Tod einer Legende

Der gestrige Freitag und der heutige Sonnabend waren traurige Tage für alle, die Istanbul, seine Geschichte und sein historisches Erbe lieben. Gestern wurde die beliebte, seit 1944 bestehende Konditorei „Inci“ in der Istiklal Caddesi von einem Rollkommando unter Begleitung eines massiven Polizeiaufgebots brutal geräumt. Das „Inci“ ist eine Legende und wird in jedem Istanbul-Reiseführer erwähnt.

Die angeheuerten Arbeiter, offenbar aus Mittelasien stammende Tagelöhner, zertrümmerten unter Anleitung eines Gerichtsvollziehers rücksichtslos die historische, museale Einrichtung des Ladens, der dafür berühmt ist, dass er die leckeren französischen Profiteroles in der Türkei einführte. Die völlig überraschten Mitarbeiter sahen der Zerstörung ihres Arbeitsplatzes wie versteinert und mit Tränen in den Augen zu.


Räumung unter Polizeischutz bis spät in die Nacht

Die Räumung des „Inci“ erfolgte, nachdem ein Gericht die Berufung des Pächters gegen die entsprechende Anordnung des Eigentümers – der staatlichen Sozialversicherung! – verworfen hatte. Ein Bekannter fühlte sich erinnert an die Pogrome der Fünfziger Jahre gegen die Griechen in Pera/Beyoğlu, als in der Istiklal Caddesi die griechischen Läden zertrümmert wurden. Das „Inci“ war mal griechisch und liegt direkt neben dem griechischen Generalkonsulat.


Das „Inci“ verrammelt und ausgeräumt

Heute nachmittag um 15.00 Uhr folgten dann rund 200 Leute einer Demo durch die Istiklal Caddesi zur verrammelten Konditorei. Sie riefen: „Das ist unsere Stadt!“ Darunter alle 19 Angestellten, von denen viele ihre Tränen nicht zurückhalten konnten. Es war ein bewegender Marsch.

Das mehr als hundert Jahre alte Haus, in dem „Inci“ sich befand, soll angeblich restauriert werden, aber das bezweifeln viele, die sich mit der Gentrifizierung in Beyoğlu auskennen. Sie vermuten, dass es ausgeht wie im Nachbarblock, in dem jetzt die Shopping Mall des türkischen Oligarchen Demirören ist: Abriss und Neubau als Kitschversion. Das Ganze mutet umso absurder an, als der türkische Premier Tayyip Erdoğan derzeit täglich über die angebliche Schändung der türkischen Vergangenheit in Fernsehserien schwadroniert. Aber gleichzeitig macht seine Partei die lebendigen Zeugnisse der Geschichte und Kultur Istanbuls platt. Eine Tragödie.


Musa Ateş, Pächter des „Inci“, mit einem Ladenschild, das er gerettet hat

Mich erinnerten die Szenen in der Istiklal Caddesi, die ich gestern teils direkt miterlebte, an die Siebzigerjahre in Berlin, als damals auch ohne Rücksicht auf das historische Erbe alles ausgelöscht werden sollte, was nicht mehr in die neue Zeit passte. In Berlin entstand daraus die Instandbesetzerbewegung der Achtziger – etwas Ähnliches ist in Istanbul leider nicht in Sicht. Aber ich freute mich doch über jede Demonstrantin und jeden Demonstranten, die immerhin öffentlich zeigten, dass es eine Zivilgesellschaft hier gibt, wenn sie auch schwach ist. Als unverbesserlicher Optimist mag ich einfach nicht glauben, dass Beyoğlu, das wunderbare Beyoğlu, völlig dem Profit geopfert wird und Istanbul seine Seele verliert.


Szenen von der Demonstration am heutigen Nachmittag vom Taksim-Platz zur „Inci“-Konditorei