Twitter und die Finanziers der Gezi-Proteste

Heute habe ich auf Twitter gelesen, dass die Türken weltweit die Nummer eins sind bei der Nutzung von Twitter. Nirgends wird mehr getwittert als am Bosporus und in Anatolien. Etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung machen mit, und aus diesem Grund haben sowohl Politiker wie Zeitungen derart hohe Follower-Zahlen, dass Deutschland dagegen wie ein Entwicklungsland wirkt. Nur ein Beispiel – die Zeitungsbranche: Die große und wichtige Süddeutsche Zeitung hat 126385 Follower, die kleine, aber pfiffige Berliner Zeitung deprimierende 13112 Nachfolger, und die ebenfalls kleine (und empfehlenswerte) Taz schlägt mit ihren 136374 Followern immerhin die Süddeutsche, wahrscheinlich, weil sie originell ist.

Selbst die Zahlen von Taz und Süddeutscher Zeitung wirken jämmerlich angesichts der imponierenden Ergebnisse türkischer Blätter (von türkischen Politikern will ich gar nicht sprechen). Ich nenne nur einige Followerzahlen von Tageszeitungen, die sich ebenfalls nicht an die dümmsten Leser/innen wenden: Radikal – 376236, Zaman – 443318, Milliyet – 612714, Hürriyet – 1041513. Selbst die mächtige deutsche Bild-Zeitung hat nur 233583 Follower aufzuweisen. Was sagt uns das? Nun, jedenfalls lehren die Beispiele, dass die Globalisierung und Anpassung an neue Technologien – sagen wir – ungleichzeitig verläuft und dass man die Welten heute nicht mehr unbedingt anhand ihrer Nutzung des technischen Fortschritts unterscheiden kann.

Türkis statt rot

Da ich selbst seit nunmehr drei Wochen der großen Twitter-Gemeinde angehöre, kann ich bestätigen, dass viele wichtige Meldungen und Hinweise über das Netzwerk kommen, aber leider verliert man auch viel Zeit beim Überfliegen vollkommen zweckfreier und nichtssagender Kurznachrichten. Ich hoffe, die Firma findet bald einen Algorithmus, um sie auszusortieren. Überschlägig würde ich sagen, halten sich Vor- und Nachteile die Waage, und das ist ja schon mal nicht schlecht. Auf jeden Fall kann ich die Erfinder dazu beglückwünschen, dass sie den Rede- bzw. Schreibfluss auf 140 Zeichen begrenzt haben. Das hält wohl viele Zeitgenossen fern, die häufig wenig oder nichts mit allzu vielen Worten sagen wollen.

Ohne Twitter hätte ich nicht erfahren, dass die irren Dschihadisten in Syrien am gestrigen Donnerstag einen 150 Jahre alten Baum abgesägt haben, weil sie der Meinung waren, dass die Leute in der Gegend diesen Baum mehr verehrten als Gott. Ich hätte nicht gewusst, dass Premier Erdoğan den roten Teppich vor seinem Amtssitz in Ankara durch einen türkisfarbenen austauschte, um seine Gäste nun gebührend „türkisch“ zu empfangen. Vizepremier Bülent Arınç musste die Sache ausbaden, als er von den Medien nach den Grund für den Farbwechsel gefragt wurde. „Türkis ist eben unsere eigene Farbe“, sagte er, offensichtlich peinlich berührt (Türkis ist auch die vorherrschende Farbe in der Blauen Moschee, das nur am Rande).

Nicht die Finanzlobby, sondern Tante Ayşe

Den Vogel der Twitter-Meldungen aber schoss eine Nachricht über eine hochoffizielle Studie ab, mit die türkische Regierung hatte herausfinden wollen, wer denn nun eigentlich die Gezi-Proteste vom Sommer finanziert und orchestriert habe. Der Ministerpräsident hatte ja eine „Zinslobby“ verantwortlich gemacht, und sein Chefberater Yiğit Bulut glaubte, es sei die deutsche Lufthansa gewesen, auch von „ausländischen Spionen“ wurde gemunkelt. Alles falsch, schreiben die Autoren der Studie nach ihrer Tiefenrecherche.

Der Bericht des türkischen Finanzverbrechen-Ermittlungsausschusses (MASAK) stellt fest: Es waren weder die Juden noch deutsche Fluggesellschaften, weder die BBC noch die CIA – nein, es war, wie dort wörtlich geschrieben steht: „das gemeine Volk“. So hat es jedenfalls die Zeitung Taraf gemeldet. Bei den Untersuchungen der finanziellen Verhältnisse führender Gezi-Aktivisten konnten weder ungewöhnliche Geldflüsse noch ausländische Finanziers entdeckt werden. Die Unterstützer waren lokale Verwaltungen, normale Bürger und sogar „einfache Hausfrauen“ was laut Taraf die Autoren der Studie zu dem Scherz verführte, „dass der Finanzier sich herausstellte als Tante Ayşe“ (sinngemäß: Onkel Otto/ Tante Emma). Ohne Twitter hätte ich wohl nie davon erfahren.