Schulbeginn und Fahnenappell

Am heutigen Montag war in Istanbul und der Türkei Schulbeginn für 17 Millionen Kinder nach den Sommerferien, was für uns immer ein Highlight des Jahres ist, denn in der Grundschule gegenüber unserem Wohnhaus wird dieser Termin höchst feierlich begangen. Bereits am Sonnabend wurde das zwei Stockwerke überspannende Atatürk-Transparent aufgehängt, und am gestrigen Sonntag übte der Schulleiter mit der Lautsprecheranlage, die er noch lauter einstellte als im vergangenen Schuljahr, seine diesjährige Begrüßungsansprache für die Schulanfänger.

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Dann war es soweit. Wie langjährige Leser/innnen dieses Blogs wissen, bin ich ein Nachtmensch und schlafe gern aus. Doch heute stand ich um 8.30 Uhr senkrecht im Bett, als der Lautsprecher in gewaltiger Stärke zu quäken begann. „Günaydın çocuklar“ – „guten Morgen, Kinder“, und dann kam die übliche Einführung über das Lernen in der Schule, die große türkische Nation und Atatürk. Ich hastete zum Balkon, um das Ereignis diesmal fotografisch festzuhalten.

Da standen sie sich gegenüber auf dem im letzten Jahr neu gepflasterten Schulhof mit der türkischen Fahne vor dem riesigen Atatürk-Bild: die Schüler hinten, die Eltern vorn, die Lehrer irgendwie dazwischen. Obwohl es seit diesem Jahr keine Schuluniformpflicht mehr gibt, hatten die Jungen ihre gelben Hemden zur schwarzen Hose angezogen und die Mädchen die rosa Blusen zum grauen Rock, dessen Länge (Knie bedeckt!) exakt vorgeschrieben ist. Vom optischen Eindruck her war alles sehr hübsch anzusehen.

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Die offiziellen Begrüßungsreden dauerten wie erwartet ewig, bis schließlich die Nationalhymne erklang. Noch wirkten die Kids etwas ungeübt beim Mitsingen, aber sie krähten umso enthusiastischer anschließend den türkischen Schulappell, der bekanntlich damit endet, dass sie stolz sind, sich Türken nennen zu dürfen.

Natürlich ist dieses Ritual exotisch und erinnert an den Fahnenappell in DDR-Schulen, und genau das ist auch der Grund, warum ich hier mit einem Anflug von Nostalgie darüber schreibe. Denn das Ende der heroischen Tradition rückt näher. Wie aus wohlinformierten Kreisen in Ankara zu vernehmen ist, soll das „Demokratiepaket“, mit dem die AKP demnächst im Parlament den kurdischen Friedensprozess beflügeln will, auch ein Gesetz enthalten, das den Fahnenappell an den Schulen abschafft.

Eigentlich schade, denn wir haben uns an die wöchentliche Zeremonie gewöhnt, ebenso wie wir uns an die täglichen Gebetsrufe der Muezzine gewöhnt haben. Wir haben allerdings auch Glück, denn der Muezzin der nahe gelegenen Molla Çelebi Cami ebenso wie jener der Cihangir-Moschee verfügen über gute Stimmen und können den Ton halten. Zwar wachen unsere Gäste morgens um halb fünf auf, wenn der Gesang zum Frühgebet ertönt – wir aber nicht. Wohl jeder im Orient lebende Westler macht diese Erfahrung: Es schleift sich ab. Das „Allahu akbar“ integriert sich im Lauf der Monate und Jahre ins Traumgeschehen. Schrecke ich doch einmal hoch, überkommt mich stets dieses wohlige Gefühl, noch vier Stunden Schlafzeit übrig zu haben – und schon drehe ich mich brummend wieder auf die andere Seite.

Anders als in Kairo dürfen die türkischen Imame zudem nicht das komplette Freitagsgebet per Lautsprecher übertragen. Doch sie können und dürfen die Anfangszeit variieren. Das führt zu einem seltsamen Wettstreit zwischen dem Schuldirektor und dem Imam der Molla Çelebi Cami. Sie versuchen nämlich häufig am Freitagnachmittag, sich gegenseitig zu übertönen. Es ist die Zeit des Wochenendappells. Der Schuldirektor hält eine Ansprache, mit der er seine Eleven in die verdiente Freizeit entlässt und zum Abschluss nochmal die Nationalhymne abspielt. Kaum beginnt er damit, schaltet der Imam ebenfalls den Lautsprecher ein und hält dagegen: „Gott ist der Größte!“ Oder es läuft genau umgekehrt. Und jeder dreht den Lautstärkeregler bis zum Anschlag auf.

Den wöchentlichen Wettstreit zwischen der Stimme des Staates und dem Wort Gottes werde ich dann in der Zukunft wohl ebenso vermissen wie den montäglichen Fahnenappell. Ich könnte mir vorstellen, dass es dem Imam ähnlich geht. Aber andererseits hat er ja allen Grund zu frohlocken. Dank des Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan geht er als Sieger aus dem Sängerwettstreit hervor.

