Sommerinterview: die Gezi-Protestbewegung

Liebe Blogleser/innen, es ist Sommer, und wer kann, verlässt Istanbul. Auch wir machen Ferien. Teile meiner Großfamilie aus Berlin sind angereist, und zusammen sind wir in den Süden der Türkei gefahren, in die wunderschöne Region um Kaş (zwischen Fethiye und Antalya), wo es aussieht wie an der Küste in Kroatien und wo die Gezi-Park-Proteste unendlich weit weg erscheinen. Ruhe genießen, türkisfarbenes Meer gucken, im Pool plantschen, Bücher lesen und mit den Nichten Canasta spielen – was will man mehr?

Dennoch möchte ich es nicht versäumen, Ihnen ein Interview in Langfassung zu präsentieren, das ich vor knapp einer Woche in Istanbul mit der bezaubernden Schriftstellerin Sema Kaygusuz (41) bei uns in Cihangir führen konnte. Es erschien in kürzeren Fassungen in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau.

Diese Generation kennt den Schmerz nicht

Mit immer größerer Härte reagiert der türkische Ministerpräsident Erdogan auf die Demonstrationen gegen seine Regierung. Bereits jetzt kann man sagen, dass die neue Bürgerbewegung die türkische Gesellschaft unwiderruflich verändert hat. Darüber sprach ich mit der Schriftstellerin Sema Kaygusuz. Die Autorin wurde 1972 in der türkischen Schwarzmeerstadt Samsun geboren, studierte Kommunikationswissenschaften in Ankara, lebt in Istanbul und lehrt kreatives Schreiben. Erste Kurzgeschichten erschienen 1997, auf Deutsch kam der Roman „Wein und Gold“ 2008 bei Suhrkamp heraus.

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Sema Kaygusuz beim Gespräch in Cihangir

Frank Nordhausen: Frau Kaygusuz, Ihr Roman „Wein und Gold“ handelt vom Zusammenprall zweier Kulturen auf einer Ägäis-Insel. Sehen Sie auch einen Zusammenprall der Kulturen in der Gezi- und Taksim-Bewegung?

Sema Kaygusuz: Es ist nicht das Gleiche. In meinem Roman geht es um eine türkische Insel mit griechischen Einwohnern, die man zur Auswanderung zwang, und um Türken, die man aus Griechenland vertrieb. Es geht um Drama, Tragödie, Traurigkeit. Im Gezi-Park war es ganz anders, keiner fragte den anderen, ob er Kurde, Zigeuner, Armenier oder Deutscher ist. Die Leute waren auf ein höheres Niveau gesprungen.

Der Park war auch wie eine Insel.

Stimmt. Die Menschen schufen sich eine Insel.

Fernab der normalen Welt. Während der Gezi-Krise besuchte ich das konservative Istanbuler Viertel Esenler. Von dort ging niemand zum Taksim-Platz oder Gezi Park, und die Menschen waren nicht einmal neugierig darauf. Alles, was sie über die Ereignisse auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park wussten, erfuhren sie aus dem Fernsehen, das manipulativ berichtete.

Wir wissen, dass die Französische Revolution auch nur von einer kleinen Gruppe ausging. Veränderung begann nie mit der Mehrheit, sie begann mit Minderheiten und zog dann andere Gruppen an und begeisterte sie. Viele Einwanderer aus Anatolien, die seit 20 bis 25 Jahren in der Peripherie Istanbuls leben, waren noch nie am Bosporus. Das ist normal. Wenn wir über die Generation im Gezi-Park reden, reden wir über gut ausgebildete Leute aus der Mittelschicht. Es gibt inzwischen Statistiken, wonach 25 Prozent von ihnen mindestens ihr Masterstudium abgeschlossen haben. Die Menschen an der Peripherie leben in einer sehr kleinen Welt. Sie hinterfragen ihre Identität und Tradition nicht. Das Problem der Menschen im Gezi-Park ist dagegen die Freiheit, die Selbstbestimmung – – eine abstrakte, hoch spannende Sache, die jeden angeht. Diese Gruppe im Zentrum der Bewegung hat große Segmente der Gesellschaft berührt, weil für sie die alte Identität nicht mehr akzeptabel ist. Wären nur Kurden auf dem Taksim-Platz zusammengekommen, hätte es zu einer großen Tragödie kommen können. Wären nur Armenier gekommen, hätte es sehr gefährlich sein können, weil es viele Nationalisten hier gibt.

