Türkische Lebensstil-Debatten

Als hätte die Türkei keine anderen Sorgen, diskutieren die meisten Kolumnisten, Politiker und Facebook-Freunde weiter nichts so hitzig wie Erdoğans altväterliche Kritik an Studentenwohnheimen, in denen junge Männer und Frauen tatsächlich unter einem Dach leben. Als würden dort permanent Orgien gefeiert. Diese Debatte hat mittlerweile sogar die Seite 1 der New York Times erreicht. Unter dem Gesichtspunkt öffentlicher Wirkung ein schöner Erfolg für den Ministerpräsidenten. Unterdessen werden bereits private gemischtgeschlechtliche Wohnheime in der Türkei geschlossen – schließlich drohe in diesen Räumen die Rekrutierung von Terroristen und Prostituierten, wie Innenminister Muammer Güler meint und öffentlich verkündete.

(Aktueller Nachtrag vom Sonnabend: Die Debatte läuft weiter und zieht Kreise. Ich habe für die Printausgabe ein kleines kommentierendes Stück dazu geschrieben, das Sie hier finden: „Wider die sündige Jugend“.)

Dabei findet ein anderes Thema, bei dem es auch um staatliche Eingriffe ins Privatleben geht, kaum noch Beachtung: die schleichende Alkohol-Prohibition in der Türkei, die auf eine ähnliche Initiative Erdogans zurückgeht wie jetzt die Wohnheimdebatte. Die drohende Austrocknung ganzer Partymeilen in der Türkei sollte vielleicht doch die Tourismusindustrie beunruhigen. Als wir neulich Freunde zu Gast hatten und abends ausgingen, war von dem Alkoholbann durch das neue Gesetz noch nichts zu spüren. Unsere Freunde bemerkten nur mit Entsetzen, wie schnell sich die Geldbörse leert, wenn man im Restaurant auf ein Glas Rakı nicht verzichten will.

Heute jedoch meldet die liberale Radikal, dass die konservative Regierung des Istanbuler Bezirks Esenyurt ankündigt, eine Geldstrafe bis zu 14.651 Euro für die Verletzung des Verbots zu verhängen. Die Feiertage sind vorbei – jetzt kommt die Verwaltung in Schwung.

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Noch gibt es Reklameschilder für Bier trotz des Verbots.

Seit einiger Zeit habe ich die Entwicklung im Auge und darüber neulich auch einen Artikel geschrieben, den Sie hier noch einmal (leicht erweitert) nachlesen können:

Die neue Prohibition

In der Türkei gilt seit September ein neues Gesetz, das den Alkoholverkauf einschränkt. Premier Erdoğan wolle das Land islamisieren, klagen die Betroffenen. Er wolle nur die Jugendlichen schützen, erwidert der Regierungschef.

Die Istiklal Caddesi ist das pulsierende Herz des Istanbuler Ausgehbezirks Beyoğlu. Anderthalb bis zwei Millionen Menschen passieren jeden Tag die Fußgängerzone: Studenten und Familien, Touristen aus den Golfstaaten mit verschleierten Frauen und schicke junge Türkinnen im Minirock. Auch in der Nacht schieben sich Zehntausende Menschen durch die Einkaufsstraße und ihre Seitengassen, kehren in die Restaurants ein, essen Fisch, Kebap oder Lahmacun. Und trinken dazu etwas, vorzugsweise ein Bier oder einen Rakı, den türkischen Anisschnaps. Business as usual. Als gäbe es dieses neue Anti-Alkohol-Gesetz gar nicht, das Anfang September in Kraft trat.

„Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm“, sagt Nurettin Koç, ein schlaksiger Kurde mit schwarzem Stoppelbart, der in einer Nebenstraße der Istiklal Caddesi einen kleinen Laden mit Lebensmitteln, vor allem aber mit geistigen Getränken betreibt. Die Regale biegen sich unter Flaschen mit Whisky und Rakı. Den riesigen Kühlschrank füllen Biere der Marken Efes Pilsen und Bomonti. „In Beyoğlu geht das Leben erst um zehn Uhr abends richtig los, und daran hat sich auch nichts geändert. Doch für mich hat sich alles geändert, denn ich darf in meiner Hauptgeschäftszeit jetzt keinen Alkohol mehr verkaufen“, sagt Koç und streicht sich mit der Hand übers Kinn. „Ich halte mich an das Gesetz, aber mein Umsatz ist um 70 Prozent eingebrochen. Wenn es so weitergeht, stehe ich bald vor dem Ruin.“

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Das Geschäft von Nurettin Koç nahe der Istiklal Caddesi.

Das neue Gesetz sieht vor, dass Einzelhändler in der Türkei von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh keinen Alkohol mehr verkaufen dürfen. Ein generelles Verkaufsverbot gilt im Umkreis von hundert Metern um Schulen und Moscheen, was in einer Stadt mit der Moscheendichte von Istanbul bedeutet, dass wohl nur wenige Läden und Supermärkte überhaupt verschont bleiben werden. Vor allem betrifft es all die kleinen „Bakall“ genannten Kioske. Feierfreunde aus dem In- und Ausland sind auf die teureren Gaststätten angewiesen, um ein Bier oder ein Glas Wein zu genießen. Restaurants und Bars behalten zwar ihre alten Lizenzen, neue Genehmigungen werden aber nur noch unter strengen Auflagen erteilt. Jede Werbung für geistige Getränke ist künftig verboten. Verstöße werden mit Geldstrafen zwischen 5000 und 200.000 Lira geahndet, umgerechnet sind das 1800 bis 74.000 Euro.

„Die Leute werden schwarz brennen“

Das Gesetz, klagen viele Tourismusmanager und Gaststättenverbände, komme einem flächendeckenden Alkoholverbot nahe. Durchaus nicht, erwidert der strenggläubige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan. Die Regierung seiner religiös-konservativen AKP wolle den Bürgern keineswegs vorschreiben, wie sie zu leben hätten. Die neuen Regeln seien nur als Fürsorge zu verstehen, sie sollten vor allem die türkische Jugend vor dem Alkoholismus schützen. „Trinkt euren Alkohol zu Hause“, empfiehlt der strikt abstinente Muslim seinen Mitbürgern.

Tatsächlich ist bisher niemand gezwungen, auf sein Kneipenbier zu verzichten. Es herrscht ein eigenartiger Schwebezustand in den Ausgehvierteln der Türkei.

Nurettin Koç hat in gewisser Weise noch Glück – die nächste Moschee ist rund 200 Meter entfernt, und eine Schule gibt es in der Nähe seines Ladens auch nicht. Doch das Nachtverkaufsverbot trifft ihn fast genauso hart. In seinem Geschäft hat er einen Zettel aufgehängt, auf dem in Großbuchstaben steht: „Kein Alkohol zwischen 22 und 6 Uhr.“ Die Familie betreibt den kleinen Laden, seit sein Vater vor 41 Jahren nach Istanbul kam. „Es wird schwer, meine Frau und die fünf Kinder zu ernähren, wenn ich gesetzestreu bleibe. Aber mir bleibt gar nichts anderes übrig, denn irgendwann wird die Regierung Ernst machen“, sagt der 44-Jährige. Auch seine vier Mitarbeiter mit ihren Familien müssen um ihre Existenz bangen.

Wegen des Reklameverbots müssen auch alle Werbeschilder für Bier und Hochprozentiges aus dem Straßenbild verschwinden, und die Alkoholbranche darf nicht mehr als Sponsor von Veranstaltungen in Erscheinung treten. Aus Protest hat die Efes-Brauerei bereits ihr berühmtes Rockfestival „Efes Pilsen One Love Festival“ abgesagt und ihre türkische Webseite geschlossen. Auch die meisten Rakı-Hersteller haben ihre Internetpräsenz eingestellt. Am härtesten trifft es jedoch die entstehende Weinwirtschaft: junge türkische Winzer, die gerade beginnen, ihre ausgezeichneten Weine international zu vermarkten. Sie können nun im eigenen Land keine Werbeveranstaltungen und Verkostungen mehr abhalten.

