Hitze, Gerüchte, Propaganda

Es ist absolut verständlich, dass bei dem gegenwärtigen Tropenklima jeder Istanbuler, der die Möglichkeit dazu hat, ins Ferienhaus oder ans Meer fährt. Mit einem Deutschen, der schon lange hier lebt, unterhielt ich mich gestern über die Vor- und Nachteile von Klimaanlagen und Ventilatoren, und er klagte darüber, dass er in seinem Geschäft leider gezwungen sei, eine Klimaanlage zu betreiben. „Sonst kommen die Kunden nicht mehr.“ Aber andererseits werden die Angestellten krank. Diagnose: Erkältung. Er klagte auch über die gewaltige Stromrechnung und sagte: „Deshalb betreibe ich zu Hause keine Air Condition, sondern einen Ventilator.“ Recht hat der Mann. In unserer Wohnung haben wir jetzt sogar zwei Ventilatoren, ohne die ich keine Zeile geradeaus schreiben könnte. Aber ich will nicht über die Hitze lamentieren. Sie hat auch ihr Gutes – ausgezeichnetes Eis in der Istiklal Cadessi. Manchmal gehe ich nur dorthin, um italienisches und zuweilen auch türkisches Eis (Tipp: Mado!) zu genießen.

Wir Journalisten müssen ohnehin ausharren, denn momentan herrscht zwar zwar auch in der Türkei das politische Sommerloch, Regierung und Parlament sind im Urlaub, aber das Weltgeschehen selbst macht keine Ferien. Vor allem die Entwicklungen in Syrien beschäftigen uns stark, und sie werden gravierende Auswirkungen auf die gesamte Region zeitigen. Der Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan warnt praktisch jeden Tag vor der Gefahr eines kurdischen „PKK-Staates“ in Nordsyrien an der türkischen Grenze, und er redet immer öfter von einem möglichen militärischen Eingreifen der Türkei.

Das würde bedeuten, dass die Türkei Krieg gegen Syrien führt. In der Bevölkerung ist diese Perspektive nicht gerade populär – aber die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK wird hier auch nicht gemocht. Ich habe in der vergangenen Woche mehrfach über die Entwicklungen berichtet und will Ihnen meine Analyse der Entwicklung im kurdischen Nordosten Syriens nicht vorenthalten (siehe unten). Wie nicht anders zu erwarten, schwirrt Istanbul vor gegensätzlichen Meldungen und Gerüchten, und es ist nicht immer einfach, Propaganda und mögliche Wahrheit voneinander zu trennen.

Überrascht hat mich allerdings eine gestrige Meldung der Nachrichtenagentur Reuters, wonach die Türkei seit dem Absturz ihres Militärjets vor der syrischen Küste im Juli eine logistische Einsatzzentrale für die syrischen FSA-Rebellen in der südtürkischen Millionenstadt Adana betreiben soll. Dort sollen angeblich mit den Millionen aus Saudi-Arabien und Katar Waffen russischer Herstellung „auf dem Schwarzmarkt“ gekauft und an die FSA geliefert werden. Nun halte ich in diesem Konflikt prinzipiell vieles für möglich. Die Türkei unterstützt die syrische Opposition ganz offen, lässt auch die FSA ihr Hauptquartier nahe Antakya (Hatay) betreiben und öffnet den Rebellen Rückzugsräume. Das ist unbestritten.

Aber Waffenkäufe auf dem Schwarzmarkt, die dann an die FSA gehen? Zum einen stört mich an der Reuters-Meldung, die weite Verbreitung fand, dass der Informant nicht benannt wurde. Das halte ich für journalistisch unseriös bei einer so bedeutsamen Nachricht; dann bitte weiter recherchieren, bis man eine seriöse und namentliche Bestätigung hat. Zum anderen: Bei meinen Besuchen in der Grenzregion zu Syrien klagten immer alle FSA-Kämpfer, mit denen ich sprach, über fehlende Unterstützung, fehlende Waffen, fehlendes Geld. Mag sein, dass sich jetzt etwas geändert hat. Aber die Preise für Kalaschnikow-Gewehre sind in Hatay, wie ich erfahren konnte, nach wie vor extrem hoch (rund 1500 Dollar pro Stück). Das macht mich skeptisch. Ich glaube nicht, dass die Türkei ein gesteigertes Interesse daran hat, den Rebellen Waffen zu liefern, denn sie muss immer fürchten, dass diese syrisch-kurdischen Kämpfern bzw. der PKK in die Hände fallen. Aber wie heißt es doch: Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst. Die türkische Regierung hat die Reuters-Meldung übrigens dementiert.

Und hier mein Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 25. Juli:

Türkei befürchtet Großkurdistan

In nordsyrischen Städten wehen kurdische Fahnen und aus dem Nordirak marschieren Freiheitskämpfer über die Grenze. Die Türkei sorgt sich nun, dass ein Kurdenstaat an ihrer Südgrenze entsteht. Das hätte Auswirkungen auf den Kurdenkonflikt im eigenen Land.

Wird im Nordosten Syriens gerade der Keim eines unabhängigen Kurdenstaates gepflanzt? Im Windschatten der Kämpfe in Damaskus und Aleppo haben aufständische Kurden in einem breiten Grenzstreifen zur Türkei in den letzten Tagen eine „Autonome Region Westkurdistan“ ausgerufen. Fast widerstandslos habe sich das syrische Militär aus den drei Provinzen zurückgezogen, in denen die meisten der rund drei Millionen syrischen Kurden leben. Das berichten türkische, arabische und kurdische Medien übereinstimmend.