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Graffito in Istanbul: „#Resist Gezi-Park“

Sie kommen aus der Schwarzmeer-Region wie Ministerpräsident Erdoğan. Er hat behauptet, die Krise sei auch ein Konflikt der „schwarzen Türken“ Anatoliens gegen die „weißen Türken“ im Westen des Landes. Stimmen Sie dem zu?

Nein, nein, nein. Ministerpräsident Erdoğan versucht immer, zu spalten: Gute Muslime gegen schlechte Säkulare, gute Frauen mit Kopftuch gegen schlechte ohne; er kritisiert Kaiserschnittgeburten und Abtreibungen. Aber dieses Spiel ist abgenutzt. Deshalb denke ich, dass Tayyip Erdogan sich ändern muss, wenn er noch mitspielen will. Wenn die Menschen auf dem Platz schreien, „Tayyip verschwinde!“ – dann heißt das eben nicht: „Tayyip raus!“ Jeder weiß, es würde eine große wirtschaftliche und politische Krise auslösen. Die Bedeutung der Rufe ist: „Tayyip, sei vorsichtig! Komm mir nicht zu nahe! Überschreite meine private rote Linie nicht!“

Es sieht nicht so aus, als ob er das verstanden hat.

Leider. Deshalb sprechen viele über seine psychischen Probleme. Er hat einen narzisstischen egozentrischen Größenwahn. Aber ich will darüber nicht sprechen. Als Bürger wünsche ich mir einen demokratischen, antifaschistischen Ministerpräsidenten. Er ist nicht mein Verwandter oder Freund. Er muss eine freiheitliche Ethik vertreten, er muss den gesetzlichen Anforderungen genügen. Aber er schreit, er bezeichnet andere Menschen als Lügner. Dabei hat er selbst viele Lügen erzählt: Leute trinken Bier in Moscheen – darüber lachen die Hühner. Selbst Menschen, die keine Muslime sind, wissen, dass eine Moschee ein göttlicher Bereich ist. Niemand trinkt ein Bier in der Moschee.

Während der Unruhen war ich selbst mehrfach in der betreffenden Dolmabahçe-Moschee. Dort war ein Behelfslazarett eingerichtet. Ich musste meine Schuhe ausziehen, und niemand trank Alkohol. Der Imam der Moschee selbst hat diese Behauptung klar dementiert. Warum sagt Erdoğan offensichtlich die Unwahrheit?

Es ist ein schmutziges Spiel. Ich glaube, er hat Panik. Er sieht diese Welle, sie hat irgendetwas mit Demokratie zu tun, aber er versteht sie nicht. Weil er nie anderen vertraut, nie auf andere hört.

Wieso gerät ein starker Mann in Panik, weil ein paar tausend 18-Jährige Zelte in einem Park aufstellen? Woher rührt dieser Mangel an Souveränität?

Es liegt daran, dass er seine Macht nicht teilen kann. Er ist berauscht von seiner Macht. Ich kenne eine Frau, die sehr schön ist, und zu der jeder sagt, sie sei sehr schön. Also fing sie an, sich daran zu berauschen, wollte das große Geld verdienen und glaubte, sie habe ein Recht darauf. Eine ähnliche Geschichte habe ich bei Bukowski gelesen und bei Borges. Es ist die Geschichte einer psychologischen Depression. Ich erkenne das gleiche Schema hier. Erdoğan berauscht sich an seiner Macht. Er ist sehr charismatisch. Wenn er spricht, zieht er die Leute in seinen Bann. Aber er leidet unter einem großen Komplex. Er hat keine moderne Erziehung genossen, er kennt nur das schlechte traditionelle Leben. Er kann den Lebensstil der anderen nicht verstehen. Er hat gesagt, wer nur ein Glas Bier trinkt, sei ein Alkoholiker. Wie kann er es wagen, so zu reden? Er spricht vom angeblichen Vandalismus der jungen Leute, verliert aber kein Wort über die Pfeffergaseinsätze und die Verletzten und Toten der Proteste.

