Neue Proteste in Istanbul

Es ist wieder Polizei auf den Straßen in unserem Viertel Cihangir. Aber wenigstens sahen die Beamten heute davon ab, die Gegend mit Tränengas einzunebeln, weil sich keine Demonstranten blicken ließen. Die sammelten sich am heutigen Mittwoch auf der anatolischen Bosporusseite, in Kadıköy, und wurden dort mit Wasserwerfern und Tränengas beschossen. Sie wollten an den Tod des 22-jährigen Ahmet Atakan erinnern, der in der südtürkischen Stadt Antakya in der Nacht zu Dienstag gestorben war.

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Demonstrantin auf der Istiklal Caddesi in der Nacht zu Mittwoch. Auf dem Plakat steht: „Was ist Ahmet Atakans Schuld? Er liebte Bäume.“

Augenzeugen und jene Mediziner, die den leblosen Atakan zuerst untersuchten, erklärten, er sei von einer Gaskartusche der Polizei getroffen worden; die Polizei und inzwischen sogar der Innenminister behaupten, er sei von einem Hausdach gefallen. Präsident Abdullah Gül äußert sich wie immer vorsichtig und vermeidet eine Festlegung. Noch sind auch keine Videoaufnahmen aufgetaucht, welche die eine oder andere Version stützen. Aber die Erfahrungen mit anderen Todesfällen während der Gezi-Demonstrationen lassen Misstrauen gegenüber den staatlichen Hergangsversionen angebracht erscheinen. Auch im Fall von Ali İsmail Korkmaz, der in Eskişehir zu Tode kam, wurde erst behauptet, er sei von anderen Demonstranten verprügelt worden – bis die verschollen geglaubten Aufnahmen einer Überwachungskamera auftauchten. Jetzt sitzen ein Polizist und drei Zivilisten wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft.

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Polizisten riegeln die Istiklal Caddesi in der Nacht zu Mittwoch ab – auch Touristen dürfen nicht mehr passieren.

Gestern Nacht war es wieder gefährlich, sich am Taksim-Platz, der Istiklal Caddesi oder deren Seitenstraßen zu bewegen, denn unvermittelt konnten Polizisten aus einer Gasse stürmen und ohne jede Vorwarnung mit Gaskartuschen, ohrenbetäubenden Akustikbomben und Plastikgeschossen um sich schießen. Ich habe viele Gezi-Demonstrationen miterlebt und mich dabei als Journalist oft zwischen den Fronten bewegt – aber mein Eindruck ist, dass die Polizei jetzt aggressiver und willkürlicher agiert. Einmal drehten sich Polizisten auf der Istiklal Caddesi unvermittelt um und feuerten ohne Warnung sofort aus ihren Gaskartuschengewehren auf eine Menschenansammlung – gezielt auf die Körper der Demonstranten.

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Polizisten schießen Tränengas in eine Seitenstraße der Istiklal Caddesi in der Nacht zum Mittwoch.

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Tränengaseinsatz auf der Istiklal Caddesi.

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Einsatzleitung der Polizei unterwegs in Cihangir.

Das ist doppelt bedenklich, denn angeblich haben österreichische und deutsche Polizeitrainer den türkischen Kollegen Deeskalationstaktiken bei Massendemonstrationen beigebracht. Viel ist davon nicht hängen geblieben. Im Gegenteil, die Polizeikräfte scheinen einen Freibrief zu haben, mit exzessiver Gewalt gegen die Demonstranten vorzugehen. Wir haben gerade Besuch von einer Freundin aus Berlin, die auch schon mal Straßenschlachten in Kreuzberg oder Friedrichshain erlebt hat. Sie sagte ganz verblüfft: „Die Demonstranten in Istanbul machen ja gar nichts und werden trotzdem attackiert!“

Das stimmt im Prinzip. Die Protestierenden errichten zwar Barrikaden aus Müllcontainern, die sie anzünden, und manche werfen auch Steine und zünden Feuerwerkskörper. Aber soweit ich es beobachten konnte, ging die Gewalt in dieser Nacht stets von der Polizei aus. Holländische Touristen aus Utrecht, die vergeblich versuchten, zu ihrem Hotel am Taksim-Platz zu gelangen, schüttelten den Kopf und sagten: „Das ist ein absurdes Theater. Die sollten sich alle an einen Tisch setzen und über die Probleme reden.“ Aber es gibt in der Türkei leider bisher keine institutionalisierten Formen der Bürgerbeteiligung. Der „overbearing state“ ist ein Erbe der autoritären Kemalisten und verhärtet die Konflikte. Die AKP wäre gut beraten, sich über eine Demokratisierung von unten Gedanken zu machen.

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Brennende Müllcontainer am Cihangir-Platz.

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Und hier mein Kommentar zu den Auseinandersetzungen in Istanbul und anderen Städten der Türkei (Donnerstagausgabe der Berliner Zeitung):

Kein Interesse an Deeskalation

Es wird Herbst, und in der Türkei flammen die Proteste wieder auf. Dass der Bau einer Schnellstraße über den waldreichen Campus einer Universität in Ankara die Studenten nicht kalt lassen würde, musste angesichts der Gezi-Proteste vom Sommer allen Verantwortlichen klar sein. Sie mussten auch wissen, dass brutales Vorgehen der Polizei eine neue Spirale der Gewalt auslösen würde. Zumal es der Protestbewegung nicht nur um Bäume geht, sondern um grundsätzliche Kritik an der Gängelung der säkularen Mittelschicht durch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan und seine religiös-konservative AKP.

Doch entweder hat die türkische Polizeiführung von ihren deutschen Polizeitrainern nichts gelernt, oder die Regierung hat kein Interesse an einer Deeskalation. Für Letzteres spricht, dass die Polizisten in bisher ungekannter Willkür ihre Tränengas- und Plastikmunition verschossen.

