Moralische Gefahr in Studentenwohnheimen

Liebe Blogleserinnen und Blogleser, ein Freund aus Berlin war zu Besuch und hat mich in die Geheimnisse des Twitterns eingewiesen (vielen Dank nochmals, lieber H.). Für Sie als Leser/innen bedeutet das, dass Sie mir in Zukunft auch auf Twitter folgen und neueste News aus Istanbul direkt ohne Zeitverzug nachlesen können, und zwar hier: https://twitter.com/NordhausenFrank. Ich beginne bereits, mich an das „Neuland“-Medium zu gewöhnen und seine Vorzüge zu entdecken. Bisher überbrachte mir Nachrichten aus der Twitter-Welt meine wunderbare türkische Mitarbeiterin, bei der ich mich hiermit herzlich dafür bedanke.

Soviel dazu. Nun zur Türkei: Wieder einmal hat der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ohne Not eine „Lebensstil“-Debatte angestoßen, als er sich am Sonntag auf einer AKP-Konferenz darüber aufregte, dass in türkischen Studentenwohnheimen junge Männer und Frauen im selben Haus, gar in der selben Wohnung lebten: „Niemand kontrolliert das. Das widerspricht unserem konservativen demokratischen Charakter.“ Am gestrigen Montag hatte die Zaman aus der Rede zitiert, was zu erheblichem Aufruhr in den sozialen Netzwerken und den Medien der Türkei führte. Und auch im Parlament. Der Vizechef der CHP, Umut Oran, fragte dort die Regierung: „Wird die Moralpolizei nun Wohnungen durchsuchen wie im Iran?“

SONY DSC
Gemeinsames Zelten von unverheirateten jungen Männern und Frauen wie hier im Gezi-Park im Sommer – das geht gar nicht, wenn es nach dem Ministerpräsidenten geht.

Geheiminformationen über Wohnheime

Daraufhin hat Erdoğan heute nachgelegt. Er sagte, er stehe zu seiner Ablehnung gemischtgeschlechtlicher Wohnheime. Laut der Hürriyet Daily News (HDN) enthüllte er, dass die Gouvernorate bereits in bestimmten Situationen aufgrund von „Geheiminformationen“ in Häusern, die männliche und weibliche Studenten gemeinsam bewohnten, „interveniert“ hätten. Die Regierung sei auf einer „Mission“, um die Schlafräume von jungen Männern und Frauen in staatlichen Wohnheimen zu „separieren“ – und habe diese „Mission“ bereits in drei Viertel aller Heime erfolgreich abgeschlossen. Vor allem scheinen ihn private Heime zu ärgern, auf die der Staat bisher keinen Zugriff hat.

Erdoğan sagte gemäß HDN (unter Berufung auf die halbstaatliche Nachrichtenagentur Anadolu), dass sich Nachbarn beschwert hätten und es Zeit sei einzugreifen: „Es ist unklar, was genau an diesen Orten vor sich geht. Alle wohnen dort durcheinander, alles Mögliche kann passieren. Als konservativ-demokratische Regierung müssen wir eingreifen. Wir verfügen über Geheiminformationen der Sicherheitskräfte, der Polizei und der Gouvernorate. Aufgrund dieser Informationen handeln unsere Gouvernorate. Warum regt sich jemand darüber auf?“ Es sei Regierungsaufgabe zu handeln, und das habe nichts zu tun mit „Eingriffen in den persönlichen Lebensstil der Menschen“: „Mütter und Väter beschweren sich und fragen, wo ist der Staat? Unsere Maßnahmen sollen ihnen zeigen, dass der Staat zur Stelle ist.“

Nun, all dies würde man in Europa sicher anders bewerten, und auch in der Türkei gibt es nicht wenige – selbst in Erdoğans eigener Partei -, die seine Fürsorge um die jungen Leute etwas übertrieben finden; immerhin gibt es rund drei Millionen Studenten in der Türkei, die auch Wähler sind. So beeilte sich Vizepremier Bülent Arınç am Montag umgehend um ein Dementi: Die Regierung habe keine Pläne für Studenten, die in gemischtgeschlechtlichen privaten Wohnheimen leben. Er unterschätzte aber offenbar seinen Chef, der am heutigen Dienstag polterte, er sei dafür bekannt, dass er „nichts zurücknehme, was ich einmal gesagt habe, weil ich aus anderem Holz geschnitzt bin als andere Politiker“.

Staatliche Wohnheim-Inspektionen

Türkische Kommentatoren rätseln nun, was die Worte des Premiers praktisch bedeuten sollen. Der bekannte liberalkonservativ Wirtschaftsprofessor und Kolumnist Mehmet Altan sagte der Today’s Zaman, er sei tief erschrocken, denn Bürger über 18 Jahre könnten schließlich frei entscheiden, wie und mit wem sie lebten. Die geplanten Wohnheim-Inspektionen seien eine „klare Verletzung der Privatheit und fundamentaler Rechte und Freiheiten“. Erdoğan wolle offenbar eine Gesellschaft gemäß seinen persönlichen Wünschen erschaffen. „Das ist ein antidemokratisches Verhalten“, so Altan. Andere Kommentatoren geben zu bedenken, dass staatliche Schüffelei in Privathäusern ohne eine gesetzliche Grundlage schlicht verfassungswidrig sei. Es gebe aber kein Gesetz, dass es Erwachsenen verbiete, nach ihren Wünschen zusammenzuleben.

Die Opposition jedenfalls ist alarmiert. Der CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu wittert hinter Erdoğans Vorstoß bereits einen religionspolitisch motivierten Angriff auf die Koedukation in türkischen Schulen und Universitäten, die immerhin auf die Reformen Atatürks zurückgeht. Erdoğan wolle vor allem die Rechte der Frauen beschneiden, sagte der Oppositionsführer. „Sie sagen den Frauen auch, was sie anziehen sollen. Aber das geht sie nichts an. Frauen sollten sich klar sein, dass sie den höchsten Preis zahlen, wenn die Demokratie beschnitten wird.“

Bereits im August hatte ein Universitätsdirektor in der Schwarzmeerstadt Trabzon landesweites Aufsehen erregt, als er sich darüber beschwerte, dass männliche und weibliche Studenten die gleichen Treppen auf dem Weg in ihre Zimmer nutzten – das moralische Problem wurde inzwischen durch Umbau behoben. Man fragt sich allerdings, woher bei so strikter Separation der Geschlechter die drei bis vier Kinder kommen sollen, die Premier Erdoğan bekanntlich jeder türkischen Frau anempfiehlt. Wie sollen sie sich denn näher kennenlernen, die jungen Leute?

Ein Gedanke zu „Moralische Gefahr in Studentenwohnheimen

  1. Wie sind denn da die Türken/Muslime/Moralisatoren in der Türkei drauf? Ich kenne das nämlich aus den Traditionell katholischen Ländern Italien und Brasilien so, dass einerseits zwar durchaus stärker nach außen hin Moral gepredigt wird, aber de facto die Jugendlichen bei jeder Gelegenheit anbandeln. Es kann also durchaus eine konservative Moral propagiert werden, aber die Lebensrealität anders aussehen. Je moderner auch die sonstigen Lebensumstände, desto mehr wird die Moral zur Fassade. Muss ja nicht so werden wie im Iran.

Kommentare sind geschlossen.