Kritische Journalisten leben gefährlich in der Türkei

Morddrohungen, brutale Prügelattacken, Pistolenschüsse – in der Türkei richtet sich eine Welle der Gewalt gegen Journalisten. Seit Anfang Mai wurden mindestens acht Journalisten von Angreifern so stark verletzt, dass sie ins Krankenhaus mussten. Fast alle festgenommenen mutmaßlichen Täter wurden inzwischen wieder freigelassen. Das Thema findet in den internationalen Medien praktisch keinen Widerhall, obwohl die physische Gewalt eine neue, bedrohliche Dimension der Repression gegen Journalisten in der Türkei darstellt.

Foto des zerstörten Journalisten-Ruderboots in der oppositionellen Bianet-Plattform.

Mordanschlag in Bodrum

Vor wenigen Tagen kam es im türkischen Urlaubsort Bodrum an der Ägäis zu einem brutalen Anschlag auf drei Journalisten, über den nur türkische Medien berichteten. Die Reporter Cenker Tezel von der Tageszeitung Hürriyet, Onur Aydın von Habertürk und Metehan Ekşi vom Fernsehsender TV 100 waren in der Bucht von Bodrum unterwegs, als ein Speedboot sie mit voller Geschwindigkeit absichtlich rammte, ihr Ruderboot zum Kentern brachten und in Stücke brachen. Ihr Kapitän wurde bei dem Aufprall schwer verletzt, während die Journalisten mit leichten Wunden davonkamen, weil sie im letzten Moment von Bord sprangen.

Überwachungskameras eines Strandhotels zeichneten den Vorfall auf, sodass die Polizei die Täter fassen und den Kapitän des Schnellboots in Gewahrsam nehmen konnte. Der türkische Journalistenverband (TGC) bezeichnete den Vorfall als „versuchten Mord“ und erklärte, dass die Kollegen nur knapp dem Tod entkommen seien: „Wir gehen davon aus, dass dieser Angriff durchgeführt wurde, um zu verhindern, dass unsere Kollegen Bilder machen.“.

Es habe sich um einen „Angriff des Maçakızı Hotels“ in Bodrum gehandelt, „um die Journalisten am Fotografieren zu hindern“, twitterte auch die Türkische Journalistenunion (TGS). Beide Organisationen forderten die Behörden auf, Ermittlungen gegen diejenigen einzuleiten, die für den Mordanschlag verantwortlich seien.

Ein Ferienparadies – so berichtet die Zeitschrift Forbes über das Maçakızı. Die attackierten Journalisten haben es anders erlebt.

Das Maçakızı ist ein Luxusresort mit Zimmerpreisen ab 425 Euro und genießt laut Forbes den Ruf, den besten Beach Club von Bodrum zu führen. Anders als etwa das Bodrum Hilton ist das Maçakızı fest in türkischer Hand. Laut Cumhuriyet sollen der türkische Mafia-Pate und Erdoğan-Freund Sedat Peker und andere wichtige Leute der AKP-Establishments gleich nebenan Ferienhäuser haben.

Das Schnellboot soll anderen Berichten und auf Instagram publizierten Fotos zufolge dem Hotel gehören, in dem zum Zeitpunkt des Angriffs einige türkische Prominente wie der Komiker Cem Yilmaz abgestiegen waren. Der Fernsehsender TV 100 berichtete, dass die Journalisten Fotos der Berühmtheiten machen wollten, als sie angegriffen wurden. Möglicherweise ging es also um Paparazzi-Bilder, es wurde aber in sozialen Medien auch über Frauenhandel in dem Hotel spekuliert.

Schüsse auf Lokalreporter

Doch während bei dem Vorfall von Bodrum die Ursachen und Begleitumstände auch eine Woche später unklar sind, richteten sich andere Attacken klar gegen Journalisten, die der islamischen Regierungspartei AKP des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und deren rechtsextremem Bündnispartner MHP kritisch gegenüber stehen.