Erdogan will den Funken austreten, bevor er wieder zum Flächenbrand wird. Da auch die Justiz scharf gegen die Gezi-Demonstranten vorgeht und viele Anwohner die Dauerkrawalle satthaben, läuft die Protestbewegung Gefahr, dem Zerrbild der „Marodeure und Chaoten“ immer ähnlicher zu werden, das Erdoğan von ihnen zeichnet. Aus dieser Falle kann sie nur entkommen, wenn sie es schafft, zu agieren statt immer nur zu reagieren. Sie muss sich politisch organisieren. Davon aber ist bislang noch nichts zu sehen.

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Flucht vor der Polizei. Auf die Werbefläche hat jemand „Mörderstaat“ gesprüht.

12 Gedanken zu „Neue Proteste in Istanbul

    • Hallo Herr Klose, das erste genannte Video gibt es nicht (oder ich kann es nicht öffnen), das zweite ist bekannt, hat aber keinen nachrichtlichen Aussagewert, da man weder weiß, welchen Ort es zeigt, was da fällt und wieso das gefallene Objekt dann nach links über die Straße gezogen wird. Das Video ist in sozialen Netzwerken der Türkei heftig diskutiert worden; Ergebnis: Ratlosigkeit. FN

      • https://www.youtube.com/watch?v=mFY3uzgw2Oo <– Hier nochmals das Video, auf dem gut zu sehen ist, welch massive Gesteinsbrocken von oben auf die Polizeiautos geworfen werden. Für mich sind Menschen, die das tun, potenzielle Mörder. Nun ist einer dieser potenziellen Mörder vom Dach gestürzt und prompt wird aus ihm ein Opfer gemacht.

        • Hallo Herr Klose, auf diesem Video kann man sehen, dass Steine auf ein Polizeiauto geworfen werden und ein Mensch auf der Straße liegt. Ob er von einem Stein oder einer Gaskartusche getroffen wurde, kann man nicht erkennen. Ebenso wenig, ob er von einem Dach stürzte oder was sich sonst noch begab. Insofern möchte ich der Aussage des türkischen Staatspräsidenten Gül zustimmen, dass man die polizeilichen Untersuchungen abwarten sollte. FN

          • Es ist eindeutig zu erkennen, dass ein Mensch fällt, man sieht seine Arme. Und so viele Menschen fallen auch dort nicht von Dächern, da ist die Zuordnung zu A. A. nicht allzu schwer.

          • Anwohner haben in der Nähe des Orts in Antakya, an dem Ahmet Atakan starb, eine blutbefleckte Tränengaskartusche gefunden, die ein CHP-Parlamentsabgeordneter jetzt der Staatsanwaltschaft übergeben hat. Man muss die Untersuchung abwarten. FN

          • Gerade wir, die Bürger aus christlichen … (Hallo Herr Klose, bitte keine Beleidigungen von Religionsgemeinschaften in meinem Blog, FN)

  1. Warum nicht mal über ein anderes, beschämendes Problem berichten? –> http://dtj-online.de/zugang-zur-bildung-grundrecht-kopftuch-9680

    Es geht darin um einige junge Studentinnen ohne und andere mit Kopftuch. Die Studentinnen ohne Kopftuch sehen modern und „westlich“ aus, sie tragen Jeans und fesche Frisuren – aber in ihren Köpfen geht es altmodisch zu. Sie beschimpfen ihre bekopftuchten Kommilitoninnen, verlangen von ihnen, das Gelände zu verlassen – weil sie Kopftuch tragen.

    Am beschämendsten daran: Wären die Angegriffenen barhäuptig und die Angreiferinnen Kopftuchträgerinnen gewesen, hätte der Vorfall in ausländischen Medien womöglich unter dem Schlagwort eines „neuen Islamismus“ in der Türkei sein Echo gefunden. Da die Rollen aber anders verteilt waren, fand und findet der Vorfall im Ausland (und auch in diesem Blog) nur wenig Beachtung.

    • Werter Cetin, ich habe diesen Vorfall hier im Blog erwähnt. Frauen zu diskriminieren, weil sie das Kopftuch tragen, ist absolut inakzeptabel; dazu empfehle ich Ihnen das Interview mit dem „Standing Man“ Erdem Gündüz in meinem Blog. Er hat schon 2004 mit einer Performance in seiner Uni dagegen protestiert. Tolle Aktion! FN

    • Die wurden nicht angegriffen weil sie ein Kopftuch haben, sie wurden angegriffen weil sie ihre Ceemat-Heime anpreisen um Propaganda für ihre Sekte zu machen und endlich auch den letzten oppositionellen Campus infiltrieren wollen. Mir persönlich ist scheiß egal was Gülen’s Anhänger machen, aber einigen auf dem Campus nicht. Die Leute dort wollen ihre Freiheit ohne Doktrin und Gleichschaltung. Aber hauptsache du zitierst die Gülen Presse, dann weiß man ja wie „objektiv“ die Berichterstattung ist.

  2. Ich wusste es, das hier ist ein Lügen- und Hetzblog, hier findet eine Täter-Opfer-Umkehrung statt. Hat schon bei den Nazis gut geklappt, nicht? Da waren ja auch die Deutschen die Opfer, sie sich nur verteidigen mussten, reinste Nazipropaganda hier.

    • Werter Herr Klose, dies ist ein Blog, und es wird niemand gezwungen, ihn zu lesen. Wenn er Ihnen nicht gefällt, lesen Sie einfach etwas anderes. Das Internet ist groß. Was die antiautoritäre Protestbewegung in der Türkei mit den Nazis zu tun hat, erschließt sich mir allerdings nicht. FN

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