Inzwischen ist es 22.30 Uhr geworden. Seit einer halben Stunde erklärt Nurettin Koç in Beyoğlu seinen Kunden ein ums andere Mal, dass er ihnen leider kein Bier und keinen Wein mehr verkaufen dürfe. „Es tut weh, aber ich bleibe hart. Meinen Laden schließe ich jetzt schon um Mitternacht“, sagt er. Andere verkauften weiter, trotz der hohen Strafdrohungen, und bisher habe das Ordnungsamt nicht durchgegriffen. „Aber irgendwann werden sie kommen.“

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Neujahr ist Schluss

Nurettin Koç vermutet, dass die Schonfrist bis Silvester dauern wird. Denn bis dahin laufen noch die Verträge der Bierbrauer und Schnapsfirmen für die Reklameschilder, an denen der Staat durch Abgaben und Steuern mitverdient – Einnahmen, auf die die Regierung nicht verzichten will. Und dann, prophezeit Koç, werden bald Zustände wie in den USA während der Prohibition einreißen: „Die Leute werden schwarz brennen, schwarz verkaufen, die Mafia wird verdienen. Die meisten Kleinhändler aber werden aufgeben müssen.“

Zwar ist Alkohol aufgrund hoher Steuern in der Türkei so teuer wie in Norwegen, aber am Verkauf verdient Koc pro Bier gerade einmal zehn Kurus, etwa vier Cent, und an einem Liter Raki rund eine Lira, also 40 Cent. Nur die Masse macht’s. Verkaufseinschränkungen und Verkaufsverbote gefährdeten nun die Existenz von 200 000 Ladenbesitzern, schreibt die kemalistische Zeitung Cumhuriyet und beruft sich dabei auf den Präsidenten der Interessenvertretung des Türkischen Kleinhandels, Bendevi Palandöken.

Glück haben all jene Restaurant- und Barbesitzer, die heute im Besitz von Schanklizenzen sind, denn sie dürfen diese auch im nahen Umfeld von Moscheen behalten. Ausnahmeregelungen gelten auch für die Touristenorte an der Küste, nicht aber für Beyoğlu und ähnliche Szeneviertel in Istanbul, Izmir und Ankara. „So wollen sie Beyoğlu weiter erdrosseln“, sagt Tarkan Konar, der 40-jährige Wirt der Studentenkneipe „Uçan Ev“ und Chef der Gastwirtevereinigung des Bezirks. „Unser Viertel soll zu einer einzigen sauberen Shopping Mall werden. Da stören wir Wirte nur.“

Konar vermutet, dass insbesondere das Reklameverbot für Bier- und Schnapsfirmen vielen kleinen Bars und Clubs das Genick brechen wird. Ohnehin ist die Alkoholsteuer inzwischen dermaßen hochgeschnellt, dass die studentische Kernklientel Mühe hat, sich überhaupt noch ein „Efes“ zu leisten. Insgesamt sind die Alkoholpreise mittlerweile doppelt so hoch wie im europäischen Durchschnitt. Im Gegenzug für die Werbung hätten die Wirte aber bisher einen Teil ihrer Getränke von den Firmen kostenlos geliefert bekommen. Das sei nun vorbei.

