Sturm über dem Bosporus

Es ist fast elf Uhr nachts am Montag, über Cihangir kreist ein Hubschrauber, und in den Straßen liegt wieder schwer das – bitte entschuldigen Sie die Ausdrucksweise – verfluchte Tränengas, das auf der Haut und in den Augen brennt und jedes Kleidungsstück durchtränkt. Ich kann nur raten, woher es kommt, denn gerade war ich drei Stunden lang auf dem Taksim-Platz, wo sich meiner Schätzung nach derzeit rund zwei- bis dreihunderttausend Menschen versammelt haben und alles friedlich ist (es sind nach meinem Eindruck mehr Leute als am Sonntagabend). Aber unten in Beşiktaş soll es wieder Straßenschlachten mit massivem Tränengasbeschuss geben. Gestern habe ich die Auseinandersetzungen dort bis 23.30 Uhr beobachtet. Es gab viele verletzte Demonstranten. Hier drei Ansichten vom gestrigen Tag auf dem Taksim-Platz:


Atatürk-Fahnen erfreuen sich großer Beliebtheit.

Nachdem Erdogan ankündigte, das Atatürk-Kulturzentrum auf dem Taksim-Platz abreißen zu lassen (obwohl es gerade aufwendig restauriert wird), besetzten die Demonstranten es kurzerhand. Vom Dach hat man einen fantastischen Ausblick (ist aber nur Leuten zu empfehlen, die schwindelfrei sind).

Hier sehen Sie den Korrespondenten-Blogger auf dem Dach des historischen Atatürk-Kulturzentrums. Es war später Nachmittag, der Platz füllte sich gerade. Ich bin nicht schwindelfrei, ich tue nur so.

Am heutigen Montag füllte sich der Taksim-Platz ab 19 Uhr, es herrschte Volksfeststimmung mit den üblichen Rufen „Tayyip istifa – Tayyip hau ab!“, bis um 21 Uhr plötzlich massiv Tränengas in der Luft war. Ich trank gerade mit Freunden einen Cappuccino in einem Café, als die Kellner hektisch die Fenster dicht machten. Wir gingen raus, und dort erklärten uns Demonstranten, dass aus einem Hubschrauber zwei oder drei Tränengasgranaten auf die Menge abgefeuert worden seien. Denkbar ist es, denn den Hubschrauber konnte ich noch in der Luft kreisen sehen und Rauchwolken sah ich auch über dem Platz.

Also Panik, aber da keine weiteren Attacken erfolgten, strömten die Leute schnell wieder zurück zum Platz. Die Verkäufer von Wasserflaschen, Simit und Köfte machten wieder ein Bombengeschäft, und ich sah mich um. Inzwischen waren die Barrikaden etwas besser gebaut worden, aber kein Vergleich mit denen auf dem Tahrir-Platz in Kairo – dort wären selbst Panzer nur schwer durchgekommen. Immerhin finden die Aktivisten genügend Baumaterial, denn der Taksim war ja noch vor sieben Tagen ein einziger Bauplatz. Die Menschen sind total friedlich, sie haben heute ihre Großeltern und auch kleine Kinder mitgebracht. Es ist ein Verbrechen, sie mit Tränengas zu beschießen, finde ich. Eine Mittvierzigerin sagte zu mir: „Ich bete und hoffe, dass Tayyip jetzt endlich verschwindet. Das hoffe ich schon seit zehn Jahren.“

Hier einige Bilder vom Taksim-Platz in der heutigen Nacht:



Im Gezi-Park

Gegen 22 Uhr tauchte erneut ein Hubschrauber auf, der mit seinem Scheinwerfer die Menschenmenge und vor allem den kleinen Gezi-Park, den Anlass dieses ganzen Aufruhrs, immer und immer wieder abscannte. Als vom Taksim zwei oder drei Feuerwerkskörper in die Luft gefeuert wurden und farbenprächtig zerplatzten, drehte der Hubschrauber kurz ab, kam wieder, und jetzt kreist er über Cihangir, wo wir wohnen. Neugierig geworden, ging ich in den Gezi-Park, wo Tausende im Gras saßen, gemeinsam Lieder wie „Bella Ciao“ sangen und fast eine Art Woodstockstimmung herrschte. Die Bäume leben noch, aber der Rasen wird wohl ruiniert werden. Man trank mit voller Absicht demonstrativ Bier. Übrigens habe ich noch keinen betrunkenen Demonstranten gesehen, der Premier macht sich wohl fälschlicherweise Sorgen um die Gesundheit der türkischen Jugend.

