Olympia und Tränengas

Es war ein spannendes Rennen um die Olympiateilnahme am Sonnabend. Ich hatte mich gegen neun Uhr nachts aufgemacht zum Sultanahmet-Platz, wo vor der Hagia Sophia zwei Großleinwände aufgebaut waren – eine fürs Volk und eine für die Journalisten. Viel Volk war aber nicht da, vielleicht 1000 Leute. Sie wurden immer wieder von der beweglichen Kamera von oben gefilmt und wirkten im Fernsehen zahlreicher, als sie in Wirklichkeit waren. Außerdem hatten sich jede Menge Touristen eingefunden, die einfach neugierig waren, was für ein Spektakel hier dargeboten wurde.

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Kameraleute, im Hintergrund die Hagia Sophia.

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Warten auf die Entscheidung.

Diesen Text habe ich für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau geschrieben (nicht online):

Trauern und feiern

Die Sekunden schienen sich endlos zu dehnen für die knapp tausend Istanbuler, die sich an diesem milden Spätsommerabend vor der großen Videoleinwand direkt neben der berühmten Hagia Sophia in der Altstadt Istanbuls versammelt hatten. Eben noch überlaute House-Musik, Jubelrufe „Istanbul, Istanbul!“, ein rotes türkisches Fahnenmeer – und dann öffnete Jacques Rogge den Umschlag mit den olympischen Ringen und sagte: „Das Komitee vergibt die Olympischen Spiele 2020 nach – Tokio.“ Man konnte gar nicht so schnell gucken, wie sich der Platz im historischen Zentrum leerte und die Menschen mit gesenkten Köpfen nach Hause eilten. Die fünfte Bewerbung Istanbuls um die Olympischen Spiele war gescheitert.

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Countdown

„Das hat Istanbul nicht verdient, aber Japan hat eben mehr Geld“, sagte Ramazan Yildirim, ein bärtiger 43-jähriger Arbeiter aus dem konservativen Viertel Fatih, der mit drei Freunden gekommen und nun traurig war, dass die Feier und das angekündigte Feuerwerk ausfielen. „Es wäre Zeit gewesen, dass endlich einmal ein muslimisches Land die Spiele ausrichtet.“ Istanbuls Werbespot in Buenos Aires war allerdings nicht islamisch ausgerichtet, sondern zeigte zur Musik eines Rihanna-Songs vor allem modern-westliche junge Leute vor der traumhaften Kulisse der Bosporusmetropole.

Zwar pries der IOC-Bericht die große Unterstützung der Regierung und der Bevölkerung für Istanbul und lobte die bereitgestellten 19,2 Milliarden Dollar, die in die Infrastruktur und die Sportstätten investiert werden sollten. Doch fiel die Präsentation des Nationalen Olympischen Komitees in Buenos Aires offenbar uninspiriert und unsicher aus, der Istanbuler Bürgermeister Kadir Topbaş durfte neben dem Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan nur eine Nebenrolle spielen.

Vor der Pressetribüne für die Journalisten, die mehrheitlich aus Japan angereist schienen, begannen derweil freiwillige Helfer mit dem Kehraus. „Wir hätten uns sehr gewünscht, dass Istanbul gewinnt“, sagte die 30-jährige Pelin Sezer, Sportstudentin aus Istanbul, die zusammen mit ihrem Freund wochenlang für die Kampagne „Istanbul 2020“ gearbeitet hatte. „Es wäre der Wirtschaft und dem Tourismus zugute gekommen.“ Warum hat Istanbul wohl verloren? „Wahrscheinlich hatten die vielen Dopingfälle unserer Leichtathleten in diesem Sommer damit zu tun. Aber sicher haben sich auch die Gezi-Proteste negativ ausgewirkt.“ Verlegen gestanden die beiden dann ein, dass sie selbst auch fleißig mitdemonstriert hatten.

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Schnell leerte sich der Platz nach dem Votum für Tokio. Das Feuerwerk fiel aus..

Hoffnung für Bäume

Ein paar Meter weiter, auf dem großen Parkplatz, wo sonst die Touristenbusse stehen, stellte sich der elegant gekleidete Istanbuler Gouverneur Hüsyein Avni Mutlu mit Passanten zu Gruppenfotos auf. Er sei überzeugt, dass Istanbul sich in Buenos Aires gut präsentiert habe, erklärte er. „Ich bin traurig. Wir waren fest davon überzeugt, dass Istanbul gewinnt, weil wir alles perfekt vorbereitet hatten. Wir wollten die Spiele unbedingt haben.“ Auf die Frage nach den Gründen der Niederlage äußerte er sich kryptisch: „Ich habe meine Vermutungen, warum wir verloren haben. Wir wurden unfair behandelt.“ Doch werde Istanbul nicht aufgeben und sich auch ein sechstes Mal für die Spiele bewerben.

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Der von Ankara eingesetzte Istanbuler Gouverneuer Hüsyein Avni Mutlu, umringt von Journalisten.

Kritiker der Olympiabewerbung ließen sich vor der Hagia Sophia nicht finden. Die versammelten sich eher in den Studentenkneipen der Istanbuler Szeneviertel – und feierten. „Damit erübrigen sich hoffentlich die geplanten Megabauprojekte, und wir sparen viel Geld“, sagte ein junger Mann in der Bar „Uçan Ev “ im Stadtteil Beyoglu nahe dem Taksim-Platz. „Für Erdoğan ist das eine Schlappe. Jetzt wird er Probleme haben, die Vorstadt für eine Million Menschen am Schwarzen Meer zu bauen, die im Olympischen Viertel entstehen und für die Hunderttausend Bäume fallen sollten.“

Ein heißer Herbst?

