Syrische Flüchtlinge und die Solidarität der Türken

Der Wind heult, Schneetreiben, die Sicht ist gleich Null – Istanbul wird gerade von einem Wintersturm geschüttelt. Es hat am heutigen Mittwoch sogar gedonnert und geblitzt. Das Wetter ist scheußlich, wenn man draußen herumlaufen muss, aber es hat auch einen interessanten Nebeneffekt: Es verlangsamt das Leben in der Stadt. Istanbul wird wie Berlin. Der Verkehr steht ohnehin, oder er rutscht. Die Autos kommen die Hügel nicht mehr hinauf wegen ihrer profillosen Sommerreifen – jeden Winter das gleiche Schauspiel.

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Am heutigen Mittwochmittag in der Istiklal Caddesi – die Simit-Verkäufer halten dem Schneetreiben stand.

Aber dieses Jahr gibt es ein neues, sehr trauriges Phänomen: die bedauernswerten syrischen Flüchtlinge. Vorhin sah ich auf der Istiklal Caddesi zwei kleine syrische Mädchen, die mit ihren Flöten mitten im Schneesturm Musik machten. Herzerweichend ein anderes Bild: eine syrisch-arabische Familie, Vater, Mutter, zwei Kids, die unter einem Baugerüst saßen, bibbernd unter einer Wolldecke. Sie wirkten, als hätten sie keinen Ort, wo sie hin könnten. Und an den Haltestellen der Metrobusse stehen jetzt immer syrische Bettler. Viele Leute geben Geld, aber genug ist es natürlich nicht.

Die Türkei hat keine wirkliche Flüchtlingspolitik, was dazu führt, dass die Flüchtlinge entweder in ein Lager gehen müssen, wo sie gut versorgt werden – oder sie sind sich selbst und dem Mitgefühl der Bevölkerung überlassen. Eine irgendwie geartete staatliche Fürsorge außerhalb der Lager existiert praktisch nicht.

Glücklicherweise aber verpflichtet der Islam die Gläubigen zur Hilfe für ihre Glaubensbrüder und -schwestern. Sonst wäre es auch kaum möglich, dass inzwischen vermutlich eine Million Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei Aufnahme gefunden haben, ohne dass es zu größeren Konflikten kommt (von den Problemen in der Provinz Hatay mal abgesehen). Diese Solidarität ist beeindruckend ebenso wie die Politik der offenen Tür Ankaras gegenüber den Syrern, welche die Flucht Hunderttausender in die Türkei überhaupt ermöglichte.

Natürlich gibt es hässliche Zwischenfälle und Berichte. Skrupellose Hausbesitzer nehmen die Syrer mit Wuchermieten bis aufs Hemd aus, gewissenlose Bauunternehmer lassen sie zwölf Stunden am Tag für Hungerlöhne schuften. Aber Übergriffe sind ausgesprochen selten, niemand demonstriert in Istanbul gegen die Flüchtlinge, obwohl inzwischen deutlich mehr als 100.000 in der Stadt sind.

In den vergangenen drei Wochen habe ich häufig syrische Flüchtlinge in Istanbul aufgesucht und mit ihnen über ihre Flucht, ihre Probleme, ihre Pläne und Gedanken für die Zukunft gesprochen. Viele klagten über ihr Schicksal, aber sie priesen durchweg die Gastfreundschaft der normalen, einfachen Türken. Aus meinen Recherchen unter den Flüchtlingen ist eine Reportage für die Seite 3 der Berliner Zeitung geworden, der dort gekürzt erschien. Hier die lange Fassung (Fotos stelle ich morgen noch ein, FN):

Kurden zu Kurden

Die syrische Krise ist aus den Städten der Osttürkei nach Istanbul geschwappt. Zehntausende Syrer fliehen dorthin. Die Solidarität der Bevölkerung ist groß – allerdings meist nach Volksgruppen getrennt.

