„Nazi-Braut“ in „Hitler-Pose“

Der Prozessbeginn um die Mordserie der NSU-Terroristen in München erregte in der Türkei erwartungsgemäß großes Aufsehen. Fast alle Zeitungen berichteten über den Prozessbeginn auf der ersten Seite und zeigten sich überrascht vom Verhalten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, das sie als arrogant und unangemessen beschrieben. „Entspannte Haltung wie im Wohnzimmer“, titelte die liberale Milliyet und illustrierte den Artikel mit einem großen Bild von Zschäpe im Gerichtssaal. Deutschland stehe mit dem Prozess vor einer „Nazi-Prüfung“, urteilte das Blatt, und zeigte ein kleineres Bild der Nebenklägerin (und Buchautorin) Semiya Şimşek, deren Vater Enver im Jahr 2000 ermordet wurde, mit der Überschrift: „Şimşek sagt, sie vertraue dem Gericht nicht.“

Auch die anderen türkischen Blätter ließen die Angehörigen der Opfer ausführlich zu Wort kommen, beschäftigten sich aber vor allem mit der Atmosphäre im Gerichtssaal und der Angeklagten Zschäpe. So berichtete das Massenblatt Hürriyet, dass Zschäpe den Verhandlungssaal als Bühne für eine Show genutzt habe. Die Boulevardzeitung Habertürk schrieb von der „unverschämten Nazi-Braut“ in „Hitler-Pose“, die regierungsnahe Yeni Şafak nannte das Verhalten der Angeklagten „eine Frechheit“. Die konservativ-islamische Zeitung Türkiye titelte im gleichen Tenor: „Die unverschämte Show der Nazi-Braut“.

„Deutsche Samast“

Abgesehen nur von der sehr regierungsnahen Sabah (Überschrift: „Deutschlands Ergenekon“), wurde der Prozessbeginn in den Zeitungen nicht kommentiert. Aber das ist nicht außergewöhnlich, denn die türkischen Kolumnisten brauchen in der Regel nun mal einen Tag, um nach einem Ereignis zu einem Urteil zu gelangen. Dafür zitierten viele Berichte aus einem langen Interview, das der Vorsitzende der Menschenrechtskommission des türkischen Parlaments, Ayhan Sefer Üstün, dem englischsprachigen Presseorgan der Gülen-Bewegung Today’s Zaman gab.

„Rassismus ist eine Krankheit“, erklärte er darin und forderte das Gericht auf, mögliche Verbindungen zwischen dem NSU und den deutschen Sicherheitsbehörden zu untersuchen. Für türkische Medien liegt der Vergleich dieser Verbindungen mit dem eigenen „tiefen Staat“ von putschversessenen Militärs und Geheimdienstlern nahe. So machte die ebenfalls regierungsnahe, aber zuweilen eigensinnige Tageszeitung Star mit einem Bild Zschäpes und der Schlagzeile auf: „Die deutsche Samast“ – Ogün Samast ist der Name des Attentäters mit Verbindungen zum „tiefen Staat“, der den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink 2007 in Istanbul umbrachte. Ein durchaus nicht abwegiger Vergleich, geht es doch in beiden Fällen um rassistische Morde und mögliche Verstrickungen der Geheimdienste.

Ein Gedanke zu „„Nazi-Braut“ in „Hitler-Pose“

  1. Viele der Reaktionen, die von türkischer Seite nicht etwa zur NSU oder zur Beteiligung des deutschen Staates, sondern zu Zschäpes „Auftreten im Gerichtssaal“ kommen, sind einfach nur albern. Warum sollte sich Frau Z. zu dieser ohnehin erfolgten, z.T. unsachlichen, Vorverurteilung in irgendeiner Form äußern?

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