A propos Bäume. Ein immer wieder genannter möglicher Grund, warum das IOC die Spiele nicht nach Istanbul vergeben hat, ist die brutale Reaktion der Polizei auf die Gezi-Proteste im Juni. Derzeit braut sich in Ankara erneut eine Gezi-artige Lage zusammen – ein heftig diskutiertes Thema in den sozialen Netzwerken. Auch darüber habe ich am heutigen Sonntag einen Artikel verfasst, der in der Berliner Zeitung nur stark gekürzt erscheint (ebenfalls nicht online):

Ist es der befürchtete Beginn eines „heißen Herbstes“ in der Türkei? Am Sonnabend kam es den zweiten Tag in Folge in der türkischen Hauptstadt Ankara zu massiven Auseinandersetzungen zwischen rund 3000 meist jungen Demonstranten und der Polizei, die auch auf andere türkische Städte übergriffen. Die Proteste entzündeten sich am Freitagmorgen, als mehrere hundert Bereitschaftspolisten ein Protestcamp auf einem Universitätsgelände in Ankara auflösten, mit dem Studenten den Bau einer Schnellstraße durch ein Wäldchen auf dem ODTÜ-Campus verhindern wollten.

Die türkische Abkürzung ODTÜ steht für „Technische Universität des Nahen Ostens“. Die renommierte Hochschule mit rund 25000 Studienplätzen und Englisch als Studiensprache gilt seit jeher als Bastion linker und kemalistischer Studenten. Als die Uni 1956 gegründet wurde, lag sie am Stadtrand von Ankara, inzwischen ist der riesige Campus mit seinen Anfang der 1960er Jahre gepflanzten Forsten eine der letzten grünen Lungen zwischen dichtbesiedelten Stadtvierteln und hat vor Kurzem dafür einen Preis der Agha-Khan-Stiftung erhalten. Als Ankaras Bürgermeister im August ankündigte, die lange geplante Verbindungsstraße zwischen zwei Hauptverkehrsadern in Kürze zu errichten, bauten etwa hundert Studenten ein Protestcamp in dem Forst auf. Sie wollten verhindern, dass 3000 Bäume gefällt werden und der Campus in zwei Teile geteilt wird.

Am vergangenen Freitag rückten Bagger und Planierraupen unter Polizeischutz an, rissen die Zelte der Studenten ab und begannen, das Gelände zu planieren. Es kam zu Rangeleien mit der Polizei, einige Studenten warfen Steine, zehn junge Leute wurden festgenommen. Als die Lage eskalierte, riefen die Waldschützer per Facebook Unterstützer herbei. Drei Parlamentsabgeordnete der oppositionellen Republikanischen Partei (CHP) sorgten für einen vorläufigen Stopp der Bauarbeiten, als sie sich zwischen Bäume und Bulldozer stellten und darauf bestanden, dass ein Gericht die Arbeiten untersagt habe.

Kommunisten und Kopftuchfrauen

Am Sonnabend wurde dennoch weiterplaniert und abgeholzt. Als 3000 Demonstranten lautstark dagegen protestierten, setzte die Polizei laut Berichten in türkischen Medien erneut Wasserwerfer und Tränengas ein; die kemalistischen Zeitungen Söscü und Cumhuriyet meldeten, dass die Polizei höhnische Lautsprecherdurchsagen machte: „Was stimmt nur mit euch nicht, ihr Bastarde?“ und „Nur zu, Atatürk-Bastarde!“ In einem benachbarten Wohnviertel, das durch den Schnellstraßenbau ebenfalls betroffen ist, errichteten Anwohner Barrikaden; die Polizei setzte Plastikgeschosse gegen sie ein. Der ODTÜ-Rektor äußerte sich inzwischen besorgt, dass seine Uni in einen Konflikt gezogen werde und forderte Verhandlungen und eine gemeinsame, demokratische Lösung.

Hinzu kommt ein Konflikt zwischen Studenten einer kommunistischen Gruppe, die am Donnerstag Kopftuch tragende Kommilitoninnen beschimpften, weil diese angeblich an der ODTÜ für die islamistische Gülen-Sekte warben. Türkische Fernsehzuschauer erfahren nun zwar viel über diesen „Angriff auf die Religionsfreiheit“, aber so gut wie nichts über die Bulldozer, weil die großen Sender wie bei den landesweiten Gezi-Unruhen im Juni nicht darüber berichten.

Die Auseinandersetzungen hatten sich am Protest gegen die Abholzung von Bäumen für ein Einkaufszentrum in Istanbul entzündet. Nun scheint sich eine neue türkeiweite Protestbewegung gegen das Fällen der Bäume auf dem ODTÜ-Gelände zu formieren. Am Freitagabend versammelten sich rund tausend Demonstranten in Istanbul, woraufhin die Polizei Wasserwerfer auffahren ließ, den Gezi-Park abriegelte und ihn auch am Sonnabend wieder sperrte. In Izmir zogen 2000 Demonstranten durch das Stadtzentrum; im westanatolischen Eskişehir kam es zu Festnahmen.

Ein Gedanke zu „Olympia und Tränengas

  1. Okay, war auch in erster Linie an den amtierenden Türkei-Korrespondenten gerichtet, von dem ich leider keine E-Mail-Adresse habe bzw. sie verloren habe 🙂

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