Am 24. Mai wurde Sabahattin Önkibar, ein bekannter Kolumnist der linksnationalistischen Zeitung Aydinlik (Tageslicht) und der kemalistischen OdaTV-internetplattform vor seiner Wohnung in der Hauptstadt Ankara von drei Männern auf den Boden geworfen und krankenhausreif getreten. Önkibar hatte am Tag des Angriffs ein Video gepostet, in dem er prognostizierte, dass die Türkei wirtschaftlich kollabieren werde und die Regierung dafür verantwortlich sei.

Am selben Tag wurde Hakan Denizli, Gründer des Lokalblatts Egemen Gazetesi (Souveräne Zeitung) in der südlichen Provinz Adana von zwei unbekannten Männern attackiert, als er gerade seine Wohnung verließ. Sie schossen ihm zweimal mit einer Pistole ins Bein. Denizli musste operiert werden. Er erklärte, dass er in den Tagen davor mehrfach telefonisch bedroht worden sei. Die flüchtigen Angreifer werden immer noch gesucht.

Im Visier: Investigativjournalisten

Die Anschlagserie gegen Journalisten hatte am 10. Mai begonnen, als eine Gruppe von sieben Männern den Kolumnisten Yavuz Selim Demirağ von der ultranationalistischen Tageszeitung Yeni Cağ (Neue Zeit) in Ankara vor seinem Haus mit Baseballschlägern zusammenschlug, nachdem er an einer Fernsehtalkshow über Regierungskorruption teilgenommen hatte. Am folgenden Tag wurden sechs Verdächtige festgenommen, aber nach dem Verhör wieder freigelassen. Schließlich habe Demirağ „nicht in Lebensgefahr geschwebt“, erklärte der Staatsanwalt.

Bericht des Istanbuler Internetportals Bianet über die Angriffe auf fünf Journalisten im Mai.

Fünf Tage später wurde der Investigativjournalist Idris Özyol von der Lokalzeitung Yeni Yüzyil (Neues Jahrhundert) in der Ägäismetropole Antalya von drei Männern mit einem Baseballschläger so übel zugerichtet, dass er schwere Kopfverletzungen erlitt. Auch seine Angreifer wurden aufgrund von Überwachungskameras identifiziert, aber nach einem Verhör auf freien Fuß gesetzt. Die linke Union Progressiver Journalisten erklärte, sie vermute einen Zusammenhang mit einem kritischen Bericht Özyols über Drohungen des MHP-Regionalchefs gegen Mitglieder der oppositionellen sozialdemokratischen CHP im Stadtrat von Antalya.

Am 20. Mai griff ein Trupp von drei Vermummten ebenfalls in Antalya den Chefredakteur der lokalen Nachrichten-Website Güney Haberci (Süden-Reporter), Ergin Çevik, auf offener Straße an und verletzte ihn schwer. Zwei Schläger konnten gefasst werden, wurden aber wieder entlassen. Çevik hatte kurz zuvor eine Artikelserie über die kostenlose Vergabe öffentlicher Grundstücke an AKP-nahe Basarhändler durch die AKP-Verwaltung des Stadtbezirks Aksu publiziert.

Endemische Korruption der AKP-Eliten

„Die Gewalt signalisiert allen Dissidenten, dass ihre Berichte einen Preis haben“, sagt Erol Önderoğlu, Türkei-Korrespondent der internationalen Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen (RoG). „In den letzten fünf Monaten wurden acht Journalisten physisch attackiert, sechs von ihnen Lokaljournalisten.“ Verantwortlich dafür seien nicht nur Regierungspolitiker, die die Attacken nicht verurteilten, sondern auch die Justiz, die die Schläger davonkommen lasse, während sie andererseits regierungskritische Journalisten wegen Meinungsäußerungen zu jahrelanger Haft verurteile.

Über 150 Journalisten sind in der Türkei inhaftiert, mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Auf dem RoG-Ranking der Pressefreiheit belegt die Türkei derzeit den 157. Platz von 180 Staaten. Auch brutale Gewalt ist nichts Neues. Die oppositionelle Internetplattform Bianet hat gezählt, dass in den letzten anderthalb Jahren mindestens 31 Journalisten in der Türkei physisch attackiert wurden.

