Tahir-Platz? Taksim-Platz!

Nach einer siebentägigen Dienstreise in die Kaukaususrepublik Armenien bin ich gerade rechtzeitig zum 1. Mai wieder nach Istanbul zurückgekehrt. Wie schon in den Vorjahren seit 2009 – seit die Maiumzüge der Gewerkschaften zum Taksim-Platz wieder gestattet sind – füllte er sich mit Hunderttausenden Menschen. Ich fühlte mich sofort an den Kairoer Tahrir-Platz vor einem Jahr erinnert. In der Zeit meiner Korrespondententätigkeit ist es die bislang mächtigste Kundgebung, die ich in Istanbul erlebt habe. Laut der türkischen Boulevardzeitung Posta waren es 1,5 Millionen – neuer Rekord für den Taksim-Platz. Und durchaus Tahrir-Qualität, wenn auch keine Revolution ausgerufen wurde. Aber die Linken und die zivilgesellschaftlichen Gruppen der Türkei vergewisserten sich sozusagen ihrer durchaus vorhandenen Stärke. Das Wetter war prächtig, die Menschen gut gelaunt. Sie zogen aus drei Richtungen als Sternmarsch ins Stadtzentrum. Da der Bürgermeister den öffentlichen Nahverkehr praktisch lahmgelegt hatte, Metro, Metrobusse und Straßenbahnen nicht fuhren, war der gestrige Dienstag zugleich ein angenehm stiller Tag, der Straßenverkehr ruhte weitgehend. Nur bei uns in Cihangir waren die laut hallenden Reden und Polizeisirenen vom nahen Taksim-Platz mitunter deutlich zu hören.

Die Polizei hatte den Taksim-Platz professionell mit Metallgittern weiträumig eingezäunt, jeder Kundgebungsteilnehmer musste durch eine Metallschleuse und wurde anschließend noch gründlich abgetastet wie auf einem Flughafen. In den Seitenstraßen standen massenhaft Bereitschaftspolizisten mit gepanzerten Fahrzeugen und Wasserwerfern. Auf der Kundgebung selbst ging es deutlich kämpferischer zu als auf den DGB-Veranstaltungen zum 1. Mai vor dem Reichstag, an die ich mich aus Berlin erinnere. Zahlreiche Gewerkschaften, auch die Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften, zeigten ihre Banner (vereinzelt sah ich sogar IG-Metall-Fahnen). Die kurdische BDP und die kemalistische CHP hatten gut mobilisiert; Lesben und Schwule waren mit ihren Regenbogenfarben ebenso vertreten wie AnarchistInnen und Frauenrechtlerinnen mit gut einem Dutzend lilafarbener Fahnen. Skurill wirkten anachronistische marxistische Kleinstparteien, die auf ihren roten Bannern Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao hochleben ließen.

Aber wie es schien, kamen alle gut miteinander aus. Auch die Musik zwischen den Redebeiträgen hatte einen multikulturell-generationenübergreifenden Charakter. Neben kurdischen Volksliedern und klassischen Klassenkampfliedern wurden auch Punk-Songs und sogar Salsa gespielt. Mich verblüffte vor allem die hohe Professionalität der Veranstaltungsorganisation: Riesige elektronische Bildschirme übertrugen die Ansprachen, so dass jeder sie gut verfolgen konnte; gewaltige Transparente feierten den 1. Mai als Kampftag der Arbeiter. Noch nie habe ich solch riesige Poster auf einer linken politischen Kundgebung gesehen.

Im Unterschied zu Ankara, wo die Polizei Tränengas gegen eine Gruppe von Demonstranten einsetzte, blieb es in Istanbul bis zum Abend friedlich. Damit dürfte sich der Taksim-Platz als Kundgebungsort für den 1. Mai wieder fest etabliert haben. Er hat große symbolische Bedeutung – hier starben am 1. Mai 1977 auf der Maikundgebung 34 Menschen, nachdem aus einem Gebäude am Platz auf die Versammlung geschossen wurde. Als Polizei und Armee den Platz daraufhin stürmten, kam es zu einer Massenpanik. Bis 2009 waren die Kundgebungen auf dem Platz daher untersagt. Die mitgeführten Plakate und die Redner forderten vor allem mehr Jobs und bessere Arbeitsbedingungen. Viele Forderungen richteten sich gegen die neuen Schulgesetze. Türkische Zeitungen berichteten, dass sich eine Gruppe „Muslimische Antikapitalisten” erstmals den linken Organisationen anschloss.

Um nach zwei Stunden Demo wieder nach Hause zu kommen, musste ich einen gewaltigen Umweg laufen, weil die Polizei mit ihren Absperrungen wirklich perfekte Arbeit leistete. Ebenso wie die Müllwerker, die den Taksim-Platz gegen 19.00 Uhr von einer Post-Demo-Müllhalde superschnell wieder in einen sauberen Stadtplatz verwandelten. Sie brauchten dafür nur knapp eine Stunde.