Sparparade

Heute war Feiertag, der 90. Jahres-„Tag des Siegs“ („Zafer Bayramı“) über die Griechen im Unabhängigkeitskrieg 1922. Die siegreichen Truppen wurden damals von Mustafa Kemal Atatürk persönlich geführt. Eine Gelegenheit für alle Fahnenliebhaber, ihre schönsten und größten Türkei- und Atatürkflaggen aus dem Fenster zu hängen. Istanbul hüllte sich mal wieder in Rot. Meine Mitarbeiterin hatte mir den Tipp gegeben, mir die Siegesparade auf der Vatan-Straße anzusehen, um ein typisch türkisches Gefühl zu bekommen. Es herrschte Sonntagsstimmung, viele Geschäfte hatten geschlossen, und die betreffende Straße im Aksaray-Viertel, der einzige richtige Boulevard Istanbuls, war von der Polizei abgesperrt worden. So konnte ich die seltene Gelegenheit nutzen, auf der autofreien vierspurigen Asphaltpiste spazieren zu gehen.

Allerdings wunderte ich mich, dass nicht gerade viel Volk unterwegs war, um die mutterländischen Streitkräfte zu bestaunen. Auch als ich die Paradestrecke erreichte, wurde diese von vielleicht zwei- oder dreitausend Menschen flankiert. In einer 15-Millionen-Metropole! Wo war da der so oft beschworene türkische Nationalstolz? Kein Vergleich zur Straße des 17. Juni im Berliner Tiergarten, wo früher die allierten Militärparaden stattfanden und man stets massenhaft Publikum hinströmen sah. Immerhin hatte ich dadurch gute Sicht, stand aber leider auf der falschen Seite des Boulevards, so dass ich die schönen Marschgruppen brauner, weißer und blauer Soldatenkontingente nicht aus nächster Nähe in Augenschein nehmen konnte.

Eigentlich hatte ich mit Marschmusik gerechnet, die in der Türkei ähnlich beliebt ist wie früher in Preußen, aber man hatte an allem gespart, und das Publikum musste sich mit „Links! Rechts!“ und ähnlichen gemeinschaftlichen Soldatenchören zufrieden geben – was alle aber auch ganz prima fanden. Es gab Hochrufe, das Volk schwenkte rote Fähnchen, die kleinen Jungs freuten sich an dem Spektakel, und als Zugabe ließ das Armeekommando drei Kampfjets und fünf Hubschrauber eine Ehrenrunde drehen. Im Großen und Ganzen war es also eine Sparparade mit höchstens zehn Panzern, ein paar Panzerspähwagen, einem Landungsboot, drei Autos mit buntgeschmückten Veteranen und insgesamt maximal 500 Soldaten. Auf der Parade wurde zudem, wenn ich richtig aufgepasst habe, nicht ein einziges Atatürk-Plakat gezeigt. Dabei hatte meine Mitarbeiterin mir eine richtige „klassische“ Parade angekündigt.

Naja, es war ja auch nur die Ersatzparade, während das eigentliche Großereignis wie jedes Jahr im Atatürk-Mausoleum in Ankara stattfand. Diesmal konnte Staatspräsident Gül daran nicht teilnehmen, weil er mit Ohrenschmerzen im Krankenhaus liegt. Aber es wurden Fotos vom Krankenbett veröffentlicht, er machte einen ganz fröhlichen Eindruck, trug einen schmucken blauen Seidenpyjama und blätterte in einem Album mit aktuellen Fotos aus Syrien. Er nutzt die Rekonvaleszenz also für den Job, das ist achtenswert. Die Parade nahm dann Tayyip Erdoğan ab, wie immer bei solchen Gelegenheiten mit Sonnenbrille.

Die Fahnenverkäufer in Istanbul waren nicht sehr amüsiert. „Jedes Jahr kommen weniger Leute“, klagte einer, den ich nach seinem Umsatz fragte. Ich habe ihm dann eine kleine türkische Fahne abgekauft, die ich im Gästezimmer neben meinem deutsch-türkischen Schal aufgehängt habe. Den habe ich im letzten Jahr beim Länderspiel Deutschland-Türkei vom DFB geschenkt bekommen. Bei dem Spiel waren deutlich mehr Leute als bei der Siegesparade. Symbolisch gesehen und vom türkischen Gefühl her eine gute Sache, finde ich.

Ein Gedanke zu „Sparparade

  1. Diesen Beitrag habe ich von der Seite genommen, weil er in völlig unverständlichem Deutsch abgefasst war. FN

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