Bei den aktuellen Fällen vermutet Önderoğlu einen Zusammenhang mit der bevorstehenden Wiederholung der Kommunalwahl in Istanbul am 23. Juni, die viele Bürger als Referendum über Erdoğans AKP ansehen. „Die politischen Spannungen machen vor allem Lokaljournalisten verwundbar“, sagt Önderoğlu. „Es geht erkennbar darum, sie mundtot zu machen und daran zu hindern, sensible Themen wie Korruption aufzugreifen. Öffentliche Debatten sollen unterbunden werden, um die Wählerverluste zu begrenzen.“

Die endemische Korruption der Regierungspartei AKP und ihres De-facto-Koalitionspartners MHP ist zum beherrschenden Wahlkampfthema in Istanbul geworden, seit der Ende März zum Bürgermeister gewählte und inzwischen wieder abgesetzte CHP-Politiker Ekrem Imamoglu gravierende Fälle von AKP-Vetternwirtschaft in den städtischen Behörden enthüllte. „Seit den Wahlen wird mehr über Korruption gesprochen, sie ist vor allem auf der lokalen Ebene sichtbarer geworden – weshalb die Lokaljournalisten darüber berichten und damit in Gefahr geraten“, sagt Önderoğlu.

Neu ist, dass fast alle attackierten Journalisten aus dem rechten Lager stammen. „Sie vertreten erkennbar nationalistische Positionen, sind aber oppositionell. Das macht sie für die Regierung so gefährlich.“ Das Phänomen hat offenbar mit der Abspaltung der IYI (Guten) Partei von der MHP vor (anderthalb Jahren) zu tun, welche die traditionellen Lagergrenzen sprengt. Die rechte IYI bildet seither Allianzen mit der Mitte-Links-Partei CHP und greift die MHP massiv an. Tatsächlich hatte der in Ankara verprügelte Journalist Sabahattin Önkibar per Video den MHP-Chef Devlet Bahceli scharf kritisiert.

Der Riss im rechten Lager

„Hier wird der Riss im rechten Lager sichtbar. Die IYI-Partei wirft der Regierung mangelnden Patriotismus vor, verknüpft die Vorwürfe mit der Wirtschaftskrise und der Korruption und öffnet damit Debatten, die es bisher nicht gab“, sagt Önderoğlu. „Das erzeugt Wut im Regierungslager.“. Es stellte sich beispielsweise heraus, dass einer von drei Männern, die wegen des Angriffs auf Idris Özyol in Antalya festgenommen wurden, der Fahrer des lokalen MHP-Chefs ist.

„Bei allen fünf Angriffen im Mai stehen die Täter laut Medienberichten offenbar in Verbindung mit der MHP“, sagt Önderoğlu. „Es ist enttäuschend, dass AKP und MHP im Parlament gegen eine Untersuchung der Vorfälle gestimmt haben. Wir befürchten, dass diese Angriffe zunehmen und die Behörden nichts tun, bis wieder ein Journalist getötet wird.“

Auch internationale Menschenrechtsorganisationen haben den Schutz von Journalisten in der Türkei gefordert. Die jüngsten Übergriffe deuteten auf eine beunruhigende Serie von „Gewalt gegen kritische Stimmen in der Türkei“ hin, erklärte Gulnoza Said vom Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) in New York. In einem von 20 internationalen Organisationen unterzeichneten Schreiben wurde Präsident Erdoğan Ende Mai aufgefordert, die Angriffe zu verurteilen und dafür zu sorgen, dass die Täter vor Gericht gestellt werden.