Erdoğan hat es ohnehin vorgezogen, für vier Tage nach Nordafrika zu entschwinden, wo er, wie ein Demonstrant spöttelte, „wohl den Marokkanern und Tunesiern die Demokratie bringen“ wolle. Er scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein, die da heißt: das ist kein Sturm, nur ein lauer Wind, der mir nichts anhaben kann. Wenn er sich da nicht mal täuscht. Mein Eindruck ist: Diese Revolte ist etwas Großes. Sie wird Geschichte schreiben und die Türkei verändern. Hoffen wir, zum Guten.

Über die aktuellen Ereignisse habe ich heute eine längere Reportage für die Berliner Zeitung verfasst, die Sie online hier finden. Gestern hatte ich auch noch das Vergnügen, den Auftrag für einen Kurzkommentar zu erhalten, der bereits heute in der Berliner Zeitung erschienen ist. Hier ist er:

Wut und Frust in Istanbul

Es hat lange gedauert, bis die liberalen, säkularen Türken die Geduld verloren. Sie haben es zähneknirschend hingenommen, dass die konservativ-islamische Regierung von Recep Tayyip Erdoğan ihre Freiheit zunehmend einschränkte. Dass Kopftuch tragende Frauen heute zum Alltag gehören. Dass die Alkoholsteuer fast monatlich erhöht wurde. Dass er die Justiz als Herrschaftsinstrument missbraucht und die Medien an die Kandare nimmt. Ja, sie haben nicht einmal ernsthaft protestiert, als Erdogan ihnen mit einem neuen Gesetz den Spaß am Alkohol nehmen wollte.

Gegen die autoritäre Bevormundung und den zunehmenden Abbau demokratischer Rechte gewehrt haben sich stets nur die „üblichen Verdächtigen“: versprengte Linke, Umweltschützer, Gentrifizierungsgegner. Es war ein verhältnismäßig geringfügiger Anlass, der das Fass nun zum Überlaufen brachte: die geplante Abholzung einiger Bäume in einem historischen Park, gegen die einige wenige Protestler angingen.

Dass Erdoğan friedliche Demonstranten brutal niederknüppeln ließ, hat diesen Protest zu einer gewaltigen Welle anschwellen lassen. Jetzt endlich entladen sich Frust und Wut über Repression und Islamisierung in den vergangenen zehn Jahren. Die Protestbewegung in der Türkei hat das Zeug, der Regierung Erdoğan gefährlich zu werden. Erstmals in seiner Amtszeit ist der türkische Premier mit dem Zorn des Volkes konfrontiert.

Barrikaden in Gümüssuyu

Update 2.00 Uhr nachts, Dienstag. Um Mitternacht versuchte ich, zum Dolmabahce-Palast in Beşiktaş zu kommen, was sich aber als völlig aussichtslos herausstellte, da die gesamte Uferstraße mit einem Tränengas eingenebelt war, das ich so stark noch nie erlebt habe. Mir wurde übel, mir kamen Demonstranten entgegen, die nur noch taumelten, einer erbrach sich mitten auf dem Gehweg. Dann hatte ich das Gefühl, nicht mehr atmen zu können, obwohl ich ein nasses Tuch dabei hatte und mir vor Mund und Nase hielt.

In Höhe des Kabataş-Fähranlegers gab ich die Sache auf und lief wieder hoch zum Taksim-Platz. Dort waren immer noch einige tausend Menschen versammelt, die linkes Liedgut intonierten. Man machte mich aber darauf aufmerksam, dass ein Angriff der Polizei drohen könne, da die Auseinandersetzungen in Beşiktaş durch den massiven Tränengas- und Wasserwerfereinsatz praktisch beendet war. „Da ist kein Demonstrant mehr, es ist unmöglich, zu viel Gas“, sagte ein junger Mann.