Plötzlich waren sie da – die Zelte in den Parks der Istanbuler Außenviertel. Auf der Grünfläche vor der Yildiz-Zöhre-Moschee im Bezirk Şirinevler sieht es aus wie in einem Elendsquartier der Dritten Welt. Eilig zusammengenagelte Holzgestelle, die mit Plastikplanen und Decken überzogen sind, Leinen mit zum Trocknen aufgehängter Wäsche, der Rasen ein Matsch aus Müll und Abwasser. Davor hocken Männer in billigen Anzügen und Frauen mit bunten Kopftüchern; Kinder tollen barfuß herum. 150 Menschen hausen hier seit sechs Wochen unter primitivsten Bedingungen. Sie sind Syrer aus der Handelsmetropole Aleppo, in der brutale Kämpfe toben zwischen Aufständischen und dem Regime von Baschar al-Assad. Kriegsflüchtlinge.

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Kinder im Flüchtlingslager vor der Yildiz-Zöhre-Moschee, im November.

In der Nacht hat es geregnet. Jetzt scheint die Sonne, aber sie hat nicht viel Kraft in diesen Wintertagen – wenn die syrischen Flüchtlinge hier etwas wärmt, dann die Hilfsbereitschaft ihrer türkischen Nachbarn. Gerade kommt ein Mann vorbei, übergibt den Syrern Plastiktüten voller Kindersachen und einen Stapel Babywindeln. Mahmud, 36, Elektriker und Sprecher der Flüchtlingsgemeinschaft, nimmt die Geschenke gerührt entgegen. „Die Türken sind gute Menschen, von Zeit zu Zeit sieht auch ein Arzt nach uns“, sagt der schlanke, unrasierte Mann, der eine Gebetskette durch seine rechte Hand gleiten lässt. „Man merkt zwar, dass sie uns lieber nicht hier hätten. Aber wo sollen wir denn hin?“

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Das Flüchtlingslager vor der Yildiz-Zöhre-Moschee, im November

Die türkischen Anwohner sagen ihrerseits kein schlechtes Wort über die Syrer. „Wir sind Muslime und müssen Muslimen helfen“, meint Suleyman Adanli, ein 40-jähriger Lebensmittelhändler. „Aber die Leute können nicht ewig hier bleiben. Wir haben deshalb Unterschriften gesammelt und der Stadtverwaltung überreicht.“ Doch der Bezirk weiß nicht, was er tun soll, denn die Lage ist neu, und die Regierung in Ankara hat auch noch kein Rezept.

Nur „temporäres Asyl“ für syrische „Gäste“

Die syrische Krise ist aus den Städten der Osttürkei nach Istanbul geschwappt. Während die Regierung von 700.000 Flüchtlingen im Land spricht, schätzen türkische Menschenrechtler ihre Zahl auf mehr als eine Million und allein in Istanbul auf bis zu 150.000. In der Megacity am Bosporus treffen täglich Syrer mit Bussen aus grenznahen Orten ein. Seit einigen Wochen fallen sie auch im Stadtbild auf, weil Hunderte Gestrandete in öffentlichen Parks zelten und auf den Straßen betteln.

Das Lager an der Yildiz-Zöhre-Moschee ist nur eins von vielen, die in den letzten Wochen in Istanbuls Vororten entstanden sind. Bislang billigt die Regierung den Syrern den offiziellen Status als Flüchtlinge nicht zu, sondern betrachtet sie als „Gäste“, denen man „temporäres Asyl“ gewähre. Immerhin wurde kürzlich das Arbeitsverbot gelockert; sie dürfen nun auch offiziell Wohnungen anmieten. Doch das können sich viele nicht leisten.

Sie könnten auch in einem der 21 großen Lager an der türkisch-syrischen Grenze unterkommen, in denen die türkische Regierung derzeit 202.000 der ärmsten und hilflosesten Kriegsopfern Obdach bietet. Doch das halten viele Flüchtlinge für zu gefährlich – vor allem jene, die aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit Gefahr laufen, als Unterstützer des Diktators Assad angesehen zu werden. In den Lagern seien nur Assad-Gegner und Araber untergekommen, die sie als Feinde ansähen, sagen die Turkmenen in Şirinevler. Als Türkisch sprechende Minderheit würden sie von den Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) und den islamistischen Kämpfern pauschal verdächtigt, mit dem Regime zu paktieren. „Sie töten dich kaltblütig und rufen dazu, Gott ist der Größte!“, sagt Mahmud mit lodernden Augen. Die Turkmenen machen tatsächlich keinen Hehl aus ihrer „Liebe zu Baschar“, dem syrischen Diktator, denn der habe sie immer beschützt. Aber kämpfen für ihn wollen sie auch nicht.