Doch bisher hat die Regierung nicht darauf reagiert, und die Justiz setzte alle festgenommenen Verdächtigen (wohl mit Ausnahme des Schnellbootkapitäns aus Bodrum) wieder auf freiem Fuß. Ein Antrag der CHP auf eine parlamentarische Untersuchung der Angriffe auf Journalisten wurde mit den Stimmen von AKP-Vertretern abgelehnt. „Das ist ein verheerendes Zeichen“, sagt der Bürgerrechtler Erol Önderoğlu. „Straflosigkeit ebnet den Weg für weitere Attacken.“

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Der leise Brückenbauer

Einen schöneren Platz hätte Erdoğan Altındiş für sein Projekt am Bosporus kaum finden können. Die würdig gealterte Suriye Pasaje ist einer jener mondänen Orte, die an ein Istanbul erinnern, das immer mehr zu verschwinden scheint. Die mehr als hundert Jahre alte „Syrien-Passage“ steht am westlichen Ende der belebten Einkaufsstraße Istikal Caddesi im einstigen Viertel der Griechen, Armenier und Juden auf der europäischen Stadtseite. Heute gehört die Gegend zum Stadtviertel Beyoğlu, sie ist noch immer beliebt bei Touristen aus aller Welt.

Die Drachen in der Suriye Pasaje

Wenn Altındiş aus dem Fenster auf die Straße blickt, sieht er den Zug zehntausender Menschen, die jeden Tag an der Passage entlang flanieren. Genau hier versucht er, mit einer ungewöhnlichen Ausstellung, sich und andere zum Erinnern anzuregen an die Kindheit – ihre Kindheit – um einen anderen Zugang zur Gegenwart zu gewinnen, auch zum Verhältnis von Türken und Deutschen. An der Fassade und im rechteckigen Innenhof der achtstöckigen Passage sind hundert leuchtend bunte, hexagonförmige Drachen aufgehängt. Ein Blickfang, zugleich wesentlicher Teil der Kunstaktion.

Drachen steigen zu lassen hat der Künstler schon als Kind geliebt, „weil sie die Gedanken fliegen lassen“, wie der 55-Jährige sagt. Vielleicht auch, weil sie ihm erlaubten, für eine Zeit zu vergessen, dass er wegen der Folgen seiner zunächst unbehandelten Kinderlähmung auf Krücken angewiesen war. In der deutsch-türkischen Community Istanbuls ist er eine Institution. Im Kulturverein Supa (Suriye Pasaje), den er mit seiner Frau Gabi Kern-Altındiş betreibt, geben regelmäßig deutsche und türkische Journalisten, Künstler, Architekten Einblicke in ihre Erfahrungswelten. Ebenso bekannt ist seine Firma Manzara (Ausblick), die Wohnungen am Bosporus und Häuser an der türkischen Ägäisküste vermietet.

Die Sichtweise ändern

Das Ausstellungsprojekt „Özlem“ – Sehnsucht – ist ein allegorischer Gang durch die Welt des Erdoğan Altındiş, den es aus dem tiefsten Anatolien als Kind nach München verschlug, und von München wieder in die Türkei, wo er seit 15 Jahren vorwiegend lebt. Es ist ein leiser, poetischer Weckruf gegen die Härte der Gegenwart in der Türkei. „Viele Menschen, die etwas verändern wollten, haben resigniert“, sagt Altındiş in seinem bayerisch gefärbten Deutsch. „Viele gute Leute, auch Künstler, haben das Land verlassen. Ich habe mich gefragt, wie kann es mit uns weitergehen? Wie könnte man aus der Negativität ausbrechen?“.


Erdoğan Altındiş und seine Frau Gabi Kern-Altındiş in ihrem Büro in der Suriye Pasaje

Seine Idee war, die Sichtweise zu ändern. „Was wäre, wenn wir uns einfach vorstellten, noch einmal Kinder zu sein? Kinder spielen miteinander, ohne zu fragen, ob jemand Muslim oder Christ ist, behindert oder gesund. Ihre Gedanken sind frei und unbelastet.“ Das kindliche Spiel erlaube Grenzüberschreitungen, Ideen bunt wie die farbigen Schals und Oberhemden, die er so liebt. „Es ermöglicht uns, Dinge auszuprobieren, sich heranzutasten.“

Die Last mitleidiger Blicke

Und wirklich hat seine Schau etwas Spielerisches – das mit einer dahinter liegenden Bedeutungsschwere kontrastiert. „Ich will die Leute emotional berühren“, sagt Altındiş. Im langen Eingangsflur zieht ein Istanbuler Stadtplan am Boden die Besucher hinein und lenkt sie in die links und rechts abgehenden Räume. Hunderttausend glitzernde Glasmurmeln unter einer Glasschicht bilden das „Wasser“ des Goldenen Horns, über das man laufen kann, bis man am Ende an einem Fenster steht und auf den realen Bosporus sieht. „Murmeln waren die Währung meiner Kindheit“, sagt Altındiş. Hebt man den Blick, sieht man auf monochrom gemalte Istanbul-Bilder des Künstlers.

