Rückkehr einer Verbannten

Gazale Salame, die bekannteste abgeschobene Migrantin Deutschlands, kann nach fast acht Jahren Verbannung wieder zu ihrem Mann nach Hildesheim. Ich hatte sie vor ziemlich genau einem Jahr in Izmir besucht, wo sie in einer kleinen, kalten Erdgeschosswohnung im Außenbezirk Ümüspala lebte. Damals war gerade wieder eine Petition für eine Rückkehr gescheitert. Jetzt hat sich das Blatt überraschend gewendet (Berliner Zeitung vom 12.12.2012).


Gazale Salame mit ihrer Tochter Schams (links) und Sohn Ghazi in Izmir im Dezember 2011

Die gute Nachricht ist: Gazale Salame kann zurück zu ihrem Mann, und ihre acht Jahre lang getrennte Familie wird in Hildesheim wieder zusammen leben. Doch Gazale Salame kehrt zurück als gebrochene, kranke Frau. Sie ist die bekannteste abgeschobene Migrantin Deutschlands, und ihre dramatische Geschichte ist oft erzählt worden. Am 10. Februar 2005 um halb neun Uhr morgens stoppte ein Polizeiwagen vor der Wohnung, in der sie mit ihrem Ehemann Ahmed Siala und den drei Kindern lebte. Ahmed brachte gerade die beiden älteren Töchter Nura und Amine in die Schule. Zehn Polizisten nahmen die um Gnade bettelnde, schwangere Mutter und ihre kleine Tochter mit, schoben beide kurz darauf in die Türkei ab. Der Vater blieb mit den zwei anderen Mädchen in Niedersachsen.

Gazale Salame kam in ein Land, das sie nie gesehen hatte und dessen Sprache sie nicht sprach. Seit 17 Jahren lebte sie bereits in der Bundesrepublik. Wie ihr Mann war sie als Kind aus dem Libanon gekommen, als ihre Eltern vor dem Bürgerkrieg flohen. Gazale Salame spricht akzentfreies Deutsch und konnte als Staatenlose nicht abgeschoben werden. Doch dann beging die damals 24-Jährige einen verhängnisvollen Fehler und ließ sich vom Ausländeramt überreden, einen türkischen Pass zu beantragen. Das war möglich, weil viele Angehörige der arabischsprachigen Volksgruppe der Mahalmi-Kurden, zu denen ihre Familie zählt, in türkischen Personenstandsregistern stehen.

Fern von Mann und Töchtern

Kaum hatte sie den Pass, kam die Polizei. Seither musste Gazale Salame in Izmir leben – fern von Mann und Töchtern, die sie nie wiedersah. „Es war, als würde mir das Innerste herausgerissen“, sagte sie vor einem Jahr. Sie lebte mit Schams und dem neu geborenen Sohn Ghazi in einem Außenbezirk, wo man ihr zu verstehen gab, dass sie nicht willkommen sei. Sie wirkte fahrig und nahm Beruhigungsmittel. Sie sagte, sie führe im Grunde das Leben einer Aussätzigen. Sie wartete auf ein Gerichtsurteil, einen Gnadenerlass, ein Visum für den Heimflug. Doch jedes Gesuch wies Uwe Schünemann, der als Hardliner bekannte CDU-Innenminister Niedersachsens, rigoros zurück.

Kraft zum Überleben gaben Gazale Salame die beiden Kinder und ein Unterstützerkreis in Deutschland. Die Freunde schickten Geld, schrieben Petitionen, zogen vor Gericht, hielten Mahnwachen ab. Die großen Kirchen engagierten sich, namhafte Medien berichteten. Die Landesregierung in Hannover blieb stur. Dann plötzlich die Wende. Am vergangenen Freitag stimmte der niedersächsische Landtag einstimmig für Salames Rückkehr. Das wurde möglich, weil es Änderungen im Bleiberecht gibt und weil Politiker der Regierungsparteien CDU und FDP die Abschiebung inzwischen als Belastung für den Wahlkampf erkannt haben. Vor einem Jahr sagte Gazale Salame: „Ich weiß, dass wir es schaffen werden – aber wie lange reicht meine Kraft?“ Zu Weihnachten wird sie wohl mit ihrem Mann und allen vier Kindern zusammen sein.

Die komplette Geschichte stand vor einem Jahr am 21.12.2011 in der Berliner Zeitung: „Sieben Jahre ohne Mutter“.