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Soweit ich es sah, waren die Proteste überwiegend friedlich. In Istanbul wirft kaum jemand Steine oder Molotow-Cocktails. Ist es normal, dass die Polizei so hart reagiert?

Hätten diese Demonstrationen vor zehn Jahren stattgefunden, wären wahrscheinlich 100 oder 200 Menschen getötet worden. Aber die Türkei hat den Weg der Demokratie eingeschlagen, und deshalb kann sie nur Tränengas und Gummigeschosse einsetzen.

Haben Sie Angst?

Nein. Ich habe immer Angst gehabt, aber die Angst ist weg. Vielleicht war die Dosis groß genug. Ich bin nicht mutig, aber ich denke jetzt nicht mehr daran, Angst zu haben. Und sie haben im Fall Orhan Pamuk gelernt, dass es nicht gut für sie ist, einen Schriftsteller anzugreifen. Denn wenn sie das tun, lenken sie die Aufmerksamkeit gerade darauf.

Ich sah viele Demonstranten mit Polizisten sprechen; oft sind sie auch im gleichen Alter. Haben Sie auch mit ihnen geredet?

Nein. Mein Vater war im Militär, ich kenne das System sehr gut. Ich mag keine Uniformen, Uniformierte machen mir Angst.

Die Leute auf der Straße kommen aus einer anderen Generation als Sie, vielleicht liegt es daran.

Sie sind jünger als ich. Ich bin 41, sie sind Anfang oder Mitte 20.

Worin besteht der Unterschied zwischen den jungen Demonstranten und Ihrer Generation?

Unsere Mütter und Väter sind enttäuscht, weil sie Sozialisten waren, und die Regierung ihnen alle demokratischen Ideen mit Gewalt ausgetrieben hat. Deshalb haben sie ständig Angst um uns. Ich komme aus der zweiten Generation, die jungen Leute aus der dritten Generation. Ich war immer pessimistisch, weil ich immer allein war. Ich bin Feministin, also halfen mir nur andere Feministinnen. Du bist Umweltschützer, also unterstützen dich nur andere Umweltschützer. Ein Dritter ist Homosexueller, also kann er nur auf andere Homosexuelle zählen. Die Kemalisten oder Säkularen haben uns nie zur Seite gestanden, mit Ausnahme einiger Künstler und überzeugter Demokraten. Wir sind immer allein gewesen. Aber diese junge Generation ist anders.

In den vergangenen zwei Jahren konnte ich viele Demonstrationen auf dem Taksim-Platz beobachten, und meistens kamen nicht mehr als 100 oder 200 Personen zusammen. Plötzlich sind es Hunderttausende. Was hat sich geändert?

Diese Generation kennt die Vergangenheit nicht. Sie kennt den Schmerz nicht. Sie weiß nicht, wie schlimm die Polizeifolter vor 25-30 Jahren war. Sie weiß nichts über die Angst der türkischen Republik vor ihren eigenen Bürgern. Sie kennt das Sivas-Massaker nicht, bei dem 35 Schriftsteller und Kulturschaffende 1993 in einem Hotel ermordet wurden. Die jungen Leute kennen nur ihre eigene Geschichte, ihre eigene Zeit, aber sie sind mit der ganzen Welt verbunden. Sie wissen, was Demokratie und Frieden bedeuten, sie teilen die Werte der Aufklärung und der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sie sind insofern nicht mehr Teil der Türkei, sondern Teil Europas. Deshalb könnte die Türkei mit dieser Gesellschaft der EU sofort beitreten – nur nicht mit dieser Regierung. Wir müssen also die Regierung ändern.

