Schuluniformen und Patriot-Raketen

In der Türkei gibt es täglich so viele überraschende Nachrichten, dass ich manchmal das Gefühl habe, sie kaum alle wahrnehmen geschweige denn für das geschätzte Berliner Publikum aufarbeiten zu können. Muss ich aber auch gar nicht. Denn unser Dasein als Print-Produkt unterwirft uns engen Beschränkungen. Zum Beispiel sind am Montag meist nur zweieinhalb Zeitungsseiten Platz für Meldungen aus dem Universum der Politik. Da müssen meine türkischen Nachrichten dann mit Bundestag, Merkel, Steinbrück und der ganzen großen weiten Welt konkurrieren. Im Augenblick ist zum Beispiel Ägypten das beherrschende Thema. Natürlich zu Recht, die Revolution geht weiter, es bleibt spannend.

Für die Türkei bleibt in solchen Zeiten aber wenig Raum. Insofern sehe ich der digitalen Zukunft eigentlich entspannt entgegen, falls es den Zeitungen überhaupt gelingt, wirtschaftlich zu überleben. In den Weiten des Internets ist einfach mehr Platz. Nutzbar ist der Platz aber nur, wenn auch Kollegen da sind, die sich darum kümmern. Die müssen bezahlt werden – und wieder beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein hochwertiges journalistisches Produkt wie die Berliner Zeitung braucht Personal, das ordentlich entlohnt werden muss, wie in jedem anderen Beruf auch.

Wenn – wie es derzeit der Fall ist – sich die Werbewirtschaft aus dem Printjournalismus zurückzieht, ist das ökonomisch höchst betrüblich. Für den unabhängigen Journalismus muss es aber keine Katastrophe sein, wenn wir weniger vom Kapital abhängig sind. Allerdings muss das Geld dann woanders herkommen. Ich wundere mich eigentlich jedes Mal, wenn ich nach Berlin zurückkomme, dass ich beispielsweise für einen Capuccino 2,20 Euro bezahlen muss, die Berliner Zeitung aber zum Schnäppchenpreis von einem Euro am Kiosk bekomme. Wie kann es sein, frage ich mich dann, dass ein intellektuelles Produkt, für das mehr als 150 hochspezialisierte Fachleute – Redakteure, Reporter, Analysten – sich täglich ins Zeug legen, so billig verschleudert wird? Warum ist ein Capuccino doppelt so viel wert?

Ich lasse diese Frage mal so stehen. Zurück nach Istanbul. Heute haben wir hier zum Beispiel folgende Themen auf dem Tisch: Die regierende AK-Partei will die Schuluniformen abschaffen (und vermutlich Kopftücher zulassen) – Top-Diskussionsstoff für türkische Twitterer. Premier Erdoğan wettert gegen eine TV-Soap, die einen berühmten Osmanen-Sultan seiner Meinung nach „falsch“, nämlich als liebestollen Sauf- und Raufbold darstellt. Die PKK verstärkt ihre Angriffe auf die türkische Armee im Südosten. Die Türkei bekommt Stress mit Washington wegen der Gold-gegen-Gas-Deals mit dem Iran. Auf dem Taksim-Platz hier in Istanbul gibt es nach heftigen Protesten seit gestern eine Fußgängerbrücke über die riesige Baustelle (über die ich bald mal schreiben werde). Und und und.

Und natürlich die Patriot-Raketen. Jetzt scheint sich herauszukristallisieren, dass die Abwehrsysteme nach Gaziantep und Şanlıurfa kommen. Außenminister Davutoglu hat gestern gesagt, es könne eine Sache von Tagen, nicht von Monaten sein, bis sie aufgestellt seien. Gestern hatte ich dazu eine türkische Presseschau geschrieben, die heute in der Berliner Zeitung steht, hier eine etwas längere Version:

Türkische Medien begrüßen Patriot-Raketen
Die Medien in der Türkei sind sich einig über den Wert der Patriot-Raketen an der syrischen Grenze. Sie halten sie für eine geeignete und nötige Schutzmaßnahme gegen mögliche Raketenangriffe aus Syrien oder dem Iran.

Die erwartete Stationierung von Patriot-Abwehrraketen der Nato nahe der syrischen Grenze ist in der Türkei anders als in Deutschland kein Gegenstand kontroverser Diskussionen. Die türkischen Medien sind sich einig, dass die Patriot-Systeme als Defensivwaffen eine geeignete und nötige Schutzmaßnahme gegen die aktuellen „syrischen Nadelstiche“ (Milliyet), vor allem aber mögliche Raketenangriffe aus Syrien oder dem Iran sind.

Anders als in Deutschland gelten solche Szenarien als realistisch, auch angesichts israelischer Drohungen gegen Teheran; schließlich liegt in der Türkei die wichtige amerikanische Luftwaffenbasis İncirlik bei Adana, die iranische Militärs bereits als Ziel eines Gegenschlags bezeichnet haben. Iranische, syrische und russische Warnungen vor der Patriot-Stationierung als „Provokation“ werden deshalb als Bestätigung der Gefahr gelesen.

„Was bringen die Patriots der Türkei?“, fragt der Chefredakteur der Hürriyet Daily News, Murat Yetkin. Seine Antwort: „Sie bringen die Bestätigung des Nato-Schirms gegen einen möglichen Angriff aus dem Nahen Osten – heute aus Syrien, morgen vielleicht als Resultat eines israelisch-iranischen Konfliktes oder einer anderen Bedrohung, die derzeit noch nicht sichtbar ist.“

Begrenzte Verteidigungsmöglichkeiten

Gegen die russischen Raketen der Syrer besitze die Türkei selbst nur begrenzte Verteidigungsmöglichkeiten, schreibt Yetkin. „Vor allem stärkt die Stationierung den Wert der Türkei im militärisch-politischen System des Westens.“ Neben dem Nato-Raketenschutzradar im ostanatolischen Kürecik und der US-Flugbasis İncirlik seien die Patriots ein weiteres strategisches Element, um die Sicherheit der gesamten Region zu verbessern. „Trotz der iranischen Warnungen, dass Kürecik und die Patriots die Türkei zum Angriffsziel machen, besteht ihre wahre Bedeutung vermutlich in der Abschreckung. Die Patriot-Stationierung in der Türkei kann die Parameter der andauernden Nahostkonflikte positiv ändern und das Image der Nato als Abschreckungsmacht stärken.“

Die Mühen, unter denen sich die europäischen Partner zur Hilfe durchringen, sind bislang kaum ins Bewusstsein der türkischen Öffentlichkeit gedrungen. Die Vorbehalte werden nicht als Ablehnung, sondern eher als Befürchtung interpretiert, die Waffen könnten einer Flugverbotszone in Syrien dienen.

Solchen Ängsten ist Außenminister Ahmet Davutoglu am Montag im TV-Sender CNN Türk deutlich entgegengetreten: „Diese Systeme sind ausschließlich defensiv und werden erst aktiv, wenn es eine direkte Bedrohung der Sicherheit unseres Landes geben sollte.“ Selbst wenn die Chance einer nationalen Bedrohung nur bei einem oder fünf Prozent läge, sei die Regierung verpflichtet, die nötigen Vorkehrungen zu treffen.

Im Internet diskutieren türkische User die europäischen Bedenken als Mahnung, endlich eigene Abwehrwaffen gegen Mittelstreckenraketen zu entwickeln. Wie Milliyet meldet, beabsichtigt die Türkei tatsächlich, solche Systeme so schnell wie möglich zu erwerben.