Also versuchen sie, sich in dem provisorischen Lager einzurichten. Fließendes Wasser haben sie nicht. Sie können zwar die Toiletten in der Moschee nutzen, doch einmal Duschen kostet dort vier Lira, rund 1,50 Euro, die sie nicht haben. „Uns fehlt das Geld, um eine Wohnung zu mieten“, sagt Mahmud. Der sechsfache Vater berichtet von zerstörten Häusern, getöteten Angehörigen, einer dramatischen Flucht in die Türkei mit dem gesamten Familienclan. „Wir hatten gute Arbeit, gutes Geld, ein gutes Leben – das alles haben uns die Rebellen genommen. Als wir aus Syrien flohen, hatten wir nichts außer den Kleidern am Leib.“

Ein Euro Stundenlohn

Die Türkei erschien den Turkmenen als logische Zuflucht, und am verlockendsten fanden sie Istanbul, denn sie hatten gehört, dass sie hier Arbeit finden könnten. Es gibt auch wirklich Arbeit in der Megacity, vor allem auf den zahllosen Baustellen, aber sie ist oft gefährlich und schlecht bezahlt. „Die Firmen geben uns nur halb so viel wie einem Türken“, klagt Mahmuds 33-jähriger Cousin Hamad. Der Stundenlohn von rund einem Euro reiche gerade, um Lebensmittel für die Familie zu kaufen. „Der Winter kommt. Wir brauchen Heizungen. Wir brauchen Medizin.“

So lange die Flüchtlinge keine medizinischen Leistungen in Anspruch oder eine legale Arbeit annehmen, müssen sie sich nicht behördlich anmelden. Der türkische Staat tut so, als gebe es die unregistrierten Fremden gar nicht. Das trifft vor allem Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, also die Hälfte der syrischen Asylsucher, für die es außerhalb der Lager keine Schulen gibt. Da Ankara bereits mehr als zwei Milliarden Dollar für die Syrienhilfe ausgegeben hat und täglich Millionen aufwendet, ist kein Geld für sie übrig.

Die Animositäten zwischen den einzelnen Flüchtlingsgruppen machen die Sache noch komplizierter – doch gleichzeitig kann, wer einer bestimmten Gruppe angehört, in Istanbul auf die Solidarität nahestehender Minderheiten und Ethnien hoffen. Diese Netzwerke sind so vielfältig wie der syrische Konflikt.

Mehr als eine Autostunde östlich vom Yildiz-Zöhre-Park steht im Stadtbezirk Gaziosmanpaşa ein Cem Evi, ein Gebetshaus der religiösen Minderheit der Aleviten. Zeynal Odabaş, der Vorsitzende des Istanbuler Alevitenverbandes, ein glattrasierter Mann mit offenem Hemd und offenen Augen, hat sich die Fürsorge für jene Flüchtlinge auf die Fahnen geschrieben, die der weltanschaulich verwandten Minderheit der syrischen Alawitensekte angehören.

„Die Alawiten sind Flüchtlinge in einem doppelten Sinn“, sagt Odabaş in seinem kleinen Büro mit Bildern alevitischer Heiliger an der Wand. „Nachdem sie sich vor dem Krieg in die Türkei gerettet hatten, sahen sie, dass die Flüchtlingslager voll waren mit der sunnitischen Opposition, vor der sie gerade die Flucht ergriffen hatten. Wir wissen, dass Alawiten dort attackiert und mit dem Tod bedroht wurden. Unsere Regierung hat es leider versäumt, Lager für die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen einzurichten, damit diese nicht in Gefahr kommen.“

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Zeynal Odabaş, Vorsitzender des Istanbuler Alevitenverbandes, in seinem Büro.