Sie klingen sehr optimistisch.

Wir sehen jetzt, dass die Menschen überall stillen Widerstand leisten, indem sie einfach auf Plätzen stehen. Es geht darum zu beharren. Sie machen nichts kaputt. Sie stehen. Sie bestehen auf ihrem Anliegen. In jedem Park sammeln sich abends um neun Uhr wildfremde Menschen zum Forum und diskutieren. Wir reden darüber, unsere eigene Politik zu definieren. Es gibt Vorschläge, in die Armenviertel zu gehen, um Sommerschulen und freie Theateraufführungen abzuhalten. Deshalb bin ich zum ersten Mal in meinem Leben optimistisch. Ich war nie gern ein Teil der heuchlerischen und stillen Türkei. Das hat sich geändert. Eine neue Gesellschaft entsteht.

Bislang schienen die jungen Türken aus der Mittelschicht sich vor allem fürs Einkaufen, für Musik oder Facebook zu interessieren, aber nicht für Politik.

Sie waren sehr apolitisch. Zu beginn der Proteste haben sie nur reagiert, jetzt werden sie politisiert.

Sie brauchten einen Anstoß, um bewusst zu werden?

Genau. Jetzt beginnen sie, sich zu organisieren. Im Bezirk Beşiktaş gibt es im Park ein kleines Amphitheater. Die Leute kommen zusammen, sitzen dort, es gibt ein Megaphon. Jeder sagt, was er will, und wir reden darüber. Um kein Geräusch zu machen und die Polizei zu alarmieren, wird nur mit Gesten applaudiert. Alle sind so vernünftig, es ist schockierend. Nicht nur dort. Plötzlich sind alle viel netter zueinander. Ich glaube, unser Stress einen Weg gefunden, und wir schieben die Regierung, die unser Leben immer dirigierte, einfach beiseite.

Vielleicht hat das Verhalten damit zu tun, dass Sie und die anderen Demonstranten aus dem städtischen Bürgertum stammen. Aber was ist mit Zentralanatolien? Mit dem kurdischen Südosten? Gibt es dort überhaupt Demonstrationen?

Oh ja. In Mersin, in Adana, Eskişehir, in Zentralanatolien. Dort geht die Polizei sehr hart gegen die Proteste vor. In Dersim hatten alle Geschäfte geschlossen, um die Demonstrationen zu unterstützen. Istanbul ist eine sehr komplexe Stadt, in anderen Städten sind die Verhältnisse klarer.

Mit welchen Gefühlen erleben Sie diese Umbruchzeit?

Ich bin sehr aufgeregt und habe große Hoffnungen. Die Erdoğan-Regierung selbst hat den Boden für Veränderungen bereitet. Sie hat das Militärische aus unserem zivilen Leben verbannt und versucht, einige antidemokratische Bräuche und Gesetze zu korrigieren. Aber danach versuchte sie, ihre Autorität an die Stelle der alten zu setzen. Das war falsch. Vor allem Erdoğan wandelte sich zu einem diktatorischen Führer. Er begann Vorschriften zu machen: Raucht nicht, trinkt nicht, tragt dieses und jenes nicht, macht drei Babies usw. Er führte sich als Vater auf, aber niemand wollte einen Vater, denn jeder hat einen Vater.

Er versucht, den Menschen zu sagen, wie sie sich verhalten sollen. Und wenn sie nicht gehorchen, schlägt er sie.

Genau. Und er erteilt immer Befehle. Mir ist noch etwas aufgefallen. Erdoğan ist sehr krank, doch niemand spricht über seine Krankheit, es ist eine Art Tabu. Er selbst aber redet ständig über das Sterben. In jeder Rede spricht er darüber, er sagt, ich komme im Totenhemd und gehe im Totenhemd. Oder er spricht über die Arten des Todes. Seines Todes. Er spricht immerzu über den Tod.