Auf Glasmurmeln über das Goldene Horn

Die erste Installation gilt seiner zentralanatolischen Geburtsstadt Kayseri. In Holzkisten liegen Kindheitsspielzeuge – Knochen, Kupferkabel, Kanisterdeckel, Zigarettenschachteln, Murmeln – an den Wänden hängen Bilder der Stadt mit dem sie überragenden Erciyes-Berg. Den Besuchern kaum zu vermitteln ist allerdings die „Last und Qual mitleidiger Blicke und der Intoleranz“, die ihm als behindertem Kind das Leben schwer machten. „Diese brutalen Blicke in Kayseri erzeugten das Gefühl, arm zu sein und immer von Almosen anderer leben zu müssen. Das war jedenfalls die größte Sorge meiner Mutter.“ Altındiş lacht. „In der Türkei wurden Kinder zwar geimpft, aber bei mir wurde es versäumt. Ich hatte immer große Probleme, mich zu bewegen.“

Altındiş‘ Leben änderte sich von Grund auf, als er 1973 im Alter von zehn Jahren nach München kam. Sein Vater war zwei Jahre zuvor als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen. Als er den Sohn in der Hoffnung nachholte, dass deutsche Ärzte die Folgen der Polio lindern könnten, waren eigentlich nur drei Monate geplant. „Daraus wurde dann mein ganzes Leben.“ Altındiş hält einen Moment inne. „Ich bin meinem Vater ewig dankbar dafür.“

Nachgebauter Barackenraum

Im „München-Raum“ der Ausstellung steht ein Doppelstockbett aus Metall. Hier hat der Künstler den Raum in der Barackensiedlung einer Münchener Großbaustelle nachgestellt, in dem er mit vier türkischen Gastarbeitern die ersten Monate in Deutschland verbrachte. Von der Sehnsucht der Männer in der Fremde erzählen die Familienfotos an den Wänden, ein Radio, alte Zeitungsartikel: die Eröffnung der ersten Bosphorusbrücke 1973, Berichte über die Ölkrise.

Der „München-Raum“ der Ausstellung

Ein vergilbtes Foto zeigt den kleinen Erdoğan mit seinem Vater in der Arbeiterbaracke. Glücklich lächelnd sitzen sie zusammen, der Vater im Anzug mit Schlips. Dem Sohn verkürzten damals „Bonanza“ im Fernsehen und die „Bravo“ die Tage, auch wenn er zunächst kein Wort Deutsch verstand. In der Ausstellung hat Altındiş alte Bravo-Hefte neben originalen, in die Türkei gesandten Sehnsuchts-Postkarten arrangiert.

Der Junge wurde damals mehrfach erfolgreich operiert. „Eines Tages tauchte im Barackenlager eine Frau vom Jugendamt auf und überwies mich in die Landesschule für Körperbehinderte“, erzählt Altındiş. Was zuerst bitter klingt, erwies sich als weiterer Glücksfall. In der Behindertenschule begriff der junge Türke, welche Chancen ihm das Leben in Deutschland öffnete: eine gute Ausbildung, Sprachenerwerb, Welt-Wissen. „Alle halfen mir, die türkischen Kollegen im Wohnheim, die Kinder in der Schule, die Ärzte. Aber ich habe mir auch immer sehr viel Mühe gegeben.“

Er lernte Deutsch, kam auf die Fachoberschule, fand mit seiner offenen Art Freunde und Unterstützer, die ihn im Alter von 16 Jahren vor der Abschiebung durch die Ausländerbehörde, der er „zu viel kostete“, bewahrten. Altındiş‘ Glück blieb ihm treu. Inzwischen wohnte er in einer Behinderteneinrichtung, in deren Aufsichtsrat Marianne Strauß saß, die Frau des bayerischen Ministerpräsidenten. „Sie setzte sich persönlich für mich ein und erreichte, dass ich bleiben durfte“, erzählt er. Den Rest erledigte sein unbändiger Ehrgeiz. „Ich wollte es in Deutschland schaffen und auf eigenen Beinen stehen.“ Trotz der Krücken – und das tat er. Zwar wollte er eigentlich Künstler werden, ließ sich aber von seinem Vater überzeugen, den Brotberuf Architektur zu studieren.