Die beiden Gruppen mit den so ähnlichen Namen, die türkischen Aleviten und die syrischen Alawiten, unterscheiden sich ethnisch und religiös erheblich, aber sie entstammen beide der schiitischen Glaubensrichtung des Islams und teilen ihre säkulare Weltsicht. Da viele Assad-Anhänger genau wie der Diktator Alawiten sind, müssen sie mit Angriffen rechnen, deshalb haben Tausende die Flucht ergriffen.

Odabaş erzählt, dass die Gemeinde Anfang September von den alawitischen Flüchtlingen erfuhr, die in einer Istanbuler Grünanlage übernachteten. Sie handelten sofort, brachten rund 300 Syrer in ihrem Gebetshaus unter, auch einige assyrische Christen. Inzwischen haben alevitische Geschäftsleute zwei solide Großzelte für die Bedürftigen aufgestellt.

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Eines der Zelte, das die Alevitengemeinde im Istanbuler Bezirk Gaziosmanpaşa für die aalwitischen Flüchtlinge aufgestellt hat.
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Zeynal Odabaş im Zelt mit seinen Schützlingen.
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Das zweite Zelt; davor der syrische Flüchtling Adnan.

Viele der rund zwölf Millionen türkischen Aleviten glauben, dass ihre Regierung einseitig sunnitische Rebellen unterstützt und damit die sektiererische Spaltung Syriens fördert – was Ankara dementiert. „Wir aber öffnen unsere Türen für alle“, sagt Odabaş. „Die Gemeinde spendet Lebensmittel und Kleidung. Privatleute und Organisationen, Gewerkschaften, Berufsverbände und Stiftungen unterstützen uns. Wer zwei Wohnungen besitzt, gibt den Syrern eine ab. Wer Arbeiter braucht, stellt Syrer an.“ Nur einmal habe es überhaupt Probleme gegeben. „Vor drei Wochen kamen zwei Rowdies, zerstörten unseren Zaun und brüllten, Syrer raus!“

Nach einigen Gläsern Tee lädt der Gemeindevorsteher zu einem Besuch der Zelte neben dem Gebetshaus ein. Bereitwillig erzählen die Flüchtlinge, wie sie aus ihrem armen Alawitenviertel von Damaskus flohen, als es Ende August von Islamisten attackiert wurde, die sie Taliban nennen. „Als die Taliban angriffen, kamen auch Baschars Flugzeuge. Tote lagen auf der Straße, es stank entsetzlich“, erzählt der 32-jährige Schuster Adnan, der zwei kleine Kinder und eine schwangere Frau hat. Sein 19-jähriger Cousin Mohammed rafft die Hose und zeigt sein Bein, das ein Dutzend Narben wie perforiert wirken lassen. „Eine Granate“, sagt Adnan. „Mohammeds Vater und seine Mutter starben bei dem Angriff. Die Mörder waren keine Syrer, sondern Dschihadisten. Ausländer.“

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Der syrische Schuster Adnan mit seinem Sohn (rechts) und einem anderen Flüchtlingskind bei den Aleviten in Gaziosmanpaşa.
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Das Zelt für die alawitischen Flüchtlinge hat die türkische Alevitengemeinde mit Spenden finanziert.
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Türkische Aleviten (die zwei älteren Herren mit Schnurrbart) und ihre alawitischen Gäste aus Syrien.

Jeder zweite syrische Kurde auf der Flucht

Der Schuster ist bereits seit einem Jahr auf der Flucht vor dem Krieg, hat eine Odyssee von Aleppo nach Damaskus, dann in die Grenzstadt Azaz und von dort über die grüne Grenze in die Türkei hinter sich. Er kam mit einer Gruppe von 200 turkmenischen Alawiten, die inzwischen alle in Istanbul gestrandet sind. In Syrien nahmen Straßenräuber seiner Familie Geld und Schmuck ab. In der Türkei gaben ihnen die Menschen Essen, Kleidung und Geld für Busfahrten.