Vielleicht will er deshalb auch die große Moschee auf dem Istanbuler Çamlıca-Hügel errichten.

Vielleicht. Er spricht auch über die ägyptischen Götter und ihr Gefühl, Vertreter Gottes auf der Erde zu sein. Meine Vermutung ist, dass Erdogan nicht wie ein normaler Mensch sterben will, sondern als Held. Als ob er den geheimen Wunsch hätte, getötet zu werden. Dabei will ihn niemand töten. Ich bin mir sicher, dass viele Leute großen Respekt für ihn empfinden. Als ich kürzlich in Berlin war, fragten mich die Türken dort: „Seid ihr alle denn verrückt geworden? Dieser Mann ist wichtig für die Türkei. Er hat alles verändert. Wir waren sehr arm, er hat so viel getan, um unser Leben zu verbessern.“

Das Bild der Türkei in Deutschland könnte sich nun ändern. Viele Menschen scheinen wirklich überrascht sein, was hier vor sich geht und dass es junge, moderne Türken gibt.

Ja, weil sie sich immer nur auf die Peripherie konzentrieren – Kopftuchfrauen, arme Leute. Alle europäischen Journalisten wollen immer nur über arme Leute schreiben. Die moderne Türkei interessiert sie nicht, denn sie ist nicht exotisch. Aber jetzt sieht jeder, dass es in der Türkei eine Moderne gibt.

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Graffiti in Istanbul: „Mutter, mir geht’s gut“

Die Kopftuchfrauen aus den Istanbuler Bezirken Esenler oder Fatih waren nicht im Gezi-Park. Wie kann man diese Menschen erreichen?

Sie werden schwer zu erreichen sein, auch ihre Söhne und Töchter. Sie haben keine wirtschaftliche Freiheit, sind von ihrem Ehemann oder Vater abhängig. Aber ihre Kinder werden wir erreichen. Das Kopftuch ist nicht wichtig.

Sehen Sie Anzeichen für eine solche Entwicklung?

Ja, es gibt diese Frauen mit Kopftuch an der Universität, es gibt ältere Frauen, die Auto fahren – das ist alles sehr neu, aus den letzten zehn Jahren. Wir sehen jetzt Frauen mit Kopftuch im Café sitzen, undenkbar früher. Ohne ihre Ehemänner oder Väter konnten sie nicht am sozialen Leben teilnehmen. Jetzt können sie selbst einkaufen gehen. Das ist wichtig. Wenn ich im Park morgens spazieren gehe, sehe ich Frauen mit Kopftuch Gymnastik machen. Dies ist sehr neu. Es ist ein Zeichen. Sie haben Selbstvertrauen, sie gehen vor die Tür, und machen Körperübungen im Freien!

Vielleicht besteht das größte Problem darin, dass keiner zu sehen ist, der Erdogan ablösen könnte. Die größte Oppositionspartei, die kemalistische CHP, ist zerstritten und hat keine charismatischen Führungspersonen.

Das ist Erdoğans großes Glück. Es gibt keine echte parlamentarische Opposition in der Türkei. Deshalb haben die jungen Leute ja ihre neuen Ideen entwickelt.

Viele Leute hier in der Türkei sagen das Gleiche.

Aber die Menschen beginnen, sich zu verändern. Es gibt eine seriöse Umfrage, wonach die Regierungspartei AKP auf 35 Prozent gesunken ist. Ich verstehe die Menschen, die Respekt vor Erdoğan haben. In seiner Amtszeit hat sich ihr Leben wirtschaftlich verbessert. Aber sie leben in einer sehr kleinen Welt. Sie brauchen keine Kunst, sie brauchen keine Freiheit. Sie brauchen keine Schriftsteller.

Erdogan scheint kein wirkliches Gefühl für Kunst, für Kultur zu besitzen.

