Traurige Weihnachten in Izmir

Heute ist Weihnachten, und ich mache Urlaub in Berlin. Der Unterschied im Stadtbild ist derzeit unbedeutend: Istanbul ist, obwohl zweifelsfrei eine muslimische Metropole, ebenso weihnachtlich geschmückt, wie es auch Kairo und Alexandria in den vergangenen Jahren immer waren, und wie es Berlin ist. Wie auch immer man zur Jungfrauengeburt steht, es ist durchaus nicht zu übersehen, dass das christliche Fest eine globale Karriere macht, völlig unabhängig von den jeweiligen kulturellen Traditionen. Soll man das nun gut heißen? Einerseits natürlich auf keinen Fall, andererseits: was spricht eigentlich gegen ein Fest der Liebe weltweit? Und wieder andererseits:

Denken Sie an das Halloween-Treiben, das seit Jahren aus den USA nach Deutschland überschwappt, mit all den übergeschnappten Kids, und es würde mich nicht wundern, wenn wir demnächst auch Thanksgiving mit Truthahnessen bekommen. Wollen wir das? Aber würden wir etwa auf die Idee kommen, das muslimische Opfer- bzw. Zuckerfest in unseren Kalender zu übernehmen? Obwohl der Islam doch die zweitgrößte Religion der Welt ist. Wer ist da nun eigentlich weltoffener? Oder welche Religion kulturell dominanter? Was besonders verwirrt: Während sich muslimische Länder wie die Türkei ungehemmt dem Weihnachtstrubel hingeben, vermeiden es Gemeinden auf den nahen britischen Inseln neuerdings, angeblich aus Rücksicht auf ihre multiethnischen Einwohner, für öffentliche Weihnachtsbäume und -beleuchtung zu sorgen. Wollen sie ihren islamischen Mitmenschen die Freude am Schenken und Beschenktwerden nehmen?

Wie auch immer, Weihnachten in Istanbul mit all den geschmückten Bäumen, Glitter, Tand, Weihnachtsmännern und Lichterketten, das kam mir zuletzt umso seltsamer vor, als ich gerade vor zwei Wochen wegen einer sehr traurigen Geschichte nach Izmir gefahren war. Izmir ist die drittgrößte Stadt der Türkei, die aber wie ein riesiges Dorf wirkt, wenn man aus Istanbul kommt. Immerhin sehr schön gelegen am Mittelmeer und mit einem sanften Klima gesegnet. Dort besuchte ich in einem Vorort eine 30-jährige Frau, die man vor sieben Jahre als Schwangere mit ihrer einjährigen Tochter aus Deutschland abgeschoben und von ihrem Ehemann mit den beiden älteren Töchtern getrennt hatte. Warum? Weil sie keine ordentliche Staatsbürgerschaft hatte. Und sich dann, von Polizei und Ausländerbehörde getäuscht, bereit erklärte, die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Prompt wurde sie gewaltsam abtransportiert in die Türkei, ein Land, in dem sie nie vorher gewesen war und dessen Sprache sie nicht sprach. Abgeschoben aus einem Land, in dessen Grundgesetz der Schutz der Familie ganz besonderen Rang genießt, was in Sonntagsreden auch entsprechend hervorgehoben wird. Die Begegnung mit Frau Gazale Salame war deprimierend. Abgesehen vom unmenschlichen Umgang der Ämter war es erschreckend mitanzusehen, wie das kalte Behördenhandeln die bürgerliche Existenz einer Mutter und die Zukunft von zwei absolut aufgeweckten Kindern zerstört hat. Und heißt es nicht immer, dass Deutschland vergreist?

