Rechts“

6 Gedanken zu „Das E-rendevu

    • Keine Ahnung – manche interessiert’s. Sind halt Beobachtungen aus dem Alltag. Man kann ja nicht nur von Politik leben. FN

  1. ich habe mein “ Ikamet “ (Aufenthaltsgenemigung ) für 5 Jahre bekommen.
    Kenne diese Prozedur leider zu gut .Früher gab es keine Anmeldung per Internet sondern musste nach Aksaray zur Ausländerpolizei.Alle die einen Aufenthalt wollten mussten dort hin. Am Tag ca. 400- 500 Wartende.Morgens hin und wenn man Glück hatte bekam man für diesen Tag eine Nummer und dann ging das Warten los.Von einem Beamten zum Anderen.Wenn man nicht alle Papiere vollzählig hatte, weil einem es nicht richtig erklärt wurde, konnte man nächsten Tag nochmal wiederkommen.Da meine Frau Türkin ist, ging es gut ,aber so mancher Ausländer tat mir leid, erst Stundenlang warten und dann “ kommen sie morgen wieder“
    Im Sommer natürlich unerträglich wegen der Hitze im Gebäude.Kaum Klimaanlagen.
    Und zum Schluss mussten viele noch dafür Gebühren bezahlen.
    Als Deutscher brauch ich, wenn mit Türkin verheiratet , keine Gebühren bezahlen.
    Jetzt hat man es geändert .Man geht zu seinem zuständigen Polizeirevier und dort
    bekommt man seine Aufenthaltsgenehmigung.

    • Das Polizeirevier in Aksaray kenne ich auch noch von meinem ersten Besuch bei der Ausländerpolizei – aber man hat die (westlichen) Ausländer damals schon bevorzugt abgefertigt. Ich musste nur etwa drei Stunden warten. Manche Ukrainer und Armenier ließ man ewig sitzen. FN

    • Ganz kurze Frage dazu: Braucht man für die Verlängerung auch ein e-randevu oder kann man einfach direkt zur Polizeistation gehen?

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