Straßen statt Moscheen, Brücken statt Bäume

Was ist der Fluch Istanbuls, abgesehen von frechen Möven, die auf den Balkon sch…? Der Verkehr und die Dauerstaus. Jeder, der schon einmal in dieser schönen Stadt war und versucht hat, vom Zentrum in einen etwas entfernteren Bezirk zu gelangen, kennt das Stop-and-Go-Phänomen. Am gestrigen Montag war ich fast drei Stunden unterwegs, um mit Bahn und Bus in die Vorstadt Şahintepe zu kommen. Während des Berufsverkehrs ist es ohnehin ratsam, im Büro oder zu Hause zu bleiben oder am besten gar nicht erst berufstätig zu sein. Aber selbst nachts um drei oder vier Uhr kann es noch zu massiven Verkehrsstaus kommen, was unsere Berliner Besucher immer wieder in Erstaunen versetzt. Ich habe schon dreimal ein Flugzeug verpasst, weil mein Taxi auf der Autobahn liegen stecken blieb. Zum Opferfest brauchten viele Autofahrer sieben bis acht Stunden, um aus Istanbul ins Freie zu gelangen, weil alle dorthin wollten.

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Verkehr in Istanbul (aufgenommen an der Metrostation Ataköy-Şirinevler)

Angesichts dieser Zustände freuen sich viele Istanbuler, dass der Sultan in Ankara entschieden hat, der Stadt eine dritte Bosporusbrücke zu spendieren, damit der Verkehr freier fließt. Sie wird gerade mit dem üblichen türkischen Bautempo errichtet – ratzfatz geht das, schon wird der erste Pfeiler gegossen. Eigentlich sollte es gar keiner merken, bevor das Bauwerk fertig ist und der Öffentlichkeit präsentiert werden kann. Es sollte eine Überraschung sein, ein großes Geschenk für die viertgrößte Stadt der Welt. Deshalb hatte die Regierung bestimmt, dass niemand zuvor Fotos von den Bauarbeiten machen dürfe.

Aber immer gibt es Spielverderber, in diesem Fall Journalisten von der eigentlich regierungsnahen, englischsprachigen Zeitung Today’s Zaman. Sie hatten wohl einen Hubschrauber gechartert und eine eindrucksvolle Bilderserie geschossen, die erstmals zeigt, welche Opfer für das ambitionierte Projekt gebracht werden. Eine tiefe Schneise zieht sich bereits durch den letzten intakten Istanbuler Wald im Norden – der wundersamerweise bis jetzt überlebt hat -, und am Brückenkopf ist schon gar kein Baum mehr übrig, nur noch eine kahle Brache. 381.096 Baume sollen offiziell für die neue Brücke gefällt werden, weil sie auch eine Autobahn als Zubringer braucht, sonst wäre sie ja sinnlos (verschiedene Studien gehen davon aus, dass es noch weit mehr Bäume sein werden).

Auf Deutsch: Mit den zu erwartenden Grundstücksspekulationen entlang dieser Piste dürfte die wichtigste Grüne Lunge Istanbuls, die die 16-Millionen-Stadt mit Sauerstoff versorgt, bald plattgemacht sein. Noch weiß man nicht, wer sich die Grundstücke im Wald gesichert hat, aber sobald dort die ersten „Sites“ gebaut werden, wird es jeder erfahren können.

„Für Straßen opfern wir alles“

Nicht nur Journalisten, die ihren Beruf ernst nehmen, beschäftigen sich mit den desaströsen Folgen des Brückenbaus – auch eine Bürgerinitiative versucht, den Wahnsinn aufzuhalten. Sicher vergeblich. Jeder Verkehrs- und Stadtplanungsexperte weiß zwar, dass neue Straßen (und Brücken) neuen Verkehr erzeugen. Nur die türkischen Verkehrsplaner ignorieren diese Erkenntnis beharrlich und werden damit dafür sorgen, dass Istanbul irgendwann an seinem Verkehr erstickt. Dann sind alle Wälder weg, und neue werden es in der Stadt nicht wachsen. Dafür gibt es viele neue Autos – jeden Tag werden mehr als 600 Wagen in Istanbul zugelassen.

Wegen der rücksichtslosen Bau- und Verkehrspolitik kam es im Sommer zu den Gezi-Protesten. Der geschätzte Kollege Michael Thumann von der ZEIT, der nach sechs Jahren Istanbul verlässt, hat darüber gerade in seinem Abschiedstext viel Richtiges geschrieben.

Doch der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan weiß offenbar nichts von den Erkenntnissen der Wissenschaft oder ignoriert sie, er huldigt einem Autobahnwahn, der an die schlimmsten Zeiten der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren erinnert. Leider muss jedes Land seine Erfahrungen selbst machen, von anderen zu lernen scheint im Mindset von Regierungen nicht vorgesehen zu sein.

Ministerpräsident Erdogan hat also am heutigen Dienstag bei der rituellen Dienstagsansprache an seine AK-Partei (die Partei des Lichts bzw. der Glühbirne) zum Thema „dritte Bosporusbrücke“ folgendes erklärt: „Wir würden sogar eine Moschee abreißen, um eine Straße zu bauen.“ Leute, die Straßen blockieren, um Baume zu schützen, seien „Banditen“, sagte der Premier. „Die Brücke wird nicht nur den Istanbuler Bürgern dienen, sondern der gesamten Menschheit. Wer das nicht merkt, ist blind und versteht die Welt nicht. Für Straßen opfern wir alles.“

2 Gedanken zu „Straßen statt Moscheen, Brücken statt Bäume

  1. Die AKP erzählt auch, dass sie sehr viele Bäume pro Jahr pflanzen würden. Sie nennen auch Zahlen.
    Haben Sie bezüglich dieser Zahlen Kenntnis?
    Könnten Sie, sofern Sie nach diesen Zahlen sich erkundigen sollten, diese uns mitteilen?

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