Rockin‘ Istanbul

In Istanbul sagen alle, dies sei ein merkwürdiger Sommer und überhaupt ein merkwürdiges Jahr. Der Winter war zu trocken, das Frühjahr zu feucht, und jetzt im Sommer gibt es immer mal wieder Starkregen. Dabei dürfte es im Juli gar nicht regnen! Nun, unsere Balkonpflanzen freuen sich darüber, und es ist auch zu hoffen, dass die Weizenernte nicht ebenso verdorrt wie die diesjährige Aprikosenernte in Malatya. Dort rechnen die Bauern nur mit rund zehn Prozent des Ergebnisses wie in den Vorjahren, eine Katastrophe, die auch schon die Preise auf rund das Doppelte treibt. Vielleicht retten uns die vereinzelten Regentage auch vor den befürchteten Wassersperren.

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Metallica riefen – und 40.000 Istanbuler kamen. Hier sechs von ihnen.

Der Wettergott war aber gnädig, als Istanbul in der vergangenen Woche den Höhepunkt der diesjährigen Rock-Konzert-Saison erlebte. Drei große Namen erwiesen der Bosporus-Metropole ihre Aufwartung: Metallica, Angelique Kidjo (die für den unpässlichen Hugh Masekela beim Jazzfestival einsprang) und schließlich Neil Young. Es scheint sich langsam in der Welt herumzusprechen, dass Istanbul eine großes, sehr lebendiges und auch zahlungskräftiges junges Publikum besitzt, so dass kein internationaler Star befürchten muss, finanziell auf dem Trockenen zu sitzen.

Den Anfang machten am Sonntag vor einer Woche die hochverehrten Heavy Metaller von Metallica, die in der Türkei wie auch auf dem gesamten Balkan ein riesiges Fanpublikum besitzen und deren Konzert in der wunderbaren Arena der Istanbuler Technischen Universität (ITÜ) in Maslak mit mehr als 40.000 Besuchern ausverkauft war – es war bereits das vierte im Lauf der vergangenen Jahre. Angesichts der Härte und Lautstärke der Musik, ihrer eindeutigen Macho-Attitüden kann man allerdings kaum anders, als ihre Beliebtheit in der Region mit dem trotz Gezi und Frauenbewegung kultivierten Männlichkeitskult in Verbindung zu bringen.

Im St.-Pauli-Shirt zum Metallica-Konzert

Wie auch immer, es war ein wunderbarer Tag, tolles Wetter, und die schwarz gekleidete Metallica-Gemeinde versammelte sich erst vor dem extrem engen Eingang und später dann im Stadion: eine gänzlich andere Türkei, als sie sich der Ministerpräsident ausmalt. Eine Jugend, die trotz des Ramadan isst, trinkt, raucht, singt und tanzt. Auch Bier wurde konsumiert, aber nicht annähernd so viel wie bei ähnlichen Anlässen in Berlin. Das übrigens ist wirklich angenehm an muslimischen Ländern – die Zahl der Besoffenen ist stets moderat. Beim Metallica-Konzert habe ich keinen einzigen gesehen.

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Türkische Metallica-Fans.
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Er war einfach nur müde – nicht betrunken.
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Noch ein paar Stunden bis zum Beginn des Konzerts. Im Vordergrund der Autor.

Ich lernte einen etwa 45-jährigen Fan kennen, der mit seiner halbwüchsigen Tochter das Konzert besuchte und ein St.-Pauli-T-Shirt trug. Natürlich sprach ich ihn an, und es stellte sich heraus, dass er perfekt Deutsch redete, weil er in Deutschland gelebt hatte. Jetzt betreibt er ein Café in Beyoğlu, in dem sich Metaller treffen und ab und zu St.-Pauli-Parties gefeiert werden. In Istanbul!

Wieder bewunderte ich die Geschäftstüchtigkeit der Türken. Dass es Dutzende fliegende Wasserverkäufer gab, war ja normal, aber mich überrascht jedes Mal, dass zu einem bestimmten Event auch die jeweils passenden Assecoires in gigantischen Mengen angeboten werden- diesmal Metallica-Shirts in allen Größen, Metallica-Stirnbänder, Metallica-Hüte. Wer plant das? Wer stellt die Sachen her? Sie kosten natürlich nur ein Drittel so viel wie das offizielle Merchandising.

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Metallica-Andenken-Verkäufer.
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Glückliche Käufer.

Da Einlass um 17.00 Uhr war, hatten ich mich darauf eingestellt, dass ich rechtzeitig zum Anpfiff des Fußball-WM-Endspiels im Garten des deutschen Generalkonsulats sein würden, wo es wie schon zum Brasilien-Spiel Public Viewing gab. Falsch gedacht! Die türkische Vorband Pentagram, deren Lieder die Menge auswendig konnte und mit Teufel-Gesten begleitete, hörte gegen halb neun Uhr auf zu spielen. Die Zeit wurde knapp.