Ich glaube, dass die türkische Gesellschaft sich nach 1950 an den amerikanischen Lebensstil annäherte, und alle türkischen Familien diesem Trend folgten: Sie essen, sie gehen zur Arbeit, sie schauen Seifenopern im Fernsehen, und machen immer so weiter. Wichtig ist die Familie und die Vorstellung, produktiv zu sein. Doch jetzt sehe ich eine Rückkehr zu den Werten vor 1950, als unsere Vorbilder die europäische Gesellschaft und der europäische Lebensstil waren. Die Parolen und Ideen der Demonstranten kommen aus der Aufklärung, der Französischen Revolution, dem Marxismus, der Ökologiebewegung …

Glauben Sie, dass sie eine politische Partei gründen werden?

Nein, ich denke, dass sie die CHP versuchen werden zu ändern. Sie werden versuchen, den Stimmen der jungen Leute einen politischen Weg zu ebnen. Die CHP muss sich reformieren. Es gibt eine gute neue, linke Grüne Partei, aber sie ist sehr schwach. Die Zehnprozenthürde ist ein großes Hindernis.

Hat die legale Kurdenpartei BDP eine Chance, die neue Opposition zu führen?

Die BDP ist klein und befasst sich vor allem mit den Problemen der Kurden. Sie ist nicht türkisch, das ist ein Problem. Allerdings ist ihr Vorsitzender Demirtas jung und ein sehr guter Redner. Außerdem ist die BDP clever und modern. Männer und Frauen sind in ihr gleichberechtigt. Sie erkennt das Armenienproblem an, thematisiert die Menschenrechte in der Türkei. Ihre Politiker sind keine Nationalisten, auch keine kurdischen Nationalisten. In der Verbindung mit der CHP könnte sie es schaffen.

Ist die Gesellschaft bereit, sich zu ändern?

Die türkische Gesellschaft ist in der Lage, sich sehr schnell zu ändern. Die Menschen sind sehr offen für neue Ideen. Vor fünf Jahren noch war es ein Tabu, über die Massaker an den Armeniern zu sprechen. Ich bin Alevitin, darüber konnten wir nicht öffentlich reden, weil wir im militärischen Segment der Gesellschaft lebten. Mein Vater war Offizier und völlig von der türkischen Gesellschaft assimiliert. Sein Vater war Kurde, seine Mutter kam aus Dersim, sie war Zeuge der Massaker von 1938, aber sie durften darüber nicht sprechen. Das hat sich völlig geändert. Ich habe jetzt ein Buch über die Massaker geschrieben! Die Menschen fingen auch an, über die Armenier zu sprechen; es wurde Thema in Fernseh-Talkshows. Jetzt können Sie sogar „Armenischer Holocaust“ sagen, und nichts passiert.

Hat das nicht auch viel mit Erdoğan zu tun? Hat er nicht einiges dafür getan, dass die Menschen beginnen, die historischen Tatsachen zu akzeptieren?

Ich denke, es geht eher um den Zeitgeist. Erdoğan ist sehr konservativ, sehr nationalistisch. Er spricht von einer nationalen Religion und meint damit die Sunniten. Meiner Meinung nach hat die Türkei zwei verschiedene Charaktere. Auf der einen Seite die laizistischen, säkularen und aufgeklärten Ideale aus der Zeit der Gründung der türkischen Republik durch Atatürk. Auf der anderen Seite der Nationalismus, die Vorstellung einer monotonen Kultur und einer nivellierten Gesellschaft, die die multireligiöse, multiethnische Realität der Türkei leugnet.

Auch das kommt von Atatürk.

Stimmt. Aber in der Gezi-Bewegung sehen wir den guten Charakter der Türkei, der gegen jenen Teil der Gesellschaft steht, der keine Veränderung will. Die Gezi-Bewegung repräsentiert den Zeitgeist. Erdoğan hat zwar demokratische Reformen begonnen, weil die Europäische Union ihn dahin schob. Aber eigentlich haben er und die AKP sich immer darauf konzentriert, wo das Geld und der Gewinn für sie sind. Erdoğan hat selbst gesagt, die Demokratie sei nur ein Fahrzeug, um ans Ziel zu kommen. Was ist das Ziel? Ein autokratisches Regime.