Vielleicht war der demütigende bevorstehende Gesichtsverlust der Grund, warum der Schuldirektor heute noch einmal das ganz große Programm inszenierte. Die Verabschiedung der Schulkinder in nationalzeremonieller Vollendung. Nachdem die Kinder ihre Klassenräume kennengelernt hatten, mussten sie sich erneut auf dem Schulhof aufstellen, diverse Reden anhören und die Hymne singen. Und siehe da: Es klappte schon viel besser!

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Zum Abschied noch ein Auftritt der Trachtengruppe.
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Tradionsbewusste Imame sind im Reich der AKP wohl gelitten. Aber wehe, wenn einer aus der Reihe tanzt. Dem ergeht es dann nicht besser als katholischen Abweichlern unter Papst Benedikt XVI. Aber lesen Sie selbst (erschienen in der Berliner Zeitung vom 15. August):

Zu modern für den Mufti
In der Türkei singt ein Imam in einer Rock-’n’-Roll-Band und bekommt deswegen Ärger mit seinen Vorgesetzten.

Wer in muslimischen Ländern lebt, kennt folgendes Phänomen. Fünfmal am Tag rufen die Muezzine auf Arabisch zum Gebet, und sie tun das meist mehr oder minder melodisch, denn nur wenige sind gesegnet mit einer Stimme, die den Klang des Göttlichen in sich trägt. Zu ihnen zählt Ahmet Muhsin Tüzer, der 42-jährige Imam des kleinen Badeortes Kaş an der südlichen Ägäisküste der Türkei. Zur Freude Gottes und der Gläubigen.

Doch jetzt hat sein musikalisches Talent den Mufti der Provinz Antalya auf den Plan gerufen. Denn Imam Ahmet Muhsin Tüzer singt nicht nur zur Gebetsstunde, sondern auch im Rockkonzert, und das missfällt der religiösen Obrigkeit. Als Anhänger der muslimischen Sufitradition sind dem Imam zwar Musik und Tanz nicht fremd, aber sein Idol fällt doch ein wenig aus dem Rahmen: Es ist der exzentrische Frontmann der britischen Rockband Queen, Freddy Mercury.

Ahmet Muhsin Tüzer scheint ohnehin unkonventionell zu sein. Er heiratete eine Christin aus Rumänien, was ihm bereits Ärger mit dem Mufti und ein zeitweiliges Berufsverbot einbrachte. Wieder im Amt, gründete er mit zwei befreundeten Musikern eine Rockband. Am vergangenen Sonnabend gab der Geistliche sein erstes, umjubeltes Konzert im Hafen von Kaş, und bald erscheint auch das erste Album seiner Gruppe namens FiRock. Es soll Rock- und muslimische Sufimusik zusammenführen.

Obwohl Ahmet Muhsin Tüzer, anders als Freddy Mercury, nicht den Hedonismus besingt, sondern die Liebe zu Gott und islamischer Mystik, und obwohl er ähnlich wie einige christliche Kollegen mit Rockmusik das Image seines Berufs auffrischen will, hat die Religionsbehörde jetzt wieder disziplinarische Schritte eingeleitet. Wie einst in katholischen Gemeinden Westdeutschlands wird der junge Mann mit dem Vorwurf konfrontiert, sein Hobby sei für einen Geistlichen ungeeignet. Das bedroht ihn existenziell, denn türkische Imame sind staatliche Beamte.

„Ein Imam zu sein, ist kein gewöhnlicher Job. Für jemand anderen im öffentlichen Dienst mag das so sein, nicht aber für uns“, zitiert die Zeitung Hürriyet den Obermufti von Antalya. Inspektoren aus Ankara werden nach Kaş reisen. „Ich habe nichts Falsches getan“, entgegnet der Imam auf Twitter. „Ich rufe die Menschen zu Frieden, Brüderlichkeit und Freundschaft auf. Musik ist ein Werkzeug auf der Reise zu Gott.“

Doch was immer das religiöse Gutachten ergibt, Ahmet Muhsin Tüzer hat nun die Chance, ein neues Genre der Rockmusik zu begründen. Im Internet kursiert bereits ein Etikett dafür: Islam-Rock.

2 Gedanken zu „Schulbeginn und Fahnenappell

  1. Allahu Akhbar heißt „Gott ist größer.“

    Wie sehen sie denn die Solidarisierung von Erdogan und dem Fußballer Emre mit der RABIA-Bewegung der islamistischen Muslimbruderschaft?
    Das ist doch Sprengstoff pur oder?

    • Hallo Herr Brand, ob Allahu Akbar übersetzt „Gott ist der Größte“ oder „Gott ist größer“ heißt, ist umstritten und ein semantisches Problem, das zu lösen ich mich nicht imstande sehe. Erdogans Überidentifikation mit den ägyptischen Muslimbrüdern hat schon zu erheblichen außenpolitischen Problemen geführt und der Wirtschaft der Türkei schwer geschadet. FN

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