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Endlich Einlass!
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Warten auf Metallica. Auftritt der türkischen Vorband Pentagram.

An dieser Stelle räume ich gern ein, dass ich kein regelmäßiger Besucher von Heavy-Metal-Konzerten bin, auch wenn ich einige Metallica-CDs besitze. Es war aber wirklich komisch, die massenhaften Bocks-Gesten zu sehen, die ja ursprünglich aus einem antichristlichen Kontext stammen, ebenso wie der Bandname „Pentagram“. Das sind cross-kulturelle Seltsamkeiten der Globalisierung, die dazu führen, dass das Zeichen mit dem Bezeichneten gar nichts mehr zu tun hat. Aber diese Entwicklung hatte sich ja schon bei Black Sabbath ganz am Anfang angedeutet. Falls es jemanden interessiert: Vor zwanzig Jahren habe ich mein Buch zum „Satansmord von Sondershausen“ geschrieben, in dem auch Metal-Musik eine gewisse Rolle spielt.

Tribute to Soma

Metallica kamen erst gegen halb zehn auf die Bühne und lieferten eine gigantische Show ab. Anders als früher recken sich den Stars bei Konzerten ja keine Feuerzeuge mehr entgegen, sondern Smartphones, mit denen die Besucher ihre Helden abfilmen. Es war ein eindrucksvolles Bild: Tausende flackernde Telefone in der einbrechenden Dunkelheit, als die Musiker mit dem Hyper-Hit „Master of Puppets“ ihre Aufführung starteten. Die amerikanische Band spielte ihr „Metallica by Request“-Konzert interaktiv, d. h. das Publikum hatte per Voting im Internet die 18 Titel bestellt, die dann zu hören waren.

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Metallica kommen auf die Bühne – und Tausende Smartphones leuchten auf.
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Frontmann James Hetfield rief mehrmals begeistert „Istanbul, you make us feel at home!“ und holte etwa zur Mitte des Konzerts eine junge Frau aus der Bergarbeiterstadt Soma, wo im Mai mehr als 300 Bergleute tödlich verunglückt waren, auf die Bühne. Die Band widmete anschließend den Song „Sad but True“ den Opfern der Katastrophe – ein politisches Statement, das mir ebenso gut gefiel wie den anderen Besuchern. Im Übrigen mag ich laute Rockmusik, aber nach anderthalb Stunden war es doch gut zu gehen, um nicht völlig taub zu werden und wenigsten noch den Schluss des Fußballspiels zu sehen. Da spielten Metallica gerade „Nothing Else Matters“.

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Die junge Frau aus Soma hieß Nilüfer und durfte „Sad but True“ ansagen.
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Die Diva aus Benin

Vom Ohrendröhnen und Fußballfeiern einigermaßen genesen, freute ich mich am Montagabend auf das Gegenprogramm zu Metallica – die Weltmusik-Größe Angelique Kidjo, die für den verhinderten Hugh Masekela beim sommerlichen Jazzfestival eingesprungen war. Sie trat in dem wunderschönen Garten des Restaurants Feriye in Ortaköy (mit Blick zur ersten Bosporusbrücke) auf und lieferte einen echten Querschnitt ihrer Karriere mit Liedern von ihren besten Alben (wie Djin Djin) bei ihrem ersten Konzert in Istanbul überhaupt.

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Blick vom Garten des Restaurants Feriye zur ersten Bosporusbrücke und der Ortaköy-Moschee.
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Angelique Kidjo & Band.
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Angelique Kidjo trat in einem bunten afrikanischen Gewand auf, und ihre Musik war ähnlich bunt – von High Life, Jazz, Soul bis zu Reggae und brasilianischen Elementen („Mama Africa“), begleitet von einer wunderbaren Band an einem subtropisch warmen Abend. Die zierliche kleine Diva aus Benin wirbelte wie ein Derwisch über die Bühne, tanzte sogar ein Lied lang durch das Publikum und bat am Schluss die Besucher auf die Bühne zu einem wilden Tanz, den erstaunlich viele Türkinnen und einige Türken mitmachten.

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Angelique Kidjo bat Zuhörer auf die Bühne zum Tanz: „Don’t be shy!“
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Auch Kidjo war politisch, auf eine ganz andere und viel direktere Art als Metallicas James Hetfield. Sie flocht mehrere kurze politische Ansprachen in ihre Performance ein, die vor allem von der Unterdrückung der Frauen in Afrika und der Gewalt der Männer handelten – und seltsam vertraut klangen in der Türkei mit ihren Kinderbräuten und Ehrenmorden, wenn auch das Publikum sich darüber gewiss erhaben wähnte, war es doch die aufgeklärte liberale Mittelschicht, die dem Konzert lauschte. Mir gefiel die Art, wie Kidjo es schaffte, von dem ernsten Thema immer wieder umzuschalten, zu singen und zu tanzen und sich zu freuen. Toll!