In den Städten Hasakah, Afrin und Koban wurden Institutionen der Baath-Partei zerstört und revolutionäre Räte gegründet. Unklar war die Lage am Mittwoch noch in der 180.000-Einwohner-Stadt Kamischli im Dreiländereck Syrien-Türkei-Irak. Fotos aus den Brennpunkten belegen aber, dass in der Region zwischen Aleppo und Kamischli jetzt die kurdischen Fahnen flattern und kurdische Selbstverteidigungsgruppen aufgestellt werden. Eine zweite Kurdenrepublik neben dem semiautonomen Nordirak wird schemenhaft sichtbar.

Kurden im Nordirak treten selbstbewusst auf

Der Nordirak spielt dabei eine aktive Rolle. Im türkischen Fernsehen waren am Dienstag Hunderte von kurdischen Freiheitskämpfern zu sehen, die aus dem Nordirak nach Syrien marschierten. Präsident Massud Barzani räumte in der Hauptstadt Erbil offen ein, dass es sich dabei um syrisch-kurdische Armeedeserteure handle, die man dafür trainiert habe, „ein Sicherheitsvakuum in Nordsyrien zu verhindern“. Er bestritt, dass auch nordirakische Truppen in den Süden geschickt würden, hinterließ aber den Eindruck, dass Erbil sich als Schutzmacht der Kurden in Syrien begreift. Ebenso offensichtlich ist, dass Barzani erneut Außenpolitik an Bagdad vorbei betreibt und der Nordirak immer selbstbewusster als eigenständiger politischer Akteur in der Region auftritt.

Diese Entwicklung muss Ankara zutiefst beunruhigen, denn sie untergräbt das regionale Machtgefüge und wird sich zwangsläufig auf die Türkei und ihr Kurdenproblem auswirken. Fassungslos reagierten türkische Kommentatoren auf Fotos des inhaftierten türkischen Kurdenführers Abdullah Öcalan, die an Gebäuden und auf Kundgebungen in Westkurdistan auftauchten. Noch hat sich der Nebel zwar nicht völlig gelichtet, aber sicher ist, dass der im vergangenen Oktober als Dachorganisation von einem Dutzend Oppositionsgruppen gegründete „Kurdische Nationalrat“ und vor allem die „Demokratische Unionspartei“ (PYD) den Umsturz im syrischen Nordosten anführen.

Chance für kurdische Autonomie

Der Kurdische Nationalrat hatte in den vergangenen Monaten vergeblich versucht, in den Syrischen Nationalrat, das wichtigste Oppositionsbündnis, aufgenommen zu werden – die syrischen Araber wollten sich nicht auf die geforderte Teilautonomie für die Kurdengebiete einlassen. Die bedeutendere und vor allem besser bewaffnete PYD strebt dagegen eine vollständige Autonomie Westkurdistans an; sie ist eng mit der in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei (PKK) verbunden und betrachtet Öcalan als ihren Anführer.

Doch ist die Machtfrage noch nicht völlig geklärt, wovon Schießereien zwischen Anhängern und Gegnern der PYD etwa in der Stadt Afrin zeugen. Die syrischen Kurden eint, dass sie sowohl zur Regierung in Damaskus wie zur arabisch-syrischen Opposition Distanz halten und sich Hilfsangebote der Freien Syrischen Armee verbeten haben. Der Kollaps des Assad-Regimes bietet ihnen jetzt die Chance, das Fundament für die Autonomie Westkurdistans zu legen. Sie werden sich kaum wieder von Damaskus bevormunden lassen.

Türkische Repressionen rächen sich

In der Türkei löst die Perspektive eines weiteren Kurdenstaates als Nachbar, zumal unter der Herrschaft der PYD, erhebliche Nervosität aus. „Die Türkei sollte weniger eine Libanonisierung Syriens entlang ethnischer Linien fürchten als vielmehr ein unabhängiges Kurdistan an seiner südöstlichen Grenze“, schreibt die Istanbuler Zeitung Milliyet. Meldungen, wonach der syrische Diktator Baschar al-Assad die PKK angeblich finanziell und militärisch unterstützt, haben die Furcht noch gesteigert. „Am Horizont liegt nun ein Großkurdistan, das die südlichen Grenzen der Türkei umschließt“, fürchtet Milliyet.

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan hat zwar verkündet, dass man „niemals“ einen Kurdenstaat an der Südgrenze dulden werde – aber er scheut eine offene Einmischung in den syrischen Bürgerkrieg. Wahrscheinlich hat Ankara auch wegen der „kurdischen Gefahr“ am Mittwoch sämtliche Grenzübergänge zu Syrien geschlossen und weitere Truppen ins kurdische Grenzgebiet verlegt. Nun könnte sich rächen, dass die konservativ-religiöse AKP-Regierung in der Kurdenpolitik zuletzt wieder auf Repression setzte. Mehr als 4000 kurdische Aktivisten, Journalisten, Intellektuelle und Politiker sitzen derzeit im Gefängnis. Ankara hat versäumt, die Chancen zur Versöhnung mit den Kurden wahrzunehmen. Die Existenz eines autonomen Westkurdistans dürfte der kurdischen Opposition in der Türkei Flügel verleihen.