Ähnliche Erfahrungen haben auch viele Flüchtlinge gemacht, die aus dem Kurdengebiet im Nordosten Syriens stammen. Inzwischen soll die Hälfte der zweieinhalb Millionen Kurden aus „Rojava“, wie sie ihre Heimat nennen, auf der Flucht sein – viele sind in weniger umkämpfte kurdische Regionen oder den Nordirak geflohen und Zehntausende in die Türkei. Die Lager nahe der Grenze meiden sie aus den gleichen Gründen wie die Turkmenen oder Alawiten. Aber die syrischen Kurden finden in der Türkei bessere Bedingungen vor. Denn sie können sich auf ein Netzwerk stützen, welches das gesamte Land durchdringt – die türkisch-kurdische Bevölkerung.

Mohammed ist ein Schneider aus dem Kurdenviertel Sheikh Maksoud in Aleppo, der jetzt mit seiner Frau Roshien, dem neunjährigen Juan und der sechsjährigen Rojda in dem westlichen Istanbuler Vorort Şahintepe lebt. Wie die meisten syrischen Flüchtlinge in Istanbul möchte er seinen Nachnamen nicht gedruckt sehen. „In Aleppo haben wir alles verloren, alles ist geplündert oder kaputt – aber wir helfen uns alle gegenseitig“, sagt der 34-jährige freundliche Mann, der eine Lederjacke und Jeans trägt.

Am 28. März marschierte die FSA in das kriegsneutrale Kurdenviertel ein. Sofort schickte das Regime Flugzeuge, die Bomben abwarfen. „Bei uns splitterten alle Fensterscheiben. Wir brachten die Kinder in den Keller, ich rannte noch einmal hoch und packte einen Koran, unsere Pässe und einige Kleider in eine Tasche. Fünf Stunden verharrten wir im Keller, dann flüchteten wir in die kurdische Stadt Afrin an der Grenze zur Türkei.“

Zehntausende Kurden verließen an diesem Tag Aleppo, in PKW, Trucks, Minibussen, Pick-ups, Taxis. Flugzeuge bombardierten die Straße, überall lagen Leichen. In der völlig überfüllten Stadt Afrin gab es dann gar keine Arbeit und kein Geld mehr. „Meine Frau und die Kinder weinten, sie hatten Angst vor dem Krieg. Es war hoffnungslos. Nach zwei Monaten entschlossen wir uns, in die Türkei zu gehen“, berichtet Mohammed.

Das kurdische Netzwerk

Es ist acht Uhr abends, Schichtende in der Schneiderei, in der Mohammed Arbeit gefunden hat. Hier näht er mit 35 anderen Kurden, von denen vier wie er selbst aus Syrien stammen, Fleecejacken für eine türkische Modemarke zusammen. Der Fabrikchef Metin Yakishan löscht die Neonlampen und sagt, für ihn sei es ein Segen gewesen, die für ihre Qualität bekannten Schneider aus Aleppo zu finden. Er zahlt ihnen den gleichen Monatslohn wie den türkischen Mitarbeitern, rund 400 Euro, muss für sie aber keine Sozialversicherung abführen. „Damit will die Regierung die Beschäftigung der Flüchtlinge fördern“, sagt der 38-Jährige. „Sie sind Kurden und Muslime, ich bin Kurde und Muslim, also helfe ich ihnen.“

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Der syrisch-kurdische Flüchtling Mohammed (links) und sein ebenfalls kurdischer Chef Metin Yakishan in der Schneiderei in Istanbul-Şahintepe.
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Flüchtlingsfamilie: Mohammed, sein Sohn Juan und seine Frau Roshien. Die Teppiche, die Matratzen, sogar den Fernseher haben kurdische Nachbarn gespendet.

Sein neuer Mitarbeiter Mohammed lebt mit seiner Familie, zwei Cousins und deren Familien direkt über der Schneiderei in einer Dreizimmerwohnung des vierstöckigen Zweckbaus. Kurden aus der Nachbarschaft haben ihn mit Möbeln und Kleidung unterstützt. Roshien hat eine Stelle als Verkäuferin in einem Obst- und Gemüseladen gefunden. Nur sie und Mohammed verdienen Geld und versorgen damit die Wohngemeinschaft. Als die Familie vor vier Monaten nach Istanbul kam, wohnte sie zuerst bei einem Cousin, bis jemand sagte, dass es in Şahintepe Arbeit und Wohnungen gebe. „Drei Tage später waren wir hier“, sagt Mohammed.