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Die Rock’n Roll-Legende

Der Höhepunkt der Konzert-Woche und des gesamten Konzert-Jahres in Istanbul aber war nach meiner bescheidenen Meinung – und vermutlich auch der von rund 6.000 Istanbulern – der Auftritt von Neil Young mitten in der Stadt im Küçükçiftlik Park in Maçka/Şişli. Es war der Abend, als tatsächlich von Zeit zu Zeit Regenschauer über die Metropole fegten, aber irgendwie passten die vereinzelten Blitze am Horizont auch wieder gut, als die alten Herren aus Kanada die Bühne bei Einbruch der Dunkelheit erklommen.

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Als Vorband trat die Americana-Gruppe Midland auf.
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Erwartungsvolle Fans im hinteren, preisgünstigeren Zuschauerbereich.
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Noch gibt es Bier bei Rock-Konzerten (Tuborg, kein Efes).

Schon einmal hatte ich das Glück, dem letzten der großen alten Rock’n Roller zuzuhören, das war 2001 in der unvergleichlichen Berliner Waldbühne. Damit kann die Betonarena des Küçükçiftlik Park natürlich nicht mithalten, aber die Stimmung war auch in Istanbul gelöst und easy. Anders als damals in Berlin waren aber kaum Grauschöpfe wie ich zu sehen – das ist der bedeutendste Unterschied der beiden Städte. Istanbul ist eben viel, viel jünger. Die Bühne war spartanisch ausgerüstet – außer einem Holzindianer und der großen Crazy-Horse-Fahne hinter dem Schlagzeug gab es nichts, was von der Musik ablenken konnte.

Und dann waren sie da, Neil Young an der Gitarre, Billy Talbot am Bass, Frank „Poncho“ Sampedro an der zweiten Gitarre und Ralph Molina an den Trommeln. Sie spielten ein fabelhaftes Konzert, das immer zwischen rockigen Nummern wie „Only Love Can Break Your Heart“ mit langen, göttlichen Improvisationseinlagen und romantischen, akustischen Nummern aus der Frühzeit wie „Heart of Gold“ changierte.

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Neil Young und Crazy Horse.
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Irre: Neil Young spielte sogar ein Cover von Dylans „Blowin‘ in the Wind“ allein auf der akustischen Gitarre und mit der Mundharmonika, was die Zuhörer wegen des Textes mit Recht als aktuelle politische Anspielung verstanden – ebenso wie das extatische „(Keep on) Rockin‘ in the Free World“, das die mehrheitlich aus Gezi-Jugend bestehenden Zuhörer lautstark mitsangen. Ich hoffte vergeblich auf „Hey Hey My My“ als Zugabe, das Young damals in Berlin gespielt hatte. Aber immerhin hatte der Regengott ein Einsehen und schickte während des zwei Stunden dauernden Konzertes nur kleine Schauer vorbei.

Mit den drei Konzerten war es eine grandiose Woche im „alternativen“ Istanbul. Das normale andere Istanbul meldete sich lautstark zu Wort, als die Woche zu Ende ging. Die massiven Luftangriffe Israels auf den Gaza-Streifen trieben, angestachelt von der Islamistentruppe IHH und führenden AKP-Politikern, Tausende einfache Gemüter auf die Straßen, die ihrem Hass auf Israel Luft machten und die (seit 2011 verwaiste) Botschaft in Ankara mit Steinen bewarfen. Das politische Klima ist von Hassreden geprägt. Eine rationale Auseinandersetzung mit der heillosen politischen Lage in Israel erscheint ausgeschlossen. Der Gaza-Krieg dient nicht nur Erdoğan dazu, seinen Präsidentschaftswahlkampf zu befeuern. Und Neil Young musste sein geplantes Konzert in Tel Aviv wegen des Gaza-Konflikts absagen.

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Der Autor wartet auf Metallica.
(Beitrag geringfügig geändert am 23.7.2014, FN)

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3 Gedanken zu „Rockin‘ Istanbul

  1. Hallo, schöner und nötiger Artikel der zeigen kann, dass es auch ein „normales“ Leben in der Türkei gibt. Danke für diesen Blog!

  2. Und wieder ein schöner Bericht & schöne Fotos – Danke!

    Da ja anscheinend nachträglich Änderungen möglich sind, eine Bitte: In den ersten Absätzen hat anscheinend das Textprogramm geschludert… Kodji statt (richtig) Kidjo… wär doch schad‘, wenn die Leut nach der falschen Dame guggln 😉

    Liebe Grüße aus Berlin und Istanbul

    • Oh-oh, tatsächlich ein blöder Buchstabendreher. Ich habe hoffentlich alle Kodjis gefunden und zu Kidjos gemacht. Danke für den Hinweis! FN

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