„Sehnsucht ist ein bereicherndes Gefühl“

1992 beantragte er den deutschen Pass. Als sich nach einigen Jahren in Münchner Architekturbüros die Chance ergab, eine Weile in Istanbul zu arbeiten, verliebte er sich in die Metropole, ihre Vielfalt, die Majestät ihrer Architektur. Ein Entschluss reifte. Er wollte in beiden Kulturen leben, in München und Istanbul. Denn da war etwas, das ihn stets zurückzog in die alte Heimat. „Die Sehnsucht nach der Kindheit“, sagt er.

„Sehnsucht“, der Titel, den er seiner Ausstellung gegeben hat, war das Gefühl, das ihn damals in München oft übermannte. Vor allem die Sehnsucht nach der geliebten Mutter, aber auch nach einer anderen Form von Lebensfreude. „Sehnsucht ist ein bereicherndes Gefühl. Aber wer kennt heute noch Sehnsucht, wo einen Smartphones jederzeit mit jedem verbinden?“.


Erdoğan Altındiş in seiner Ausstellung

1996 kaufte er sich eine kleine, verwahrloste Wohnung im alten Galata-Viertel nahe der Istiklal Caddesi. „Von jetzt an konnte ich beide Welten verknüpfen“, sagt er. Die Wohnung hat er nach seinen Ideen renoviert und umgebaut. Von seiner Terrasse aus sieht er das Meer und das Ballet der Fähren auf dem Bosporus, hört die Kirchenglocken und die Rufe des Muezzin zugleich, „das ist großartig und inspirierend“. Wenn er das sagt, spricht aus ihm nicht nur die Freude über die Multikulti-Stadt Istanbul – es schwingt auch der Stolz über das aus eigener Kraft Erreichte mit.

Pendeln zwischen München und Istanbul

Immer häufiger kamen nun Freunde zu Besuch, und Altındiş begann, die Wohnung zeitweise zu vermieten. Er kam auf die Idee, professionell Ferienwohnungen anzubieten in der Metropole, die in Deutschland inzwischen „Szenestadt“ genannt wurde. Er erwarb eine zweite Wohnung, ließ sie renovieren – und lernte darüber seine spätere Frau Gabi kennen, eine Innenarchitektin und ebenfalls aus München. „Sie schrieb mir, dass sie die Wohnung so schön fand, dass sie mich persönlich treffen wolle“, erzählt Altındiş. Sie passten gut zusammen. Gabi gab nach zwei Jahren ihren Job auf und zog 2008 fest zu ihm an den Bosporus. „Gemeinsam sind wir dann richtig erfolgreich geworden.“

Die Firma Manzara erfüllte auch Altındiş‘ Lebenswunsch: Kulturen und Menschen zu verbinden. Inzwischen pendeln seine Frau und er zwischen München und Istanbul. So deutsch er sich oft empfindet, er möchte auch das Türkische nicht missen, sagt Erdoğan Altındiş. „Die Tulpen im Frühling, die herrlichen Moscheen, die Tafel mit Freunden.“ Aus dem Dazwischen, sagt er, entstünden Energie, Spannung und Ideen.