Mehr als tausend syrische Kurden haben sich mittlerweile in der Gegend am Stadtrand angesiedelt. Es könnte sein, dass sie sich hier auf Dauer einrichten müssen. Viel Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr in die Heimat machen sich Mohammed und Roshien jedenfalls nicht. „Alle schlechten Leute aus der ganzen Welt kommen jetzt nach Syrien, das ist allein die Schuld Baschar al-Assads“, sagt die 28-jährige Frau. „Das Regime sollte endlich abtreten.“

Seit ihr Mann Arbeit und Wohnung hat, sind die beiden selbst ein wichtiger Teil des kurdischen Netzwerkes geworden. „200 bis 300 Bekannte und Verwandte aus Aleppo und Afrin habe ich in den letzten drei Monaten schon in unserer Wohnung untergebracht“, erzählt Mohammed. Sie haben eine Wohnung, ein Dach über dem Kopf – das ist viel, im Vergleich zu anderen.

Auf den Matratzen im Wohnzimmer sitzen seine neuesten Gäste, ein 32-jähriger Schneider mit Frau und drei Kindern, die vor einem Monat angekommen sind. „Jeden Tag treffen Leute aus Rojava ein. Wir nehmen sie auf, bis sie selbst eine Arbeit und Wohnung gefunden haben oder bis sie weiter ziehen nach Europa.“ Wie die Brüder Anwar und Amir aus Aleppo, die mit ihrer alten Mutter seit einer Woche bei ihm wohnen. Wie andere aus dem Heer der kurdischen Flüchtlinge, die jede Woche mit dem Bus in Istanbul ankommen, um dem Krieg und dem Elend in ihrer Heimat zu entkommen.

Die turkmenischen Flüchtlinge im Yildiz-Zöhre-Park haben ihr wildes Lager vor wenigen Tagen räumen müssen. Die Polizei stellte sie vor die Alternative, in neu errichtete Zelte des Roten Halbmondes am östlichen Stadtrand Istanbuls zu ziehen oder zu verschwinden. Sie haben die Zelte gewählt.

4 Gedanken zu „Syrische Flüchtlinge und die Solidarität der Türken

  1. Das ist doch alles ein witz.
    2 Milliarden hat die Türkei höchstens getarnte al kaida Lager bereitgestellt.
    Vor zwei Jahren gab es ein Erdbeben im kurdischen Gebiet der Türkei, damals haben die Türken nicht einmal zugelassen das sich die Kurden dort selbst helfen, und Hilfe von außen sowieso nicht. Die menschen dort leben heute noch in zelten. So kenne ich die Türken.

    • Werter Saladin, 2 Milliarden Dollar sind kein Witz, finde ich. Deutschland hat nicht entfernt so viel gegeben. Einige Lager habe ich besichtigen können. Die Hilfe ist nötig und gut. Dass in den Lagern auch Al-Kaida-Leute ihr Unwesen treiben, mag sein, doch getarnte Al-Kaida-Lager sind das deshalb nicht gleich. Ich glaube auch, dass es vor allem um Hilfe für Sunnis geht, aber das macht diese Hilfe nicht weniger wichtig. Richtig wäre, wenn die Türkei endlich auch Flüchtlingslager für Alawiten oder Turkmenen aufbauen würde. Ich wollte mit dem Artikel aber mal darauf hinweisen, wie groß die Solidarität und Hilfsbereitschaft der türkischen (kurdischen, alevitischen …) Bevölkerung ist. FN

  2. Danke für den wertvollen Bericht.
    Die oben im Kommentar erwähnten Erdbebenopfer von Van frieren zur harten Winterzeit, und ausserhalb der sozialen Netzwerke wird leider kaum darüber berichtet.
    Freu mich immer sehr auf jeden neuen Nordhausen’er Artikel.

    • Danke für Ihren Beitrag. Es stimmt, auch nach meinen Informationen leben Erdbebenopfer in Van immer noch in Containern und frieren. Es wäre wichtig, darüber zu berichten, aber auch wir Auslandskorrespondenten haben immer weniger Mittel, um zu reisen. Ich habe mir das schon lange vorgemerkt, vielleicht klappt es irgendwann. FN

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