Shampoo-Werbung mit Adolf Hitler gestoppt

Würden Sie von diesem Mann ein Shampoo kaufen? Eine türkische Kosmetikfirma glaubt fest daran. Vier Tage lang flimmerte ein 17 Sekunden langer Werbespot mit einem tobenden Adolf Hitler über türkische Bildschirme. Immer wieder. Darin brüllt der Diktator die Kunden auf Türkisch mit Untertiteln in Gastarbeiterdeutsch an: „Warum benutzt du Frauenshampoo, wenn du kein Frauenkleid trägst? Jetzt gibt es das hundertprozentige Männershampoo: Biomen.“ Und dann: „Echter Mann, benütze Biomen!“

Als ein Sturm der Entrüstung losbrach und türkische Zeitungen den Spot „verkommen“ und „faschistisch“ nannten, als der Istanbuler Oberrabbiner Ishak Haleva erklärte: „Das ist pervers und jenseits jeder Ethik“ und die jüdische Gemeinde (der in Istanbul 20000 Menschen angehören) die Werbeagentur aufforderte, den Film sofort zurückzuziehen und sich zu entschuldigen – da reagierten die Istanbuler Reklameagentur Marka und das Kosmetikunternehmen Biota Laboratories zunächst mit Spott. Sie dächten gar nicht daran, erklärten sie. Man habe Hitler der Lächerlichkeit preisgeben wollen und sich einen Witz erlaubt. Wirklich?

Hitler als Männlichkeitssymbol, das liegt im Nahen Osten nicht unbedingt fern. Der Kommentator der konservativen Zeitung Sabah erinnerte daran, dass Hitlers „Mein Kampf“ als Raubkopie in der Türkei ein Bestseller war. Der Kreativdirektor von Marka, Hulusi Derici, sei für seine provokativen Aktionen bekannt. Er wisse natürlich, dass Hitler Seife aus den Leichen ermordeter Juden machen ließ. „Aber Derici setzt darauf, dass nur sensible Menschen Biomen damit in Verbindung bringen. Die sind ihm egal. Er will sein Produkt genau den anderen verkaufen.“ Getreu dem Motto der Werbewirtschaft, dass es keine schlechte Werbung gibt, sondern nur solche, die wirkt oder nicht wirkt. Auch international.

Fernsehaufsicht versagt

Als sich die Hitler-Reklame tatsächlich zum Quotenhit bei Youtube entwickelte, ließen ihre Urheber den Massenmörder mit der Pomadenfrisur weiter für ihr Produkt werben. Dabei verkauft Biota eigentlich teure Kosmetika in Apotheken unter dem Siegel von „Nachhaltigkeit“ und „sozialer Verantwortung“; Marka ist eine der größten türkischen Werbefirmen und zählt auch internationale Brands wie Pizza Hut und Roche zu ihren Kunden. Doch die Hitler-Reklame lief offenbar selbst im Staatssender TRT völlig unbehelligt. Nur die mächtige Istanbuler Habertürk-Mediengruppe lehnte die Ausstrahlung von vorneherein ab. Die sonst übereifrige Fernsehaufsichtsbehörde in Ankara schritt nicht ein. „Findet die Behörde es also völlig in Ordnung, dass Hitler zur Reklamefigur wird?“ fragte die linke Zeitung Cumhuriyet.

Erst als ein ernstzunehmender außenpolitischer Imageschaden drohte, als sich die amerikanische Anti-Defamation League mit einem Brief beim türkischen Botschafter in den USA beschwerte, zog die türkische Regierung offenbar die Notbremse. Die Werbefirma Marka entschuldigte sich und stoppte den Hitler-Spot am Dienstag „im Hinblick auf Empfindlichkeiten der jüdischen Gemeinde“. Im Internet hat die Affäre unter anderem eine Diskussion über zynische Methoden der Werbewirtschaft ausgelöst. „Und was kommt als nächstes?“, fragt ein User in einem Blog. „Stalin auf Schaumfestiger? Mao Zedong auf Feuchtigkeitscreme?”

(Der Text ist heute leicht gekürzt in der Berliner Zeitung erschienen.)