Das Wort vom Brückenbauer klingt für Istanbul, diese Brücke zwischen Orient und Okzident, zwar abgenutzt, aber Erdoğan Altındiş ist wirklich einer, der Brücken baut – ein eher leiser Mensch, der gut zuhören kann. Zu seinen Ausstellungen und Veranstaltungen kommen „Weißkragen-Türken, aber genauso Studentinnen mit Kopftuch, Handwerker, Guerilla-Künstler und Transvestiten“, erzählt er, „und Deutsche.“

Viele Deutsche machten seit den „deprimierenden Entwicklungen“ und Krisen der letzten Jahre einen großen Bogen um die Türkei, politische Differenzen dürften menschliche Beziehungen aber nicht zerstören, meint der Künstler, der gegen jeden Trend in Istanbul geblieben ist, selbst als fast keine Feriengäste mehr kamen und er sich Sorgen machen musste, wie es weiter geht. Warum sind er und seine Frau nicht auch gegangen? „Weil dieses Land viel mehr ist als ein Staatspräsident“ entgegnet Altındiş. „Und gerade in Krisenzeiten entstehen ja oft die interessantesten und spannendsten Dinge.“

Die Türkei ist „mehr als ein Staatspräsident“

Er beharrt darauf, dass es möglich bleibe, in der Türkei zu leben und etwas zu bewegen, denn sie sei „vielfältiger als ihr Bild in den Medien“. Deshalb appelliert er auch an alle Deutschen, „jetzt erst recht“ in das Land zu fahren – als Zeichen der Solidarität mit den Menschen, die sich für eine liberale Türkei einsetzen. „Ich glaube fest an die deutsch-türkische Brücke“, sagt er.

Womit wir wieder in der Ausstellung sind. Tritt man aus dem einen Gebäudeteil hinaus, gelangt man über eine luftige Brücke, die den Lichthof überspannt, auf die gegenüberliegende Seite und kann von oben auf die flatternden Drachen schauen. „Der Drache ist für mich das Symbol für das innere Kind, für Grenzenlosigkeit und Freiheit“, sagt Erdoğan Altındiş mit einem Lächeln. „Deshalb habe ich jedem einzelnen Menschen, der in den Häusern arbeitet und lebt, einen Drachen gewidmet. Ich wollte den Kindheitsgeist in ihnen erwecken.“

Eine Mitarbeiterin hat mit den meisten der 70 Mieter der Passage Interviews über ihr Leben, ihre Kindheit, ihre Träume geführt. Ein Raum in der Ausstellung ist ihnen gewidmet. Dort sind kleine Minidrachen mit Schnüren befestigt, die zu einem Schild mit einem Foto führen. Ein kurzer Text beschreibt die Person, auch mit ihren Kindheitserlebnissen, auf Türkisch: Café-Besitzer, Popsänger, Anwälte, ein Barbier aus Van in Südostanatolien. „In einer Gesellschaft, die sich immer mehr entfremdet, kommen die Menschen, geleitet von ihren kindlichen Sehnsüchten und Träumen, wieder zusammen“, sagt Altındiş fröhlich.

Die Idee funktioniert

Der Erfolg gibt ihm Recht, mehr als 3500 Menschen haben die Ausstellung seit November besucht. Altindis schätzt die Besucher auf 95 Prozent Türken, 70 Prozent jünger als 25 Jahre – und erlebte eine Überraschung. „Etwa ein Drittel sind Kinder der sogenannten neuen Mittelschicht, vor allem junge Frauen mit schön dekorativen Kopftüchern. Entgegen allen Vorurteilen interessieren sie sich sehr wohl für Kunst.“ Und sie beweisen, dass Altındiş‘ Ausstellungsidee, das „innere Kind“ zu erwecken, funktioniert. „Sie fühlen sich berührt, es gibt sogar welche, die weinen“, erzählt er.

Bis April werden die Drachen noch hängen, dann wird ein zweiter Teil des Ausstellungsprojektes von „Leidenschaft“ handeln, und anschließend ein dritter Teil den Titel „Brücke“ tragen. Einen Raum hat Erdoğan Altındiş für Menschen reserviert, die mit Wandfarben ihre eigene kindliche Energie neu entdecken und austoben wollen. Dort drückt er ihnen einfach Pinsel und Farbtopf in die Hand. „Mach mal“, sagt er. Fast alle machen dann.

Fotos: Erdoğan Altındiş (8), privat (1), Frank Nordhausen (1)

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