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Die EU ist zerstritten und unsicher, wie es weitergehen soll. Der Türkei könnte die weitere Annäherung helfen, ihre Demokratie zu entwickeln.

Die EU sollte sich auf die neuen Ideen und ihre Träger konzentrieren. Dann wird man sehen, dass in der Türkei eine enorme Vielfalt von Lebensstilen existiert, die nicht von anatolischen Einwanderern geprägt ist wie in Berlin oder Paris, sondern von 3000 Jahren Geschichte: von Griechen, Phöniziern, Byzantinern, Anatoliern, Schwarzmeerbewohnern, Armeniern, Türken, Kurden und anderen mehr. Diese Vielfalt könnte ein sehr gutes Modell für die Europäer sein. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob es notwendig ist, dass wir in die EU kommen, denn die EU ist für mich immer abstrakt geblieben. Welche Art von Gesellschaft will die EU eigentlich?

Erdoğan sagt sogar, wir brauchen die EU nicht, wir können auf sie verzichten.

Seine Zeit ist vorbei. Wenn er sein politisches Leben fortsetzen will, muss er sich ändern.

Halten Sie das für möglich?

Politiker sollten sich ändern können. Aber in der AKP herrscht eine strikte Hierarchie, es ist jetzt ein Ein-Mann-System. Es könnte sich etwas ändern, wenn jetzt AKP-Parlamentarier Erdoğan dazu drängen, aber das ist unwahrscheinlich, weil die ganze Partei auf ihn ausgerichtet ist. Deshalb war sie erfolgreich. Ein Mann erteilt Aufträge, und jeder befolgt sie.

Ein arabischer Stil.

Sehr arabisch, stimmt.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Taksim- und Tahir-Platz?

Nicht sehr viel. Auf dem Tahrir-Platz ging es den Sturz der Diktatur und um die Wirtschaft, bei uns geht es um universale Werte. Im Gezi-Park wurde eine Utopie versucht, ein gemeinsames Leben ohne Geld, große Solidarität, und dies war sehr neu.

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Graffito in Istanbul: „Gefällt es dir?“

Was wird die Zukunft bringen?

Seit den Demonstrationen und der Gezi-Park-Besetzung sehe ich, dass die Menschen darauf bestehen, Widerstand zu leisten. Heute sah ich einen schönes Video auf Youtube: Eine junge Frau weinte vor Angst, vor Tränengas und weil die Polizei sie trat, aber sie sagte: „Alles wird wunderbar!“ Das ist für mich die Seele der Bewegung, dieser Satz: „Alles wird wunderbar!“

Nach der Räumung des Gezi-Parks schoss die Polizei Tränengas in die Lobby des Divan-Hotels, in das sich viele Demonstranten geflüchtet hatten. Ich sprach mit einem jungen Mann, der kaum atmen konnte, aber unter Tränen sagte: „Ich bin so glücklich! Zum ersten Mal habe ich wirklich das Gefühl, dass die Türkei meine Heimat ist.“

Genauso geht es mir. Es ist das erste Mal, dass ich ein Heimatland habe. Ich fühlte mich immer in der Minderheit, als Alevitin, als Frau, als Feministin, als Umweltschützerin. Als Familie mussten wir unsere Identität als Aleviten verheimlichen, ich wurde im sunnitischen und kemalistischen System erzogen. Auch dass meine Mutter eine griechische Jüdin ist, musste immer geheim bleiben. Aber sich in der Minderheit zu fühlen, gibt auch Freiheit. Jetzt fühle ich mich erstmals mit anderen verbunden – mit der Gezi-Bewegung. Ich bin ein Teil davon.