Da aber Demonstranten in die Inönü-Straße aufbrachen, die nach Beşiktaş führt, schloss ich mich ihnen an und stellte fest, dass dort auch noch ein paar tausend Leute unterwegs waren, viele gut ausgestattet mit Gasmasken und Augenspray. In der Inönü Caddesi liegt auch das deutsche Generalkonsulat, und etwa in dessen Höhe wallte wieder ein Brechreiz erzeugender Schwall Gas die Straße hoch. Hier hatten die Aktivisten in Abständen von 50 bis 100 Metern Barrikaden gebaut, die zum Taksim-Platz hin immer größer und professioneller aussahen. Sie lernen dazu. Ich dachte an die deutschen Diplomaten, die dort wohnen. Keine schönen Nächte. Die Inönü Caddesi mündet in den Taksim-Platz und liegt weitgehend in der zu Beyoğlu zählenden Mahalle (Viertel) Gümüşsuyu.


Demonstranten auf einer kleineren Barrikade in der Inönü Caddesi in Gümüşsuyu etwa auf der Höhe des deutschen Generalkonsulats, gegen 1:30 Uhr.

Jetzt, wo ich das schreibe, wird mir erneut schlecht, obwohl ich schon seit einer halben Stunde keinem Gas mehr ausgesetzt bin. Studenten berichteten mir in der Inönü Cadessi, dass die Polizei die Gassorte wechsele und immer aggressivere Chemiekalien benutze. Eine junge Frau stand auf einer Barrikade und schrie: „Vorsicht, Orange-Gas!“ Dieses Zeug machen die Demonstranten dafür verantwortlich, dass Leute die Kontrolle über ihre Reflexe verlieren und hilflos anfangen zu zucken. Ich habe solche Fälle gestern in dem provisorischen Lazarett in der Dolmabahce-Moschee mit eigenen Augen gesehen. Allerdings wissen die Aktivisten bisher nicht, um welchen Stoff genau es sich dabei handelt, obwohl sie Kartuschen abfangen konnten.


Tränengasopfer in der Inönü Caddesi in Gümüşsuyu

Die Gasangriffe spielen sich mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Ich sah in Gümüşsuyu noch ein oder zwei Journalisten, aber von einer echten Berichterstattung kann man wirklich nicht sprechen. Ich fragte zahlreiche Leute, was sich in Beşiktaş abgespielt habe, und sie berichteten übereinstimmend, dass die Proteste dort gegen 17.00 Uhr vollkommen friedlich begannen. „Wir hatten uns über Facebook verabredet und den Beschluss gefasst, dass wir absolut friedlich bleiben, und uns nur wehren, wenn die Polizei uns attackiert“, sagte ein junger Ingenieur. „Wir haben nur da gestanden und den Rücktritt des Minsiterpräsidenten gefordert. Da fingen sie an, uns massiv mit Tränengas zu beschießen, und daraufhin haben wir Steine geworfen.“ So begann eine Straßenschlacht, die schließlich mit dem bisher wohl massivsten Tränengaseinsatz seitens der Polizei beendet wurde. Aber die Nacht ist noch nicht zu Ende. Ich kann durch das geöffnete Fenster ab und an Rufe und Sprechchöre hören. Die Inönü-Straße ist von unserer Wohnung Luftlinie nur rund 1500 Meter entfernt.

3 Gedanken zu „Sturm über dem Bosporus

  1. Endlich, es mußte sie doch geben, die jungen aufgeklärten und liberalen Gruppen. Ich drücke den Türken ganz fest die Daumen, das sie ihre rechte Regierung an die Kandarre bekommen!

  2. Ich gehe davon aus, dass auch Sie inzwischen erfahren haben, dass die in Izmir in Brand gesteckten Büros der AKP von eigenen Provokateuren mit Brandbeschlunigern angezündet wurden. Diese Personen haben sich als zivile Polisizten ausgegeben und somit Zugang zum Gebäude verschafft haben. Die friedlichen Demonstranten haben mit diesem Brand nicht das Geringste zu tun. Dafür ist einzig und allein die türkische Polizei verantwortlich.

    M f G
    E. Sinan

  3. Wegen der Verbreitung „irreführender und beleidigender Informationen“ im Onlinekurzbotschaftendienst Twitter sind im Zusammenhang mit den regierungskritischen Protesten in der Türkei mindestens 25 Menschen festgenommen worden. Nach etwa zehn weiteren Verdächtigen suchten die Behörden in der westlichen Stadt Izmir noch, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Am sechsten Tag in Folge setzte die türkische Polizei in der Nacht wieder Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstranten ein.
    Ich habe also Recht gehabt, das man als demokratischer Bürger in der Türkei nicht alles schreiben kann was man möchte.

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