Rembetiko in Istanbul

Ein bisschen neidisch hatten wir in den vergangenen Tagen auf die Wetterkarten geschaut, die Deutschland als Frühlingsland priesen – aber jetzt ist der Lenz auch nach Istanbul gekommen. Die Kinder in der Schule gegenüber (die wegen eines Feiertags gerade wieder mit einem gigantischen Atatürkposter geschmückt ist) spielten heute schon in kurzen Hemden auf dem Hof. Ihr Morgenappell fiel auch länger aus als sonst und hat mich wie jeden Montag aus dem Tiefschlaf gerissen. Ich warte auf den Wochenenanfang, an dem endlich morgens Ruhe herrscht. Die regierende AKP hat ja schon den Militärunterricht abgeschafft, vielleicht folgt demnächst auch das Ende des Morgenappells. Obwohl – mir würde auch etwas fehlen. Heute immerhin hatte das knarzende Abspielen der Nationalhymne den Effekt, dass ich aus dem Bett sprang und auf dem Balkon die Frühlingssonne genießen konnte. Herrlich!

Der Abstand zu Deutschland wird mir immer dann besonders bewusst, wenn dort Dinge die Nachrichten beherrschen, die hier nur ein Achselzucken hervorrufen. Ein neuer Präsident in Deutschland – „was, ist Merkel zurückgetreten?“ So reagierte der Istanbuler von der Straße, in dem Fall der Wirt meines Lieblingscafés. In den türkischen Zeitungen wurde die Inauguration von Joachim Gauck durchaus prominent vermeldet, interessanterweise wurde der neue Präsident als „Menschenrechtler“ dargestellt, der dem Amt „die verlorene Würde zurückgeben“ solle. Im Vorfeld hatte kaum ein Blatt versäumt, auf die Sorge der Deutschtürken hinzuweisen, dass Gauck anders als Wulff möglicherweise kein Präsident der Migranten sein werde, weil er sich für sie bisher nicht sonderlich interessiert habe und zudem Sarrazin „mutig“ nannte. Mit dem Namen Sarrazin wissen viele Türken durchaus etwas anzufangen. Doch jetzt wurde allgemein gewürdigt, dass 19 Mitglieder der Bundesversammlung Türkischstämmige waren, darunter Mevlüde Genç und Gamze Kubaşık, die Familienmitglieder durch rechtsradikale Anschläge verloren. Und Gauck wurde mit seinem Versprechen zitiert, dass er sich besonders für die Integration einsetzen wolle.

Was Migranten, Völkerwanderungen und -vertreibungen angeht, haben die Türken im Übrigen einen gewissen Erfahrungsschatz, der häufig genug traumatische Züge aufweist. Zum Beispiel im Verhältnis zu den Griechen, zu jenem Volk also, das immer noch gemeint ist, wenn Türken vom „Feind“ sprechen; jenen Griechen, die sie mit dem Progrom von 1955 letztlich für immer aus dem Land jagten. Heute leben in der Türkei siebenmal so viele Menschen wie im Nachbarland. In Istanbul, wo am Ende des Zweiten Weltkriegs noch rund 125000 orthodoxe Griechen lebten, ist ihre Zahl auf offiziell 2500 geschrumpft.

Wir hatten das Glück, am Sonnabend ein Ereignis mitzuerleben, das die Kolumnistin Ariana Ferintinou in der Hürriyet Daily News heute historisch nannte. Im „TIM“, einem der modernsten Konzertsäle der Stadt, vom Stadtzentrum aus nördlich des Finanzdistrikts Levent gelegen, trat das türkisch-griechische Orchester „Café Aman Istanbul“ auf und spielte zwei Stunden lang hinreißenden griechischen Rembetiko. Seit Jahrzehnten habe es in Istanbul kein solches großes Rembetiko-Konzert mehr gegeben, schrieb die Kolumnistin. Dabei war die Musik – der griechische „Blues“ – früher ein fester Teil der Kultur im alten Pera, dem griechischen Stadtteil am Goldenen Horn. Heute gehört Pera zu Beyoglu (wo wir wohnen), und es gibt dort kaum noch „Rum“, wie die Griechen am Bosporus sich selbst bezeichnen.

Im Konzertsaal herrschte eine anrührende, versöhnliche Atmosphäre. Der griechisch-türkische Sänger und seine türkische Ehefrau und Co-Sängerin sprachen die Zuhörer türkisch an, aber sie sangen griechisch, und die Publikum klatschte und sang von Anfang an mit. „Das ist ein großer Tag für die Rum“, zitiert die Kolumnistin einen jungen Rum, „und ein Zeichen dafür, dass die Türkei sich ändert“. Es war ganz offensichtlich, dass viele jener Griechen oder jener türkischen Abkömmlinge griechischer oder halb-griechischer Familien den Weg ins „TIM“ gefunden hatten, die sich ihrer alten Kultur verbunden fühlen. Eine Ahnung des verlorenen kosmopolitischen Istanbuls stand im Raum, museal und doch ganz lebendig. Viele ältere Zuhörer hatten Tränen in den Augen.

2 Gedanken zu „Rembetiko in Istanbul

  1. Sind solche Veranstaltungen eine Einbahnstraße?
    Es ist interessant, dass es einen großen Rembetiko-Konzert in Istanbul gab. Schade, dass ich nicht dabei sein konnte.

    Finden solche oder ähnliche Veranstaltungen auch in Griechenland, in Athen statt? Sind sie vorstellbar? Oder wird lediglich in der Türkei in solchem Maße eine Begegnung mit dem Nachbarn gefeiert?
    Gruß
    Berkay

    • Das Konzert war für Istanbul ein wichtiges kulturelles Ereignis und in dieser Dimension auch bisher einmalig. Insofern würde ich noch nicht von einer Straße oder Einbahnstraße sprechen. Mal sehen, ob es so etwas hier häufiger gibt. Ermutigend und schön war es auf jeden Fall.

      Athen kann man nur wünschen, dass sie dort Ähnliches veranstalten – ob das geschieht, weiß ich nicht. Aber als ich vor einigen Monaten in Orestiada an der griechisch-türkischen Grenze war, hat mir ein Kneipenwirt, der auch Biker war, erzählt, dass es eine griechisch-türkische Biker-Community gibt, die sich gegenseitig mit ihren Maschinen besuchen. Immerhin, das ist auch ein Anfang.

      FN

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