Der Text ist, passend zu Weihnachten, jetzt in der Berliner Zeitung erschienen: „Sieben Jahre Trennung“

Frau Salame mit ihren Kindern Schams und Ghazi

Ein Leser merkte per Post an, dass es doch seltsam sei, dass Frau Salame ihren Kindern eine mögliche Zukunft selbst erschwere, indem sie nicht darauf achte, dass die beiden Deutsch lernten. Das ist leicht gesagt. Aber Frau Salame ist depressiv geworden und hat kaum die Kraft (und das Geld), ihre Kinder ordentlich zu versorgen. Dass sie Deutsch lernen, ist ihre geringste Sorge. Zum Glück, muss man sagen, können die Kinder inzwischen gut Türkisch und kommen in der Schule gut mit. Aber über dieser halben, dieser auseinandergerissenen Familie liegt das ungewollte Exil wie ein böser dunkler Schatten. Sie taten mir total leid.

Ein Hinweis: Auch wenn der Roman in einer ganz anderen Zeit spielt und von ganz anderen Umständen berichtet, so erinnerte mich ihr Schicksal an die verzweifelte Lage der Staatenlosen nach dem Ersten Weltkrieg, die B. Traven so meisterhaft im „Totenschiff“ schildert.

Vor vier Jahren habe ich den geschätzten Berliner-Zeitung-Kollegen Maxim Leo unterstützt, als er über ein ähnliches Drama berichtete. Damals hatte der Innensenator Ehrhart Körting eine junge, in Berlin aufgewachsene Frau, die ebenfalls keine Türkin war und kein Türkisch sprach, nach Iskenderun in der Türkei abschieben lassen. Sie gehörte wie Gazale Salame ebenfalls zur Volksgruppe der Mhallami, arabischsprachige „Kurden“, die vor Jahrzehnten aus Angst vor Übergriffen aus der Türkei nach Beirut im Libanon und später vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen waren. Auch diese junge Frau war gut integriert, wurde aber übergeordneten staatlichen Zielen geopfert. In der Türkei geriet sie in die Fänge ihres zwei Jahre zuvor abgeschobenen, brutalen Vaters, der sie in einen feuchten Keller sperrte und zwangsverheiraten wollte. Es war auch der Berichterstattung der Berliner Zeitung zu verdanken, dass der Härtefallausschuss des Berliner Senats und schließlich Körting selbst einwilligten, die junge Frau nach Berlin zurückzuholen. Eine Sensation, denn so etwas geschieht schon deswegen kaum je, weil deutsche Innenminister die humanitäre Geste offenbar als „Einknicken“ verstehen. Körting ist es gut bekommen, er wurde damals in Kreuzberg/Neukölln gefeiert wie ein Held.

Nachzulesen hier: „Die Heimkehrerin“

Für Journalisten sind solche Erfolge Sternstunden. Wie Weihnachten mitten im Jahr. Umso mehr wünsche ich mir, dass auch für Gazale Salame in Izmir eine Lösung gefunden werden kann. Das wäre einfach ein wundervolles Weihnachtsgeschenk für sie und ihre zerrissene Familie. Übrigens glänzte auch Izmir großartig in weihnachtlicher Festbeleuchtung:

2 Gedanken zu „Traurige Weihnachten in Izmir

  1. Lieber Herr Mülling,

    Sie haben vollkommen recht, aber, wie ich hinzufügen darf, ich auch, denn der Ursprung des Schmuckes ist schon das christliche Weihnachten. Es wird kulturell adaptiert.

    Beste Wünsche aus meinem Berliner Urlaub!

  2. Weihnachtlichen Schmuck gibt es, das ist wahr. Aber, und das hat der Schreiber des Artikels nicht verstanden, die Leute, die in der Türkei mit Tannenbaum, Kugeln und Baumspitze Weihnachten (türk.: „Noell“) feiern, verbinden das Ganze mit „Yilbaşi“, das heisst dem Neujahrsfest. So werden denn auch die Geschenke am Abend des 31.12. gereicht. Der Bezug zur „Jungfrauengeburt“ ist über 90 Prozent der Bevölkerung gar nicht bekannt. Rainer Mülling
    (seit 6 Jahren in Istanbul lebend )

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