Es ist fast Mitternacht, als am Cihangirplatz in Beyoğlu direkt gegenüber einer Moschee drei junge Holländer an einem Kiosk anstehen, der über und über mit Bierreklame zugeklebt ist. „Drei Efes bitte“, lallt einer der jungen Männer auf Englisch. „Not so loud“, flüstert der schnurrbärtige Verkäufer, packt drei Flaschen in eine schwarze Tüte und reicht sie mit verstohlenem Blick nach draußen. Der Mann weiß, dass er Neujahr geschäftlich nicht überleben wird. „Es ist vorbei, das Schicksal meint es schlecht mit mir“, klagt er.

Deutlichere Worte findet der grauhaarige Chef des noblen Wein- und Whisky-Geschäfts „La Cave“ 50 Meter entfernt, den wegen der nahen Moschee das gleiche Los erwartet. „Wir sind hier seit 31 Jahren, wir zahlen Steuern und stützen den Staat“, sagt er. „Jetzt macht uns der Staat kaputt. Erdogan will uns islamisieren. Seine Regierung hat dieses Land in eine Diktatur verwandelt.“

Satanswerk Alkohol

Der Koran untersagt den Gläubigen den Alkoholgenuss. Völlig eindeutig ist die Schrift in diesem Punkt jedoch nicht. In Sure 5 heißt es: „Berauschender Trank, Glücksspiel, Opfersteine und Lospfeile sind nur ein Greuel vom Werk des Satans. So meidet ihn, auf daß es euch wohl ergehen möge!“ Die Sure 47 wiederum, die sehr früh entstand, spricht in ihrer Beschreibung des Paradieses auch von „Bächen mit Wein, der köstlich ist für diejenigen, die (davon) trinken“. Strikte Prohibition betreiben heute nur wenige islamische Länder, unter ihnen Saudi-Arabien, Kuwait, Iran, Sudan und Mauretanien. Alkoholische Getränke können dort nur illegal erworben werden. Erlaubt ist die Herstellung und der Genuss von Wein dagegen in Ländern wie Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten, Jordanien und Libanon. Auch die Türkei hatte bislang sehr liberale Gesetze. Der Alkoholkonsum hat zwar beständig zugenommen, hält sich aber in Grenzen. Er liegtderzeit pro Kopf bei 3,4 Liter reinem Alkohol im Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 12,8 Liter.

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3 Gedanken zu „Türkische Lebensstil-Debatten

  1. Lieber Herr Nordhausen,

    wieviel Bier, Wein und andere Alkoholika darf man bis jetzt zollfrei in die Türkei einführen.
    Wir könnten Für Sie einen Solidaritärsaufruf verfassen, dami Sie nicht Bierpreise wie in Norwegen zu zahlen haben 🙂

    Wenn ich mir Erdogans Politik anschaue, dann fehlen wohl nur noch wenige Schritte, damit sich die Türkei mit dem entstegenden Emirat in Syrien vereinigen kann:

    http://tinyurl.com/nu6g8tk

    Ich warte nur auf den Tag, wo die angeblich so frommen hardliner in Erdogans Kabinett fotographiert werden, wenn sie in ein Bordell in den westlichen Ländern gehen 🙂

    • Lieber Herr Thauer, bitte keinen Solidaritätsaufruf – alle Besucher aus Deutschland glauben immer, wir sitzen hier auf dem Trockenen und bringen Rotwein oder Johnnie Walker mit. Ich weiß schon nicht mehr, wohin damit. Wir mussten deshalb neulich eine kleine Party veranstalten, um wenigstens einen Teil davon seinem Zweck zuzuführen. Zu Ihrer Frage: Soviel ich weiß, darf man einen Liter Alkoholika in die Türkei einführen, damit hatte ich bisher keine Probleme. FN

  2. @ Wir mussten deshalb neulich eine kleine Party veranstalten, um wenigstens einen Teil davon seinem Zweck zuzuführen.
    Bitte das nächste mal mich einladen wenn zu viel Wein im Haus ist.
    Ab 15.August bis Mitte November wieder dort.
    Ihre Berichterstattung ist immer eine Freude sie zu lesen.
    MfG
    Wolfgang Walter

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